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24. November 2008, 12:22 Uhr

"Du bist Opfer, du musst dich wehren"

Und so gibt es seit wenigen Jahren auch ein paar kleine Verrücktheiten in ihrem Leben. Einmal besucht sie mit einer Freundin ein Museum für alte Musikinstrumente in Florenz. Der Führer trägt die Namen vor: Bimboliphono, Herdiegerdie. Die Freundinnen schauen sich an und prusten los. Und fliegen raus.

Und als ihr vor einem Jahr eine Gesangslehrerin schreibt, um ein wenig Geld für eine Kinderoper bittet, will Klatten dafür Gesangsstunden haben. Und so steht sie nun ab und zu in der Wohnung dieser Frau, schert sich nicht um Ton und Können und singt einfach, singt "Amazing Grace", singt "Fill the World with Love" mit der Textzeile "To be brave and strong and true". "Das öffnet so eine Lebensfreude, wenn ich das mal gespürt habe, möchte ich es nicht mehr missen." So viel kann sie tun, für die "Perforation des Pflichtgefühls", mit Freunden in die Berge fahren, mit ihrer Freundin Schuhe kaufen gehen.

Und mal ein paar Tage ausspannen.

Im Wellnesshotel trifft sie auf Helg Sgarbi

Im Sommer 2007 checkt sie im Lanserhof ein, einem Sanatorium und Wellnesshotel in Tirol. Die Hoteliers versprechen ihren Gästen "Frohmedizin", sie sollen "zum eigenen Rhythmus zurückfinden und Körper, Geist und Seele in Einklang bringen". Hier tauscht Susanne Klatten ihr Kostüm gegen einen Bademantel, Bilanzen gegen Bücher, will einfach nur Mensch sein. Hier trifft sie auf Helg Sgarbi.

Sie reden, sie mag ihn und gibt ihm ihre Visitenkarte. Er googelt den Namen, sie treffen sich wieder und wieder, er wird ihr Liebhaber. Sie verabreden sich in einem Hotel in München, und Klatten ahnt nicht, dass er sie filmen lässt. Eines Tages erzählt er ihr, er habe das Kind eines Mafioso angefahren, werde bedroht. Sie gibt ihm 7,5 Mio. Euro. Im Oktober ist die Affäre vorbei, im Dezember schickt Sgarbi einen Drohbrief. Er fordert weitere Millionen.

"Ich habe häufig genug den Fehler gemacht, mich Menschen zu öffnen, die dieses Vertrauen nicht verdient haben. Dann wird man zum Opfer. Das ärgert einen. Das tut weh. Und ich frage mich hinterher: Wie konnte das passieren?" Ihr, die doch ein Muster an Misstrauen war?

Es mag viele Gründe geben, einen verrät Klatten: Geld im Übermaß macht nicht nur vorsichtig, es macht auch unvorsichtig.

"Es verletzt mich", sagt sie, "wenn ich immer nur im Maß des Geldes gemessen werde. Geld bewertet nicht, was oder wer ich bin. Es zieht einen Vorhang vor mich, der mich überhaupt nicht zeigt. Ich möchte aber gesehen werden, als Mensch. Daraus hat sich ein für mich gefährliches Anliegen entwickelt, mich mitzuteilen. Und das kann manchmal bei den falschen Leuten passieren."

Susanne Klatten zögert. Was soll sie tun? Im Januar geht sie zur Polizei.

Nie, sagt sie, wird sie den Augenblick vergessen, in dem der Mut ihre Angst niederrang. "Das war ein Moment der Klarheit: Du bist jetzt Opfer, und du musst dich wehren. Ich wehre mich jetzt im Namen aller Frauen in meiner Familie. Und im Namen vieler anderer Frauen auch."

Ihr Mann macht ihr Mut. "Es war unsere einzige Chance. Anders geht das ewig weiter. Und das hält man nicht aus", sagt Klatten. "Man muss sich wehren. Ich bin froh, dass ich das gemacht habe."

Susanne Klatten vereinbart einen Treffpunkt, wo sie das Geld überreicht. Die Polizei erwartet Sgarbi.

Erst mal kann das Leben weitergehen.

 
 
KOMMENTARE (10 von 18)
 
snort (25.11.2008, 17:26 Uhr)
konsequente hofberichterstattung
mehr nicht.
als hätten wir es mit lady di der 2. zu tun.
dass sich sich betagte money-ladys jungpurschis kommen lassen ist kein geheimnis, genausowenig wie sich prominente schwuchteln am hauptbahnhof vergnügen.
das geseiere der ach so integren frau klatten in diesem blatt zeugt von höchster geldabhängigkeit des verlages gruner.
bild no.2
diese schachtel ist dermassen blöd sich erpressen zu lassen na und.
ich hoffe ihr angetrauter zieht konsequenzen oder erliegt dem mammon.
beides ist möglich letzteres zu befürchten.
geld macht geil.
wie wärs mal mit artikeln, die menschen interessieren, wie die grosse enteignung zurzeeit ???
feiges blatt.
Sanjoaquin (25.11.2008, 12:30 Uhr)
häh? @ Rummenigge
Wenn ich Ihre Argumentation richtig verstehe, dann meinen Sie also die Dame hätte sich nicht wehren dürfen, weil ihre Altvorderen Nazis waren?
rummeniggejunior (25.11.2008, 09:03 Uhr)
@ sanjoquin
häh? was ist das denn für ein argument? das hat nichts mit sippenhaft zu tun, eher mit moral. muss jeder selbst wissen, ob er mit milliarden glücklich werden kann, die opa und papa aus zwangsarbeitern rausgepresst haben. frau klatten kann offenbar. "du bist opfer, du musst dich wehren" - diese möglichkeit hatten die zwangsarbeiter nicht. vielleicht einfach mal ein bisschen recherchieren?
Sanjoaquin (25.11.2008, 08:32 Uhr)
Rummenigge oder Dummenigge?
Ich möcht bloss festhalten, dass die Sippenhaftung ein klassisches Kennzeichen der Nazizeit war. Ihr Argument war daher keine Nazikeule sondern eher ein Nazibumerang.
columbia10 (24.11.2008, 23:22 Uhr)
Liebe Susanne Klatten
Ihr Luxusproblem möchte ich auch haben...! Mein tief empfundenes Beileid zu 7-9 Mrd. Euro! Das ist wirklich eine schwere Last. Ich meinerseits hoffe, demnächst wieder eine sinnvolle Tätigkeit in der Immobilienberatung zu finden, nachdem mein Arbeitgeber in Konkurs gegangen ist. Das ist mein Problem. Haben Sie eine Idee, senden Sie mir eine Mail auf peter.braun1@gmx.ch
Für mich ein Rätsel: Wie konnte sich eine sooo disziplinierte und "defensive" Frau sooo hinreissen lassen? Gab es bei Ihrem Mann ein intimes Defizit, oder war Hypnose im Spiel? Wie haben Ihre Kinder auf die sonst so vorbildliche Mama reagiert? - Sie sprechen von, dass Sie Ehrlichkeit schätzen. Und weshalb haben Sie Ihren Mann betrogen und die Kinder geschockt? Weshalb, um alles in der Welt, flog Ihre Sicherung durch? Wäe Ihr Mann auch noch da, wenn Sie mittellos wären? Mal drüber kurz nachdenken.
Sternchen2020 (24.11.2008, 18:09 Uhr)
Ohne Zweifel
ist das Verbrechen, das hier begangen wurde, das Allerletzte und mein Mitgefühl gilt in jedem Fall Frau Klatten. Allerdings ist die Presse diesmal einhellig sehr gnädig mit dem Thema umgegangen, insofern kann ich die Klagen über die Presseartikel nicht ganz nachvollziehen. Bei vielen anderen Personen hätte es eine gnadenlose Schlacht um die perfideste Story aller zeiten gegeben. es mag an den hohen Anzeigenaufträgen liegen, dass dies hier unterblieb, sogar bei er Zeitung mit den vier großen Buchstaben. es wäre zu wünschen, dass auch andere Prominente in schwierigen Situationen mit gleicher Achtung von den Medien behandelt werden, auch wenn sie keine großen Werbeaufträge vergeben. Denn der Sensationsjournalismus ist zutiefst primitiv udn hat sich überlebt.
H.P. (24.11.2008, 17:53 Uhr)
@djchrisi (24.11.2008, 17:40 Uhr) betrogene Betrügerin
Sie hat zu viel von sich selbst und von anderen verlangt, nun wurde sie eines besseren belehrt, keiner ist perfekt, selbst der Papst nicht. Wie gesagt, wir alle sollten uns an die eigene Nase fassen und nicht den Richter spielen.
ruebesamen (24.11.2008, 17:46 Uhr)
Toller Artikel!
Ich habe selten einen so langen und trotzdem guten Artikel im Stern gelesen.Frau von Klatten ist schon bemerkenswert und hat sich von der "bloßen" Erbin hin zu einem großartigen Menschen entwickelt. Ich gönne ihr das vollkommen neidlos!
djchrisi (24.11.2008, 17:40 Uhr)
betrogene Betrügerin
Mein Mitleid hält sich in Grenzen. Wer, wie im Artikel beschrieben:"Ist jemand wahrhaftig, der vor mir sitzt? Ich möchte jemanden ehrlich spüren und nicht betrogen werden."/Seite 2/ als Lebensmotiv wählt, dem darf ein solcher Fehler nicht passieren. Nicht dieser Fehler. Das darf einfach nicht passieren.
Und dann das Geschwafel von Disziplin, Ehrlichkeit und Vertrauen.
Große Worte, nichts dahinter!
H.P. (24.11.2008, 17:34 Uhr)
Geld ist nicht alles!
Bestimmt ist das Leben einfacher wenn man reich ist, doch Freiheit, Liebe und Glück ist nicht käuflich. Reiche Menschen sind nicht glücklicher und wenn man so viel Geld hat wie Frau Klatten, kann es zum Fluch werden, nicht umsonst sagte Jesus einem Reichen, gib alles weg und folge mir nach, erst dann wirst Du dich selbst finden, dann erst wirst Du frei sein, frei in allem. Wer innerlich nicht frei ist, dem kann der Reichtum zum Fluch werden. Die meisten Menschen können sich nicht vorstellen so reich zu sein, deshalb schauen sie mit Neid und Missgunst auf Menschen wie Frau Klatten, anstatt selbst etwas aus ihrem Leben zu machen und die eigenen Fehler zu sehen. Wir alle machen Fehler, wer ohne Schuld ist werfe den ersten Stein. Jeder lernt aus seinen Fehler, ich persönlich wünsche Frau Klatten alles Gute und viel Kraft das alles durchzustehen. Geld ist nicht alles!!
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