Sie trinken. Exzessiv. Schamlos. Und bis zum Umfallen. Dabei filmen sie sich, um diese Trinkpornos dann ins Internet zu stellen. Videos mit Alkoholexzessen von Jugendlichen haben Hochkonjunktur. Experten warnen davor, dass sie Nachahmer finden, wie Werbung wirken - und so den Trend Komasaufen verstärken. Von David Meiländer

Vorbild Internet: Auf einer Videoplattform zeigt sich ein Jugendlicher, wie er ein Flasche, angeblich mit einem stark alkoholischen Getränk, leert© stern.de
Von oben regnet es, aus den Flaschen kommt das Bier. Drei Jugendliche stehen auf einem gepflasterten Weg, hinter Ihnen nur ein weites Feld, ein paar Meter entfernt ein Gewässer. Das dunkelblaue Auto parkt direkt daneben. Es ist Anfang Januar, wahrscheinlich irgendwo in der Nähe von Magdeburg. Was gleich passiert, werden sich nachher etwa 1000 Menschen ansehen. Aufgezeichnet von einer Kamera und eingestellt bei Youtube. Das Zeugnis einer Wette. Es geht um 60 Euro. Wer von den dreien am meisten trinkt, gewinnt. Nach etwa vier Minuten gibt es einen Sieger - die Verlierer erbrechen sich daneben im Gras.
Saufen bis es nicht mehr geht: Das ist bei Jugendlichen weit verbreitet. Mehr als 23.000 Jugendliche mussten im Jahr 2007 ins Krankenhaus, weil sie zu viel Bier, Schnaps und sonstigen Alkohol zu sich genommen hatten, heißt es im Bericht der Drogenbeauftragten Sabine Bätzing. Noch nie habe es so viele gegeben. Trinken bis zur Bewusstlosigkeit. Daher stammt der Begriff "Komasaufen". Erst am Dienstag hat eine Studie der Deutschen Angestelltenkrankenkasse das Ergebnis erbracht, dass Werbung im Kino, im Fernsehen oder im Internet den Alkoholkonsum Jugendlicher erheblich beeinflusst.
Jugendschützer fürchten nun, dass auch selbst gemachte Komasaufvideos, eingestellt bei Youtube oder Myvideo, Jugendliche zum Trinken animieren. Am digitalen Stammtisch fallen auf bizarre Weise alle Hemmungen und alle Schamgrenzen. Dabei empfinden viele Jugendliche die Exzessvideos offenbar nicht als Entblößung, sondern, im Gegenteil, als Beleg für vermeintliche Heldentaten. Sie protzen - und erhalten Beifall aus der Netzwelt. Der Hannoveraner Kriminologe Christian Pfeiffer hält die Videos wegen der Gefahr der Nachahmung für gefährlich und jugendgefährdend.
Jonas, 18 Jahre alt und Schüler in Bonn. Er schaut sich Saufvideos schon seit Jahren an. "Ich würde nicht sagen, dass mich so etwas zum Trinken animiert", sagt er. "Aber ich sitze dann schon vor dem Bildschirm und denke: Respekt: Soviel hätte ich nicht vertragen."
Wie viel jeder Einzelne verträgt, darüber tauschen sich Jugendliche im Internet aus. In Foren oder in Schülernetzwerken wie Schueler.cc. "Komasaufen? Warum nicht?", schreiben sie darin und zeigen sich auf Fotos mit ihren Trophäen: Leer getrunkene Bier- und Schnapsflaschen.
Auch Tobias K. kann sich noch an die Zeit erinnern, als er seinen Freunden auf diese Art etwas beweisen wollte. "Aber später hat es einfach nur Spaß gemacht", sagt der heute 29-Jährige. Zum Beispiel bei seinem ersten Urlaub in Palma de Mallorca vor neun Jahren - dem Ort, wo sich Trink- und Feierwillige treffen. K. baute eine Internetseite. "Frei-saufen.de", hieß sie - später auch erreichbar unter mitsaufen.de. Unter dem Slogan "Feiern bis der Arzt kommt" tauschten sich etwa 1000 Mitglieder über Trinkspiele, Biersorten und ihre Alkohol-Exzesse aus. Fotos inklusive. "Jugendliche hat es bei uns nicht gegeben", beteuert der 29-Jährige, der sein Geld mittlerweile komplett mit Internetseiten verdient. "Und Einnahmen hatte ich mit der Seite auch nicht." Kaum eine Kunde sei bereit gewesen, in diesem Umfeld zu werben. Nachdem ein Fernsehsender über ihn berichtete, nahm er das Angebot vom Netz. "Ich will in die aktuelle Diskussion nicht mit reingerissen werden", sagt er. "Meine Seite war ziemlich klein. Die größte Saufcommunity ist Youtube."
Das Internet und seine zahlreichen Möglichkeiten, eigene Videos und Fotos einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen, hat auch die Arbeit von Johannes Becker verändert. Er ist Sozialarbeiter in Köln. In seinen Jugendwerkstätten kümmern sich Lehrer, Werk- und Sozialpädagogen um Heranwachsende, die aus der Bahn geraten sind: Sei es wegen eines schlechten Schulabschlusses oder weil sie ihre Wut nicht im Zaum halten können. "Die Jugendlichen filmen sich bei den verschiedensten Dingen und stellen es ungefragt ins Netz", sagt er. "Wir versuchen es hier bei uns zu unterbinden und sanktionieren sehr stark - der letzte Fall ist einige Zeit her. Aber was die Jugendlichen in ihrer Freizeit machen, können wir natürlich nicht beeinflussen."