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7. April 2009, 17:19 Uhr

Schüsse wie Detonationen

Völlig ohne Vorwarnung zieht Franz-Josef N. in einer Prozesspause plötzlich seine Smith & Wesson und schießt um sich. "Laut wie Detonationen" seien die Schüsse gewesen, berichtet ein Zeuge stern.de. Der Täter und seine Schwägerin sterben bei dem Amoklauf, über dessen Motiv nun alle rätseln. Von Markus Götting, Landshut

Landshut, Amok, Tote, Gericht, Koch

Der Täter und seine Schwägerin sind bei dem Amoklauf von Landshut ums Leben gekommen© Uwe Llein/AP

Es ging alles ganz schnell; so schnell, dass immer noch niemand weiß, wie genau es zu dieser Familientragödie kommen konnte. Um viertel nach neun traf sich Franz-Josef N. an diesem sonnigen Morgen mal wieder mit seiner Schwägerin vor dem Landgericht in Landshut. Es war eine von unzähligen Auseinandersetzungen in einer Familie mit sieben Kindern. Im Prinzip geht es um ein Erbe von etwa 200.000 D-Mark. Es geht also schon ziemlich lange so. Seit den Neunziger Jahren.

Das Landgericht ist ein vierstöckiger Rotklinkerbau aus den 70ern, und in Saal Acht sollte eigentlich die Auskunftsklage gegen Franz-Josef N. verhandelt werden. Weil aber der 60-jährige Koch aus Dingolfing in der Zwischenzeit die nötigen Unterlagen bereits vorgelegt hatte, wollte der Richter mit der Güteverhandlung beginnen. Er unterbrach nach einer Stunde das Verfahren noch kurz für eine Versäumnissache, Franz-Josef N. und seine Schwägerin Brigitte G. gingen zur Pause hinaus auf den Flur. Gerichtspräsident Karl Wörle sagt: "Die Stimmung war nicht anders als bei anderen Zivilverfahren auch." Und noch ist nicht geklärt, ob oder wie es zu einem Streit gekommen ist oder was dort draußen passiert sein mag. Mit einem Mal fielen Schüsse. N. schoss seiner Schwägerin in den Kopf, Brigitte G. starb noch im Gerichtsgebäude. Ihr Anwalt und eine weitere Schwägerin wurden verletzt.

Tatwaffe: Eine Smith & Wesson, Kaliber 3,57 Magnum

Franz-Josef N. ging mit seiner Smith & Wesson, Kaliber 3,57 Magnum in den Gerichtssaal zurück, der Richter schaute ihn an und sagte, er werde ihm sicher nichts tun. Er wolle nur gehen. Und dann floh er aus dem Raum. "Es passierte alles innerhalb weniger Minuten", sagt Polizeisprecher Leonhard Mayer. Die Polizei drang mit zwei Rettungs- und Angriffsteams in das Gebäude ein und als die Beamten am Tatort in ersten Stock eintrafen, fanden sie Franz-Josef N. im Gerichtssaal vor. Er hatte sich selbst erschossen. Mit der sechsten und letzten Kugel, die ihm geblieben war.

Es ist eine unübersichtliche Situation an diesem Vormittag. Hubschrauber kreisen über dem Gelände in der Landshuter Innenstadt, Hunderte Polizisten sind im Einsatz und sperren das Gerichtsgebäude großräumig ab. Alle paar Meter steht ein Beamter und hält die erstaunlich wenigen Neugierigen zurück.

Männer in weißen Overalls von der Spurensicherung gehen in das Gebäude, per Lautsprecherdurchsage werden die Angestellten am Mittag heim geschickt. Knapp vier Stunden nach der Tat kommt Reinhard Kriesel aus dem Gerichtsgebäude, einen Rollkoffer hinter sich herziehend, seine Krawatte in der rechten Hand. Er schwitzt und sieht ziemlich mitgenommen aus.

Plötzlich wurde es auf dem Flur laut

Kriesel leitet die Strafsachenstelle des Landshuter Finanzamtes, und an diesem Morgen nahm er an einer Verhandlung im Erdgeschoss des Justizgebäudes teil, bis es plötzlich laut wurde draußen auf dem Flur. "Mit einem Mal hörten wir drei oder vier Schüsse, man muss eher sagen: Detonationen, so laut war das", sagt Kriesel. Zwei Leute sprangen aus dem Fenster des Sitzungssaals, darunter der Angeklagte seiner Strafsache. Zu Acht haben sich alle anderen im Richterzimmer verbarrikadiert; Tische vor die eine Tür gestellt, einen Stuhl unter die Klinke der zweiten. Kriesel sagt: "Es war wie in einem amerikanischen Film. Wirklich."

Er habe sofort an einen Amoklauf gedacht, sagt Kriesel, dieses laute Knallen, das habe eine großkalibrige Waffe sein müssen. Und deshalb sind alle sehr vernünftig geblieben. Er sagt: "Es wollte keiner den Helden spielen." Ob er Todesangst hatte? "Nein", sagt Kriesel, "ich habe immer gedacht, warum sollte sich ein Amokläufer die Mühe machen, in unser Zimmer einzubrechen?" Er klingt jetzt sehr abgeklärt und sagt: "Amokläufer suchen sich doch leichte Opfer." Aus ihrer Deckung riefen sie die Polizei an, wenig später robbten Beamte ans Fenster und befreiten die verängstigten Menschen aus ihrem Beratungsraum. Kriesel sagt, er und die anderen seien erstmal in den Biergarten gegangen.

Es wird wohl noch eine Weile dauern, bis die Polizei das genaue Motiv für die Tat gefunden haben dürfte. Bei einer Pressekonferenz bestätigten die Beamten jedenfalls, dass der Schwiegersohn des Täters ihnen ein Papier übergeben habe. Ob es sich dabei tatsächlich um einen Abschiedsbrief des Kochs handelt, wird zurzeit noch geprüft. Unzweifelhaft ist, dass der verheiratete Franz-Josef N. seit 1974 eine Besitzkarte für drei Waffen hatte. Darunter auch der Smith & Wesson-Revolver, mit dem er nun die Tat beging. Franz-Josef N. sei Sportschütze gewesen, sagt die Polizei.

Keine gute Zeit für Sportschützen

Es ist keine gute Zeit für das Sportschützenwesen. Der Amoklauf von Winnenden ist noch keine vier Wochen her. Ein 17-jähriger erschoss 15 Menschen mit der Beretta seines waffenvernarrten Vaters, auch der ein Mitglied im Schützenverein. Man darf davon ausgehen, dass das Thema Waffenbesitz die Politik nun noch dringlicher denn je beschäftigen wird.

Von Markus Götting, Landshut
 
 
KOMMENTARE (10 von 32)
 
Countryjoe (08.04.2009, 14:39 Uhr)
@newworld
Warum sollte man diese Waffen verbieten? Weil sie in Hollywoood so gefährlich aussehen? In Deutschland kann niemand legal Vollautomaten erwerben, sondern nur (mit Zustimmung des Sportverbandes) Halbautomaten für bestimmte Sportdisziplinen. Was die Pumpgun betrifft, das ist nichts als eine stinknormale Schrotflinte und keine Wunderwaffe wie es uns Filme wie "Terminator" glauben machen wollen.
An deiner Stelle würde ich mich erstmal schlau machen bevor ich nach Verboten schreie. Das ist leicht, wenns einen selbst nicht betrifft. Aber wenns einmal anfängt hört es so schnell nicht auf und flugs lebt man in der DDR 2.0
Ein wenig Liberalismus täte dieser Debatte ganz gut. Auch wenn Politik und Presse momentan den Weg des hirnlosen Populismus einschlagen.
NewWorld (08.04.2009, 13:49 Uhr)
Definition....
Gestern war ein schöner Beitrag auf N3 zu sehen, eine Waffenmesse für Sportschützen. Was da an Waffen angebeoten wurde, hatte nichts mit Sportschiessen zu tun. Nachbauten von M16 oder eine Pumgun habe ich jedenfalls noch nicht bei den Olympischen Spielen gesehen.
Warum dürfen also Sportschützen solche Waffen kaufen? Das sollte man verbieten...
Countryjoe (08.04.2009, 11:43 Uhr)
@Lou123
Die Tatsache, daß Sportschützen an Wettkämpfen teilnehmen müssen und nicht immer ins Vereinsheim kommen.Denn wenn jeder einen Schlüssel hat, kann man sich die zentrale Aufbewahrung schenken. Zudem wäre dann, gerade bei Trap- und Skeetschützen die Menge absolut unüberschaubar riesig. Das ist viel zu riskant solche Mengen zentral zu lagern. Zudem fertigen viele Schützen ihre Mun. selbst, da diese z. T. an die Waffe angepasst werden muß. Logistisch schwierig da dann zuviel transportiert werden müsste. Die Heimaufbewahrung ist strengen Auflagen unterworfen und mehr als sicher.
Nein, ich bn kein Sportschütze, sondern beruflich betroffen.
Lou123 (08.04.2009, 11:17 Uhr)
@Countryjoe
Von mir aus lassen wir die "1-Schuss" Idee weg. Aber was spricht denn dagegen die Munition im Vereinsheim aufzubewahren?
Lou123 (08.04.2009, 11:12 Uhr)
@Countryjoe
Aha, ich rate jetzt einfach mal: Du bist in einem Sportschützenverein?
Countryjoe (08.04.2009, 11:07 Uhr)
@flyingfree
Das Volk entwaffnen? Wenn dann aber auch sämtliche Messer, Äxte, Hämmer und alles andere was sich als Waffe verwenden läßt verbieten und dann nicht vergessen, sämtliche Kampfsportler einzusperren, denn das sind ja auch Waffen.
Wäre das zu deiner Zufriedenheit?
Traumtänzer sollten sich aus dem Privatleben ihrer Mitmenschen heraushalten und der Sportschützenvorsitzende war garantiert ein Fake oder ein Vollpfosten, denn so wäre ja noch nicht mal mehr Biathlon möglich.
Lou123 (08.04.2009, 10:49 Uhr)
@Flyingfree
Das wäre auf jedenfall ein Kompromiss. Ich stelle es mir schwierig vor, beim Amoklauf nach jedem Schuss nachzuladen. Da kann ja mal was runterfallen und das potentielle Opfer hat ein paar Sekunden Zeit sich aus dem Staub zu machen oder den Täter zu überwältigen. Da wäre dann die Axt wieder die bessere Alternative. Auch das Argument, dass das organisierte Verbrechen sich die Waffen aus den Vereinsheimen klauen, wäre damit hinfällig. Die Waffen wären getrennt von der Munition und damit privat unbrauchbar.
arniston (08.04.2009, 08:21 Uhr)
@107Summer (7.4.2009, 22:59 Uhr)

Der Täter war ein Koch!
Sind alle Köche Amokläufer?
n e i n , nur manchmal schmeckts so...
flyingfree (08.04.2009, 06:19 Uhr)
@Countryjoe
"Das Volk" ganz zu entwaffnen halte ich für eine sehr gute Idee.
flyingfree (08.04.2009, 06:17 Uhr)
Sportschütze...
Gestern sagte der Vorstand eines Sportschützen Vereins in D-Radio, eine Sportschützen-Waffe sollte nur ein Projektil fassen, so dass sie nach jedem Schuss nachgeladen werden muss. Zudem sollte das
Sport-Spezialmunition sein, die ausschließlich im Vereinsheim verbleibt.
Einverstanden, sag ich dazu.
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