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15. März 2009, 15:09 Uhr

Die Frage nach dem Warum

Warum hat Tim K. 15 Menschen getötet und dann sich selbst das Leben genommen? Was muss in einem Menschen vorgehen, dass er solch eine blutige Tat begeht? Er hatte doch alles, sagen Bekannte. Nur keine Freunde. Die Psychologin Rebecca Bondü sieht Parallelen zum Amokläufer von Erfurt. Von Frank Gerstenberg, Winnenden

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An dieser Stelle hat sich der Täter Tim K. das Leben genommen. In der Kreideumzeichnung haben Menschen Blumen und Kerzen abgelegt© Oliver Lang/DDP

Im Fall Tim K. passt derzeit wenig zusammen. Unklar bleibt vor allem das Profil des Täters: Während die Schulleiterin der Albertville-Realschule, Astrid Hahn, davon spricht, dass Tim K., der im vorigen Jahr seinen Realschulabschluss gemacht hat, "gut integriert" gewesen sei, zeichnet sich andererseits immer mehr das Bild eines introvertierten, verwöhnten Außenseiters ab, mit dem niemand wirklich etwas zu tun haben wollte.

Adnan Toska, ein 18-jähriger Mann aus Winnenden, dessen Freund Ibrahim H. aus der 10d im Kugelhagel starb, kannte den Amokläufer flüchtig. "Ab und zu war er im Domino, einer Diskothek, er stand immer alleine rum". Für Adnan war er ein "armes Schwein, der alles hatte, Geld, Spiele, nur keine Freunde". Seine Frisur, die "uncoolen" Klamotten, keiner stand auf ihn, schon gar kein Mädchen. Ein "Bubi", sagt Adnan.

Die Freizeitbeschäftigungen des 17-jährigen Attentäters geraten vor diesem Hintergrund in ein bizarres Licht: Er war Mitglied der Armwrestling-Mannschaft des KSV Ispringen, er ballerte im Keller des Einfamilienhauses mit insgesamt 30 Softair-Gewehren rum, begleitete den Vater auf den Schießstand beim Schützenverein SSV Leutenbach, er spielte an seinem PC Counter Strike und andere Gewaltspiele und hatte über 200 Pornobilder auf seinem Rechner. Bei keinem seiner Hobbys entstanden Freundschaften.

Fotos zeigen ihn fast immer in der gleichen Pose und mit dem gleichen Gesichtsausdruck: Der Mund ein Strich. Er steht immer am Rand, ob auf dem Klassenfoto oder auf den Bildern beim Armwrestling-Turnier. Selbst als er beim Tischtenniswettkampf platziert wird und eine Urkunde und den Pokal hochhält, ist kein Lachen auf dem pausbäckigen, runden Gesicht mit der Pony-Frisur und der randlosen Brille zu erkennen. Die von Lehrern, Großeltern und Mitschülern eingestufte Unauffälligkeit erweist sich zunehmend als Auffälligkeit, zumal von Trainern und Lehrern zu hören ist, dass Tim K. schlecht mit Niederlagen umgehen konnte und immer die Schuld bei anderen suchte.

Rebecca Bondü, Psychologin und Expertin für Schul-Amokläufe an der Freien Universität Berlin, sieht Parallelen zum Erfurt-Amokläufer Robert Steinhäuser. Zu stern.de sagte sie: "Beide Täter haben sich weitgehend in ihre eigene Welt zurückgezogen, sie zeigen psychische Auffälligkeiten und narzisstische Persönlichkeitsstörungen, die gepaart sind mit depressiven Zügen. Beide haben eine intensive Beziehung zu Gewalt und Waffen und beide hatten vor allem einen Zugang zu Waffen." Einiges deute darauf hin, dass Tim K. zu den Persönlichkeiten gehörte, die "Rache für längerfristige Demütigungen" nehmen wollen, sagt Bondü. "Der eigene Tod ist dabei oft sogar das Ziel und das Motiv für die Tat". Warum er sich nicht allein umbringt? "Möglich ist, dass er andere für die Missstände in seinem Leben verantwortlich gemacht hat und sie deswegen als Strafe mit in den Tod nehmen wollte."

Kann der Vater strafrechtlich für den Tod der Opfer verantwortlich gemacht werden?

Dass Tim K. in psychiatrischer ambulanter Behandlung war, das bestätigte jedenfalls der Leiter des Klinikums am Weissenhof in Weinsberg bei Heilbronn, Matthias Michel, in einem Interview mit dem SWR: "Der spätere Täter wurde bei uns behandelt, im Jahr 2008 auf ambulanter Basis, das heißt, er hat insgesamt fünf Termine hier bei uns gehabt und zwar dem Alter entsprechend in der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und in der dortigen Ambulanz". Die Eltern des Attentäters, Jörg und Ute K., wollen nun gegen Michel gerichtlich vorgehen, weil sie in seinen Angaben eine Verletzung der ärztlichen Schweigepflicht sehen. Überdies sei ihr Sohn nie längerfristig in psychiatrischer Behandlung gewesen. Dies wiederum hat Michel nie behauptet.

Der scheinbar kleinkarierte Streit um Begrifflichkeiten ist für den Vater möglicherweise von großer Tragweite: Denn wenn Tim psychisch krank gewesen sein sollte, könnte dem Vater angesichts der Vorliebe seines Sohnes für Waffen ein Verfahren wegen fahrlässiger Tötung und fahrlässiger Körperverletzung drohen, weil er offenbar die Mord-Waffe, eine 9-mm-Beretta, nicht wie vorgeschrieben im Tresor sondern im Schlafzimmer aufbewahrte. Dem mittelständischen Unternehmen könnte dann möglicherweise sogar wegen zivilrechtlicher Schadensersatzforderungen in Millionenhöhe auch der finanzielle Ruin drohen.

In Winnenden, Waiblingen und Wendlingen spielt sich derweil das Leben weiterhin zwischen Gedenkgottesdiensten und der psychologischen Betreuung für Schüler und ihre Angehörigen ab. Erst ab dem 23. März soll der Unterricht wieder beginnen.

Von Frank Gerstenberg, Winnenden
 
 
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