Werden die Raketen das Inferno bringen? Aids-Viren den Tod? Die Achtziger sind ein Jahrzehnt des riskanten Wandels. 2009 wird das Modell Deutschland 60. Der stern startete 2008 eine erfolgreiche Serie - von der Währungsreform bis zur Finanzkrise. Im vierten Teil: die Achtziger. Von Michael Stoessinger

Nena versprüht gute Laune - vor der Kamera und auf der Bühne. Sie singt von Liebe und Herzschmerz, aber auch von Krieg und Weltuntergang, und das auf Deutsch. Mit ihrem größten Hit "99 Luftballons" erreicht sie Platz zwei in den US-Charts© Picture Alliance
Wenn die Russen kommen, werden sie bei Fulda angreifen. Da sind es keine 100 Kilometer von der innerdeutschen Grenze bis Frankfurt. Einen Teil ihrer Panzer werden sie nördlich um den Vogelsberg führen, einen weiteren südlich. Dann zerschneiden sie die Bundesrepublik in zwei Stücke und schalten die US-Luftwaffe im Rhein-Main-Gebiet aus. Dabei explodieren schon die ersten Atomraketen auf dem Schlachtfeld.
Die Horrorszenarien stammen nicht von Spinnern, sondern aus der US-Regierung. Es ist Sommer 1980. In Afghanistan sind die Sowjets einmarschiert. In Bonn macht sich Kanzler Helmut Schmidt (SPD) dafür stark, noch mehr Raketen aufzustellen, falls der Ostblock nicht ein paar von seinen abbaut. "Der Atomkrieg ist vom Frieden nur wenige Minuten entfernt", schreibt der Friedensforscher Alfred Mechtersheimer.
Und wie ist die Stimmung zwischen Nordsee und Alpen? Ausgezeichnet. Geradezu umwerfend. Ein Hauch von Barock, von Todesnähe und Lebenslust. Im Schatten der drohenden Apokalypse hat sich das Land von Adenauer und Erhard eingerichtet. Es ist wohlhabend geworden. Es gibt Freiheiten, von denen die 68er nur geträumt haben. Die Bundesrepublik Deutschland in den 80er Jahren - das sind 60 Millionen Menschen, unendlich viele Lebensentwürfe. Popper und Punker. Die Neue Deutsche Welle und der "Blaue Bock".
Ein paar Dinge drücken aufs Gemüt. Aids zum Beispiel. Als der Sex endlich nicht mehr umzingelt von Verboten ist, da kommt dieses Virus und droht mit dem Tode. Es ist heimtückischer als alle Spießer. "Wer ohne Präser bumst, hat den Schwarzen Peter", fasst der Berliner Kabarettist Günther Thews, selbst ein Opfer der Seuche, die Lage zusammen.
Aber sonst? Wenn man die leicht ergrauten Zeitzeugen trifft, schauen sie meist selig, sobald man fragt, wie sie sich gefühlt haben. Manchmal sind ihre Geschichten Parabeln auf die Entwicklung des Landes. So wie bei Heidrun Steitz und ihrem Mann Gernod, die aus einem kleinen Bauernhof in Rheinhessen ein feines Weingut gemacht haben. "Wir sind damals andere Menschen geworden", sagt Heidrun, die so alt wie das Grundgesetz ist und ihrem 60. Geburtstag voll Zuversicht und Frische entgegensieht. Für sie wie für die Republik sind die Achtziger entscheidende Jahre - die Jahre, in denen die Nachkriegswirtschaft umgekrempelt wird, alte Strukturen zerbrechen und neue entstehen. In der kleinen Welt von Heidrun Steitz passiert, was im Prinzip überall im Land geschieht. Zumindest da, wo es aufwärts geht.
"Bleib im Büro und guck, dass du den Wein verkaufst", sagte ihr Mann Gernod zu ihr. Heidrun sollte nicht mehr im Weinberg buckeln, sondern mit dem Kopf arbeiten. Nicht Billigware an den Großhändler liefern, sondern ein edles Qualitätsprodukt selbst vermarkten.
Aus den zwei Kleinbauern wird so ein Winzerpaar, das ganz selbstverständlich Vorständen und Managern, die auf dem Gut in Stein-Bockenheim zu Gast sind, erklärt, warum sie den Wein so und nicht anders ausbauen. "Was wir heute machen, ist ein Traum", sagt Gernod. "Jedes Jahr haben wir mehr verdient", ergänzt Heidrun. Heidruns Mutter ist mächtig stolz auf den Hof der beiden mit den 15 Gästezimmern, auf die Feiern und die prominenten Gäste.
Aber all das konnte nur klappen, weil die Kinder alles anders gemacht haben als ihre Eltern. Denn die traditionelle Landwirtschaft warf immer weniger ab. "Viele sind in die Fabriken gegangen, da hat man mehr verdient", sagt der Winzer. "Hier im Dorf fuhr morgens um fünf ein Bus zu Opel in Rüsselsheim." Sie aber wollten nicht aufgeben. Sie haben das Vieh abgeschafft und die Zuckerrüben. Den Wein selbst in Flaschen abgefüllt und aufgehört, süßliche Schädeldröhner zu produzieren. Kurz: Sie haben sich auf das besonnen, was die erfolgreicheren Teile der deutschen Wirtschaft in den Jahren vor dem Mauerfall ausmacht: Qualität und Kundennähe.
Nach den rezessionsgeplagten Siebzigern bricht eine Phase an, in der es zwar bergauf geht, aber viel Altvertrautes zurückgelassen wird. Die Wachstumsraten erreichen nicht das Niveau der Nachkriegsjahre, sind aber zumindest in der zweiten Hälfte des Jahrzehnts ganz ordentlich. Schleichend ändert sich dabei das Arbeitsleben. Ganze Branchen wie Stahl, Kohle und Werften werden abgehängt. Faxgeräte - die neuen Wundermittel der Kommunikation - kommen ebenso aus Asien wie Stereoanlagen und der Walkman.
Als Helmut Kohls Bündnis mit der FDP 1982 die sozial-liberale Koalition verdrängt, haben fast zwei Millionen Menschen keine Arbeit - daran ändert in den kommenden Jahren auch die propagierte "Wende" wenig. Der Aufschwung ist nicht mehr für alle da. Und das hat auch mit der technischen Entwicklung zu tun.
Der Tag, an dem der erste Computer ins Haus kam, gehört bei Familie Steitz zu denen, die sie nie vergessen werden. "Er muss 500 Kundenbriefe schreiben können", sagt die stadtfein herausgeputzte Heidrun dem Verkäufer. "Mit wechselnden Adressen und korrekter Anrede." Der Mann habe milde gelächelt. Zu Hause macht Heidrun Steitz dann immer die Tür zu, wenn sie vor der Kiste mit dem grün flimmernden Bildschirm hockt. "Ich musste mich zuerst wahnsinnig konzentrieren", erinnert sie sich. "Aber es hat Riesenspaß gemacht."
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 48/2008
Spezial In einem Spezial zeigt stern.de die Menschen, die in den vergangenen 60 Jahren Geschichte geschrieben haben. Zum Beispiel die Siebziger: Ein Erfurter erzählt, warum er zum Zahnarzt musste, um 1970 Willy Brandt zu sehen; ein Video klärt, was die Ölkrise mit Playmobilfiguren zu tun hatte. Im virtuellen Wohnzimmer für jedes Jahrzehnt gibt es insgesamt mehr als 55 Filme und Audio-Slideshows. www.stern.de/deutschland