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4. Juni 2009, 08:34 Uhr

Das Protokoll der Katastrophe

Die Piloten des Air-France-Airbusses haben offenbar minutenlang verzweifelt gegen den drohenden Absturz der Maschine gekämpft. Das legen die letzten Funksignale von Flug AF 447 nahe, die derzeit von Luftfahrtexperten analysiert werden. Demnach fielen nacheinander lebenswichtige Bordsysteme aus, ehe der Jet vermutlich in der Luft auseinanderbrach.

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Das Absturzgebiet der Air-France-Maschine im Atlantik: Die Aufnahme der brasilianischen Luftwaffe zeigt eine lange Ölspur© DPA

Nach dem Absturz des Air-France-Airbus mit 228 Menschen an Bord konzentrieren sich die Ermittlungen auf die Rekonstruktion der letzten Minuten des Fluges 447 von Rio de Janeiro. Aus Ermittlungskreisen verlautete, das Flugzeug sei in eine schwere Gewitterfront geraten, die genaue Absturzursache lasse sich aber nur nach Bergung und Auswertung der Black Boxes mit Flugschreiber und Stimmenaufzeichnungen klären.

Zuvor hatte ein Bericht der brasilianischen Zeitung "O Estado de Sao Paulo" für Aufsehen gesorgt. Darin dokumentierte das Blatt eine Serie von Funkmeldungen, die der Airbus A 330 unmittelbar vor dem Unglück abgesetzt hatte. Das Protokoll wurde inzwischen aus Kreisen der an den Ermittlungen beteiligten Luftfahrtindustrie bestätigt. "Das sieht ganz klar wie die Geschichte eines Flugzeuges aus, das auseinanderbrach", analysierte ein Gewährsmann der Luftfahrtindustrie. "Wir wissen noch nicht warum. Aber das werden die Ermittlungen zeigen."

Der Zeitung zufolge schickte der Pilot gegen 23 Uhr Ortszeit ein manuelles Signal, dass der Airbus durch eine Region mit "CBs" flog: schwarze, elektrisch aufgeladene Wolken, die mit starken Winden und Blitzen einhergehen. Satellitendaten haben gezeigt, dass Gewitterwolken zu dieser Zeit bis zu 160 Stundenkilometer schnelle Sturmböen gegen die Flugrichtung der Maschine schickten.

Zehn Minuten später, um 23.10 Uhr, sandte das Flugzeug eine ganze Serie von automatischen Funkmeldungen aus, die darauf hindeuten, dass der Autopilot abgeschaltet und das Computersystem auf eine alternative Energieversorgung umgeschaltet wurde. Kontrollen, die für die Stabilität des Flugzeugs gebraucht werden, waren zu diesem Zeitpunkt bereits beschädigt. Außerdem ertönte ein Alarmsystem, was dem Bericht zufolge auf eine weitere Verschlechterung der Flugsysteme hindeutet.

Drei Minuten später deuten weitere automatisch gefunkte Signale darauf hin, dass zwei weitere wichtige Systeme, mit denen die Piloten Geschwindigkeit, Höhe und Richtung überwachen, ausgefallen sind. Dann gibt es eine ganze Flut von anderen elektrischen Ausfällen in den Systemen, die den Hauptflugcomputer und die Tragflächen-Störklappen kontrollieren.

Die letzte Meldung kam dann, wie bereits bekannt, um 23.14 Uhr brasilianischer Zeit. Sie weist auf einen Abfall des Kabinenluftdrucks und einen Ausfall der Elektrik hin. Die Zeitung erklärte, dies könne einen plötzlichen Druckabfall bedeuten oder auch heißen, dass das Flugzeug schon in den Ozean stürzte.

Das dokumentierte Szenario spreche laut dem Hamburger Luftfahrtexperten Heinrich Großbongardt klar gegen Spekulationen über einen Bombenanschlag. Vier Minuten vom Abschalten des Autopiloten bis zum Abfall des Kabinendrucks seien "dann doch eine eher lange Zeit. Das zeigt, dass die Piloten versucht haben, das Problem in den Griff zu bekommen." Einen Gewitterblitz als Ursache schloss Großbongardt ebenfalls aus: "Ein Blitzschlag holt kein Flugzeug dieser Größe vom Himmel."

Experten vermuten, dass die Piloten versucht haben, sich mit ihrem Radar durch die Gewitter zu navigieren, einen Weg durch "Löcher" in den bis zu 15 Kilometer hohen Unwetterwolken zu finden und dabei in eine Falle gerieten, aus der es keinen Ausweg mehr gab.

Suche läuft auf Hochtouren

Unterdessen läuft die Suche in dem fraglichen Seegebiet auf Hochtouren. Am Mittwoch hatten Militärflugzeuge weitere Trümmerteile des Unglücks-Airbusses geortet. Der brasilianische Verteidigungsminister Nelson Jobim teilte mit, amerikanische, französische und brasilianische Spezialflugzeuge suchten im Atlantik nach Trümmern des Airbus A330. Bisher seien 640 Kilometer nordöstlich der Inseln Fernando de Noronha in einem großen Umkreis von 230 Kilometern Wrackteile gesichtet worden, darunter am Mittwoch ein sieben Meter langes Trümmerteil und ein 20 Kilometer langer Ölteppich. "Es wurden aber keine Leichen und Überlebenden gefunden", sagte Jobim.

Ein Sprecher der brasilianischen Luftwaffe sagte, die in einem weiten Umkreis gesichteten Trümmerteile des Airbusses könnten darauf hindeuten, dass der Pilot eine Umkehr versucht habe: Sie seien knapp außerhalb der Flugroute gesichtet worden, nahe dem Ort, von dem das letzte Funksignal der A330 gesendet worden sei.

Im Laufe des Donnerstags werden weitere Schiffe der Marine in dem Seegebiet erwartet. Sie sollen eine Zone mit einem Radius von 230 Kilometer durchkämmen, die sich in der Nähe der Sankt-Peter-und-Pauls-Felsen, einer winzigen, kahlen und unbewohnten Inselgruppe im Atlantik, befindet. "Es gibt keinerlei Zweifel, dass die Absturzstelle an diesem Ort ist", sagte Jobim.

Explosion gilt als unwahrscheinlich

Durch die im Atlantik entdeckten Ölspuren der abgestürzten Maschine kann nach Einschätzung Jobims eine Explosion an Bord des Airbusses möglicherweise ausgeschlossen werden. "Wenn es Ölspuren gibt, dann deshalb, weil das Öl nicht verbrannt wurde", sagte er. Dadurch lasse sich eventuell eine Explosion ausschließen. Aus dem Grund wird inzwischen auch ein Terroranschlag sowohl von Frankreich als auch von Brasilien und dem US-Verteidigungsministerium ausgeschlossen.

Die Bergung der Flugschreiber wurde von der französischen Ermittlungsbehörde unterdessen angesichts des bis zu 7000 Meter tiefen Ozeans fast schon aufgegeben; zudem werden französische Schiffe mit Spezial-Tiefsee-U-Booten wegen schlechten Wetters erst kommende Woche im Absturzgebiet eintreffen. Die Black Boxes senden 30 Tage lang Funksignale. Der französische Chefermittler Paul-Louis Arslanian sagte, er sei bezüglich der Bergung "nicht optimistisch".

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AP/DPA
 
 
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