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13. Juli 2008, 18:04 Uhr
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Das Beste kommt noch

Mann ist gerade 50 geworden. Erfolgreich, gesettelt, und noch plagen keine schlimmen Zipperlein. Doch langsam schleicht sich Unruhe ein: Wie viele Sommer habe ich noch? stern-Autor Michael Stoessinger, 52, besuchte Altersgenossen in ganz Deutschland. Sein Fazit: Jetzt fängt der Spaß erst richtig an.

Axel Bungert, 53: "Zum Glück muss man mit über 50 nicht mehr permanent unters Volk"© Mareike Foecking

Wie alt man geworden ist, sieht man an den Gesichtern derer, die man jung gekannt hat.
Heinrich Böll

Vielleicht kündigt es sich an einem vorfrühlingshaften Märzsamstag beim zweiten Becher Kaffee - die Kinder lärmen weit draußen auf dem Feld - so an:
Er: "Hast du das gesehen?" - Sie: "Was soll ich gesehen haben?"
"Na, hier, die Todesanzeigen." - "Wer ist denn gestorben?"
"Thomas Rodenkirchen." - "Kenne ich nicht."
"Ich auch nicht, aber der war Jahrgang 55." - "Ja, und?"
"Mensch, verstehst du denn nicht, der war erst 53." - "Nö, verstehe ich nicht, was hat das mit uns zu tun?"
"Mit uns nichts, aber mit mir."

Da steht es dann im Raum. Das Alter. Und mit ihm die Fragen, die Ängste: Wie viel Zeit bleibt mir noch, und wofür? Das Leben war gut bis hierhin, aber ist gut schon ausreichend? Was will ich noch? Bin ich am Ende undankbar? Mit Ende 40, Anfang 50 beginnt bei Männern die Suche; oft, ohne zu wissen, was sie denn finden wollen. Es beginnt der Abschied von der Jugend, und sei sie nur noch eingebildet gewesen in den vergangenen Lebensjahren. Die Haare ergraut, oder dünn, oder beides. Die Zahl der zugelegten Kilos dokumentiert bei vielen das Alter, wie die Jahresringe eines Baumes - alle zwölf Monate zwei Päckchen Butter. Und selbst, wer sich schlank joggt oder den perfekten Fettstoffwechsel hat, einer wie Dominique Horwitz, spürt das Älterwerden. "Kniegelenke und Wirbelsäule melden sich lautstark zu Wort", sagt der 51 Jahre alte Schauspieler, "sie führen ernsthafte Gespräche mit dir. Es ist zwar nicht schmeichelhaft, aber viel angenehmer, die Schnürsenkel auf dem Höckerchen zu binden."

Ein Bewusstsein für Zeit beginnt

Spätestens mit dem ersten Rentenbescheid der BfA macht sich Unruhe breit. So eine Ahnung vom "richtigen" Leben, das mehr sein muss als ein Ablauf von Wochen, Monaten und Jahren, mehr als die Aufzucht der Kinder und weitere Schritte auf der Karriereleiter. Privat in mehr oder minder geregelten Verhältnissen, beruflich gesettelt bis saturiert, rückt schmerzhaft ins Bewusstsein, worüber Männer gestern noch glaubten, in Hülle und Fülle verfügen zu können: Zeit.

Es sind nur wenige, wie der TV-Produzent und NDR-Talkshow-Moderator Hubertus Meyer-Burckhardt, die glaubwürdig vorwärtsverteidigen: "Wenn das Leben ein dreiwöchiger Urlaub ist, dann sind zwar zwei um. Aber die letzte genießt man immer mehr als die ersten zwei." Man kann das so sehen, wenn man eher der Typ Midlife-Cruiser denn ein Midlife-Crisler ist. Die meisten Männer um die 50 aber greifen nach vorn, um dann rückwärts zu rechnen: "Wenn's gut läuft, noch 20, 25 Sommer." Oder, um in Meyer-Burckhardts Bild zu bleiben - wenn das zweite Ferienwochenende um ist, geht's meist ruck, zuck: Donnerstag noch mal so richtig versacken. Freitag packen. Samstag Abreise.

"Hinter allem, was wir denken, sagen, meinen und verbal so schön camouflieren, leuchtet die Schrift an der Wand, das Wort Tod", sagt Hans-Joachim Schwarz, Leitender Chefarzt des psychiatrischen Krankenhauses im schleswig-holsteinischen Rickling. "Man spricht von der Zeit, die vergeht, vom Älterwerden, mancher redet mit Pathos davon, der kalte Abendhauch sei spürbar. Dass es aber eben auch um den Tod geht, um die Integration dieses Begriffes in meine Biografie, das wird nicht benannt."

Die große Sinnsuche

Zwischen der Süße der letzten Ferienwoche und der Bitternis der Abreise, zwischen dem Gespräch mit Meyer-Burckhardt, 51, und dem Treffen mit Psychiater Schwarz, 62, liegen drei Wochen, 2000 Kilometer und 13 weitere Gespräche, um jenem bei Männern so ausgeprägten Phänomen auf die Spur zu kommen, das mit Sinnsuche umschrieben werden kann, der Suche nach dem anderen, manchmal auch der anderen, der Jüngeren.

Die schriftliche Info für die Patienten der Gemeinschaftspraxis Eugenstraße in Tübingen ist kurz gehalten: "Dr. Haumann wird ab 16. 2. eine kleine Auszeit für eine Reise nehmen. Der gewohnte Praxisbetrieb geht weiter. Frau Holler und Dr. Siegel übernehmen die Vertretung. Weitere Informationen zu der Reise unter docseidenraupe. blogspot.com."

Kleine Auszeit? Richard Haumann, Allgemeinmediziner in der südwestdeutschen Uni-Stadt, ist seit dem 16. Februar mit dem Rad unterwegs von Athen nach Peking. Zwei Tage vor der Eröffnungsfeier der Olympischen Sommerspiele am 8. August wollen der 55 Jahre alte Haumann und seine teils erheblich jüngeren Velo-Sophen da sein. Nach 175 Tagen um die halbe Welt.

Selbstfindung und Flucht vor dem Selbst

Doc Seidenraupe hat beinahe alles durch, Hochgebirgstouren mit dem BMX, Marathon, Männercamp. Männercamp, das ist die adulte Form des Pfadfinderlagers seliger Zeiten, als wir "Die Moorsoldaten" sangen, Händchen hielten, noch einen Scheit nachlegten und Chai tranken. Wir sagten so jung-dumme Sätze wie "Wen die Götter lieben, den lassen sie früh sterben". Männercamps heute, das sind vorgebliche Selbstfindungs-Happenings mit wechselnden Themen. Eines der letzten, internationalen organisierte 2005 der Grüne Grashalm e. V. bei Wismar. Thema: Leben mit Frauen. Was zwischen den ersten Wallungen am Lagerfeuer und dem Feld-, Wald- und Wiesenseminar falsch gelaufen sein muss zwischen den Geschlechtern, wollen wir später erörtern. Selbsterfahrungstrips nach Wismar, durch Grönland oder auch nur in die Fränkische Schweiz jedenfalls helfen selten weiter. Der Ausflug ist meist nichts als Ausflucht, Flucht vor sich selbst.

Wovor fliehen Sie, Herr Haumann? "Vor nichts und niemandem, ich hatte nur das Bedürfnis, Zeit für mich zu haben. Jenseits der 50 merkst du die Endlichkeit, was willst du also noch machen? Ich wollte nicht so weiterleben wie so viele, die sagen: Wenn ich mal in Rente bin, dann mache ich die tollen Dinge. Es musste etwas sein, das jetzt ist und das ausschließlich mit mir zu tun hat." Die Reise, sagt er, sei nicht Egotrip, sondern Resultat vieler Gespräche mit seiner Frau und den drei Kindern, zwei bereits erwachsen. Und wenn er es recht bedenke, sei seine Frau die Türöffnerin gewesen. "Sie sagte eines Tages, du hast dich verändert, du hast weniger Dynamik, wirst schneller müde. Du solltest mal nach dir schauen. Auch ein Patient sprach mich darauf an. Es war nicht das fehlende Engagement, ich arbeite seit 15 Jahren in einer gut gehenden Gemeinschaftspraxis, bin ein engagierter Arzt, betreue Methadon- und HIV-Patienten. Aber ich merkte selbst die Erschöpfung, spürte, dass ich die innere Distanz verlor zu meinem Beruf.

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Ausgabe 28/2008

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KOMMENTARE (10 von 10)
 
Biggi80687 (15.07.2008, 18:52 Uhr)
Männer um 50
Guter Bericht, aber es stimmt, es geht
hier fast ausschliesslich um Männer aus der Oberschicht. Es ist ja allgemein bekannt, das Männer jenseits der 50 grosse Probleme haben mit ihrer Identität. Sie nehmen sich junge Frauen,verlassen die Familie und meinen, dann wird alles besser.
Sicher kann man das nicht verallgemeinern, aber in einer bestimmten Schicht, ist es wohl an der Tagesordnung. Aber es gibt ja
auch genug junge Frauen, die sich
einen Älteren nehmen, dann sind sie
versorgt. Anstatt in Würde älter zu
werden und die Jahre ganz anders
zu geniessen, fragen sich Männer,
soll das alles gewesen sein?
Frauen jenseits der 50 werden für
Männer uninteressant. Frauen jenseits
der 50 sind heute gut drauf, die
brauchen keinen jungen Mann um sich
selber zu finden und mit sich im
Reinen zu sein.
Liebe Männer, ihr solltet in Würde
altern und die Zeit, die Euch noch
bleibt geniessen, eine Jüngere ist
anstrengend und kostet Nerven und
viel Geld !
utospatz (14.07.2008, 12:49 Uhr)
Der größte Irrtum der Menschheit ist,
wenn ein alter Zausel sich beim Rasieren ein Glätten seiner Falten verspricht, denn anschließend hat er ein zerschnittenes Gesicht. Ich z.Bsp. freue über jede Falte in meinem Gesichte mich, denn dieß sind Lachfalten, die ich errungen, beim Anhören von dämlichem Politikergeschwätz!
Da hilft selbst ein Botoxgetränkter Rasierer nicht!
botoxia (14.07.2008, 11:40 Uhr)
Freue mich auf die 45
Bin zwar kein Mann, macht aber nichts. Sollte eigentlich Angst vorm altern haben, wegen Optik (Hängebusen und Orangenhaut) und Krankheiten, kann mich aber nur schwer mit dieser Angst identifizieren. Werde 45. Mit 40 habe ich beruflich nochmal völlig neu angefangen. Selbständigkeit, wegen "kein Job mehr gekriegt, mit 40". Ich bin gefühlte 30. "Echte 20" würde ich nicht mehr sein wollen, altern macht Spaß und das Leben kann schön sein.
Fiasc0 (14.07.2008, 08:03 Uhr)
Werd doch erstma 50 !
Warum immer diese Angstmache vor dem Alter ? Erstmal alt werden ist schon ne Herrausforderung, in diesem Artikel auch noch so glücklich.
In jeder anderen Kultur werden Alte geachtet nur hier in Deutschland werden sie entmündigt.
Warum sollte sich denn ein Deutscher auch aufs altern freuen ? Ihm droht Entmündigung und landet als Anonymer im Pflegeheim, in dem bei einer Arbeitlosenzahl von rund 4 Mill. Personal fehlt. Und dafür soll er auch noch sparen sobald er ein Billigjob bekommt.
DAS SYSTEM STINKT !
JoeausderHeide (14.07.2008, 00:02 Uhr)
Guter Artikel, ABER
..auf den zweiten Blick dann doch nicht so gut. Die Verwendung seltsamer Vokabeln wie "gesettelt" laesst leider das Folgende vermuten: der Artikel wurde aus dem Englischen geklaut, die Fotos und Namen der Beteiligten etwas modifiziert und das ganze einmal gut durchgemischt um es als recyclete Ware wiederzuverkaufen.
Macht aber nichts, denn die Problematik und das Thema sind faszinierend. Ich bin 27 Jahre alt und wenn ich darueber nachdenke dass ich vor zwanzing Jahren ein sehr kleiner Junge war (fuehlt sich an wie vorgestern), aber in zwanzig Jahren auch zu den sehr alten Maennern gehoere, dann kommt mir das kalte Grauen und ich spuere schon den eisigen Atem der Midlife bzw. Endlifecrisis.
Was ist real, wenn sich die Zeitwahrnehmung im Laufe des Lebens so eklatant veraendert. Es fuehlt sich an als ob die Zeit immer schneller vergeht je aelter man wird.
schichtarbeiter (13.07.2008, 20:12 Uhr)
Malocher
Berichtet doch mal über den Malocher aus der Fabrik.
Bei dem fängt das leben mit 50 sicher nicht an.
Warum wird immer nur über die Oberschicht berichtet und nicht über den Normal sterblichen?
Achso, das will keiner wissen, man möchte sich keine Gedanken machen. Im Urlaub schaue ich mir auch keine Slums an, auch wenn es die Masse des Volkes ausmacht!
LisaT (13.07.2008, 20:07 Uhr)
Danke, Herr Stoessinger
Ein differenzierter, bereichernder Artikel. Ein großes Lob dem Autor und jenen Männern, die den Mut hatten, offen über sich selbst zu berichten.
speedbirdsky (13.07.2008, 19:14 Uhr)
age
the age between 50 and ....?
Youth is not a period of time. It is a state of mind, a result of the will, the quality of imagination, a victory of courage over timidity, a taste for the adventure over the love of comfort. A man doesn't grow old because he has lived a certain number of years. A man grows old when he has deserted his ideal. The years may have wrinkled his skin, but deserting his ideal wrinkles his soul. Preoccupations, fears, doubts, and despair are the enemies which slowly bow us toward the earth and turn us into dust before death. You will remain young as long as you are open to what is beautiful, good and great; receptive to the message of other men and women, of nature and of God. If one day you should become bitter, pessimistic, and gnawed by despair, may God have mercy on your old man’s soul?
barcelona 2008
bluebird artist 61 years
TiloKlaas (13.07.2008, 18:35 Uhr)
Na ja...
Das problem faengt doch schon sehr frueh an, in der Schule z.B., der beste wirde immer hervorgehoben, das praegt. Spaeter im Leben, wenn nicht alles so gelaufen ist, wundert man sich dann waru, war man frueher doch mal der Beste, dann gibts die Mid-life crisis, und alles dreht sich nur um sich selber.
Vielen Mannern wuerde es seelisch besser gehen, wenn sie ihre Energie anderen zuteil lassen wuerden. Der staendige Fokus auf sich selbst faellt weg, und man bekommt eine NEue Ausrichtung. Wie waers zum Beispiel mit Freiwilligenarbeit im Tierheim?
herdubreid (13.07.2008, 18:22 Uhr)
Hier gehts nur um Männer der Oberschicht,
die sich eine Auszeit leisten können. Was ist mit den übrigen 80%?
Und was ist "gesettelt"????
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