Er saß eines Tages auf einer Bank in Hamburg und wusste nicht, wo er war. Auch nicht, wer er war. Seitdem kämpft sich Jonathan Overfeld mühsam aus den Tiefen seiner Amnesie. Gefunden hat er eine Kindheit im katholischen Westfalen - und tiefe Wunden auf seiner vergewaltigten Seele, die nie verheilt sind. Von Kuno Kruse

Jonathan Overfeld auf einer Parkbank in Berlin. Er ist 57 Jahre alt, das weiß er aus den Akten, und er kennt niemanden, nicht in dieser Stadt und auch sonst nirgendwo© Joachim Gern
Er riecht Rasierwasser, streicht sich über das glatte Kinn. Sein Blick gleitet die Knopfleiste hinunter. Weißes Hemd, blaue Krawatte, Blazer in gedecktem Blau, dazu Jeans. Der Duft ist ihm zuwider. Warum sitzt er auf der Parkbank? Er steht auf, geht ein paar Schritte, denkt: "Komisch, ganz fremde Gegend." Weiße Stühle, ein Café. Er setzt sich. Es ist frisch, aber die Sonne wärmt. "Was kann ich Ihnen bringen?" - Was soll er der Kellnerin jetzt antworteten? Er macht eine Kopfbewegung zum Nachbartisch: "Das da." Sie serviert etwas, das aussieht wie heiße Milch. Aber es riecht nach Kaffee. "Ein Cappuccino", sagt sie. Er kennt weder das Wort noch das Getränk, zeigt auf "Das da!" und bekommt ein Stück Kuchen dazu. Aber da ist dieses andere Verlangen, das nervös macht.
Wieder ist es ein Geruch. Er zieht herüber. Es ist: "Das da!" Das junge Paar am Nebentisch raucht. Er bestellt Zigaretten, reißt hastig die Packung auf. Er mag den Geschmack nicht. Aber es tut gut, den Rauch einzuziehen. Ist er Raucher? Er zahlt, geht zum Kiosk. "Das da, bitte!" Er zeigt auf eine blaue Packung mit einem Leuchtturm. "Papier?" "Papier, wozu?" "Zum Drehen." "Ach ja." Routiniert rollt er eine Dosis Schwarzer Krauser ins Blättchen.
Später wird Jonathan Overfeld die Stunden, in denen ihm die Erinnerung abhanden kam, die Phase des "Das-da" nennen. Jene Stunden, in denen er nicht mehr wusste, was ein Cappuccino ist, aber intuitiv, dass in der blauen Packung seine Tabakmarke steckte. In denen er über den Parkplatz irrte und sein Schlüssel mit dem BMW-Emblem in kein Schloss passte. In denen der Mann aus Berlin wohl wusste, was das Kennzeichen HH bedeutet, sich aber nicht erinnern konnte, was er hier in Hamburg wollte, wie er hierhergekommen war, ob er vielleicht hier lebte. An diesem Tag ahnte er nicht, dass es vielleicht gute Gründe dafür gab, dass er ein ganzes Leben vergessen hatte.
Er war sich selbst entfallen, wie anderen eine PIN oder ein Schauspielername entfällt. "Amnesie fühlt sich nicht an", versucht er später zu erklären, "da ist nichts. Du bist einfach da." Das Gesicht, das ihn auf der Herrentoilette aus dem Spiegel ansah, erstaunte ihn nicht. "Es war klar, das war meins." Er schätzte sein Alter auf etwas über 50.
Zuerst kehren die Worte zurück. Da ist "ein Rummelplatz", über den er an diesem Tag im April 2005 irrt, "eine Kirche", in der er Konzentration sucht. Er will jemanden anrufen. Aber niemand fällt ihm ein. "Was", denkt er, "läuft hier eigentlich ab?" Fragen wie Stiche: Wie heißt du? Wie alt bist du? Welcher Beruf? Eine Frau, Kinder, Eltern, Freunde? Wieder und wieder durchwühlt er die Taschen. Ein Ausweis, ja, der könnte ihm auf die Sprünge helfen, diese blödsinnige Blockade lösen. Aber da ist keiner.
"Suchen Sie etwas?" Eine junge Frau spricht ihn an, als er vor der Bahnhofsmission auf die Vermisstenanzeigen starrt. Er erschrickt, sagt: "Ich suche mich selbst." Später im Krankenhaus sagt er: "Mir muss jemand etwas ins Glas getan haben." Die Untersuchung ergibt nichts. Keine Drogen im Blut, (später werden auch keine im Haar gefunden), kein Alkohol, Leberwerte normal, kein Hirnschlag. Ein Fall für die Psychiatrische.
"Fugue", ausreißen. Der behandelnde Psychiater hat noch einmal in der Fachliteratur nachgeschaut. Der französische Begriff kommt aus dem 19. Jahrhundert. Auslöser solcher Fluchten an einen anderen Ort, manchmal über Hunderte Kilometer und immer ins Vergessen, ist meistens Ausweglosigkeit, Angst. "Weggelaufen. Aber wovor?" Der Mann aus dem Park hat jetzt wirklich Angst. "Was kann so lebensbedrohlich gewesen sein?" Dunkle Gedanken halten ihn nachts wach: Bin ich in ein Verbrechen verwickelt?" Die Polizisten, die seine Fingerabdrücke abgenommen haben, können ihn beruhigen: Dann wüssten wir längst, wer Sie sind."
Der Hamburger Psychiatriearzt nimmt Kontakt auf zu Hans Markowitsch, Professor für physiologische Psychologie an der Universität Bielefeld und einer der führenden Erforscher jener Flucht aus einem Leben, das zur Bedrohung wurde. Professor Markowitsch kann erklären, warum jemand lesen, schreiben, sich scheinbar normal unterhalten kann, Politiker auf Plakaten erkennt, aber nicht weiß, wer er selbst ist: Das Gehirn verfügt über verschiedene Langzeit-Gedächtnissysteme.
Da ist das für die Motorik: Fahrradfahren, einmal gelernt, immer gekonnt. Dann das perzeptuelle Gedächtnis: Ob Sommersonne oder Schnee, jeder erkennt die Landschaft wieder, ob Golf oder Lamborghini, wir ordnen es als ein Auto ein, Kaffeeduft signalisiert Frühstück. Das semantische Gedächtnis speichert kontextloses Weltwissen: Paris ist die Hauptstadt von Frankreich. Das wissen wir, aber nicht unbedingt, von wem wir das wann erfahren haben. Das entscheidende Gedächtnissystem setzt ein Bewusstsein von uns selbst voraus. Es speichert unser Leben. Dieser Teil ist der anfälligste.
Schnittbilder der Positronen-Emissions-Tomografie (PET), einem nuklear-medizinischen Durchleuchtungsverfahren, bei dem biochemische Vorgänge abgebildet werden, zeigen, dass bei Jonathan Overfeld der autobiografische Teil des Gedächtnisses deaktiviert ist.
Übernommen aus ...
Ausgabe 26/2008