Und gefällt ihr eine Idee, sucht etwa die soziale Organisation Ashoka Sponsoren für Unternehmer, die etwas für die Armen tun, so läuft Klatten in Kairo durch die Slums und schaut sich an, wie sich dort aus Lehm und Müll Hütten bauen lassen. Erst dann gibt sie Geld, ein wenig Geld. Sie sollen es allein schaffen, die Firmen, denen sie hilft, und erst recht die UnternehmerTUM.
Das Jahr geht dahin, Hauptversammlungen, Gründertreffen, die geplante Übernahme von Altana - Susanne Klatten hat viel zu tun. Wenig Zeit, um an Sgarbi zu denken. "Ich habe mich innerlich davon distanziert. Schon um gesund zu bleiben, um sich nicht runterziehen zu lassen. Man ist ja das Ziel krimineller Energie."
Von Tag zu Tag geht es ihr besser. Sie schließt Frieden mit sich.
"Man muss Fehler machen. Ich habe gelernt, dass ich ein bisschen weicher werde, im positiven Sinne, wenn ich sage: Ich darf Fehler machen, genauso wie andere Menschen. Und ich bin nicht verantwortlich dafür, was der Rest der Welt von mir erwartet."
Im Sommer wird in Italien Sgarbis Mittäter verhaftet, erste Gerüchte dringen durch. Susanne Klatten weiß: Es wird nicht mehr lange dauern, bis alle Welt von ihrer Affäre erfährt. Sie fühlt sich gewappnet. Sie hatte ja Zeit, sich darauf einzustellen.
Und so wirkt sie, als sie im Oktober mal wieder in Hamburg ist und Unternehmer trifft, frei und glücklich wie lange nicht. Sie trägt goldene Sterne in den Ohren, einen nachtblauen Samtblazer und einen Batikrock, und sie strahlt und scherzt: "Du schon wieder", wirft sie Walter Gunz, dem Gründer von Media Markt, entgegen, der bei einem Mittagessen zu ihr tritt. Einige Bekannte wundern sich tuschelnd: "Ich kann das gar nicht glauben."
Einige Tage später "platzt die Bombe", wie Susanne Klatten sagt. "BMW-Erbin erpresst!" Klatten muss erfahren, wie groß die Illusion war, sie könne sich vorbereiten. Die Überschriften schreien sie nur so an. Ihr Gesicht prangt überall, im Fernsehen, in den Zeitungen, in Deutschland, England, China. All diese Einzelheiten: das Hotelzimmer, die Geldübergabe, ihre Aussagen bei der Polizei.
Harald Schmidt kündigt eine Sondersendung an: "Geld oder Liebe, das Milliardärinnen-Spezial", und Johannes B. Kerner redet mit Sexberaterin Erika Berger darüber. Alle reden drüber. Nur eine schweigt.
Mitte November, Susanne Klatten am Telefon. Sie ist zu Hause in München. Ihre Stimme klingt fest und weich zugleich. Sie kann nicht frei sprechen, sagt sie, es ist ein laufendes Verfahren. Heute war ihre Geschichte wieder in den Lokalblättern. Und im Internet stehen die Protokolle der Vernehmung. "Das tut mir weh." Pause. "Man muss sich distanzieren, einen Schutz aufbauen. Sonst droht es mir schlecht zu gehen."
Also zurück in die alte Rolle? Disziplin, Schweigen? Nein, sagt sie. "Ich habe in den zwölf Monaten gelernt, mit dem Leben anders umzugehen, meinen Perfektionismus weiter abzulegen." Sie will den Weg weitergehen, den sie so spät gefunden hat. "Ich will gelassener werden, Ich habe mir die Aufgabe gestellt, fröhlich zu bleiben." Ein neues Leben wartet auf sie. Die Menschen kennen nun ihr Gesicht, ihre Geschichte. Wie das wohl ist für die Quandt-Erbin, die Milliardärin, die Frau, die ihr Leben lang in Geld gemessen wird?
"Ich habe viele Briefe bekommen", sagt Susanne Klatten. "Von Freunden, von Kollegen, von alten Klassenkameraden, die ich seit 35 Jahren nicht gesehen habe."
Pause.
"Das berührt mich. Ich werde sehr wohl als Mensch wahrgenommen."