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16. November 2008, 10:40 Uhr

Kalter Krieg und heiße Höschen

Überall gärt und brodelt es. Die Republik wird erwachsen. Mit dem Käfer fahren die Deutschen - West - über die Alpen und lassen den Mief der frühen Jahre hinter sich. 2009 wird das Modell Deutschland 60. Der stern startete 2008 eine erfolgreiche Serie - von der Währungsreform bis zur Finanzkrise. Im zweiten Teil: die Sechziger. Von Stefan Schmitz

Sechziger Jahre, Deutschland, Revolution, Kennedy, Adenauer, Brandt, Schmidt

26. Juni 1963
Ein Amerikaner in Berlin
US-Präsident John F. Kennedy ruft den Berlinern zu, er sei einer von ihnen. Im offenen Wagen zeigt er sich mit Bundeskanzler Konrad Adenauer und Berlins regierendem Bürgermeister Willy Brandt© DPA

Die langen Haare, sein Faible für nackte Hintern - das alles hat natürlich auch mit Sex zu tun, aber bei dem Jungen aus Hamburg-Horn liegen die Dinge komplizierter. Es geht um Kunst. Er lockt auf dem Schulhof und an der Theke: "Wir machen es bei mir. Es dauert nur fünf Minuten." Dabei hält er eine klobige Acht-Millimeter-Filmkamera in der Hand. Jetzt darf man nicht zögern, nicht zucken. Das würde nur verraten, wie tief die Erziehung durch die sittenstrengen Eltern noch in einem steckt. Die Hose muss runter; die Pobacken vors Objektiv. "Das galt als unerhört und tabubrechend", sagt Michael Brenner, der in der wilden Zeit Ende der 60er Jahre einer der Statisten seines Mitschülers Norbert war.

Revolution im Klassenzimmer

Das cineastische Werk bekommt noch Vor- und Nachspann. Dazwischen nichts als Ärsche. Runde und runzelige, behaarte und glatte, Birnen und Äpfel. Ein wahrer Ausweis der Reife. Jedenfalls gibt es dafür eine glatte Eins als praktische Arbeit im Abiturfach Kunst am Kirchenpauer Gymnasium. Es ist 1968 und die Schule eine Selbsterfahrungsgruppe.

In den gleichen Klassenzimmern hat noch wenige Jahre zuvor ein autoritäres Regime geherrscht. Ein Erdkundelehrer - klein, mit Glatze und Fronterfahrung östlich der Neiße - schikaniert die Schüler, indem er sich immer einen herauspickt: "Den holte er nach vorne an die Karte", sagt Brenner. "Dann brüllte der Pauker die Namen von Orten, an denen er wohl früher gekämpft hatte." Der Delinquent muss zeigen, wo einst die Truppen des "Tausendjährigen Reiches" standen.

Wenn die stramm gescheitelten Schüler nicht spuren, werden sie von einem Englischlehrer auf den Gang geschickt. "Wir gehen jetzt ruhig raus", befiehlt der. Da üben sie dann in Zweierreihen das leise Gehen. Immer den Flur entlang, eine Etage rauf oder runter und dann wieder zurück durch den anderen Treppenaufgang. Das könnte durchaus eine Viertelstunde dauern." Es ist 1960 und die Schule ein Kasernenhof.

Radikaler Wandel

In Amerika spricht in diesem Jahr der jugendliche Präsidentschaftskandidat John F. Kennedy von einer "neuen Grenze". Von unerfüllten Hoffnungen und Träumen. Davon, dass sich die Welt radikal wandeln werde. Und das ist in der Bundesrepublik fast noch mehr zu spüren als in den USA. Innerhalb weniger Jahre wird die Bonner Republik aus dem Muff in die Moderne geschossen. Verantwortlich dafür sind keineswegs nur die Revoluzzer von 1968. Die gehören auch dazu, aber lange vorher hat die "Phase der Gärung" angefangen, wie der Historiker Klaus Schönhoven die Zeit später getauft hat.

Sie beginnt, als die Mägen voll sind, die Wohnungen halbwegs geheizt, die Arbeitslosigkeit der 50er Jahre überwunden ist. Aus dem Haufen der Davongekommenen wird eine "Erlebnisgesellschaft". Vereint im Glauben, dass die Welt und das Leben voller Wunder seien und noch einiges auf sie zukomme. Immer vorausgesetzt, dass nicht vorher ein Dritter Weltkrieg den Planeten in eine radioaktiv verseuchte Wüste verwandelt.

Als alles noch schläft, am 13. August 1961 gegen zwei Uhr früh, rollen Volkspolizisten und Soldaten der Nationalen Volksarmee der DDR an der Sektorengrenze in Berlin Stacheldraht aus - der Beginn des Mauerbaus. "Schämt euch, schämt euch", rufen ihnen die West-Berliner zu. Und: "Ihr seid doch auch Deutsche." Im Kalten Krieg zählt es aber nicht, ob einer Deutscher ist oder Engländer, sondern auf welcher Seite seine Regierung steht. Die Demarkationslinie verläuft gleich am Brandenburger Tor. Willy Brandt, der Regierende Bürgermeister und spätere Kanzler, steht in diesen Tagen erstmals im Rampenlicht der Welt - und erlebt als Berliner auch praktisch, was die Mauer bedeutet. Sein Sohn Lars erinnert sich später, dass der Nachschub an frischen Landeiern auf dem Frühstückstisch stockte, weil der Eiermann mit dem Fahrrad aus dem Osten kam.

"Wenn ich groß bin, rede ich mit Ulbricht"

Die damals neunjährige Christiane Rix, eine Jugendfreundin des Hamburger Kunstfilmstatisten Brenner, sieht die Bilder vom Mauerbau bei Nachbarn im Fernsehen und sagt: "Wenn ich groß bin, rede ich mit Ulbricht." Ihr Vater zieht sie damit noch nach Jahren auf. Aber über den Tag lachen kann die Familie erst viel später. Mutter Rix beginnt, in einer alten Anrichte im Keller Haferflocken, Nudeln, Mehl, Zucker und Kekse zu horten. Mitten im Sommer scheint der nukleare Winter nah.

An diesem dramatischen Morgen des 13. August versetzt die Bundeswehr ihre Soldaten in Alarmbereitschaft. Auch in Jagel, hoch im Norden, wo Konrad Berger Dienst schiebt. Er wird während der 60er Jahre immer wieder erleben, dass die Konfrontation der Blöcke eskaliert und für ein paar Stunden oder Tage die drohende Apokalypse den Alltag verdrängt, während der Krise um sowjetische Atomraketen auf Kuba 1962 oder als im Jahr darauf John F. Kennedy, mittlerweile US-Präsident, erschossen wird: "Das habe ich zu Hause im Radio gehört. Da war schon Angst da." Der Weltenbrand ist ausgeblieben. Und die Meilensteine seines Lebens in den Sechzigern, die Bergers Erinnerung prägen, sind ganz und gar unkriegerisch.

Noch heute wohnen Konrad Berger und seine Frau Hella in dem Häuschen in Schuby bei Schleswig, das sie vor fast 40 Jahren bauten. Sie sind eine Musterfamilie des Wirtschaftswunderlandes. Das Fenster im Wohnzimmer wirkt etwas klein für den Raum und ist ein Symbol für den Lebensstil der Bergers, die immer zur Mehrheit gehörten: "Als wir das Haus geplant haben", sagt Berger, "haben wir das so gemacht, dass die Gardinen aus der alten Wohnung passten." Sparen, auf das Geld schauen, dann etwas Vernünftiges kaufen - das ist so etwas wie ihre zweite Natur. "Wir haben nichts Unnötiges ausgegeben", sagt Hella, die auf dem Bauernhof groß geworden ist und am liebsten Eintopf kocht und Hausmannskost. "Das war schon eine andere Einstellung als heute", sagt Konrad, ein im Krieg geborenes Flüchtlingskind aus Schlesien.

Langsames Umdenken

Sie haben sich wenig gegönnt und trotzdem Spaß gehabt. Bei Butterfahrten auf der Ostsee, auf denen es zollfreien Alkohol gab. Bei Partys in der engen Wohnung, bei denen immer getanzt werden musste, weil der Platz zum Sitzen nicht reichte. Oder beim Kurztrip an die Küste. "Abends wieder im eigenen Bett ist ja auch schön. Und man braucht kein Zimmer."

Nur langsam wandeln sich Bundesbürger wie die Rix, Bergers oder Brenners in den 60er Jahren zu Konsumenten modernen Typs. Zuvor dominieren in den Geschäften Gebrauchsgegenstände, die dafür gemacht sind, viele Jahre zu halten. Ein Feuerzeug zum Beispiel besteht noch 1960 aus Dutzenden Metallteilen - eine komplexe Maschine, deren Gestaltung ähnlich wie bei einer Armbanduhr etwas über den Herrn aussagt, der sie nutzt. Es ist kein Zufall, dass Mitte der 60er Jahre der Siegeszug des Wegwerffeuerzeugs aus Kunststoff beginnt. Die Zeit - und auch die Technik - sind reif für eine neue Art des Konsums.

Nicht nur die Waren verändern sich, sondern auch die Geschäfte. Jedenfalls die erfolgreichen. Der Essener Schuhhändler Heinz-Horst Deichmann, weise und weißhaarig, erinnert sich: "Wir wollten genau wissen, was die Kunden kaufen. 30 Leute haben nichts anderes gemacht, als Kassenzettel in Listen zu übertragen." Die werden penibel ausgewertet, damit der Einkauf weiß, was gerade gefragt ist. Heute ist Deichmann der größte Schuheinzelhändler Europas. "Man muss immer die richtigen Schuhe haben", sagt der 82-Jährige - das hört sich trivial an, war aber eine große Veränderung zur Nachkriegszeit, als es darauf ankam, überhaupt Schuhe zu haben. Noch etwas wandelte sich in den Unternehmen: Sie mussten ihre Mitarbeiter gut behandeln, weil die durch den scheinbar immerwährenden Boom jederzeit woanders anfangen konnten.

Milch und Honig

Arbeit ist nicht mehr der einzige Lebensinhalt. Das "lange Wochenende" - gemeint war die Zeit von Freitagabend bis Montag sehr früh - beschert den Berufstätigen Freizeit in nie gekanntem Maße. In vier von fünf Unternehmen wird Ende des Jahrzehnts nur noch an fünf Werktagen gearbeitet. Der Sonntag wird vom Tag des Kirchgangs zur besten Gelegenheit, sich mit der Familie am eigenen Wohlergehen zu erfreuen. Löhne und Gehälter steigen in einem Jahrzehnt um mehr als 50 Prozent, und zwar nach Abzug der Inflation.

Überall im Land schieben Mütter Babys durch die Straßen; ihre rauchenden Männer samstags und sonntags an der Seite. Um über fünf Millionen Menschen nimmt die Bevölkerung der Westrepublik von 1960 bis 1970 zu. "Was man heute kinderreich nennt, war damals normal", erinnert sich der CDU-Politiker Kurt Biedenkopf, selbst Vater von vier Kindern.

Revolutionäre Errungenschaften wie die Antibabypille erschütterten die verstaubte Moral - und mit einiger Verzögerung sieht man die Folgen in den Geburtsstatistiken. Die jungen Leute wollten angstfreien Sex. Doch die neue Welt wird nicht an einem Tag geschaffen. Als Christiane Rix ihre erste Pille haben will, muss sie dem Frauenarzt noch drohen: "Ich fahre mit meinem Freund in Urlaub. Wollen Sie verantworten, wenn ich schwanger werde?" Da zückt er seinen Block, obwohl Verhütung mit Hormonen eigentlich nur in der Ehe geduldet wird.

Rix' Jugendfreund Michael Brenner, geboren 1950, aufgewachsen mit Muckefuck statt Bohnenkaffee, lötet damals an Transistorradios herum. Nachts, bei klarem Wetter und wenn er die Antenne im richtigen Winkel hält, kann er mit seinem Kofferradio BFBS empfangen, den britischen Soldatensender: Da gibt es die englischen Top 30. "Wir haben das alle gehört."

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 46/2008

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