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20. November 2007, 22:00 Uhr

Neue Vorwürfe gegen die Polizei

Nach dem Amok-Alarm an einem Kölner Gymnasium und dem Selbstmord eines verdächtigen Schülers ist die Polizei weiter massiv unter Druck geraten. Ein neuer Vorwurf lautet: Der Schüler sei der Polizei entwischt.

Polizisten mit Schülern vor dem Georg-Büchner-Gymnasium in Köln© Oliver Berg/DPA

Kölns Polizeipräsident Klaus Steffenhagen bestreitet den Vorwurf. Kritiker warfen der Polizei zudem vor, sie habe sich bei einer Pressekonferenz am Sonntagabend vorschnell gefeiert. Ein zweiter verdächtiger Schüler im Alter von 18 Jahren war vorübergehend festgenommen worden, ist inzwischen aber wieder frei und wird nicht mehr beschuldigt.

Der "Kölner Stadt-Anzeiger" und die "Kölnische Rundschau" berichteten am Dienstag, dass der 17-Jährige kurz vor seinem Selbstmord aus einem Gespräch mit der Polizei weggelaufen sei. Der Sprecher der Bezirksregierung Köln, August Gemünd, bestätigte, dass der Jugendliche "unmittelbar im Anschluss" an das Gespräch mit der Polizei aus der Schule verschwunden sei, obwohl noch seine Schultasche dort gestanden habe und zwei Freunde auf ihn gewartet hätten. Eine Suche sei ergebnislos geblieben.

Der 17-Jährige war zuvor dazu befragt worden, warum er Bilder eines Schulmassakers auf einer Website veröffentlicht hatte. Zunächst waren noch zwei Lehrer, darunter der stellvertretende Schulleiter dabei, "dann hat die Polizei die Lehrer gebeten, den Raum zu verlassen", sagte Gemünd.

Sprung vor die Straßenbahn

Nach dem Gespräch seien die beiden Polizisten mit dem 17-Jährigen wieder herausgekommen und dieser habe gesagt, er müsse auf die Toilette. Davon sei er nicht mehr zurückgekehrt. Er nahm sich mit einem Sprung vor eine Straßenbahn das Leben.

Nach Angaben von Gemünd, der sich auf den stellvertretenden Schulleiter berief, hatte die Polizei auch entschieden, die Eltern des Jugendlichen vor dem Gespräch nicht zu informieren. Der Jugendstrafverteidiger Siegmund Benecke sagte im WDR-Fernsehen, es sei gesetzlich vorgeschrieben, dass der Erziehungsberechtigte vor einer Vernehmung eines Jugendlichen informiert werden müsse. Die Polizei sei indirekt mitschuldig am Selbstmord des 17-Jährigen. Polizeipräsident Steffenhagen sagte dagegen, die Eltern müssten nur bei einer Vernehmung informiert werden, nicht aber bei einer "Gefährdeansprache", wie sie hier erfolgt sei.

Nach vagen Hinweisen auf einen möglichen Amoklauf in einem Gymnasium in Kaarst bei Düsseldorf wurde die Schule am Dienstag vorübergehend geschlossen. Nach der Durchsuchung des Gebäudes gab die Polizei Entwarnung. In Emsdetten gedachten die Schüler der Geschwister-Scholl-Realschule mit Eltern und Lehrern der Opfer des Amoklaufs, bei dem vor genau einem Jahr ein ehemaliger Mitschüler 37 Menschen verletzt und sich dann erschossen hatte.

Ein weiteres Gymnasium bleibt geschlossen

Wegen einer Amoklauf-Schmiererei auf einer Mädchentoilette wird an diesem Mittwoch das Märkische Gymnasium in Schwelm geschlossen bleiben. Die Schmiererei, die bereits am Freitag entdeckt worden war, gibt als Datum für die Tat den 21. November an. Die Polizei geht mit Blick auf den Jahrestag des Amoklaufs von Emsdetten von Trittbrettfahrern aus.

Noch am Sonntagabend hatte es bei der Kölner Polizei geheißen, zwei Schüler hätten bei einem Amoklauf Mitschüler und Lehrer des Georg-Büchner-Gymnasiums töten wollen. Am Montag teilte die Staatsanwaltschaft mit, dass beide Schüler schon vor vier Wochen ihren Plan aufgegeben hätten. Der 18-Jährige wurde freigelassen.

Die Kölner Staatsanwaltschaft stärkte der Polizei am Dienstag den Rücken: Bei dem Gespräch der Polizei mit dem 17-Jährigen am Freitag sei keine Selbstmordgefahr erkennbar gewesen. "Es bestehen daher keine Anhaltspunkte für ein strafrechtlich relevantes Fehlverhalten", hieß es in einer gemeinsamen Erklärung mit der Polizei. Die ursprünglich für Montag geplante Pressekonferenz zu dem geplanten Amoklauf sei auf Sonntag vorverlegt worden, um Ängsten in der Bevölkerung zu begegnen.

Polizei-Gewerkschaft: Selbstmord ist "tragisch"

Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) bezeichnete den Selbstmord als "tragisch": "Es ist empörend, der Polizei dafür die Schuld in die Schuhe schieben zu wollen", sagte der GdP-Vorsitzende Konrad Freiberg. Die Kölner Zeitung "Express" warf der Polizei dagegen eine "denkwürdige Verschleierung von Tatsachen" vor.

Hinweise auf mögliche Amok-Taten sind keine Seltenheit. Allein die Polizei in Nordrhein-Westfalen hat seit dem Amoklauf von Emsdetten innerhalb eines Jahres 75 solche Hinweise gehabt. Die meisten dieser Fälle hätten in einem Gespräch von Polizei oder Schulleitung mit dem verdächtigen Schüler bereinigt werden können, sagte ein Sprecher des Innenministeriums. In 22 Fällen habe es eine psychologische Betreuung von Schülern bis zum Krankenhausaufenthalt gegeben. 14 Fälle hätten strafrechtliche Konsequenzen wegen des Verstoßes gegen das Waffengesetz nach sich gezogen.

DPA
 
 
KOMMENTARE (10 von 12)
 
mona.lisa (21.11.2007, 17:48 Uhr)
Armer Täter ?
Was soll die Erbsenzählerei, ob die Polizei ihn schon entlassen hatte oder nicht: immerhin war er 17 und kein Baby mehr. Wer solche Mordgedanken hat und sie öffentlich zur Schau stellt, den kann auch niemand von Selbstmord abhalten: wenn er das wirklich will, dann zieht er das auch durch, egal wann. Statt Mitleid zu haben mit dem "armen Jungen, der vielleicht doch gar keinen umgebracht hätte", sollte lieber jeder froh sein, daß die beiden Spinner noch rechtzeitig entdeckt wurden, und dadurch viele Unschuldige noch einmal davongekommen sind! Oder würde einer von den "Täter-Verstehern" eigene Kinder an dieser Kölner Schule haben, dann wäre (hoffentlich) die Sichtweise eine andere!
Alex64 (21.11.2007, 12:58 Uhr)
Schon komisch
ganzbaf - das eine Mal, wenn es das "arme Opfer der Staatsmacht" ist, wird von "minderjährig" gesprochen. Ist das Opfer ein "Täter", kann man ab einem gewissen Alter von Einsicht fast wie bei einem Erwachsenen sprechen (obwohl - ich nehme an, SIE bezeichnen sich auch als "erwachsen"? Dann allerdings ...)
Zumindest war der Kleine so erwachsen, sich Waffen zu besorgen?
Und wieviele lobende Worte Ihrerseits hätte man hier gehört, hätte die Polizei nachweislich einen Amoklauf verhindert - im Gegensatz zu dem Getröte, das sie in ihrer Stammtischmanier wahrscheinlich veranstaltet hätten, hätte ein Amoklauf stattgefunden (und die ach so dumme Polizei den nicht verhindert).
Woher kommt ihre generelle Ablehnung? Bei der Polizei als nicht geeignet zurückgewiesen worden?
ganzbaf (21.11.2007, 10:20 Uhr)
Wer diese krummen Beamtenmurks noch beweihräuchert/relativiert, ist selber dumm
Was heit hie "fast Erwachsen"...? (O;..??
Im Klartext minderjährig, mein lieber Unwissender... ;-P
Auch hat die "Vernehmung" nicht einfach ohne Lehrer/Eltern stattgefnunden, sondern man hat erstere explizit herausbefördert, letztere bewußt nicht informiert - obwohl der Betroffene minderjährig und Schutzbefohlener war, der zudem und auf dem Schulgelände weilte.
.
Lehrer/Polizisten; leider oft sehr unangenehm-selbstgefällige bis überhebliche Mitbürger. Überbezahlt und unterqualifiziert.
Da muß dringend mal aufgeräumt werden.. ;-P
Blumi63 (21.11.2007, 09:15 Uhr)
@waelder
Wird da wieder mal schön der (potentielle) Täter zum Opfer gemacht? Der arme Jugendliche, dem keiner hilft und aus diesem Aufmerksamkeitsdefizit mal eben mit ein paar Waffen in einer Schule seinen ach so gerechten Frust abbauen möchte? Die Polizei kann in einem solchen Fall doch nicht mit dem Zeigefinger wackeln und "Du, du, du" schimpfen, sondern muss versuchen, den ganzen Spuk so umfassend wie möglich zu beenden. Dass Vertrauenspersonen wie Lehrer oder Eltern nicht dabei sein müssen ist ja wohl selbstverständlich, wir reden schließlich von einem fast erwachsenen jungen Mann. Dessen Selbstmord als Versagen der Polizei darzustellen und diesen den schwarzen Peter an dieser Geschichte zu übergeben, ist schlichtweg dumm.
ganzbaf (21.11.2007, 09:13 Uhr)
Ein getroffener Bulle schnaubt?....
Hi günti ;-Pp
D_C_M (21.11.2007, 09:05 Uhr)
Unschuld der Unschuldigen
Behörden haben nie Schuld, immer nur die Anderen. Behörden machen nie Fehler, immer nur die Anderen. Behörden haben immer Recht, nie die Anderen. Politiker machen ALles Richtig; die Anderen auch; Sie haben Sie gewählt.
tagora-sagittara (21.11.2007, 08:46 Uhr)
Ich möchte nicht wissen wie,...
Pünktchen, Pünktchen, der Junge verhört wurde,...ich glaube die Kölner Polizei hat sich in den 30 Jahren nicht verändert,...dann kann ich aber verstehen warum er so reagiert hat...
kochc (21.11.2007, 08:35 Uhr)
@waelder
Die Zusammenfassung von waelder finde ich korrekt, und die Kritik mehr als berechtigt: Angenommen, wir hätten es mit der realen Planungsphase eines Amoklaufs zu tun gehabt. Dann zeigt die kriminologische und psychiatrische Forschung schon nach einem kurzen Überblick, dass ein solches Vorhaben praktisch immer mit einer Selbsttötungsabsicht oder -bereitschaft verbunden ist. Ob Columbine, Steinhäuser oder jüngst Finnland: Praktisch immer enden die Schreckenstaten mit der Selbstzerstörung des Täters.
Dass also die Gefahr besteht, dass die Verdächtigen sich selbst töten könnten, hätte jedem klar sein müssen, der die Gefahr für real hielt. Entsprechend wären ganz andere Taktiken gefordert gewesen, insbesondere die Einbeziehung psychologischer Dienste und Spezialisten.
Dass das nicht geschehen ist, kann zweierlei bedeuten: Entweder, die Polizei hat die Gefahr nicht hinreichend ernst genommen. Dann ist es schändlich, wie sie sich anschließend damit gebrüstet hat, eine Katastrophe verhindert zu haben. Oder aber die Polizei hat die Gefahr sehr ernst genommen. Dann war es tödlicher Dilettantismus.
Ein weiterer Punkt: Hätte die Polizei die Sache so ernst genommen, wie sie vorgab, als sie noch mit ihrer "Leistung" prahlen wollte, dann hätte der Verdächtige ja erst recht nicht entkommen dürfen: Wer sagt denn, dass er dann nicht direkt zu seinem Waffenlager geeilt wäre, um die nächste Einkaufsstraße unter Feuer zu nehmen und einen fanalhaften Abgang zu bekommen?
In jedem Fall ist das gewerkschaftliche Gekrähe darüber, dass es Kritik am Vorgehen der Polizei gibt, unanständig. Der Tod sei "tragisch", hören wir - wieder einmal einer, der die Bedeutung dieses Begriffs nicht verstanden hat und sich so unfreiwillig ins Unrecht setzt.
Polizei und Schule sind ihrer Verantwortung nicht gerecht geworden. Fahrlässig vermutlich, aber so ist es leider.
guenti2477 (21.11.2007, 07:56 Uhr)
@ganzbaf
Es wäre schön, wenn Sie Ihren Müll zukünftig in einem Forum der Bildzeitung abladen.
Aurum (21.11.2007, 03:55 Uhr)
Schulen
Schulen in D sind ja kaum noch Stätten der Bildung. Wissen wird mangelhaft vermittelt. Klassenunterschiede machen sich schon durch die Kleidung bemerkbar. Wie wäre es denn mit der Einführung von "Schuluniformen", so wie es in vielen Ländern praktiziert wird. Das die Lehrer pädagogisch unzureichend ausgebildet sind sieht man daran, daß diese beim kleinsten Problem die Staatsmacht um Hilfe rufen, statt zu versuchen sich mit den Schülern zu unterhalten. Auch eine bessere Kommunikation zwischen Lehrern und Eltern wäre wünschenswert. Es ist traurig, was dort geschehen ist, aber der Polizei kann man meines erachtens dies bezüglich keine Vorwürfe machen. Es ist ein Versagen der Bildungspolitik.
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