Und so gibt es seit wenigen Jahren auch ein paar kleine Verrücktheiten in ihrem Leben. Einmal besucht sie mit einer Freundin ein Museum für alte Musikinstrumente in Florenz. Der Führer trägt die Namen vor: Bimboliphono, Herdiegerdie. Die Freundinnen schauen sich an und prusten los. Und fliegen raus.
Und als ihr vor einem Jahr eine Gesangslehrerin schreibt, um ein wenig Geld für eine Kinderoper bittet, will Klatten dafür Gesangsstunden haben. Und so steht sie nun ab und zu in der Wohnung dieser Frau, schert sich nicht um Ton und Können und singt einfach, singt "Amazing Grace", singt "Fill the World with Love" mit der Textzeile "To be brave and strong and true". "Das öffnet so eine Lebensfreude, wenn ich das mal gespürt habe, möchte ich es nicht mehr missen." So viel kann sie tun, für die "Perforation des Pflichtgefühls", mit Freunden in die Berge fahren, mit ihrer Freundin Schuhe kaufen gehen.
Und mal ein paar Tage ausspannen.
Im Sommer 2007 checkt sie im Lanserhof ein, einem Sanatorium und Wellnesshotel in Tirol. Die Hoteliers versprechen ihren Gästen "Frohmedizin", sie sollen "zum eigenen Rhythmus zurückfinden und Körper, Geist und Seele in Einklang bringen". Hier tauscht Susanne Klatten ihr Kostüm gegen einen Bademantel, Bilanzen gegen Bücher, will einfach nur Mensch sein. Hier trifft sie auf Helg Sgarbi.
Sie reden, sie mag ihn und gibt ihm ihre Visitenkarte. Er googelt den Namen, sie treffen sich wieder und wieder, er wird ihr Liebhaber. Sie verabreden sich in einem Hotel in München, und Klatten ahnt nicht, dass er sie filmen lässt. Eines Tages erzählt er ihr, er habe das Kind eines Mafioso angefahren, werde bedroht. Sie gibt ihm 7,5 Mio. Euro. Im Oktober ist die Affäre vorbei, im Dezember schickt Sgarbi einen Drohbrief. Er fordert weitere Millionen.
"Ich habe häufig genug den Fehler gemacht, mich Menschen zu öffnen, die dieses Vertrauen nicht verdient haben. Dann wird man zum Opfer. Das ärgert einen. Das tut weh. Und ich frage mich hinterher: Wie konnte das passieren?" Ihr, die doch ein Muster an Misstrauen war?
Es mag viele Gründe geben, einen verrät Klatten: Geld im Übermaß macht nicht nur vorsichtig, es macht auch unvorsichtig.
"Es verletzt mich", sagt sie, "wenn ich immer nur im Maß des Geldes gemessen werde. Geld bewertet nicht, was oder wer ich bin. Es zieht einen Vorhang vor mich, der mich überhaupt nicht zeigt. Ich möchte aber gesehen werden, als Mensch. Daraus hat sich ein für mich gefährliches Anliegen entwickelt, mich mitzuteilen. Und das kann manchmal bei den falschen Leuten passieren."
Susanne Klatten zögert. Was soll sie tun? Im Januar geht sie zur Polizei.
Nie, sagt sie, wird sie den Augenblick vergessen, in dem der Mut ihre Angst niederrang. "Das war ein Moment der Klarheit: Du bist jetzt Opfer, und du musst dich wehren. Ich wehre mich jetzt im Namen aller Frauen in meiner Familie. Und im Namen vieler anderer Frauen auch."
Ihr Mann macht ihr Mut. "Es war unsere einzige Chance. Anders geht das ewig weiter. Und das hält man nicht aus", sagt Klatten. "Man muss sich wehren. Ich bin froh, dass ich das gemacht habe."
Susanne Klatten vereinbart einen Treffpunkt, wo sie das Geld überreicht. Die Polizei erwartet Sgarbi.
Erst mal kann das Leben weitergehen.