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7. August 2009, 12:18 Uhr

"Die wollten mich umbringen. Was sonst?"

Fünf reiche Rentner entführen einen Geschäftsmann, der sie um ihr Vermögen gebracht hat. Eine böse Posse über Gier, Naivität und ein dilettantisches Verbrechen. Von Markus Götting

Entführung, Betrug, Speyer

Knast im Keller: Unter diesem Haus im Dörfchen Hart bei Chieming hielten das Ehepaar K. und ihre Freunde die Geisel vier Tage lang

Hier an der Wohnungstür ist das passiert. Es war ein Dienstagabend vor gut vier Wochen. James Amburn hatte gerade aufgeschlossen, da kamen sie von hinten, vom Zwischengeschoss, wo sie ihm aufgelauert hatten, und schubsten ihn in den Flur. Der Willi und der Roland. Amburn sagte nur: "Was soll das?" Und weil er doch ziemlich durcheinander war, hat er den beiden erst mal ein Bier angeboten.

Man kennt sich, duzt sich, man trank erst mal einen. Amburn, 56, ist Finanzmakler, einer, der Geschäfte einfädelt, Geld von Investoren einsammelt und es in Umlauf bringt, und am Ende sollen alle eine Menge dabei verdienen. Wenn alles gut geht.

Aber es war einiges schiefgelaufen. Deshalb waren Roland K., 74, und Willi D., 60, gekommen. Willi D. ist dann noch mal kurz runtergegangen, eine Mappe aus dem Auto holen, hatte er gesagt, und Amburn saß mit Roland K. auf dem braunen Ledersofa in seiner durchaus repräsentativen Altbauwohnung in der Fußgängerzone von Speyer, 160 Quadratmeter mit vielen Antiquitäten, der Dom ist nur ein paar Hundert Meter entfernt. Als D. zurückkam, packten sie Amburn, jeder nahm einen Arm, sie drehten ihm die Hände auf den Rücken, banden sie mit Klebeband zusammen. Dann klebten sie ihm den Mund zu, später die Füße zusammen.

Fliegengitter gegen das Ersticken

Willi D. hatte eine Kiste aus dem Auto geholt, die sie vorher mit einem Fliegengitter präpariert hatten, damit das Opfer nicht erstickt. Sie packten Amburn hinein, Deckel drauf, und mit einer Sackkarre schoben sie in aller Ruhe durch die Fußgängerzone zum Auto, es war gegen 22 Uhr. Dort packten sie ihn in den Kofferraum, und los ging die Fahrt zum Chiemsee. Amburn sagt: "Ich hatte Todesangst."

Mitten in der Nacht kamen sie im Dörfchen Hart am Chiemsee an. Aus der Garage schleppten sie ihre Fracht in den Keller des Hauses von Roland K.: Klappbett, Klo, kein Fenster. Die Tür ging zu, Amburn saß im Verlies. Er sagt: "Es war alles völlig surreal. Wie in einem schlechten Film."

Im Prinzip taugt diese Story tatsächlich zum Filmstoff. Für einen Krimi. Oder eine Kriminalkomödie. Wie man's nimmt. Rentner entführen inmitten der globalen Finanzkrise ihren Anlageberater. Der Fall hat weltweit Schlagzeilen gemacht: Da wehren sich welche, wollen ihr Geld zurück, auf unfeine Art zwar, aber wenn man ansonsten hilflos ist? Das Problem an der Geschichte ist die Rollenverteilung. Die Grenzen zwischen Gut und Böse verschwimmen.

Am Altersruhesitz in Florida

Wie bei jedem guten Plot gibt es eine Vorgeschichte; diese hier spielt unter der Sonne Floridas. Da sind der Architekt Roland K. und seine Frau Sieglinde, 79, das Ärzteehepaar Gerhard F., 66, und seine Iris, 63, und der Bauunternehmer Willi D. Sie alle hatten sich einen hübschen Altersruhesitz zugelegt: großzügige Villen im Rentnerparadies Naples. Hier lernten sie James Amburn kennen. Der hatte sich Mitte der 90er Jahre mit einer Steuerkanzlei auf deutschsprachige Klienten spezialisiert; Soldatensohn, geboren in Ludwigshafen, hin und her gezogen, in Florida gestrandet. Er spricht Deutsch, wenn auch mit kuriosem Akzent.

Er erklärte seinen silberhaarigen Klienten, wie man Steuern spart. Unter deutschen Rentnern in Florida ist es eine Art Hochleistungssport, Schwarzgeld beiseitezuschaffen. "Bis vor ein paar Jahren gab es hier viele Leute, die unversteuertes Geld angelegt haben", sagt Norma Henning, deutsche Honorarkonsulin, die auch als Anwältin arbeitet. Von Amburn lernte das Quintett, dass man den Immobilienkauf besser über die Gründung einer Offshore-Firma auf den Bahamas oder den Virgin Islands organisiert, um später den Kindern die Erbschaftssteuer zu ersparen. So wurden Gerhard F. und Roland K. Besitzer von Firmen, die "Bogei Ltd." heißen oder "AGIF". Ihre Geschäftsbriefe unterschrieben sie als "President".

Dass Amburn keine in Florida gültige Lizenz als Steuerberater besaß - woher sollten sie das wissen? Dass er von der Anwaltskammer Floridas eine Abmahnung wegen unzulässiger Rechtsberatung kassiert hatte - er hatte es ihnen nie gesagt.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 32/2009

Seite 1: "Die wollten mich umbringen. Was sonst?"
Seite 2: Renditen von bis zu 18 Prozent
 
 
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