Ein Amoklauf in der eigenen Schule: Dieses schreckliche Erlebnis musste Astrid Hahn, Rektorin der Albertvile-Realschule in Winnenden, am 11. März mit Schülern und Kollegen erleiden. Im stern.de-Interview spricht sie über kleine Schritte in die Normalität, gibt Einblicke in ihre Gemütslage und erklärt, wie sie Amokläufer Tim K. nennt.

Viele Tag lagen Kränze und Kerzen vor der Albertville-Realschule in Winnenden. Rektorin Astrid Hahn ist mit der Schule mittlerweile in Container gezogen© Michael Latz/ddp
Wir sind immer noch sehr betroffen; die schreckliche Tat wird uns lange begleiten. Viele von uns haben psychologische Unterstützung bekommen. Das hat gut getan. Wir versuchen in die Zukunft zu schauen und Normalität zu leben, was aber nach wie vor einigen schwer fällt.
Die Monate nach dem Amoklauf sind in drei Phasen unterteilt. In den ersten eineinhalb Wochen unmittelbar danach haben wir die Schulbesuchspflicht ausgesetzt, es fand kein normaler Unterricht statt, daran war nicht zu denken. Aber wir konnten nicht davon ausgehen, dass die Eltern aller Kinder tagsüber Zeit haben. Außerdem mussten wir unsere Schüler, die ein so schreckliches Erlebnis hinter sich hatten, auffangen, ihnen helfen. Deshalb gab es in dieser Zeit Betreuungsangebote in sechs verschiedenen Hallen. Die Kinder haben dort Sport getrieben, Spiele gemacht. Und natürlich war ein enormer Redebedarf vorhanden. Die schrecklichen Erlebnisse mussten verarbeitet werden. Psychologen waren in diesen Hallen im Einsatz. In Gruppen- oder Einzelgesprächen haben sie mit den Schülern gesprochen. Dann, in der zweiten Phase, waren wir an verschiedenen Schulen in der Region verteilt. In jeder Gastschule war jeweils eine Stufe unserer Schule untergebracht. Parallel wurde eine Containerschule errichtet, in der wir dann am 18. Mai eingezogen sind.
Wir mussten zunächst einen ganz neuen Stundenplan zusammenstellen. Ein Grund dafür war, dass Kollegen ausfielen. Zwei Referendarinnen und eine Lehrerin gehören ja zu den Opfern, einige Kollegen waren und sind psychisch noch nicht in der Lage, ihr volles Deputat zu unterrichten. An den Gastschulen haben teilweise zwei Lehrer als Tandem zusammen eine Klasse unterrichtet, dadurch konnten die Kollegen unterstützt werden, es war sofort jemand da, wenn ein Kollege nicht mehr konnte. An jeder Gastschule waren zudem Psychologen anwesend. In den drei am stärksten betroffenen Klassen, in denen Schüler und eine Referendarin erschossen wurden, haben ständig mehrere Psychologen am Unterricht teilgenommen, um jederzeit den Schülern helfen zu können.
Sehr große. Einige scheinen, zumindest von außen betrachtet, das Erlebte recht gut weggesteckt zu haben. Andere hingegen haben immer noch sehr damit zu kämpfen. Vor allem die Schüler, die zu den drei erwähnten Klassen gehören, sind teilweise immer noch traumatisiert.
Es gibt Schüler, die lange Zeit gar nicht in die Schule kamen. Es gibt Kinder, die unter großen Konzentrationsschwierigkeiten leiden, andere können kaum schlafen, manche hatten und haben Panikattacken.
Auf jeden Fall. Alle Kollegen sind von diesem Ereignis noch immer sehr betroffen, einige sind in psychologischer Behandlung. Es waren ja auch einige Lehrkräfte sehr nahe am Geschehen, mich eingeschlossen.
Astrid Hahn Astrid Hahn, 57, ist seit 2003 Rektorin der Albertville-Realschule in Winnenden