Gisela Mayer verlor beim Amoklauf von Winnenden ihre erwachsene Tochter Nina. Mit anderen Opferfamilien kämpft sie nun für schärfere Waffengesetze und gegen die Verrohung der Gesellschaft. Ein Gespräch über Schmerz und die Kraft durchzuhalten.

Gisela Mayer, 52, unterrichtet Ethik an verschiedenen Schulen. Gemeinsam mit anderen Opfer Angehörigen gründete sie das "Aktionsbündnis Amoklauf Winnenden"© Martin Wagenhan
Das erfordert unendlich viel Kraft. Über meine Tochter zu sprechen fällt mir immer noch extrem schwer. Aber ich denke, ich bin es ihr schuldig. Ihr Leben stand für so vieles: Werte, Rücksichtnahme, Respekt. Nina ist in einer vollkommen sinnlosen Weise gestorben. Unser Bündnis ist auch der Versuch, diesem Geschehen im Nachhinein einen Sinn zu geben und es wenigstens für andere irgendwie nutzbar zu machen. Wir wollten es eben nicht wie ein ... ja, wie ein Gewitter, wie eine Naturkatastrophe stehen lassen.
Erschrecken. Der zweite Gedanke war: ein Mädchen! Soweit ich weiß, war es erst die zweite weibliche Person, die einen Amoklauf versucht hat. Und eine weitere Ebene: Da ist wieder jemand, der mit dem Leben nicht klargekommen ist. Glücklicherweise ist nicht viel passiert. Eine Verletzung, die sich kurieren lässt.
Nein, das ist zu wenig. Das Beispiel St. Augustin zeigt ja gerade, dass es nur deswegen glimpflich ausgegangen ist, weil das Mädchen keine Pistole hatte. In der Verkettung vieler Umstände, die zu Amokläufen führen, sind Waffen das letzte Glied. Eine unserer Forderungen ist deshalb das Verbot von großkalibrigen Waffen. Das sind aber nur die kurzfristigen Ziele. Ich beschreibe es mal mit einem Unfallbild: Wir befinden uns gerade im Notarztwagen, was wir wollen, sind jetzt Sofortmaßnahmen.
Genau. Aber ich befürchte fast, dass wir noch fünf weitere Amokläufe brauchen, um aufzuwachen. Eigentlich steht diese Gesellschaft schon jetzt am Scheideweg. Auseinandersetzungen werden immer seltener friedlich gelöst. Und der Mord gerät fast schon zur Strategie der Konfliktlösung. Wir gehen alle sehr viel roher, sehr viel mitleidsloser, sehr viel gleichgültiger miteinander um. Es ist alles möglich, wir sind tolerant und ach so liberal. Ich nenne das Gleichgültigkeitsliberalismus. Was aber dadurch entsteht, ist Verunsicherung: Was ist wirklich wichtig und richtig im Leben? Wir brauchen klare Regeln und Werte. Wir müssen wieder Empathie lehren. Das eigentlich Erschreckende ist, dass verbale Gewalt nicht mehr als Gewalt wahrgenommen wird. Das erlebe ich täglich in der Schule. Es ist offenbar legitim, andere Menschen zu beleidigen. Wenn das nicht mehr als Gewalt definiert wird - wo soll ich denn dann ansetzen?
Diese Leute gelten sogar als Vorbilder. Können Sie sich vorstellen, wie so etwas Schule macht? Es gibt keinen Respekt mehr. Meine jüngere Tochter macht gerade diese Erfahrung. Selbst jetzt, da ihre Schwester auf diese Weise umgebracht worden ist, zeigen manche kein Verständnis für ihre Trauer. Wenn sie sich dem Jugendjargon, cool drauf zu sein, entzieht, heißt es nur: Stell dich nicht so an. Genau das meine ich mit Mangel an Empathie.
Das ist nicht der Fall. Genauso wenig, wie wir von Geburt an die Sprache beherrschen. Auch die müssen wir erlernen. Und deshalb müssen wir Sozialverhalten erlernen und so beherrschen wie unsere Muttersprache. Empathie ist eine Frage der Haltung, und die wird im Elternhaus vorgelebt. Unser größtes gesellschaftliches Problem ist die Gleichgültigkeit.
Ja, ganz, ganz sicher. Gleichgültigkeit und die Unfähigkeit, Gefühle zu empfinden. Es ist das alte Übel: Man schenkt seinen Kindern unendlich viele Dinge, man eröffnet ihnen alle Möglichkeiten, die es gibt, in sämtliche Vereine zu gehen und was auch immer zu tun. Das Einzige, was sie nicht bekommen, ist Zuwendung, wirkliches Interesse. Ein Amoklauf steht immer am Ende, er kommt nicht aus heiterem Himmel. Ich muss doch merken, dass ich mit einem verzweifelten Menschen an einem Tisch sitze. Dass da einer ist, der eigene Sohn, der mit dem Gedanken spielt, sich und andere zu töten. Das merke ich nicht? Das geht nicht, das merkt eine Mutter, das merkt ein Vater! An Äußerungen, an Körperhaltungen, an vielen verschiedenen Dingen. Nicht alles ist immer einfach nur schlechte Laune und Pubertät. Das sind wunderbare Ausreden. Deswegen gehe ich von Gleichgültigkeit aus.
Die Frage ist dann, wie viel Mühe muss ich mir machen, bevor ich resignieren darf als Mutter. Ich denke, da arbeiten wir mit viel zu niedrigen Schwellen: Wenn es beim dritten Mal nicht klappt, wird aufgegeben. Es heißt, Tim K. hat eine psychiatrische Behandlung abgebrochen. Ja, darf ich das dulden, bevor mir nicht der Psychiater wirklich erklärt, dass dafür kein Bedarf mehr besteht? Kann ich als Eltern sagen, "na, wird schon gut"? Da sehe ich die Schuld bei den Eltern. Dass Kinder und Jugendliche ihre Eltern jahrelang nicht in ihr Zimmer lassen, das kann es nicht geben. Wir müssen uns wieder einmischen in das Leben unserer Kinder. Auch wenn es mühevoll ist …
Ja, aber gewaltverherrlichende PC-Spiele sind ja nur die eine Seite. Der Ulmer Neurologe Manfred Spitzer hat einen klugen, weiterführenden Gedanken: Er sagt, dass die digitale Welt sich zwischen die Generationen schiebe. Viele Eltern verstehen nichts vom PC, Kinder sind in ihrer, der virtuellen Welt. Diese Sprachlosigkeit müssen wir überwinden. Das Wort "Einmischung" muss eine andere Bedeutung bekommen. Unsere Gesellschaft hat den Begriff der Verantwortung ausgehöhlt, vor vielen Jahren schon, indem wir ihn überdehnt haben. Das begann in einem völlig anderen Zusammenhang zu Zeiten der RAF. Da gab es die berühmten Bekennerbriefe. Na toll, das stand dann auf einem Blatt Papier. Zur Verantwortung der Terroristen hätte gehört, sich zu stellen: Ich übernehme die Schuld, ich übernehme auch die Konsequenzen.
Übernommen aus ...
Ausgabe 22/2009