Umarmungen für Millionen

10. November 2007, 15:05 Uhr

Amma umarmt in Mannheim jeden, der will - bis zu 7000 Menschen am Tag. Ihre Liebkosungen sind kostenlos, ihre Einnahmen aus Verkäufen und Spenden gigantisch. Damit finanziert der spirituelle Popstar aus Indien ein millionenschweres karitatives Netzwerk. Von Anke Lübbert, Mannheim

Ammas Umarmung ist lang, sie ist warm, sie summt und sagt: "Meine Liebe, meine Liebe, meine Liebe."©

Morgens gegen 10 Uhr 30 umarmt Amma in der Mannheimer Maimarkthalle den ersten Menschen. Sie schlingt die Arme um die Frau und drückt die Stirn mit dem gelb-rotem Punkt an einen fremden Kopf. Ein Ventilator lässt ihr weißes Gewand im Luftzug flattern, während sie ein paar Sekunden in der Umarmung verharrt. Mehr als 26 Millionen Menschen soll Mata Amritanandamayi, wie Amma richtig heißt, auf diese Weise bereits umarmt haben. Warum trifft man eine fremde Frau für ein paar Sekunden Umarmung? "Ich bin gekommen, um ihr zu begegnen, ihre Energie zu spüren, ich bin sehr gespannt", sagt Georg Christov, der barfuss in der Menschenmenge auf dem Boden hockt und darauf wartet, dass er an die Reihe kommt. In der Hand hält er einen kleinen rosa Bon. Der Bon ist eine Art Eintrittskarte zum Darshan, so wird die Umarmung mit Amma von ihren Anhängern genannt. Christov hat sich aus der Pfalz auf den Weg nach Mannheim gemacht. Heute sieht er Amma zum ersten Mal. In Indien, aber auch in Europa und den USA wird die 54-Jährige als Mahatma, als erleuchteter Mensch und religiöse Führerin verehrt.

An den Wänden in der Maimarkthalle hängen Teppiche, auf einer Bühne werden Schellenkränze geläutet, getrommelt und gesungen. Helfer verkaufen indisches Essen, bunte Tücher und Devotionalien. Die Düfte von Räucherstäbchen und Chai-Tee ziehen durch die Halle. Amma ist allgegenwärtig. Ihr Gesicht leuchtet von Anhängern, Broschen und Plakaten. Sogar als kleine braune Stoffpuppe können die Besucher sie mit nach Hause nehmen. Die Umarmung ist kostenlos, alle Einnahmen aus Verkäufen und Spenden fließen an das karitative Netzwerk der Amma.

Ihre Botschaft ist simpel: Liebe und Mitgefühl

Amma ist ein spiritueller Popstar. Für ihre Veröffentlichungen, Werbeprospekte, Homepages gibt es eine Corporate Identity. Sie hat einen eigenen Fernesehsender und eine Zeitung mit einer Auflage von 900.000 Exemplaren. Ihre Botschaft ist simpel. "Liebe und Mitgefühl, das sind die Dinge, die die Welt benötigt. So viele Menschen werden nicht geliebt." Amma sagt, dass die Religionen im Grunde wenig unterscheide, sie sagt, dass sie die Kernessenz aller Religionen vertrete. Deshalb sitzen vor ihr Hindus, Christen, Moslems, Juden, Buddhisten. Und alle wollen von ihr umarmt werden. Gegen 11 Uhr 30 gibt Amma ein Interview. Weil sie aber beim Reden keine Zeit verlieren will, beantwortet sie Fragen während der Umarmungen. Ist es möglich, nach 26 Millionen Umarmungen noch den einzelnen Menschen wahrzunehmen? "Jeder Mensch ist für mich göttlich. Deshalb ist auch jeder gleich. Aber alle brauchen etwas Anderes. Ob sie von mir bekommen, was sie brauchen, müsste man eigentlich die Leute fragen." Wie am Fließband rutschen die Menschen vor ihr auf dem Boden in der Reihe nach vorne. Sie kommen mit Blumen, mit Girlanden, die sie ihr um den Hals hängen, mit kleinen Geschenken. Mit Fotos von Angehörigen, mit Kindern, mit Partnern. Im Rollstuhl, an Krücken, mit Tränen in den Augen oder einem vorsichtigen Lächeln. "Wenn jemand zum zweiten Mal kommt, erkenne ich ihn wieder. Wenn einer letztes Jahr da war und diesmal nicht kommt, erkundige ich mich nach ihm." sagt Amma.

Auch ein Promi hat mal eine Umarmung nötig: Sharon Stone lässt sich von Amma in die Arme schließen©

Um das Spektakel in der Halle zu organisieren braucht es viele Helfer. Das sind zum einen die in orange und weiße Gewänder gekleideten Mönche der Amma, zum anderen jede Menge Roadies. Einer von Ammas 170 Begleitern ist Akshay, ein großer rothaariger Mann. Der 34-Jährige heißt eigentlich Matthias Schneider. Seinen bürgerlichen Namen legte er ab, als er vor 12 Jahren sein Tiermedizinstudium abbrach, um in Ammas Kloster ins südindische Kerala zu ziehen. Akshay leitet die Eventküche, in der jeden Tag 2000 bis 3000 Essen ausgegeben werden. In der Küche ist es laut, Edelstahltöpfe werden scheppernd ineinander gestapelt, aus Lautsprechern schallt fernöstliche Musik. "Ich mache das in erster Linie, um bei der Amma zu sein", sagt er, "ihre Nähe gibt mir das Gefühl angekommen zu sein. Manche erleben sie als Offenbarung oder als Wunder, mir gibt sie etwas sehr Reales, ein Gefühl von Geborgenheit." Ein paar Monate im Jahr verdingt sich Akshay als Hilfsarbeiter um Geld zu verdienen, von dem er das übrige Jahr leben kann. Unter Ammas Roadies ist das ein verbreitetes Modell. Viele leben den größten Teil des Jahres ein normales Leben, um in ihrem Urlaub mit Amma auf Tour zu gehen. Ann Sandhu ist Modedesignerin in San Francisco. "Ich hatte es irgendwann satt, mich immer nur um Äußerlichkeiten zu kümmern", sagt sie, "deshalb zähle ich jedes Jahr die Tage, bis ich wieder mit Amma unterwegs sein kann." In San Francisco entwirft Ann Sandhu Anzüge für John Lasseter und andere Hollywoodgrößen, in der Maimarkthalle verkauft sie indische Tücher für einen guten Zweck.

Und wie fühlt es sich an?

Einen Mahatma, eine spirituelle Führungspersönlichkeit zu umarmen, ist in Indien, dem Land der Unberührbaren, etwas Außergewöhnliches. Amma wird nachgesagt, dass sie als Mädchen den Zorn ihrer Familie auf sich zog, weil sie wildfremde Menschen auf der Straße umarmte. Schon früh fiel sie in ekstatische Zustände und begann die kargen Besitztümer ihrer Familie an noch ärmere Menschen zu verschenken. Ihr karitatives Netzwerk ist seither ins Gigantische gewachsen. Als Wiederaufbauhilfe nach dem Tsunami spendeten die von Amma geleiteten Organisationen Arbeitsleistungen, Material und Geld im Wert von 38 Millionen Dollar. Amma gründete Schulen und ein Krankenhaus. An einer Universität lehren Austauschprofessoren von der Pariser Sorbonne, der Technischen Universität München und aus Harvard Informatik und Biotechnologie.

Für ihre Bemühungen im Dialog der Weltreligionen und ihre karitative Arbeit bekam Amma 2002 den "Gandhi/King Preis für Gewaltlosigkeit", Sharon Stone überreichte ihr im Oktober in Paris den "Prix Cinéma Vérité 2007" für einen Dokumentarfilm über ihre Arbeit. Anschließend ließ sie sich von ihr umarmen. Zuweilen überrascht Amma mit politischen Äußerungen. Nachdem Merkel Bundeskanzlerin wurde, verkündete sie, die Deutschen hätten sich weiterentwickelt, sie hätten sonst keine Frau gewählt.

Georg Christov ist gegen 16 Uhr endlich bis zur Amma vorgerückt, er ist einer der letzten, der heute seinen Darshan bekommt. Am Ende einer langen Umarmungsreihe wird Amma 7000 Menschen an sich gedrückt haben. Und wie fühlt sie sich an, die Umarmung der Amma? Aus der Nähe sieht man, dass ihr weißes Kleid vom Blumenstaub, vielleicht auch von fremden Lippenstiften bunt gefärbt ist. Ihre Umarmung ist lang, sie ist warm, sie summt und sagt: "Meine Liebe, meine Liebe, meine Liebe." Zum Schluss drückt sie einen Kuss auf die Stirn und lacht. Moment, da ist doch etwas? Ein Gefühl von Geborgenheit, von Frieden, von Liebe? Vielleicht ist es auch nur Dankbarkeit für eine Frau, die von Indien nach Deutschland kommt, um hier zu umarmen, wer immer seinen rosa Bon abgegeben hat.

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KOMMENTARE (9 von 9)
 
rolling_stock (11.11.2007, 18:32 Uhr)
Schwachsinn..
... dieses ewige Genöle und besserwisserische Getue der Penetrant-Christen.
@ S.H.
Zitat "fragen Sie sich doch auch mal, welche Bedeutung hat schon das Leid in der Welt und Naturkatastrophen, die tausenden Menschen das (irdische) Leben kosten, wenn das richtige Leben doch erst nach dem Tod kommt?"
So? Fragen Sie doch lieber eine Mutter, deren Kind vor ihren Augen ertrunken ist und trösten Sie diese mit den Worten. *ironie an*Ansonsten nehmen Sie sich doch lieber einen Strick und versuchen aus dem Jenseits zu morsen, wie toll das "richtige Leben" ist.*ironie aus*
Tschuldigung, aber ich kann Sie und Ihre Glaubensgenossen nicht ernst nehmen.
Und ich stelle die Existenz Ihres Gottes nicht in Frage. Jedem der seine, mir ist es egal, es gibt genug davon.
Was mich einfach nur gewaltig annervt ist, dass, sobald in irgend einer Weise eine andere Religion in die Diskussion einkommt, mindestens einer der Extrem-Christen nach vorne kommt und mit der Bibel wedelt und die gleichen müden Phrasen runtergenudelt werden, die es schon vor zig Jahren gab. Hat sich was geändert? Nein.
Wenn ich mir betrachte, was im Zeichen und im Namen des Zimmermannes heute alles verbrochen wird, wird mir übel.
starmax (11.11.2007, 09:31 Uhr)
Nur Perverse und Dumpfbacken
können das gut finden. Einstein hatte Recht:"Universum und menschliche Dummheit sind grenzenlos. Nur beim Universum bin ich mir nicht ganz sicher..."
H.P. (10.11.2007, 23:38 Uhr)
Kein Gott bestraft uns,
wir sind es selbst, wer die Natur und sich selbst zerstört, dem ist nicht zu helfen, damit hat ein Gott wenig zu tun. http://www.lebedeinbestes.de/index.html
H.P. (10.11.2007, 23:19 Uhr)
Es geht um die eigene Selbsterkenntnis
Wer sich selbst erkannt hat oder weiß wer er selbst ist, fällt auf all diese Gurus, denen es bewusst nur um Geld geht nicht mehr herein und hat mit dem, was uns die indische Bhagavad- Gita eigentlich sagen will wenig zu tun. Es geht um die eigene Selbsterkenntnis:
http://de.wikipedia.org/wiki/Ramana_Maharshi
S.H. (10.11.2007, 22:55 Uhr)
@rolling_stock
Die Formulierung hört sich ja an, als stünde die Existenz Gottes für Sie nicht in Zweifel. Aber wie es ja so üblich ist, machen Sie Gott nur für alles Unglück verantwortlich? Wenn es gut geht, braucht man Gott nicht.
Aber wenn Sie nicht an der Existenz Gottes und der Wahrheit des Christentums zweifeln, dann fragen Sie sich doch auch mal, welche Bedeutung hat schon das Leid in der Welt und Naturkatastrophen, die tausenden Menschen das (irdische) Leben kosten, wenn das richtige Leben doch erst nach dem Tod kommt?
frops (10.11.2007, 21:41 Uhr)
Gott?
ich verstehe Eure Kommentare nicht. Was hat Amma mit dem Pseudonym "Gott" zu tun? Soll sie doch die Leute umarmen wenn sie will. Ist doch schön,wenn es hilft.
rolling_stock (10.11.2007, 19:21 Uhr)
eine Umarmung ist wenigstens real
was soll ich in der Herrlichkeit Gottes (btw. welcher Gott überhaupt, ich kann mich nicht entscheiden...*fg*)wenn ich im Hier und Jetzt eine liebevolle Umarmung bekommen kann?
Mit ihren Spendengeldern lindert diese Frau die Nöte, die der angeblich "unfehlbare" Gott der Christen verursacht hat,indem er durch Naturkatastrophen seine eigene Schöpfung, Mensch, Tier und Natur zerstört.
Anemone (10.11.2007, 19:00 Uhr)
Wie blind und dumm
...sind Menschen! Sie könnten durch den Glauben an Christus ewiges Leben in der Herrlichkeit Gottes habe, aber sie geben sich mit einem Schmatzerl zufrieden? Das ist tragisch!
H.P. (10.11.2007, 18:22 Uhr)
Was es alles so gibt:-)
Wenn es einem hilft, warum nicht:-) Nur warum muss ich einen erleuteten Menschen aufsuchen, jeder Mensch hat die gleiche Ausrahlung und Kraft Menschen etwas zu gegen. Liebe und Mitgefühl.
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