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Umarmungen für Millionen

Amma umarmt in Mannheim jeden, der will - bis zu 7000 Menschen am Tag. Ihre Liebkosungen sind kostenlos, ihre Einnahmen aus Verkäufen und Spenden gigantisch. Damit finanziert der spirituelle Popstar aus Indien ein millionenschweres karitatives Netzwerk.

Von Anke Lübbert, Mannheim

Morgens gegen 10 Uhr 30 umarmt Amma in der Mannheimer Maimarkthalle den ersten Menschen. Sie schlingt die Arme um die Frau und drückt die Stirn mit dem gelb-rotem Punkt an einen fremden Kopf. Ein Ventilator lässt ihr weißes Gewand im Luftzug flattern, während sie ein paar Sekunden in der Umarmung verharrt. Mehr als 26 Millionen Menschen soll Mata Amritanandamayi, wie Amma richtig heißt, auf diese Weise bereits umarmt haben. Warum trifft man eine fremde Frau für ein paar Sekunden Umarmung? "Ich bin gekommen, um ihr zu begegnen, ihre Energie zu spüren, ich bin sehr gespannt", sagt Georg Christov, der barfuss in der Menschenmenge auf dem Boden hockt und darauf wartet, dass er an die Reihe kommt. In der Hand hält er einen kleinen rosa Bon. Der Bon ist eine Art Eintrittskarte zum Darshan, so wird die Umarmung mit Amma von ihren Anhängern genannt. Christov hat sich aus der Pfalz auf den Weg nach Mannheim gemacht. Heute sieht er Amma zum ersten Mal. In Indien, aber auch in Europa und den USA wird die 54-Jährige als Mahatma, als erleuchteter Mensch und religiöse Führerin verehrt.

An den Wänden in der Maimarkthalle hängen Teppiche, auf einer Bühne werden Schellenkränze geläutet, getrommelt und gesungen. Helfer verkaufen indisches Essen, bunte Tücher und Devotionalien. Die Düfte von Räucherstäbchen und Chai-Tee ziehen durch die Halle. Amma ist allgegenwärtig. Ihr Gesicht leuchtet von Anhängern, Broschen und Plakaten. Sogar als kleine braune Stoffpuppe können die Besucher sie mit nach Hause nehmen. Die Umarmung ist kostenlos, alle Einnahmen aus Verkäufen und Spenden fließen an das karitative Netzwerk der Amma.

Ihre Botschaft ist simpel: Liebe und Mitgefühl

Amma ist ein spiritueller Popstar. Für ihre Veröffentlichungen, Werbeprospekte, Homepages gibt es eine Corporate Identity. Sie hat einen eigenen Fernesehsender und eine Zeitung mit einer Auflage von 900.000 Exemplaren. Ihre Botschaft ist simpel. "Liebe und Mitgefühl, das sind die Dinge, die die Welt benötigt. So viele Menschen werden nicht geliebt." Amma sagt, dass die Religionen im Grunde wenig unterscheide, sie sagt, dass sie die Kernessenz aller Religionen vertrete. Deshalb sitzen vor ihr Hindus, Christen, Moslems, Juden, Buddhisten. Und alle wollen von ihr umarmt werden. Gegen 11 Uhr 30 gibt Amma ein Interview. Weil sie aber beim Reden keine Zeit verlieren will, beantwortet sie Fragen während der Umarmungen. Ist es möglich, nach 26 Millionen Umarmungen noch den einzelnen Menschen wahrzunehmen? "Jeder Mensch ist für mich göttlich. Deshalb ist auch jeder gleich. Aber alle brauchen etwas Anderes. Ob sie von mir bekommen, was sie brauchen, müsste man eigentlich die Leute fragen." Wie am Fließband rutschen die Menschen vor ihr auf dem Boden in der Reihe nach vorne. Sie kommen mit Blumen, mit Girlanden, die sie ihr um den Hals hängen, mit kleinen Geschenken. Mit Fotos von Angehörigen, mit Kindern, mit Partnern. Im Rollstuhl, an Krücken, mit Tränen in den Augen oder einem vorsichtigen Lächeln. "Wenn jemand zum zweiten Mal kommt, erkenne ich ihn wieder. Wenn einer letztes Jahr da war und diesmal nicht kommt, erkundige ich mich nach ihm." sagt Amma.

Um das Spektakel in der Halle zu organisieren braucht es viele Helfer. Das sind zum einen die in orange und weiße Gewänder gekleideten Mönche der Amma, zum anderen jede Menge Roadies. Einer von Ammas 170 Begleitern ist Akshay, ein großer rothaariger Mann. Der 34-Jährige heißt eigentlich Matthias Schneider. Seinen bürgerlichen Namen legte er ab, als er vor 12 Jahren sein Tiermedizinstudium abbrach, um in Ammas Kloster ins südindische Kerala zu ziehen. Akshay leitet die Eventküche, in der jeden Tag 2000 bis 3000 Essen ausgegeben werden. In der Küche ist es laut, Edelstahltöpfe werden scheppernd ineinander gestapelt, aus Lautsprechern schallt fernöstliche Musik. "Ich mache das in erster Linie, um bei der Amma zu sein", sagt er, "ihre Nähe gibt mir das Gefühl angekommen zu sein. Manche erleben sie als Offenbarung oder als Wunder, mir gibt sie etwas sehr Reales, ein Gefühl von Geborgenheit." Ein paar Monate im Jahr verdingt sich Akshay als Hilfsarbeiter um Geld zu verdienen, von dem er das übrige Jahr leben kann. Unter Ammas Roadies ist das ein verbreitetes Modell. Viele leben den größten Teil des Jahres ein normales Leben, um in ihrem Urlaub mit Amma auf Tour zu gehen. Ann Sandhu ist Modedesignerin in San Francisco. "Ich hatte es irgendwann satt, mich immer nur um Äußerlichkeiten zu kümmern", sagt sie, "deshalb zähle ich jedes Jahr die Tage, bis ich wieder mit Amma unterwegs sein kann." In San Francisco entwirft Ann Sandhu Anzüge für John Lasseter und andere Hollywoodgrößen, in der Maimarkthalle verkauft sie indische Tücher für einen guten Zweck.

Und wie fühlt es sich an?

Einen Mahatma, eine spirituelle Führungspersönlichkeit zu umarmen, ist in Indien, dem Land der Unberührbaren, etwas Außergewöhnliches. Amma wird nachgesagt, dass sie als Mädchen den Zorn ihrer Familie auf sich zog, weil sie wildfremde Menschen auf der Straße umarmte. Schon früh fiel sie in ekstatische Zustände und begann die kargen Besitztümer ihrer Familie an noch ärmere Menschen zu verschenken. Ihr karitatives Netzwerk ist seither ins Gigantische gewachsen. Als Wiederaufbauhilfe nach dem Tsunami spendeten die von Amma geleiteten Organisationen Arbeitsleistungen, Material und Geld im Wert von 38 Millionen Dollar. Amma gründete Schulen und ein Krankenhaus. An einer Universität lehren Austauschprofessoren von der Pariser Sorbonne, der Technischen Universität München und aus Harvard Informatik und Biotechnologie.

Für ihre Bemühungen im Dialog der Weltreligionen und ihre karitative Arbeit bekam Amma 2002 den "Gandhi/King Preis für Gewaltlosigkeit", Sharon Stone überreichte ihr im Oktober in Paris den "Prix Cinéma Vérité 2007" für einen Dokumentarfilm über ihre Arbeit. Anschließend ließ sie sich von ihr umarmen. Zuweilen überrascht Amma mit politischen Äußerungen. Nachdem Merkel Bundeskanzlerin wurde, verkündete sie, die Deutschen hätten sich weiterentwickelt, sie hätten sonst keine Frau gewählt.

Georg Christov ist gegen 16 Uhr endlich bis zur Amma vorgerückt, er ist einer der letzten, der heute seinen Darshan bekommt. Am Ende einer langen Umarmungsreihe wird Amma 7000 Menschen an sich gedrückt haben. Und wie fühlt sie sich an, die Umarmung der Amma? Aus der Nähe sieht man, dass ihr weißes Kleid vom Blumenstaub, vielleicht auch von fremden Lippenstiften bunt gefärbt ist. Ihre Umarmung ist lang, sie ist warm, sie summt und sagt: "Meine Liebe, meine Liebe, meine Liebe." Zum Schluss drückt sie einen Kuss auf die Stirn und lacht. Moment, da ist doch etwas? Ein Gefühl von Geborgenheit, von Frieden, von Liebe? Vielleicht ist es auch nur Dankbarkeit für eine Frau, die von Indien nach Deutschland kommt, um hier zu umarmen, wer immer seinen rosa Bon abgegeben hat.

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