Der Mann ohne Gedächtnis

28. Juni 2008, 13:41 Uhr

Er saß eines Tages auf einer Bank in Hamburg und wusste nicht, wo er war. Auch nicht, wer er war. Seitdem kämpft sich Jonathan Overfeld mühsam aus den Tiefen seiner Amnesie. Gefunden hat er eine Kindheit im katholischen Westfalen - und tiefe Wunden auf seiner vergewaltigten Seele, die nie verheilt sind. Von Kuno Kruse

Jonathan Overfeld auf einer Parkbank in Berlin. Er ist 57 Jahre alt, das weiß er aus den Akten, und er kennt niemanden, nicht in dieser Stadt und auch sonst nirgendwo©

Er riecht Rasierwasser, streicht sich über das glatte Kinn. Sein Blick gleitet die Knopfleiste hinunter. Weißes Hemd, blaue Krawatte, Blazer in gedecktem Blau, dazu Jeans. Der Duft ist ihm zuwider. Warum sitzt er auf der Parkbank? Er steht auf, geht ein paar Schritte, denkt: "Komisch, ganz fremde Gegend." Weiße Stühle, ein Café. Er setzt sich. Es ist frisch, aber die Sonne wärmt. "Was kann ich Ihnen bringen?" - Was soll er der Kellnerin jetzt antworteten? Er macht eine Kopfbewegung zum Nachbartisch: "Das da." Sie serviert etwas, das aussieht wie heiße Milch. Aber es riecht nach Kaffee. "Ein Cappuccino", sagt sie. Er kennt weder das Wort noch das Getränk, zeigt auf "Das da!" und bekommt ein Stück Kuchen dazu. Aber da ist dieses andere Verlangen, das nervös macht.

"Das da" ist ein Apfelkuchen

Wieder ist es ein Geruch. Er zieht herüber. Es ist: "Das da!" Das junge Paar am Nebentisch raucht. Er bestellt Zigaretten, reißt hastig die Packung auf. Er mag den Geschmack nicht. Aber es tut gut, den Rauch einzuziehen. Ist er Raucher? Er zahlt, geht zum Kiosk. "Das da, bitte!" Er zeigt auf eine blaue Packung mit einem Leuchtturm. "Papier?" "Papier, wozu?" "Zum Drehen." "Ach ja." Routiniert rollt er eine Dosis Schwarzer Krauser ins Blättchen.

Später wird Jonathan Overfeld die Stunden, in denen ihm die Erinnerung abhanden kam, die Phase des "Das-da" nennen. Jene Stunden, in denen er nicht mehr wusste, was ein Cappuccino ist, aber intuitiv, dass in der blauen Packung seine Tabakmarke steckte. In denen er über den Parkplatz irrte und sein Schlüssel mit dem BMW-Emblem in kein Schloss passte. In denen der Mann aus Berlin wohl wusste, was das Kennzeichen HH bedeutet, sich aber nicht erinnern konnte, was er hier in Hamburg wollte, wie er hierhergekommen war, ob er vielleicht hier lebte. An diesem Tag ahnte er nicht, dass es vielleicht gute Gründe dafür gab, dass er ein ganzes Leben vergessen hatte.

Sogar sein Alter muss er schätzen

Er war sich selbst entfallen, wie anderen eine PIN oder ein Schauspielername entfällt. "Amnesie fühlt sich nicht an", versucht er später zu erklären, "da ist nichts. Du bist einfach da." Das Gesicht, das ihn auf der Herrentoilette aus dem Spiegel ansah, erstaunte ihn nicht. "Es war klar, das war meins." Er schätzte sein Alter auf etwas über 50.

Zuerst kehren die Worte zurück. Da ist "ein Rummelplatz", über den er an diesem Tag im April 2005 irrt, "eine Kirche", in der er Konzentration sucht. Er will jemanden anrufen. Aber niemand fällt ihm ein. "Was", denkt er, "läuft hier eigentlich ab?" Fragen wie Stiche: Wie heißt du? Wie alt bist du? Welcher Beruf? Eine Frau, Kinder, Eltern, Freunde? Wieder und wieder durchwühlt er die Taschen. Ein Ausweis, ja, der könnte ihm auf die Sprünge helfen, diese blödsinnige Blockade lösen. Aber da ist keiner.

Keine Drogen im Blut

"Suchen Sie etwas?" Eine junge Frau spricht ihn an, als er vor der Bahnhofsmission auf die Vermisstenanzeigen starrt. Er erschrickt, sagt: "Ich suche mich selbst." Später im Krankenhaus sagt er: "Mir muss jemand etwas ins Glas getan haben." Die Untersuchung ergibt nichts. Keine Drogen im Blut, (später werden auch keine im Haar gefunden), kein Alkohol, Leberwerte normal, kein Hirnschlag. Ein Fall für die Psychiatrische.

"Fugue", ausreißen. Der behandelnde Psychiater hat noch einmal in der Fachliteratur nachgeschaut. Der französische Begriff kommt aus dem 19. Jahrhundert. Auslöser solcher Fluchten an einen anderen Ort, manchmal über Hunderte Kilometer und immer ins Vergessen, ist meistens Ausweglosigkeit, Angst. "Weggelaufen. Aber wovor?" Der Mann aus dem Park hat jetzt wirklich Angst. "Was kann so lebensbedrohlich gewesen sein?" Dunkle Gedanken halten ihn nachts wach: Bin ich in ein Verbrechen verwickelt?" Die Polizisten, die seine Fingerabdrücke abgenommen haben, können ihn beruhigen: Dann wüssten wir längst, wer Sie sind."

Langzeit-Gedächtnissysteme

Der Hamburger Psychiatriearzt nimmt Kontakt auf zu Hans Markowitsch, Professor für physiologische Psychologie an der Universität Bielefeld und einer der führenden Erforscher jener Flucht aus einem Leben, das zur Bedrohung wurde. Professor Markowitsch kann erklären, warum jemand lesen, schreiben, sich scheinbar normal unterhalten kann, Politiker auf Plakaten erkennt, aber nicht weiß, wer er selbst ist: Das Gehirn verfügt über verschiedene Langzeit-Gedächtnissysteme.

Da ist das für die Motorik: Fahrradfahren, einmal gelernt, immer gekonnt. Dann das perzeptuelle Gedächtnis: Ob Sommersonne oder Schnee, jeder erkennt die Landschaft wieder, ob Golf oder Lamborghini, wir ordnen es als ein Auto ein, Kaffeeduft signalisiert Frühstück. Das semantische Gedächtnis speichert kontextloses Weltwissen: Paris ist die Hauptstadt von Frankreich. Das wissen wir, aber nicht unbedingt, von wem wir das wann erfahren haben. Das entscheidende Gedächtnissystem setzt ein Bewusstsein von uns selbst voraus. Es speichert unser Leben. Dieser Teil ist der anfälligste.

Schnittbilder der Positronen-Emissions-Tomografie (PET), einem nuklear-medizinischen Durchleuchtungsverfahren, bei dem biochemische Vorgänge abgebildet werden, zeigen, dass bei Jonathan Overfeld der autobiografische Teil des Gedächtnisses deaktiviert ist.

Übernommen aus ... Stern Ausgabe 26/2008

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KOMMENTARE (5 von 5)
 
braunm (30.06.2008, 17:35 Uhr)
Amnesie: der Mann ohne Gedaechtnis
"Jonathan" bzw. H. Overfeld ist ein Beispiel von gar nicht so wenigen, die ihr Gedaechtnis verloren haben. Ich z.B. hatte durch e. Unfall ( Fahrer tot) eine Gehirnquetschung mit 4 Wochen Koma und danach eine Totalamnesie ( - alles zurück auf Null!), - auch ich wusste nicht mal meinen Namen und musste alles - selbst meinen Koerper muehsam zurueckerobern. Das war ein langer beschwerlicher Weg, - inzwischen habe ich 37 Jahre Erfahrung mit Amnesie und den Folgen. Man wird "anders".
(Machen Sie z.B. Ihrem Kind mal klar, dass Sie sich ploetzlich nicht an ihn/sie erinnern koennen.) Dann wackelt zuhause das Geruest !!!!
Wenn nach 4 Wochen Koma das Gehirn "tilt", dann muss ich zum Glueck nicht groß begruenden, wieso mir der "Film gerissen" ist, und damals war die gegnerische Haftpflicht zustaendig.
Andere Amnesie-Betroffene mit nicht so direkten Ursachen der Hirnschaedigung haben schlimmste Erklaerungsnoete (auch gegenueber Kostentraegern und Juristen), wenn z.B. durch Herzstillstand, in der Folge von Hirn-Operation oder durch eine entglittene Epilepsie oder gar durch extreme psychische Belastung oder durch das Zusammentreffen mehrerer belastender Faktoren das Gedaechtnis geschadigt wird.
Paradoxerweise nehmen durch unsere guten Rettungsmoeglichkeiten auch die Hirnschaedigungen zu, (- wenn man z.B. gluecklicherweise reanimiert wird durch lebensrettende Maßnahmen, dabei aber leider das Gehirn einen Sauerstoffmangel erleidet und geschaedigt wird).
In den 70ern sagte mir der behandelnde Neurologe & Psychiater noch "Das kann nicht sein, - sowas gibt es nicht:".
Inzwischen verbreitet sich die Erkenntnis, dass es wohl doch so ist.
Es ist sehr schwierig Aussenstehenden unsere (andere) Sicht der Welt und eine "Innenansicht einer Amnesie" zu vermitteln.
Auch Mediziner sind da oft ueberfordert.
Nach 30 Jahren Leben mit Amnesie fand ich ueber einen Presse-Artikel wie diesen hier erstmals Betroffene, und gemeinsam haben wir eine Selbsthilfeguppe gegruendet (=> www.amnesie-selbsthilfe.de) - Untertitel "Der lange Weg zurueck zum Alltag".
Wir verstehen uns und finden Wege die Tuecken des Alltags zu meistern und uns Aussenstehenden mitzuteilen.
Uns ist jede/r Betroffene herzlich willkommen. => www.amnesie-selbsthilfe.de
Loewenherz_XL (30.06.2008, 16:10 Uhr)
Die unbarmherzigen Schwestern und Brüder
Ich war selber in den ersten 7 Lebensjahren Anfang der 60iger in einem katholischen Kloster und Weisenheim untergebracht. Es war das Annakloster in Düsseldorf. Die genannten traumatischen Erlebnisse und die Seelenfolter seitens der „unbarmherzigen Erzieher“ kann ich nur bestätigen. Egal wie lang und verquer der Weg war, egal wie viel Energie für eine positive Lebensführung aufgebracht wurde, egal welche Mechanismen angewandt wurden um diese Erlebnisse zu verdrängen, irgendwann holt es einen wieder ein. Meistens passiert es in Ruhephasen, in denen man sich nicht durch den stressigen Alltag ablenken kann. Später stellt man dann fest, wie sehr diese, lang zurückliegenden Erfahrungen, trotz Verdrängung unbewusst die eigene Lebensführung und Entwicklung negativ mit beeinflusst haben obwohl man dachte „es geschafft“ zu haben.
Seitens der katholischen Kirche hat es nie ein ernsthaftes Bemühungen um Aufdeckung und Sanktionierung des in vielen katholischen Heimen stattfindenden Missbrauchs und der Seelenfolter gegeben. Die katholische Kirche hat sich, trotz vielfach bekannter Fälle in der Vergangenheit, nie bei den Opfern dieser perversen „Erzieher“ entschuldigt.
Preussin (29.06.2008, 05:43 Uhr)
Bestien im schwarzen Kittel
....und da stelle man sich vor, die wären wirklich GLÄUBIG !
Das ist wieder ein eindeutiger Beweis , sie selbst sind die Teufel vor denen sie alle Welt warnen.
fladdy36 (29.06.2008, 02:10 Uhr)
oh mein gott
warum können menschen nur so grausam sein
echtschoenhier (29.06.2008, 01:42 Uhr)
Furchtbar
Schon immer hat die Kirche als Institution funktioniert wie eine mafiöse Vereinigung. Was auffällt, ist die Tatsache, dass Vergehen an Menschen als Ausnahme artikuliert werden. Dabei ist die Kirche, unerheblich ob evangelisch oder katholisch, eine Vereinigung der Bornierten. Das hat Jesus nicht gewollt. Der Glaube ist institutionalisiert worden und anstatt liebevoll Menschen anzunehmen, hat die Kirche sich stets darum gekümmert, in offensichtlicher oder subtiler Weise Menschen zu unterjochen.
Ich wünsche Jonathan, dass er seine Erinnerung zurück bekommt, mit ihr umzugehen weiss und trotz seiner furchtbaren Erfahrungen, verursacht durch Kirche und durch solche, die sich als Kirche ausgaben, zu verarbeiten weiss.
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