Nur noch ein einsames "Oben bleiben"

30. Januar 2012, 22:20 Uhr

"Wenn der Südflügel fällt, werden wir uns nicht mit Trillerpfeiffen zufrieden geben." Schal wirkt die frühere Kampfansage des Widerstands gegen Stuttgart 21. Als der Abrissbagger das erste Stück aus dem Gebäude reißt, zeigen sich nur noch wenige Demonstranten. Von Anna Hunger, Stuttgart

Rund hundert Demonstranten warten in einer Mischung aus Schaulust und Pflichtgefühl vor den Absperrungen des Südflügels am Stuttgarter Hauptbahnhof. Einige von ihnen schoben schon in der Nacht zum Montag vor dem Gebäude Wache. Es sind "symbolische Handlungen", sagen sie. Viel retten können sie eh nicht mehr. Auch nicht an diesem Nachmittag.

Im Hintergrund steht ein Kran mit einer riesigen Schutzplane, daneben ein Bagger, einige Bauarbeiter mit gelben Westen, viele Journalisten, noch mehr Polizei. Und mittendrin: Der Südflügel, 277 Meter stolzes Gestein. Es ist kurz nach eins, der Einsatz wurde von 14 Uhr kurzfristig auf 13 Uhr verlegt. Aber offensichtlich ist irgendwas am Baggeraufsatz kaputt. Drei Bauarbeiter mühen sich, bis einer eine Brechstange ansetzt. Ein Aufsatz wird aufgeschraubt - eine Art Zange mit Rostansätzen, sie sieht aus wie ein großes Zahnarztinstrument. Es ist still, nur vereinzelt Pfiffe, ein einsames "Oben bleiben" schallt über den Platz, die Journalisten langweilen sich.

Kräfte sparen für die Räumung des Schlossgartens

An diesem Montag werden "Fakten geschaffen". Genau genommen der erste große Fakt nach Abriss des Nordflügels und dem Polizeieinsatz im vergangenen September. Mitte Januar hatte die Polizei das Gelände vor dem Bahnhof geräumt, um den Bauzaun aufzustellen. Seitdem wird der Südflügel entkernt. Für den Protest ist es die Manifestation seiner Niederlage schlechthin. Der Südflügel, kaputt. Vielleicht sind auch deshalb so wenige gekommen. Damit spart man Kräfte für die bevorstehende Schlossgartenräumung, die vermutlich am Donnerstag ansteht.

Auf die Straße hat einer einen Juchtenkäfer gemalt mit den Ausmaßen einen Schafs: "Ey Kretsche, dafür hamm wir dich nicht gewählt" steht darüber - eine Botschaft an den grünen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann. Darunter: "Super-Juchti rettet den Schlossgarten." Ein frommer Wunsch, denn in der vergangenen Woche hatte das Eisenbahnbundesamt das Verbot von Baumfällungen im Mittleren Schlossgarten aufgehoben und der Bahn die Genehmigung erteilt, 176 Bäume zu fällen oder zu verpflanzen. 20 Bäume bleiben dem geschützten Juchtenkäfer zuliebe stehen, zwei weitere sind den Fledermäusen geschuldet - immerhin. Der erste Kahlschlag begann vergangene Woche ein Stück entfernt am Wagenburgtunnel. Noch in letzter Sekunde wollte Peter Dübbers, der Enkel des Bahnhofsarchitekten Paul Bonatz, mit einem Eilantrag den Abriss des Südflügels stoppen - ohne Erfolg.

Resigniert, traurig, unaufgeregt

Auch Projektsprecher Wolfgang Dietrich ist da. Mit fein geknotetem blauem Schal ist er zu diesem symbolträchtigen Akt gekommen. Er sei froh, dass es nun endlich losgeht, sagt er, und dass die Bahn nun nicht nur das Recht, sondern gleichfalls die Pflicht habe, diesen Bahnhof zu bauen. Die Demonstranten trillern. "Kein Wunder", sagt ein Polizist, "wenn der Dietrich da durchläuft."

Der Bagger hebt seinen Greifarm und beißt das erste Stück aus dem Gebäude. Es staubt. Irgendwann bricht ein Demonstrant durch die Absperrung. Kurze Aufregung, dann ist auch das vorbei. Die Stimmung: resigniert, traurig, unaufgeregt, mit Ausnahme einer Frau, die aus Leibeskräften brüllt: "Die Mafia! Die Mafia! Alles von der Mafia bezahlt!" Einer grinst. Andere murmeln "genau". Aber so leise, das es kaum einer hört.

"Opfer grüner Untätigkeit"

Hatten noch vor einigen Monaten einige Demonstranten gedroht, "Wenn der Südflügel fällt, werden wir uns nicht mit Trillerpfeifen zufrieden geben", passiert an diesem Montag kaum etwas. Die Anti-S21-Aufkleber auf den Straßenschildern am Schlossgarten scheinen nur noch Relikte. "Heute Abend zur Montagsdemo werden Tausende kommen", hofft ein Demonstrant.

Und tatsächlich: Ab 18 Uhr ist es gestopft voll vor dem Südflügel, Montagsdemo, ein paar mehr sind gekommen, als zu den vergangenen Demos. Trotzdem ist es vor allem gewohntes Protestpublikum. Sie haben Holzschnipseln der gefällten Bäume vom Wagenburgtunnel zu einem säuberlichen Haufen aufgeschichtet. Ein Kranz rot-weißer Nelken mit einer Schleife liegt darauf: "Bäume unserer Stadt, Opfer grüner Untätigkeit." Die Schnipsel soll man einpacken, sagt ein Parkschützer ins Mikrofon, und an den Ministerpräsidenten schicken.

"Dieses Projekt wird scheitern"

Mittendrin steht eine Krankenschwester, Mitte 40. Ob die wenig besuchte Aktion am Mittag der Abgesang ist auf die Niederlage dieses Widerstands? "Nee", sagt sie überzeugt. "Es werden noch so viele Termine kommen, zu denen wir zeigen können, dass wir nicht aufgeben." Ein anderer sagt: "Den Südflügel können wir ja wieder aufbauen. Die Bäume nicht mehr." Außerdem würden die Montagsdemos getragen von Berufstätigen, und die könnten halt um zwei Uhr Nachmittags nicht.

Im Hintergrund ruft Protest-Pfarrerin Guntrun Müller-Enßlin zum Durchhalten auf: "Die Schlossgartenrodung wird der Paukenschlag sein, der unsere Bewegung noch enger zusammenschweißt. Verlassen Sie sich darauf: Sie werden uns nicht los, es sei denn, das Projekt stirbt, und dieses Projekt wird sterben." Es klingt wie eine Drohung.

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