. .
Panorama-Nachrichten
Schlagzeilen Themen Mobil iPad Blogs Investigativ Hefte
 
Fotocommunity
Fotocommunity

Treffpunkt für ambitionierte Amateurfotografie. Bilder hochladen und bewerten, sich mit anderen Austauschen. mehr...

Weblogs bei stern.de
Weblogs bei stern.de

Die Online-Tagebücher bei stern.de: Freie Autoren schreiben hier persönlich, direkt und eigenständig. mehr...

Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka
sternTV - Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka

Vertiefende Informationen zu der aktuellen und den vergangenen Sendungen von sternTV. mehr...

stern Investigativ
stern Investigativ

Das Recherche-Team des stern. Erfahren Sie mehr über die Recherchespezialisten und ihre Enthüllungen von Terrorismus bis Wettmanipulation. mehr...

 
22. März 2009, 12:04 Uhr

Der Aufschrei der Eltern

Sie können das Unglück nicht ungeschehen machen, sie können ihre Kinder nicht wieder ins Leben zurückholen. Aber sie wollen verhindern, dass ein Amoklauf wie in Winnenden noch einmal passiert. Deswegen haben die Eltern der Opfer einen zornigen Brief an die Politik veröffentlicht.

Winnenden, Trauer, Eltern, Brief

Trauer - vor der Albertville-Realschule in Winnenden© Johannes Simon/ddp

Tausende Kirchglocken läuteten in Baden-Württemberg, Bundespräsident Horst Köhler kämpfte bei seiner Ansprache mit den Tränen - in einer bewegenden Feier nahmen Einwohner und Politiker am Samstag in Winnenden Abschied von den Opfern des Amoklaufs an der Albertville-Realschule. Kanzlerin Angela Merkel war vor Ort, auch Ministerpräsident Günther Oettinger. Viele Schüler trugen, um mitten in der Verzweiflung ein Zeichen der Hoffnung zu setzen, schwarze T-Shirts mit der grünen Aufschrift "I have a dream". Auch die Eltern der Opfer wollen es bei nicht bei der Trauer belassen. In einem scharfen, mitunter zornigen offenen Brief fordern sie die Politik, Konsequenzen aus dem Amoklauf zu ziehen. Er wurde am Samstag in der "Winnender Zeitung" veröffentlicht. stern.de dokumentiert die wichtigsten Passagen.

"Wir wollen, dass sich etwas ändert in dieser Gesellschaft, und wir wollen mithelfen, damit es kein zweites Winnenden mehr geben kann", schreiben die Eltern.

Zum Besitz von Schusswaffen führen sie aus:

"Wir wollen, dass der Zugang junger Menschen zu Waffen eingeschränkt wird. Die derzeitige gesetzliche Regelung ermöglicht die Ausbildung an einer großkalibrigen Pistole bereits ab dem 14. Lebensjahr. Bedenkt man, dass ein junger Mensch gerade in dieser Zeit durch die Pubertät mit sich selbst beschäftigt und häufig im Unreinen ist, so ist die Heraufsetzung der Altersgrenze auf 21 Jahre unerlässlich."

"Grundsätzlich muss die Frage erlaubt sein, ob der Schießsport nicht gänzlich auf groß-kalibrige Waffen verzichten kann. Bis in die achtziger Jahre hinein genügten unseres Wissens nach den Sportschützen kleinkalibrige Waffen. Bis heute sind die olympischen Wettkämpfe auf Luftdruck- und Kleinkaliberwaffen beschränkt."

"Der Gesetzgeber hat die Vergabe von Waffenbesitzkarten und die daraus entstehenden Verpflichtungen, wie zum Beispiel die Aufbewahrung von Waffen und Munition, vollständig geregelt. Die zu erwartenden Strafen bei Verstoß gegen die entsprechenden Gesetze erfüllen aber nicht ihren Zweck. Eine Ordnungswidrigkeit wird eher wie ein Kavaliersdelikt betrachtet. Der Gesetzgeber muss Verstöße gegen das geltende Waffenrecht deutlicher und stärker ahnden."

Über Gewaltdarstellungen im Fernsehen heißt es:

"Wir wollen weniger Gewalt im Fernsehen. Das Fernsehen, als noch wichtigste Informations- und Unterhaltungsplattform, hat einen sehr großen Einfluss auf die Denk- und Gefühlswelt unserer Mitbürger. Das Fernsehen setzt heute die ethischen und moralischen Standards. Wenn wir es zulassen, dass unseren Mitbürgern weiterhin täglich Mord und Totschlag serviert werden, ist abzusehen, dass die Realität langsam, aber stetig dem Medienvorbild folgen wird. Von den Sendern muss verlangt werden, dass sie ein ausgewogenes Programm anbieten und die Zurschaustellung von Gewalt reduziert wird. Eine 'Gewaltquote', der Anteil von Sendungen mit Gewalt in Relation zur Gesamtsendezeit pro Sender, sollte eingeführt werden. Die Zeiten, in denen Kinder und Jugendliche fernsehen, sollten generell gewaltfrei sein."

Eine weitere Passage ist den sogenannten "Killerspielen" sowie Chatrooms gewidmet:

"Wir wollen, dass Killerspiele verboten werden. Spiele, ob über Internet oder auf dem PC, die zum Ziel haben, möglichst viele Menschen umzubringen, gehören verboten. Gleiches gilt für alle Gewalt verherrlichenden Spiele, deren Aufbau und Darstellung sehr realistisch sind und bei denen viel Blut fließt."

"Wir wollen mehr Jugendschutz im Internet. In der virtuellen Welt werden heute anonym und gefahrlos Gedankengänge artikuliert und diskutiert, die eine Bedrohung für unsere Gesellschaft darstellen. Wie diese Aktivitäten eingedämmt werden können, wissen wir nicht. Es darf aber nicht sein, dass sich junge Menschen anonym gegenseitig aufhetzen und zu Gewalteskalationen auffordern."

Auch die Darstellung des Amoklaufs in den Medien ist Thema des Briefes:

"Wir wollen, dass der Name des Amokläufers nicht mehr genannt und seine Bilder nicht mehr gezeigt werden. Am aktuellen Beispiel von Winnenden zeigt sich, dass die derzeitige Berichterstattung durch unsere Medien nicht dazu geeignet ist, zukünftige Gewalttaten zu verhindern. Auf nahezu jeder Titelseite finden wir Namen und Bild des Attentäters. Diese werden Einzug finden in unzählige Chatrooms und Internet-Foren. Eine Heroisierung des Täters ist die Folge."

"Bei Gewaltexzessen wie in Winnenden müssen die Medien dazu verpflichtet werden, den Täter zu anonymisieren. Dies ist eine zentrale Komponente zur Verhinderung von Nachahmungstaten."

Tatsächlich gab es nach Angaben der Polizei bereits hunderte Drohungen von Schülern, es dem Winnender Täter gleich zu tun.

AP/DPA
 
 
KOMMENTARE (10 von 81)
 
esopherah (08.04.2009, 16:07 Uhr)
Böser Brief an die Eltern
ist das erste was mir gerade durch den kopf geht.
Waren es denn nicht genau diese eltern, denen es egal war dass ihre kinder mobben? Waren es denn nicht genau diese eltern, die nicht zu elternabenden erscheinen und die probleme der schule angehen?
Waren es denn nicht genau diese eltern, die gegen die herrschenden kapputtmachenden struckturen der schulen nichts getan haben?
Aber klar, das TV ist schuld und vor allem die bösen killerspiele (der erbschaftsstreit der nicht kommentiert werden darf geht bestimmt auch auf computer und das böse internet zurück).
Sorry aber die briefschreiber sollen sich lieber gedanken machen was SIE falsch gemacht haben statt allen anderen die schuld zu geben.
Furka37 (24.03.2009, 05:46 Uhr)
Mitschuld
Warum machen es sich unsere Politiker und das menschliche Umfeld dieses Täters nur so einfach?
Wer einen Menschen zum Wahnsinn treibt hat eine gewisse Mitschuld zu verantworten, so schmerzhaft der Verlust der Getöteten auch ist!
Ich spreche aus Erfahrung, weil ich auch zu den Menschen gehöre, die schon als Kind zur Aussenseiterin gemacht worden bin.
Ich wurde gemobbt wenn ich mich bemühte zu den Besten zu gehören
Nun bin ich 43 Jahre und liebe immer noch mein Leben, obwohl es genügend Menschen gibt, die mir das nicht gönnen
MahindraX (23.03.2009, 15:55 Uhr)
schon die "beste band der welt"...
...die "Ärzte" nämlich, haben bereits 1992(!) von Amok gesungen. "Mit dem Schwert nach Polen". Der text dazu ist sehr einfach im netz zu finden.Der song selbst bei youtube.
auch hier schafften (!) es Leute, die keine Amokläufer sind ( die band nämlich), sich in die (kranke) Welt eines sogenannten Amokläufers zu verdenken,- einzufühlen.
Nur war hier der Auslöser für den Amok des Protagonisten des Songs kein killerspiel ( in ermangelung derselben) sondern genau das, was quasi usus ist: es gibt einen Auslösemoment, der diese ( ja immer geplante) Eskalation "triggert" - also auslöst. Hier war es deshalb, weil dem Protagonisten nach all den ständigen, immerwährenden , urasten Kränkungen auch noch sein Mopped geklaut wurde...
see? ;-)
goofy4 (23.03.2009, 14:29 Uhr)
Wirkungslos
Die geforderten Maßnahmen sind wirkungslos. Es war bereits vor 20 Jahren kein Problem indizierte Spiele auf dem Schulhof zu tauschen. In Zeiten des Internets kann die Verbreitung nicht verhindert werden.
Außerdem: Als Kinder haben wir uns Pfeil und Bogen gebastelt, Korken vorne drauf und ab in den Wald und genau das gespielt, was heute mit Softair und Computer gemacht wird.
Das gleiche gilt für Gewalt. In Zeiten in denen man Al Quaida live beim Köpfen zusehen kann ist es nicht damit getan das Fernsheprogramm zu entschärfen.
Die Lösung kann nur darin liegen mögliche Täter frühzeitig zu erkennen. Und das können nur entsprechend geschulte Personen. Da das Geld kostet wird das aber nie passieren.
Furka37 (23.03.2009, 11:57 Uhr)
Die Winnender Zeitung.....
hat am Tag danach offen und ehrlich berichtet, das der Täter anfangs sehr engagiert und mit Freude Tischtennis gespielt hat und und in Erdmannshausen einen guten Trainer gefunden hatte.
Als der Trainer den Verein verließ brach für den Täter eine Welt zusammen.
Fazit: Täter, egal im welchem Alter, sind immer auch Opfer dieser Ego- und norm- Gesellschaft
P. S.: Ich unterstütze Mord in keinsterweise erwarte aber das Mitschuldige es sich nicht so einfach machen dürfen.
Furka37 (23.03.2009, 11:42 Uhr)
Stop!
Es ist eine Frechheit, da Sie, verehte Stern- Redaktion nicht den ganzen Brief veröffentlicht haben!
Sie gehen doch sonst immer bis ins Detail!?
Warum verschweigen Sie die Mitschuld einiger Menschen aus dem Umfeld des Täters?
OttoB (23.03.2009, 11:34 Uhr)
@Johann58 (22.3.2009, 17:03 Uhr)
Sie haben mich wohl missverstanden,
Den Brief von dem der Artikel handelt ist der Brief der Eltern der Opfer und denen gilt mein Mitgefühl, nicht den Eltern des Mörders die eine Schusswaffe frei rumliegen lassen.
ganzbaf (23.03.2009, 08:03 Uhr)
Morbide... ;-?

Gewalt ist kein positives Kulturgut. Nichts daran ist schützenswert.
Gerade auch nicht in realitätsnaher Spieleform.
.
Satire on: Ich habe früher lieber Vergewaltigungsspiele gespielt. Da kommt wenigstens niemand um´s Leben.
MahindraX (23.03.2009, 01:01 Uhr)
Angst
Solange die psychische Abwehr von Angst, über "Grandiosität" läuft, müssen Eltern zwingend(!) versuchen, ihren Kindern die Angst zu nehmen.
Ganz "einfach" eigentlich....
*seufz*
Jaynay (22.03.2009, 23:16 Uhr)
@ganzbaf:
Ich bin ihrer Meinung, dass die Eltern fahrlässig gehandelt haben.
Aber ich muss ihnen wiedersprechen, wenn sie solchen Spiele aus der Kultur ausschließen, nur weil sie nicht ihrerm Geschmack entsprechen.
Ich fand die meisten früher sehr unterhaltsam. Morbide, vielleicht, aber unterhaltsam.
Haben sie nie sowas gespielt?
(Ich weiss ja nicht wie alt sie sind)
MEHR ZUM ARTIKEL
Gedenkfeier in Winnenden Die Stunde des Schweigens

Sie waren alle zum Trauern nach Winnenden gekommen: der Bundespräsident, die Kanzlerin, der Außenminister, und, und, und. Viele von ihnen hatten Tränen in den Augen und eine brüchige Stimme. Besonders berührend wurde diese Feier jedoch nicht durch Reden - sondern durch Schweigen. mehr...

Hermann Scheer "Wir müssen das Waffenrecht verschärfen"

Angehörige der Amoklauf-Opfer in Winnenden haben ein Verbot von Killerspielen und einen erschwerten Zugang für Jugendliche zu Waffen gefordet. Im stern.de-Interview plädiert der Bundestagsabgeordnete Hermann Scheer (SPD), in dessen Wahlkreis das Massaker stattfand, ebenfalls für strengere Waffengesetze. mehr...

Gewaltdarstellung im Kino Faustschläge mit guter Botschaft

Nach den Morden von Winnenden wird wieder über "Killerspiele" und Gewaltdarstellungen im Kino diskutiert. Am Beispiel des durchaus brutalen Films "The Wrestler" hat stern.de bei der Freiwilligen Selbstkontrolle nachgefragt, wer, wann und mit wem ins Kino gehen sollte. mehr...

 
Leser werben Leser

Jetzt den stern empfehlen und attraktive Prämie sichern!

 
 
 
 
 
stern - jetzt im Handel
stern (23/2012)
Rettet die Liebe