Die Bäuche wurden wieder runder. Über den Krieg wollte kaum einer reden. Es wurde nur nach vorn geguckt: neuer Kühlschrank, erstes Auto, endlich Reisen. 2009 wird die Bundesrepublik 60 Jahre alt. Der stern startete 2008 eine erfolgreiche Serie - von der Währungsreform bis zur Finanzkrise. Im ersten Teil: die Fünfziger Jahre. Von Michael Stoessinger

Konrad Adenauer bleibt für 14 Jahre Deutschlands Kanzler© Georg Brock/DPA
Der 21. August 1949 ist ein heißer Tag. Über der Kölner Bucht liegt jene feuchte Schwüle, die selbst schlankere Menschen schnell schwitzen lässt. Franz Josef Strauß, mit dem Nachtzug aus München angereist, wechselt in seiner Rhöndorfer Pension noch einmal das Hemd. Der CSU-Generalsekretär will frisch aussehen, wenn er beim alten Herrn oben auf dem Hang ankommt. Aber der Weg ist beschwerlich, 56 steile Stufen. Das macht körperlich demütig und ist gewollt: Strauß und die anderen Köpfe von CDU und CSU sind dermaßen außer Puste, dass erst mal nur einer spricht. Hausherr Konrad Adenauer will nach der eine Woche zuvor hauchdünn gewonnenen Bundestagswahl eine Koalition mit der FDP durchsetzen und die Sympathisanten einer Koalition mit der SPD kleinhalten.
Und Adenauer will, dass die anderen wollen, dass er Kanzler wird. Die nächsten Jahre, die Fünfziger, sollen der Union gehören. Das gehe nur, sagt er, wenn "wir wirklich soziale Politik betreiben". Das sei der Tod der SPD, jede Art von Kooperation aber wäre verhängnisvoll. "Das liegt daran, dass der überzeugte Sozialist auch Materialist ist, in der Verfolgung der irdischen Zwecke rücksichtslos, während der christlich denkende Mensch höhere Ziele hat und nicht so rücksichtslos ist und deshalb unterliegt." Vier Jahre nach dem Ende des Krieges ist die Welt geteilt, auch die westdeutsche - bürgerlich und sozialistisch, schwarze Seelen, rote Seelen. Adenauer hier, SPD-Chef Kurt Schumacher da.
In Einzel- und Grüppchengesprächen stimmt Adenauer die widerspenstigen Geister auf seine Linie ein. Er kann ja so charmant sein. Zwischendurch gibt es was zu essen, dazu einen schlichten Rheinwein. Dann schneidet er das Ämterthema an, spricht von seiner Autorität, die er in der britischen Zone genießt, von seinen Erfahrungen als Kölner Oberbürgermeister und von seinen Ellenbogen, "die stärker sind, als ich früher geglaubt hätte". Kurz und gut: Bundespräsident, sagt Adenauer, solle ein anderer werden, "ich will Kanzler werden". Widerspruch, fragende Gesichter?
Adenauer blickt in die Runde. Nein, nichts regt sich. Also ist "die Sache beschlossen". Ach ja, Bundespräsident solle der FDP-Politiker Theodor Heuss werden. Der ist zwar nicht katholisch, was viele in der Runde bemängeln, "aber er hat eine sehr christlich denkende Frau, das genügt". Dann tischt Adenauer auf, "das Edelste vom Edlen, Spätlesen und Auslesen", staunt Strauß, "Weine, wie ich sie in meinem Leben noch nicht getrunken" habe.
Da ist die Bundesrepublik gerade mal drei Monate alt. Erstaunlich, ja atemraubend ist der Weg, den das Land bis zu jenem Augusttag genommen hat: Vier Jahre erst liegt die bedingungslose Kapitulation des "Tausendjährigen Reiches" zurück. Nach dem größten Verbrechen der Menschheitsgeschichte ist das Land geschrumpft um die deutschen Gebiete jenseits von Oder und Neiße und aufgeteilt in vier Besatzungszonen - sowjetisch, amerikanisch, britisch und französisch. Die Staatsgewalt auf deutschem Boden geht seit dem 8. Mai 1945 vom Alliierten Kontrollrat aus. Doch der driftet schnell auseinander. 1948 stehen sich Amerikaner und Russen in der geteilten Hauptstadt Berlin mit ihren Panzern gegenüber. Stalins Drohgebärde gilt der geplanten Gründung eines Weststaates, der Währungsreform, der schieren US-Präsenz in Berlin. Die Amerikaner verpflegen die Berliner in den von den Sowjets blockierten Westsektoren aus der Luft. Der Kalte Krieg hat begonnen.
Im Westen setzt sich die Logik der Amerikaner durch, die Deutschen aufzubauen, um sie zu integrieren in das westliche demokratische, pluralistische Gesellschaftssystem. Ein westdeutscher Bundesstaat mit starken Ländern soll entstehen, ein Parlamentarischer Rat eine Verfassung ausarbeiten. Am Ende der neunmonatigen Arbeit steht am 23. Mai 1949 das Grundgesetz. In der Präambel ist von einer "Übergangszeit" die Rede: "Das gesamte Deutsche Volk bleibt aufgefordert, in freier Selbstbestimmung die Einheit und Freiheit Deutschlands zu vollenden."
Drei Wochen nach Adenauers Rhöndorfer Machtklausur hat die Republik im Westen Deutschlands ihren ersten Kanzler. Einen Mann, über den Parteifreund Hermann Pünder böse notiert: "Er ist unzuverlässiger als ein Franzose, verlogener als ein Engländer, brutaler als ein Amerikaner und undurchsichtiger als ein Russe - also der gegebene Staatsmann für unser geschlagenes und misshandeltes Volk." Pünders Einschätzung verströmt den Geist der Zeit: Die Nazis haben uns misshandelt, die Welt hat uns geschlagen. Nun wollen wir in Ruhe gelassen werden. Wir wollen aufbauen und leben, anbauen und ausbauen und lieben. Nichts wollen wir hören von Nation und Vaterland.
Die Mark ersetzt die vielfach gebrochene Identität, sie wird zum Leitwert einer vergangenheitsblinden Gesellschaft - und bleibt es für mehr als ein halbes Jahrhundert. Die Fünfziger, auch mal als "die goldenen" bezeichnet, changieren zwischen Muff und Moderne. Untertanengeist und obrigkeitsstaatliches Verhalten lassen sich nicht entnazifizieren. Das noch Jahrzehnte später immer wieder gebrauchte Schlagwort von der Restauration aber, eine Rückkehr gar zu "Monarchie und Diktatur stand zu keiner Zeit zur Debatte", schreibt der Historiker Heinrich August Winkler in seinem Buch "Der lange Weg nach Westen": "Vielmehr erwies sich die Soziale Marktwirtschaft, die mit der Währungsreform begann, als revolutionäre Neuerung." "Der Westen Deutschlands erlebte nach 1949 eine Phase, auf die ... der Begriff der konservativen Modernisierung viel besser passt als der der Restauration." Und der konservative Modernisierer weiß, was sich seine Mitbürger und Mitbürgerinnen wünschen: Ruhe und Normalität. Der Literaturkritiker Friedrich Sieburg schreibt Anfang der 50er Jahre: "Endlich wieder normale Nachrichten, gekenterte Boote auf dem Bodensee, zwei Typhusfälle in Baden-Württemberg, ein kleineres Eisenbahnunglück bei Hannover ..."
Der Anfang ist gemacht. Die Währungsreform, organisiert vom Wirtschaftsexperten Ludwig Erhard, brachte den Deutschen 1948 die D-Mark, zugleich hob Erhard eigenmächtig die Bewirtschaftung auf, ohne den Alliierten Kontrollrat zu fragen: Bezugsscheine und Rationalisierung sind passé, schließlich gehöre zu den wichtigsten Aufgaben eines freiheitlich-demokratischen Staates, "die Erhaltung des freien Wettbewerbs sicherzustellen". Die Mark hat über Nacht lange gehortete Waren in die Läden gespült. Der Aufschwung kommt derart rasant, dass der Deutschland-Korrespondent des französischen Blattes "Le Monde" schreibt: "Man bedauert fast die Demontagen, die es Deutschland erlaubten, seine Industrien mit modernsten Maschinen auszustatten."
Die Opfer der alten Zeit sieht Franz Gathmann jeden Morgen, wenn er um fünf auf dem Weg zum Dahlhauser Tiefbau an den verrußten Bochumer Zechenhäuschen vorbeikommt. Da hängen sie in den Fenstern, die alten Kumpel, und husten und rauchen und husten. Und werden nicht älter als 55, 56. Wenn überhaupt. Der Staub des Trockenabbaus hat ihre Lungen ruiniert. Gathmann hat das selbst noch erlebt, rein in den Qualm, bohren, noch mehr Qualm, schwitzen, einatmen, das Dreckszeugs. Aber das ist eine Ewigkeit her, vier, fünf Jahre. Da haben sie noch für Carepakete geschuftet, die ihnen die Zechenbarone gegeben haben, für einen Schlag Suppe und eine "Doppelte", wie sie eine Scheibe Brot mit Wurst drauf nennen. Jetzt, mit Beginn des neuen Jahrzehnts, bohren sie nass.
Und wie sie bohren. "Immer rein in die Wand, Kumpel, immer rein." Sechs Schichten in der Woche, acht lange Stunden, das ist die Regel. Wenn Franz Gathmann samstags mit seiner Adeltraut mal runtergeht in die Stadt, weiß er, warum. Kohleöfen in den Schaufenstern, Möbel, ganze Garnituren, Radios, "das kannste ja gar nicht glauben". Und mit der D-Mark kommen auch die Vertreter, vertreten alles, was es für Geld zu kaufen gibt. Zum Beispiel Besteck. 20 Mark, 24-teilig. Zehn Raten à zwei Mark. Oder endlich eine Schlafzimmereinrichtung für die Zweizimmerwohnung. Erst eine Waschmaschine, die ist wichtiger als ein Ehebett, sagt die Schwiegermutter. Gute Ratschläge nimmt Franz an, schlechte nicht. Erst Maschine, dann Bett - das ist ein schlechter Vorschlag.
Wenn Adeltraut sagt: "Wir haben mehr Schulden als alles andere", dann sagt Franz: "Zahlen wir alles ab, peu à peu." Franz Gathmann wird Steiger, Aufsichtsperson, er wird Vater. Er übernimmt Verantwortung - und das Tor beim VfL Gennebreck in Wuppertal. Über Sprockhövel geht's dann mit dem Bus, 45 Minuten Fahrt, zu den Spielen. Oder, in den spielfreien Sommermonaten, mal in die Gartenwirtschaft. 20 Pfennig kostet das Pils. Fünf Mark gibt Gathmann aus an so einem Tag für Bier und Solei, für Würstchen oder Frikadellen und was Süßes für die Kleine. Ganz schön viel, aber es geht, die Miete kostet 10,52 Mark, er verdient "mit allem Drum und Dran" über 300 Mark netto.
Das Leben ist hart, aber es ist Frieden, die Gewerkschaft setzt zwölf Jahresurlaubstage durch. 500 Wagen Kohle holen sie täglich raus auf Dahlhausen, ein Millionenstreb. Das Ruhrgebiet ist die Herzkammer des Aufschwungs. Zwischen 1949 und 1954 verdoppelt sich das Volkseinkommen der Westdeutschen zum ersten, zwischen 1955 und 1962 zum zweiten Mal.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 45/2008
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