Es beginnt so gut - Kanzler Willy Brandt will die Versöhnung mit Polen und "mehr Demokratie wagen". Doch dann platzt der Traum vom ewigen Wachstum. Das Jahrzehnt der Krisen führt die Republik in die Bewährungsprobe. 2009 wird das Modell Deutschland 60. Der stern startete 2008 eine erfolgreiche Serie - von der Währungsreform bis zur Finanzkrise. Im dritten Teil: die Siebziger. Von Michael Stoessinger

7. Dezember 1970
Beim Staatsbesuch in Polen legt Willy Brandt einen Kranz am Denkmal des Warschauer Ghettos nieder und fällt auf die Knie. Das Bild geht um die Welt und wird zur Ikone eines neuen Deutschlands© DPA
Es ist der 7. Dezember 1970, als dieses Foto um die Welt geht. Und vielleicht bricht an diesem Tag, ein Vierteljahrhundert nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, zum ersten Mal das Bild vom hässlichen Deutschen, von einem Volk der (Blut-)Richter und Henker. Ein Mann kniet am Mahnmal für die Opfer des Aufstands im Warschauer Ghetto. Ein Moment für die Ewigkeit, festgehalten von dem Journalisten Hermann Schreiber: "Er hat mit zeremoniellem Griff die beiden Enden der Kranzschleife zurechtgezogen, obwohl sie kerzengerade waren. Er hat einen Schritt zurück getan auf dem nassen Granit. Er hat einen Augenblick verharrt in der protokollarischen Pose des kranzniederlegenden Staatsmanns. Und ist auf die Knie gefallen, ungestützt, die Hände übereinander, den Kopf geneigt."
In der Nacht zuvor, so gegen halb zwei, ist Willy Brandt noch einmal über den Hotelflur gegangen, hinüber zu Günter Grass und Siegfried Lenz, die noch zusammensitzen. Die beiden Schriftsteller gehören zum Tross des Kanzlers, der am selben Tag das deutsch-polnische Abkommen unterzeichnen will, Teil der Ostverträge, Grundlage einer neuen Friedensarchitektur. Konrad Adenauers gelungener Westbindung soll die Öffnung nach Osten folgen. "Wandel durch Annäherung" nennt Brandts wichtigster Berater Egon Bahr den neuen Kurs, "Aggression auf Filzlatschen" der Außenminister der Deutschen Demokratischen Republik, "Verrat der deutschen Ostgebiete" die CDU/CSU. Brandt fragt Grass und Lenz, wie sie sich fühlten. Grass antwortet mit der Gegenfrage: "Und wie geht's Ihnen?" - "Wir überstehen es schon", sagt Willy Brandt.
Die nächtliche Begegnung, der morgendliche Kniefall - auch 38 Jahre danach leben die Augen-Blicke auf, wenn Lenz davon spricht. "Ins Knie gebrochen", sei Brandt, "die äußerste Reaktion eines Politikers erschien mir als extreme Tugend und Selbstentblößung." Vielleicht liegt hier, in der Selbstentblößung, der fundamentale Unterschied zwischen dem Emigranten Willy Brandt und dem Weltkriegs-Oberleutnant Helmut Schmidt, zwischen den beiden sozialdemokratischen Kanzlern, die die 70er Jahre politisch prägen: Selbstentblößung, sagt Schmidt noch heute, widere ihn an.
Brandt und Schmidt, das sind die beiden miteinander fremdelnden Parteifreunde und Antipoden eines Jahrzehntes, das wohl das widerläufigste seit Kriegsende ist: ein Jahrzehnt, in dem mehr Demokratie gewagt werden soll und Berufsverbote verhängt werden. Ein Jahrzehnt des äußeren Friedens und des inneren Terrors, des US-Parkas und der Friedenstaube, der Vollbeschäftigung und der Massenarbeitslosigkeit. Es gibt die Wirkungsmacht des Neuen Deutschen Films eines Rainer Werner Fassbinder und Machwerke à la "Wo der Wildbach durchs Höschen rauscht". Peter Handke und Franz Xaver Kroetz verdrängen im Schulunterricht Schiller und Goethe.
Ein Jahrzehnt des großen gesellschaftlichen Aufbruchs mit komischen Zügen. In einer Kleinanzeige heißt es: "Drei Männer im Ausbildungsprozess haben zwei Zimmer in WG frei. Wir würden zwei Frauen bevorzugen, nicht um etwas zum Bumsen daheim zu haben, sondern weil wir meinen, dass in einer gemischten Besetzung ein anderer Zugang zu Problemen möglich ist ..." Und am Ende ist es eine Dekade der noch größeren Ernüchterung. "Die Siebziger, das ist eine Gemischtwaren-Veranstaltung. Ganz viele Hoffnungen, Reformpolitik, Bildungsoffensive, dann der Wetterwechsel durch den Ölpreisschock 1973, die RAF, die Reduktion aufs Wesentliche", sagt der Politikwissenschaftler Wolfgang Kraushaar. "Letztlich ist es doch ein Jahrzehnt der Enttäuschungen geworden."
Dabei haben die Siebziger so gut begonnen. Auch für die neue sozial-liberale Regierung. In den Ortsvereinen der SPD herrscht Gedränge. "Alle wollen dabei sein, wollen gestalten", sagt Helmut Spannel. Als Willy Brandt ins Knie bricht, ist er 32 Jahre jung, ein Kind des Gezeitenwechsels, der propagierten Chancengleichheit. "Mit 15 beim Krupp über die Mauer geworfen", wie er seine Schlosser-Lehrjahre beim großen Stahlwerk nennt, bildet sich Spannel in Abendschulkursen bis zum Bauingenieur hoch. Und führt den SPD-Ortsverein in Wattenscheid-Eppendorf. Bald müssen sie ihn teilen, Eppendorf-Heide und Eppendorf-Denkmal. "Parteifreunde bringen Bekannte mit, die mal reingucken wollen. Die kommen das nächste Mal wieder, bringen wieder einen mit, der bleibt auch dabei. Und so geht das Monat um Monat." Was können wir machen, Helmut? Parteizeitung austragen, kassieren? Wenn der wirtschaftspolitische Sprecher der Bundestagsfraktion in die Aula der Realschule Höntrop kommt, sitzen da 400 Menschen. Die Partei, nicht der Fernseher ist Informationsquelle. Und es ist die Partei, die Stadtteilplanung betreibt und umsetzt. Wollen wir erst die Schule, dann das Schwimmbad und die Straße bauen oder umgekehrt? Die kommunalen Behörden nicken nur ab, was die SPD vorgibt.
Die Grenzen verfließen. Bei Hoesch, dem Dortmunder Stahlwerk, melden sich die Schichten früher ab, wenn mal wieder Wahlkampf ansteht: Willy kleben. Die Plakatwände werden im Werk gemacht. Nieten, Schrauben, Kleister, das ganze Material, kein Thema, sagt Jan Tech, Spannels Dortmunder Parteifreund. Die Personalchefs, die sogenannten Arbeitsdirektoren, das sind Gewerkschafter. Gewerkschafter, das sind Genossen. Wenn Willy Brandt am 1. Mai von Hoesch aus zu Fuß zur Kundgebung im Westfalenpark aufbricht, gehen Tausende mit. Menschen, die sich angezogen fühlen von diesem "Durchlauferhitzer fremder Empfindungen", wie der Schriftsteller Lars Brandt 35 Jahre später in seinem Buch "Andenken" über den eigenen Vater schreibt.
Aufbruch und Bewegung, wohin man blickt. Vor allem in Berlin, der Frontstadt linker und linksradikaler Sehnsüchte. Aus Osterode ist Eleonore Möding rübergekommen, um "einen politisch linken Kontext" zu leben: "frei, gleichwertig, mit allen Schwierigkeiten und Irrtümern - im akademischen Bereich wie auch im sexuellen". Seit dem Wintersemester 1970 studiert sie, noch keine 20, politische Wissenschaften. Sie schließt sich dem Sozialistischen Frauenbund an, und als im Sommer 1971 junge Frauen für eine Initiative gesucht werden, ist sie dabei. "Mein Bauch gehört mir", heißt die Aktion der 28 Jahre alten Journalistin Alice Schwarzer, für die sie den stern gewinnt. Endlich soll der Paragraf 218 fallen, der die Abtreibung unter Strafe stellt, eines der vielen Relikte einer männerdominierten Gesellschaft. "Wir haben abgetrieben!", titelt der stern am 6. Juni 1971. Und schreibt unter das Selbstbekenntnis von 374 Frauen: "Dies ist kein Aufstand gegen das Recht, sondern ein Protest gegen die Verlogenheit eines Paragrafen, an den selbst Richter nicht mehr glauben. Klagt uns an, sperrt uns ein, wenn ihr den Mut dazu habt." Die alte Regelung drängt beinahe eine Million Frauen pro Jahr in die Illegalität.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 47/2008
Spezial In einem Spezial zeigt stern.de die Menschen, die in den vergangenen 60 Jahren Geschichte geschrieben haben. Zum Beispiel die Siebziger: Ein Erfurter erzählt, warum er zum Zahnarzt musste, um 1970 Willy Brandt zu sehen; ein Video klärt, was die Ölkrise mit Playmobilfiguren zu tun hatte. Im virtuellen Wohnzimmer für jedes Jahrzehnt gibt es insgesamt mehr als 55 Filme und Audio-Slideshows. www.stern.de/deutschland