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29. Oktober 2003, 15:39 Uhr

Unter Kinderschändern

Monatlicher Treff der Gruppe München in Schwabing. Ein Vorstellungsritual wie bei den Anonymen Alkoholikern. "Boylover" Norbert sagt: "Ich bin der Norbert, ich streichle gern Buben am nackten Oberkörper, so zwischen acht und 18." Gelächter im Raum. Norbert ist neu hier. Neu ist offenbar auch "Girllover" Roland, ein stiller, grauhaariger Mittvierziger: "Ich bin der Roland und stehe auf Mädchen, nach unten keine Grenzen." Insider wissen damit, dass für Roland auch sehr kleine Mädchen in Betracht kommen. Die meisten der 15 Männer hier sind kurz angebunden. "Uli, Mädchen." Oder: "Berthold, Jungs." Das sind die, die nicht zum ersten Mal hier sind.

Einige davon haben bereits "staatliche Unterbrechungen" hinter sich. Keiner will diese Erfahrung noch einmal machen. Walter ist 60 und sagt: "Das ist die Hölle." Wer als Kinderschänder im Knast sitzt, wagt sich kaum aus seiner Zelle. Kinderschänder sind für die anderen Knackis "Abschaum", der jederzeit mit brutaler Gewalt rechnen muss.

Weil polizeiliche Zugriffe gefürchtet sind, spricht man auf dem Treff stets in der dritten Person, wenn von sexuellen Erlebnissen oder "Anekdoten" berichtet wird. "Es könnte ja immer mal sein, dass da ein Spitzel ist", sagt Thorsten, um die 30, der auf Jungs steht. Nur nach dem Treffen redet man offen miteinander, beim Italiener nebenan. Oder bei den geheimen Treffen, zu denen nur "geprüfte" Pädos zugelassen werden. Die Kriterien für eine Zulassung sind zuvor schon diskutiert worden: "Das entscheiden drei Leute mit Menschenkenntnis, und die bestätigen der Gruppe: Ja, der ist sauber." Man will sich in Ruhe austauschen in den so genannten Selbsthilfegruppen. Über das, was das Leben eines Pädophilen nun mal bestimmt: Einsamkeit und Depression, Umgang mit Polizei und Justiz, Erfahrungen und Probleme, die die Beziehung zu Kindern betreffen.

Um "Selbsthilfe" im Sinne der Anonymen Alkoholiker geht es in den Städtegruppen nicht, weil hier Pädophilie nicht als Krankheit gilt. Es geht darum, "dass wir zusammenrücken, uns gegenseitig stärken, denn Leute mit unserer Veranlagung sind nur dann stark, wenn wir viele Leute kennen, die genau gleich denken". In den Gruppen tauscht man Tipps aus, wie man möglichst unbehelligt von Polizei und Justiz leben kann.

Jürgen Lemke, Psychotherapeut in der Berliner Einrichtung "Kind im Zentrum", hat sich intensiv mit den gruppendynamischen Prozessen beschäftigt. Er betreut Täter, die ihm die Justizvollzugsanstalten zur Therapie schicken: "Die Leute verständigen und bestätigen sich in diesen so genannten Selbsthilfegruppen. Das ist, als würden Sie Füchse, die im Gänsestall jagen, irgendwo zusammenbringen, damit sie ihre Erfahrungen austauschen, wie sie die Gänse am besten jagen und greifen."

Bundesweit organisiert sind die meisten Pädo-Selbsthilfegruppen, die es in fast jeder größeren deutschen Stadt gibt, unter dem Dach der "Arbeitsgemeinschaft Humane Sexualität (AHS)" mit Sitz im hessischen Gießen. Die "AG Pädo" in der AHS will mehr Verständnis für die Pädophilen in der Gesellschaft wecken und kämpft gleichzeitig für die Straffreiheit sexueller Beziehungen zwischen Erwachsenen und Kindern - wenn die damit "einverstanden" sind. Gefordert wird nicht das Recht, Kinder zu missbrauchen, sondern das Recht der Kinder auf sexuelle Selbstbestimmung.

 
 
 
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