Mann ist gerade 50 geworden. Erfolgreich, gesettelt, und noch plagen keine schlimmen Zipperlein. Doch langsam schleicht sich Unruhe ein: Wie viele Sommer habe ich noch? stern-Autor Michael Stoessinger, 52, besuchte Altersgenossen in ganz Deutschland. Sein Fazit: Jetzt fängt der Spaß erst richtig an.

Axel Bungert, 53: "Zum Glück muss man mit über 50 nicht mehr permanent unters Volk"© Mareike Foecking
Wie alt man geworden ist, sieht
man an den Gesichtern derer,
die man jung gekannt hat.
Heinrich Böll
Vielleicht kündigt es sich an einem vorfrühlingshaften
Märzsamstag beim
zweiten Becher Kaffee - die Kinder lärmen
weit draußen auf dem Feld - so an:
Er: "Hast du das gesehen?" - Sie: "Was
soll ich gesehen haben?"
"Na, hier, die Todesanzeigen." - "Wer ist
denn gestorben?"
"Thomas Rodenkirchen." - "Kenne ich
nicht."
"Ich auch nicht, aber der war Jahrgang
55." - "Ja, und?"
"Mensch, verstehst du denn nicht, der
war erst 53." - "Nö, verstehe ich nicht, was
hat das mit uns zu tun?"
"Mit uns nichts, aber mit mir."
Da steht es dann im Raum. Das Alter. Und mit ihm die Fragen, die Ängste: Wie viel Zeit bleibt mir noch, und wofür? Das Leben war gut bis hierhin, aber ist gut schon ausreichend? Was will ich noch? Bin ich am Ende undankbar? Mit Ende 40, Anfang 50 beginnt bei Männern die Suche; oft, ohne zu wissen, was sie denn finden wollen. Es beginnt der Abschied von der Jugend, und sei sie nur noch eingebildet gewesen in den vergangenen Lebensjahren. Die Haare ergraut, oder dünn, oder beides. Die Zahl der zugelegten Kilos dokumentiert bei vielen das Alter, wie die Jahresringe eines Baumes - alle zwölf Monate zwei Päckchen Butter. Und selbst, wer sich schlank joggt oder den perfekten Fettstoffwechsel hat, einer wie Dominique Horwitz, spürt das Älterwerden. "Kniegelenke und Wirbelsäule melden sich lautstark zu Wort", sagt der 51 Jahre alte Schauspieler, "sie führen ernsthafte Gespräche mit dir. Es ist zwar nicht schmeichelhaft, aber viel angenehmer, die Schnürsenkel auf dem Höckerchen zu binden."
Spätestens mit dem ersten Rentenbescheid der BfA macht sich Unruhe breit. So eine Ahnung vom "richtigen" Leben, das mehr sein muss als ein Ablauf von Wochen, Monaten und Jahren, mehr als die Aufzucht der Kinder und weitere Schritte auf der Karriereleiter. Privat in mehr oder minder geregelten Verhältnissen, beruflich gesettelt bis saturiert, rückt schmerzhaft ins Bewusstsein, worüber Männer gestern noch glaubten, in Hülle und Fülle verfügen zu können: Zeit.
Es sind nur wenige, wie der TV-Produzent und NDR-Talkshow-Moderator Hubertus Meyer-Burckhardt, die glaubwürdig vorwärtsverteidigen: "Wenn das Leben ein dreiwöchiger Urlaub ist, dann sind zwar zwei um. Aber die letzte genießt man immer mehr als die ersten zwei." Man kann das so sehen, wenn man eher der Typ Midlife-Cruiser denn ein Midlife-Crisler ist. Die meisten Männer um die 50 aber greifen nach vorn, um dann rückwärts zu rechnen: "Wenn's gut läuft, noch 20, 25 Sommer." Oder, um in Meyer-Burckhardts Bild zu bleiben - wenn das zweite Ferienwochenende um ist, geht's meist ruck, zuck: Donnerstag noch mal so richtig versacken. Freitag packen. Samstag Abreise.
"Hinter allem, was wir denken, sagen, meinen und verbal so schön camouflieren, leuchtet die Schrift an der Wand, das Wort Tod", sagt Hans-Joachim Schwarz, Leitender Chefarzt des psychiatrischen Krankenhauses im schleswig-holsteinischen Rickling. "Man spricht von der Zeit, die vergeht, vom Älterwerden, mancher redet mit Pathos davon, der kalte Abendhauch sei spürbar. Dass es aber eben auch um den Tod geht, um die Integration dieses Begriffes in meine Biografie, das wird nicht benannt."
Zwischen der Süße der letzten Ferienwoche und der Bitternis der Abreise, zwischen dem Gespräch mit Meyer-Burckhardt, 51, und dem Treffen mit Psychiater Schwarz, 62, liegen drei Wochen, 2000 Kilometer und 13 weitere Gespräche, um jenem bei Männern so ausgeprägten Phänomen auf die Spur zu kommen, das mit Sinnsuche umschrieben werden kann, der Suche nach dem anderen, manchmal auch der anderen, der Jüngeren.
Die schriftliche Info für die Patienten der Gemeinschaftspraxis Eugenstraße in Tübingen ist kurz gehalten: "Dr. Haumann wird ab 16. 2. eine kleine Auszeit für eine Reise nehmen. Der gewohnte Praxisbetrieb geht weiter. Frau Holler und Dr. Siegel übernehmen die Vertretung. Weitere Informationen zu der Reise unter docseidenraupe. blogspot.com."
Kleine Auszeit? Richard Haumann, Allgemeinmediziner in der südwestdeutschen Uni-Stadt, ist seit dem 16. Februar mit dem Rad unterwegs von Athen nach Peking. Zwei Tage vor der Eröffnungsfeier der Olympischen Sommerspiele am 8. August wollen der 55 Jahre alte Haumann und seine teils erheblich jüngeren Velo-Sophen da sein. Nach 175 Tagen um die halbe Welt.
Doc Seidenraupe hat beinahe alles durch, Hochgebirgstouren mit dem BMX, Marathon, Männercamp. Männercamp, das ist die adulte Form des Pfadfinderlagers seliger Zeiten, als wir "Die Moorsoldaten" sangen, Händchen hielten, noch einen Scheit nachlegten und Chai tranken. Wir sagten so jung-dumme Sätze wie "Wen die Götter lieben, den lassen sie früh sterben". Männercamps heute, das sind vorgebliche Selbstfindungs-Happenings mit wechselnden Themen. Eines der letzten, internationalen organisierte 2005 der Grüne Grashalm e. V. bei Wismar. Thema: Leben mit Frauen. Was zwischen den ersten Wallungen am Lagerfeuer und dem Feld-, Wald- und Wiesenseminar falsch gelaufen sein muss zwischen den Geschlechtern, wollen wir später erörtern. Selbsterfahrungstrips nach Wismar, durch Grönland oder auch nur in die Fränkische Schweiz jedenfalls helfen selten weiter. Der Ausflug ist meist nichts als Ausflucht, Flucht vor sich selbst.
Wovor fliehen Sie, Herr Haumann? "Vor nichts und niemandem, ich hatte nur das Bedürfnis, Zeit für mich zu haben. Jenseits der 50 merkst du die Endlichkeit, was willst du also noch machen? Ich wollte nicht so weiterleben wie so viele, die sagen: Wenn ich mal in Rente bin, dann mache ich die tollen Dinge. Es musste etwas sein, das jetzt ist und das ausschließlich mit mir zu tun hat." Die Reise, sagt er, sei nicht Egotrip, sondern Resultat vieler Gespräche mit seiner Frau und den drei Kindern, zwei bereits erwachsen. Und wenn er es recht bedenke, sei seine Frau die Türöffnerin gewesen. "Sie sagte eines Tages, du hast dich verändert, du hast weniger Dynamik, wirst schneller müde. Du solltest mal nach dir schauen. Auch ein Patient sprach mich darauf an. Es war nicht das fehlende Engagement, ich arbeite seit 15 Jahren in einer gut gehenden Gemeinschaftspraxis, bin ein engagierter Arzt, betreue Methadon- und HIV-Patienten. Aber ich merkte selbst die Erschöpfung, spürte, dass ich die innere Distanz verlor zu meinem Beruf.
Gefunden in...
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Stern
Ausgabe 28/2008