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13. Dezember 2008, 18:13 Uhr

Nichts bleibt, wie es war

Das Leben wird härter, schneller und kälter. Jobs wandern aus, Sozialleistungen sinken, die Angst vor dem Terror ist allgegenwärtig. Aber Deutschland ist ein fast normales Land geworden. 2009 wird das Modell Deutschland 60. Der stern startete 2008 eine erfolgreiche Serie - von der Währungsreform bis zur Finanzkrise. Im letzten Teil: die 2000er. Von Stefan Schmitz

2000er Jahre, Zweitausender, Merkel, Sommermärchen, Terror, Marktwirtschaft

Die Fußball-WM 2006 in Deutschland wird ein großartiges Fest mit unzähligen Fanmeilen. Auch nach der Niederlage im Halbfinale gegen Italien geht die Party weiter. Die WM verändert die Stimmung im Land und das Bild der Deutschen in der Welt© Johannes Eisele/DDP

Die Sonne wird nicht finster, der Mond nicht wie Blut. Vom Himmel fallen harmlose Böller, die Sterne bleiben oben. In der Nacht zu diesem 1. Januar 2000 gehen die Prophezeiungen des Johannes-Evangeliums für den Weltuntergang nicht in Erfüllung. Stattdessen gibt es eine Party, einen Rausch, ein gigantisches Fest, das allein auf der Berliner Fetenmeile zwischen Rotem Rathaus, Brandenburger Tor und Siegessäule 200 Tonnen Müll hinterlässt. Am Morgen danach dreht sich die Welt wie zuvor: Die Computer sind nicht kollabiert, wie es Experten zur Jahrtausendwende vorhergesagt hatten, weil viele Programme nur zweistellige Jahreszahlen verwenden.

Und da die Apokalypse ausgeblieben ist, kann der Wahnsinn weitergehen. Am Montag, dem 3. Januar, dem ersten Handelstag des neuen Jahres, schießt der Deutsche Aktienindex (Dax) erstmals in seiner Geschichte über 7000 Punkte. Jeder spürt es: Die alten Regeln gelten nicht mehr. Denn Informationen aller Art - der wichtigste Rohstoff dieser Zeit - sind durch das Internet nun jederzeit und an jedem Ort verfügbar. Ein neues Zeitalter ist angebrochen.

Alles wird total global. Auch Deutschland. Kanzler Gerhard Schröder warnt in seiner Neujahrsansprache, es dürfe nicht sein, dass Nachrichten von der Börse in Bangkok gierig aufgesogen werden, aber keiner mitbekommt, wenn beim Nachbarn über Wochen der Briefkasten nicht geleert wird. Der Generalinspekteur der Bundeswehr, Hans-Peter von Kirchbach, verbringt die Nacht auf dem Balkan, wo Tausende Soldaten der gerade erwachsen gewordenen Mittelmacht Deutschland den Frieden sichern.

Unsichtbare Grenze

Während die Welt immer enger zusammenzurücken scheint, entstehen gleichzeitig neue Barrieren. Nicht mehr nur zwischen Ost und West, Nord und Süd, Okzident und Orient, sondern auch da, wo einst Ludwig Erhard "Wohlstand für alle" versprochen hatte: in der Bundesrepublik, die über Jahrzehnte auf dem Weg in eine Mittelstandsgesellschaft schien, in der die schärfsten Gegensätze überwunden sind, in der die Arbeiter sich einen VW Golf und einen Mallorca-Urlaub leisten können, die Renten sicher und die Schulen für alle gleich sind.

Gerade jetzt, da die Mauer Geschichte ist, wächst eine unsichtbare Grenze im Land: zwischen den gut Ausgebildeten, Mobilen, Starken und denen, die zurückbleiben, weil sie nicht fix und flexibel genug sind für die gewachsenen Anforderungen. Längst sind es nicht mehr nur ein paar Versprengte, die in selbst verschuldeter Armut verharren. Im Casino der New Economy werden Milliarden gemacht - und bald wieder verloren. In den Kantinen der alten Wirtschaft geht die Angst um vor neuen Konkurrenten aus Fernost, die nicht nur billige Waren liefern, sondern auch die Arbeitsplätze der weniger Qualifizierten bedrohen.

Manchmal liegen nur ein paar Hundert Meter zwischen den alten und den neuen Mauern, nur ein paar Jahre zwischen dem Wahnsinn der New Economy und der Realität der Modernisierungsverlierer. Am Reuterplatz in Berlin-Neukölln steht ein Mann, der eine Secondhand-Lederjacke trägt und einst 5,8 Millionen Mark auf seinem Konto hatte. Nun spielt er mit Kindern, die aus Dutzenden Nationen kommen und so ziemlich alle Sprachen sprechen. Sie rufen: "Mark, Mark, Mark." Kiosk nennt sich die Betreuungseinrichtung in Neukölln, in der Mark Lehmann arbeitet und deren Backsteinbau nicht viel größer ist, als der Name vermuten lässt. "Es ist die Möglichkeit, die Kinder mal von der Straße zu holen", sagt Lehmann. Viele der Kleinen würden von den Eltern sich selbst überlassen. Eine warme Mahlzeit kostet hier 20 Cent; ein warmes Wort und ein wenig Anteilnahme gibt es gratis.

Überschwang und Depression

Neukölln ist nicht Deutschland, aber ein Teil davon. Mit miserablen Bildungs- und Lebenschancen für sozial Schwache, mit "ethnischen Submilieus", wie sie der Historiker Hans-Ulrich Wehler nennt, in denen sich Migranten immer weiter von der deutschen Gesellschaft entfernen, mit Drogen und Dauerarbeitslosigkeit, mit einer neuen Unterschicht, die vor eigens für sie gesendeten TV-Verblödungsprogrammen ihre Tage verdaddelt. "Hier was zu machen ist viel sinnvoller, als den ganzen Tag an Geld zu denken", sagt Lehmann.

Er weiß, wovon er an diesem Herbsttag 2008 spricht. Es ist rund zehn Jahre her, da zockte er mit Telekom-Optionsscheinen, bis in seinem Depot bei Consors, eine der ersten Internet-Direktbanken in Deutschland, Millionen lagen. "Es ging wie von selbst", erinnert er sich. Plötzlich war alles wieder weg - auch wie von selbst. Da hockte er trotz einer warmen Decke frierend auf einem viel zu teuren Designer-Stuhl und hoffte, dass ihm die nächste Heizkostenabrechnung vielleicht etwas Geld in die leere Kasse spülen würde.

Das war extrem. Aber allein war Lehmann nicht. Das ganze Land wurde in den Jahren nach dem Börsengang der Telekom von 1996 von einer Spekulationswelle erfasst. Wer sein Geld auf dem Sparbuch hatte, galt als Depp. Bis in die ersten Monate des Jahres 2000 ging alles gut. Internetklitschen ohne Umsatz oder gar Gewinn, ja ohne Geschäftsmodell, wurden an der Börse zu Mondpreisen gehandelt. Der Dax - also der Index der großen deutschen Vorzeigeunternehmen - explodierte auf über 8000 Punkte. Und fiel Anfang 2003 auf 2200 in sich zusammen. Die Internetmilliarden verflüchtigten sich fast völlig.

Der böse Euro

Überschwang und Depression, Höhenflug und Verzagtheit - schon ganz zu Beginn des neuen Jahrzehnts lagen sie dicht beisammen. "Am Anfang war eine unglaubliche Euphorie", gibt Karl Matthäus Schmidt zu, der einst die Bank gegründet und geleitet hat, deren Kunde Mark Lehmann war. Nach dem Börsengang feierte die Consors-Truppe Feten, die Schmidt heute mit Rockkonzerten vergleicht. Der Laden hat anfangs fünf Mitarbeiter, zwischenzeitlich sind es 1350. Aber dann - im Jahr 2001 - steht der smarte Jungbanker Schmidt in Berlin in einem Callcenter, wo 90 Leute für sein Unternehmen arbeiten. Er muss ihnen sagen, dass sie alle ihren Job verlieren. Die Umsätze sind eingebrochen. Es geht nicht anders. Schmidt stellt sich also vor die Kollegen und macht reinen Tisch. "Da war mir zittrig und mulmig", sagt der heute 39-Jährige.

Später haben ihm Mitarbeiter eine Art Arche gemalt und seinen und die Namen der anderen daraufgeschrieben. "Wir sitzen alle in einem Boot", sollte das heißen. Man war nett zueinander in der New Economy. "Da war nie Ärger, sondern Enttäuschung, dass es bergab ging", meint Schmidt.

Kapitalismus schien in den Kreisen der Internetgeneration eine Weile ein böses Wort aus einer anderen Zeit zu sein. Wer die neuen Superreichen wie Ralph Dommermuth, den noch heute erfolgreichen Chef von United Internet, besuchte, der konnte sehen, dass er sich einen Palast für sich selbst baute - aber auch, dass seine Sekretärin Lisa, die den Weg zur Baustelle tief im Westerwald wies, einen schwarzen Mercedes SLK fuhr. Besonders ausgebeutet wirkte die Werktätige nicht.

Doch es gab und gibt nicht nur Lisas in Deutschland. Zu Anfang des Jahrtausends sind mehr als vier Millionen Menschen arbeitslos, rund 2,8 Millionen beziehen Sozialhilfe. Längst sind auch ganz normale Mittelschichtsangehörige vom Wandel betroffen. Im Portemonnaie stecken ab 2002 Euro statt D-Mark, und mancher hegt die Vermutung, dies sei der Grund, dass alles teurer werde. Der Sprit sowieso, die Gaspreise auch. Die Sozialbeiträge steigen. Und quer zu allen Schichten geht ein neuer Riss durch das Land: zwischen denen, die sich um ihre Jobs sorgen müssen, und denen, die etwa als Mitarbeiter des öffentlichen Dienstes die Sicherheit genießen, die es ein paar Jahrzehnte lang gratis gab. In Berlin, im damals noch nagelneuen Bundeskanzleramt, sitzt in diesen ersten Jahren des Jahrzehnts der Sozialdemokrat Gerhard Schröder. Er sieht, wie sich die Welt um Deutschland herum immer schneller verändert. Wie das alte Modell Deutschland in die Krise gerät.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 50/2008

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