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26. April 2006, 11:44 Uhr

Anatomie einer Katastrophe

In Moskau versuchen die Ärzte, das Leben Alexander Akimows zu retten. Sein jüngerer Bruder spendet Rückenmark, doch auch die Transplantation kann die Zersetzung des Gewebes nicht stoppen. Und noch immer grübelt der Schichtleiter, ob er an der Katastrophe schuld war. "Was haben wir falsch gemacht?", fragt er den Bettnachbarn, "wir haben doch nur den Alarmknopf gedrückt!" Die Richter eines Schauprozesses behaupten ein Jahr später: Schuld hatten jene Ingenieure, die den Reaktor 1983 ans Netz ließen, obwohl nicht alle Sicherheitstests absolviert waren. Über die mangelhafte Konstruktion fällt kein Wort. Ebenso wenig über die fehlende Sicherheitshülle, das Versagen der Behörden. Erst im Jahr 2000 werden die drei noch intakten Blöcke von Tschernobyl stillgelegt. 14 Jahre nach dem GAU.

Es ist der Morgen des 10. Mai 1986, zwei Wochen sind seit der Explosion vergangen, als Akimows Leiden endet. Seine verbrannten Lungen lassen ihn kaum noch atmen, die Eingeweide haben sich zersetzt, mit Blut vermischte Exkremente sickern aus seinem Körper. Er wird schwächer, röchelt, kann kaum mehr reden. Noch einmal steigt seine Temperatur, dann fällt er ins Koma. Wenige Stunden später stirbt Akimow. Seine Frau Luba ist an seiner Seite.

Samstag, 10. Mai 1986. Bundeskanzler Kohl regt eine Konferenz der 26 Länder mit Kernkraftwerken an. Schauspieler Clint Eastwood wird von der Jugend- organisation der Republikaner als US-Präsidentschaftskandidat vorgeschlagen. Teamchef Franz Beckenbauer geht mit neuer Mannschaftsaufstellung ins vorletzte WM-Testspiel gegen Jugoslawien. Das Wetter: anfangs stark bewölkt, später heiter. Temperaturen bis 23 Grad. Wind aus Südwest.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 17/2006

von Marc Goergen
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