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7. Dezember 2008, 14:48 Uhr

Freiheit ist das Einzige, was zählt

Die Freude über die deutsche Einheit vermiesen sich Ossis und Wessis gegenseitig. Aber es wird ein Jahrzehnt, das die Grenzen sprengt: Die Börse boomt, das Telefon wird mobil und die Technomusik immer schneller. 2009 wird das Modell Deutschland 60. Der stern startete 2008 eine erfolgreiche Serie - von der Währungsreform bis zur Finanzkrise. Im fünften Teil: die Neunziger. Von Michael Stoessinger

Deutschland, Neunziger, Jahrzehnt, Einheit, Kohl

Helmut Kohl mit seiner Frau Hannelore, Außenminister Hans-Dietrich Genscher und Bundespräsident Richard von Weizäcker. Der Kanzler genießt den Moment der Einheit am 3. Oktober 1990 in vollen Zügen. Es folgen acht weitere Regierungsjahre© Picture-Alliance

Minuten sind seit dem Schlusspfiff vergangen, die Spieler laufen mit dem Pokal durchs Rund. Auf der Tribüne des Olympiastadions von Rom gratulieren Staatsgäste aus aller Welt Kanzler Helmut Kohl und Bundespräsident Richard von Weizsäcker. Schwarz-Rot-Gold ist Weltmeister. Der dritte WM-Sieg hat etwas Leichtes, nicht mehr nur Erkämpftes, Erzwungenes. Allein der Teamchef wirkt seltsam entrückt. Franz Beckenbauer durchmisst den Mittelkreis des Spielfelds und in diesen Sekunden wohl auch sich selbst. Geht noch mehr im Leben eines Fußball-Menschen? Keine Viertelstunde später sagt Beckenbauer an diesem 8. Juli 1990 auf der Pressekonferenz in Rom: "Wir sind jetzt die Nummer eins in der Welt. Und ich glaube, dass der deutsche Fußball mit einer noch kompakteren Auswahl durch die Spieler aus der DDR über Jahre hinweg nicht zu besiegen sein wird."

Weltmeister, unbesiegbar: Genau das befürchten alle; die britische Regierungschefin Margaret Thatcher, Frankreichs Präsident François Mitterrand, die Polen, die Kreml-Herrn. Nikolai Portugalow, Deutschland-Experte der UdSSR, orakelt: "Wird es dem geeinten Deutschland, diesem Koloss, gelingen, mit der harten D-Mark zu vollbringen, was Hitler mit Feuer und Schwert nicht erreichen konnte?"

Das entgrenzte Jahrzehnt

Die Welt ist in Sorge vor den Deutschen, die Nachkriegsordnung löst sich auf. Michail Gorbatschow, der sowjetische Staats- und Parteichef, hat ihr Ende 1989 eingeläutet, als er die osteuropäischen Länder in die Selbstständigkeit entließ: die Ungarn, die Polen, die Tschechen und Slowaken. Soll doch jeder nach seiner Fasson selig werden. Das Ende der Konfrontation zwischen westlichem Bündnis und Ostblock - muss das nicht auch das Ende der deutschen Teilung bedeuten?

Zu Beginn des Jahres 1990 sitzen in der DDR die Bürgerrechtler mit den neuen Vertretern der alten SED am runden Tisch und planen die Zukunft der Deutschen Demokratischen Republik. Die Partei nennt sich jetzt SED/PDS, also noch ein bisschen einheits-sozialistisch, aber auch schon ein wenig demokratisch-sozialistisch. Das Runde des Tisches steht für den herrschaftsfreien Umgang miteinander: kein Vorn, kein Hinten, kein Oben, kein Unten. Es ist ein Treffen "aus tiefer Sorge um unser in eine tiefe Krise geratenes Land, seine Eigenständigkeit und seine dauerhafte Entwicklung", so das formulierte Selbstverständnis. Der SED/PDS-Delegierte Gregor Gysi sagt: "Wir dürfen den demokratischen Aufbruch und das Selbstbestimmungsrecht der DDR-Bevölkerung nicht verspielen. Das würden wir aber, ließen wir der alten Herrschaft von Politbürokraten nun eine neue Herrschaft von Kapitalmagnaten folgen." Wo aber liegt der dritte Weg, der Weg zwischen Kommunismus und Kapitalismus? Und wollen das die Menschen wirklich?

Auch in der DDR gibt es nun - wie im Westen schon länger - drinnen und draußen. Drinnen am runden Tisch wird die erste freie Wahl für den 18. März beschlossen, werden Gesetze geplant, wird über einen "Bund deutscher Länder" nachgedacht. Draußen demonstrieren die Menschen für die D-Mark. Aus "Wir sind das Volk" ist "Wir sind ein Volk" geworden.

"Was wir 1989/90 erleben, diese extreme Beschleunigung, ist das Kennzeichen der gesamten 90er Jahre auf allen Ebenen", sagt Professor Rainer Gries vom Historischen Institut der Uni Jena. Er nennt diese Zeit ab dem Sommer 1989 das entgrenzte Jahrzehnt: "Ungarn und die DDR öffnen den eisernen Vorhang, der Ostblock fällt in sich zusammen, die Globalisierung kommt auf." Die aktuellen Umbrüche der Politik verbinden sich in den Neunzigern, so Gries, mit langfristigen Trends in Wirtschaft und Gesellschaft: "Die Modernisierungen und Individualisierungen der Jahrzehnte davor kommen in den Neunzigern zur vollen Entfaltung. Nun aber werden sogar gegensätzliche Werte gleichzeitig empfunden und auch vertreten. Nicht mehr Sekt oder Selters, sondern Sekt und Selters." Sein Symbol dafür: "der Mercedes vorm Aldi". Trotz ökonomischer Probleme nimmt das Wohlstandsdenken weiter zu.

Extreme in allen Bereichen

Überall werden Grenzen ausgetestet - und überschritten: Die Modekette Benetton wirbt mit Aidskranken. Eine zunächst private Tanzveranstaltung unter freiem Himmel, die Love Parade, lockt Mitte der Neunziger eine Million Jugendliche nach Berlin. Die Musik der Wendezeit heißt Techno. Die Botschaft: Sorge dich nicht, lebe dich aus. Joschka Fischer schließlich, ein einst militanter Linker, wird zum Ende dieses Jahrzehnts Außenminister und verantwortet mit Gerhard Schröder, dem Ex-Chef der Jungsozialisten, den ersten Kriegseinsatz seit 1945.

Als Lothar de Maizière, ein Ost-Berliner Rechtsanwalt, mit der von der CDU dominierten Allianz für Deutschland im März 1990 die Wahl gewinnt, sind die Weichen zum Beitritt gestellt: Nach außen konziliant, diktiert Bonn die Bedingungen. Der fein- und kunstsinnige de Maizière ist Konkursverwalter. Mit der Wirtschafts- und Währungsunion zum 1. Juli endet der Gestaltungsspielraum der DDR-Regierung. Löhne, Gehälter, Renten sowie Bargeld bis zu 4000 Mark Ost werden 1 : 1 getauscht, der große Rest 2 : 1. Die Frage, "welche Existenzberechtigung eine kapitalistische DDR neben einer kapitalistischen BRD haben sollte", hat der SED-Ideologe Otto Reinhold schon im Sommer 1989 gestellt und beantwortet: "Natürlich keine."

Das weiß auch Michail Gorbatschow, als er am 15. Juli 1990 Helmut Kohl empfängt. Deutsche Vereinigung ja, aber Nato-Soldaten auf ostdeutschem Boden? Njet, Helmut, das ist eins zu viel. Typisch deutsch, gibt man denen den kleinen Finger, wollen sie gleich die ganze Hand. Im Kaukasus-Dörfchen Archys schwatzt Kohl "dem Michail" auch das noch ab. Was er mit nach Hause bringt, ist nichts weniger "als die volle und uneingeschränkte Nato-Mitgliedschaft eines vereinten Deutschlands". Weltpolitik, das muss nicht schlecht sein, schnurrt bisweilen zur Kleingartenidylle zusammen: Zwei Männer erzählen einander aus dem Leben, trinken einen zusammen, helfen und stützen sich. 15 Milliarden Mark zahlt die Bundesregierung an die Sowjets. Das ist der Preis für den Abzug der Sowjetarmee, der Preis für die Stationierung der Nato-Truppen in Ostdeutschland, die die Westmächte fordern.

Den Einigungsvertrag setzt der "geschäftsführende Kanzler", Innenminister Wolfgang Schäuble (CDU), auf und um. In dem ehrgeizigen Günther Krause, einem Informatiker, hat Schäuble auf der DDR-Seite einen kongenialen Partner. Nur de Maizière, mit dem Schäuble heute eine Freundschaft verbindet, stört hin und wieder. Wie heißt das künftige Land, will der wissen, welche Farben und Symbole zieren die Flagge? Und, ganz wichtig, wie klingen Melodie und Text einer gemeinsamen nationalen Hymne? "Einigkeit und Recht und Freiheit", das hat de Maizière auf seiner Bratsche probiert, passt textlich auch zum Klang der DDR-Hymne. Umgekehrt geht "Auferstanden aus Ruinen" auch zur Melodie des Deutschlandliedes. De Maizière schlägt eine Mischform vor.

"Wo gehöre ich eigentlich hin"

Schwierige Stunden sind das. Vor allem für den pragmatischen und zu führen gewohnten Westpolitiker. "Liebe Leute", sagt Schäuble in solchen Situationen, "es handelt sich um den Beitritt der DDR zur Bundesrepublik, nicht um die umgekehrte Veranstaltung. Wir haben ein gutes Grundgesetz, das sich bewährt hat. Wir tun alles für euch. Ihr seid herzlich willkommen. Aber hier findet nicht die Vereinigung zweier gleicher Staaten statt."

In den Wochen vor dem Vereinigungstag am 3. Oktober redet und schreibt die westdeutsche Linke gegen den Zug der Zeit an. "Wer gegenwärtig über Deutschland nachdenkt und Antworten auf die deutsche Frage sucht", sagt der Schriftsteller Günter Grass, "der muss Auschwitz mitdenken. Der Ort des Schreckens, als Beispiel genannt für das bleibende Trauma, schließt einen zukünftigen deutschen Einheitsstaat aus." Der Patriot Willy Brandt sagt: "Noch so große Schuld kann nicht durch eine zeitlos verordnete Spaltung getilgt werden."

Manches wirkt auch nur kleinkariert - und sei es noch so gut formuliert. "Jetzt kommt plötzlich die Midlife-Crisis in Gestalt der deutschen Einheit über uns!", schreibt Patrick Süskind, Autor des Weltbestsellers "Das Parfüm": "Auf Potenzstörungen wären wir vorbereitet gewesen, auf Prostata, Zahnersatz, Menopause, auf ein zweites Tschernobyl, auf Krebs und Tod und Teufel." Ein wenig traurig ist er, "dass es den faden, kleinen, ungeliebten, praktischen Staat Bundesrepublik Deutschland, in dem ich groß geworden bin, künftig nicht mehr geben wird". Den schwierigeren Part aber haben - wieder einmal - die Ostdeutschen.

Dass die Lebenswelten, auch kulturell, auseinandergedriftet sind, dass man der gelebten Identität nicht per Beitritt entfliehen kann, bringt keiner besser auf den Punkt als der Hallenser Psychiater Hans-Joachim Maaz: "Der real existierende Sozialismus war die Lebensweise eines ganzen Volkes, die als großes tragisches Szenario in verschiedenen Rollen aufgeführt wurde: die kriminellen Machthaber, die erfolgssüchtigen Karrieristen, die gehemmten und angepassten Mitläufer, die von einer Illusion zur anderen jagenden Flüchtlinge, die sich im Protest verzehrenden Oppositionellen und die abgehobenen Utopisten." Und nun, so Maaz, fragten sie sich alle: Wo gehöre ich eigentlich hin, was will ich, was muss ich tun?

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 49/2008

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