Die Zeit heilt keine Wunden

26. Mai 2009, 15:15 Uhr

Gisela Mayer verlor beim Amoklauf von Winnenden ihre erwachsene Tochter Nina. Mit anderen Opferfamilien kämpft sie nun für schärfere Waffengesetze und gegen die Verrohung der Gesellschaft. Ein Gespräch über Schmerz und die Kraft durchzuhalten.

Winnenden, Amoklauf, Opferfamilien, Waffengesetze

Gisela Mayer, 52, unterrichtet Ethik an verschiedenen Schulen. Gemeinsam mit anderen Opfer Angehörigen gründete sie das "Aktionsbündnis Amoklauf Winnenden"©

Frau Mayer, Sie haben vor zwei Monaten Ihre Tochter Nina beim Amoklauf in Winnenden verloren. Sie haben ein Aktionsbündnis der Opferfamilien gegründet. Sie unterrichten wieder. Wie schaffen Sie das alles?

Das erfordert unendlich viel Kraft. Über meine Tochter zu sprechen fällt mir immer noch extrem schwer. Aber ich denke, ich bin es ihr schuldig. Ihr Leben stand für so vieles: Werte, Rücksichtnahme, Respekt. Nina ist in einer vollkommen sinnlosen Weise gestorben. Unser Bündnis ist auch der Versuch, diesem Geschehen im Nachhinein einen Sinn zu geben und es wenigstens für andere irgendwie nutzbar zu machen. Wir wollten es eben nicht wie ein ... ja, wie ein Gewitter, wie eine Naturkatastrophe stehen lassen.

In der vergangenen Woche wurde in St. Augustin ein Mädchen festgenommen, das vermutlich auch einen Amoklauf verüben wollte. Was lösen solche Nachrichten bei Ihnen aus?

Erschrecken. Der zweite Gedanke war: ein Mädchen! Soweit ich weiß, war es erst die zweite weibliche Person, die einen Amoklauf versucht hat. Und eine weitere Ebene: Da ist wieder jemand, der mit dem Leben nicht klargekommen ist. Glücklicherweise ist nicht viel passiert. Eine Verletzung, die sich kurieren lässt.

Die Regierung plant schärfere Waffenkontrollen. Reicht Ihnen das?

Nein, das ist zu wenig. Das Beispiel St. Augustin zeigt ja gerade, dass es nur deswegen glimpflich ausgegangen ist, weil das Mädchen keine Pistole hatte. In der Verkettung vieler Umstände, die zu Amokläufen führen, sind Waffen das letzte Glied. Eine unserer Forderungen ist deshalb das Verbot von großkalibrigen Waffen. Das sind aber nur die kurzfristigen Ziele. Ich beschreibe es mal mit einem Unfallbild: Wir befinden uns gerade im Notarztwagen, was wir wollen, sind jetzt Sofortmaßnahmen.

Also erst mal stabilisieren, dann operieren und schließlich kurieren.

Genau. Aber ich befürchte fast, dass wir noch fünf weitere Amokläufe brauchen, um aufzuwachen. Eigentlich steht diese Gesellschaft schon jetzt am Scheideweg. Auseinandersetzungen werden immer seltener friedlich gelöst. Und der Mord gerät fast schon zur Strategie der Konfliktlösung. Wir gehen alle sehr viel roher, sehr viel mitleidsloser, sehr viel gleichgültiger miteinander um. Es ist alles möglich, wir sind tolerant und ach so liberal. Ich nenne das Gleichgültigkeitsliberalismus. Was aber dadurch entsteht, ist Verunsicherung: Was ist wirklich wichtig und richtig im Leben? Wir brauchen klare Regeln und Werte. Wir müssen wieder Empathie lehren. Das eigentlich Erschreckende ist, dass verbale Gewalt nicht mehr als Gewalt wahrgenommen wird. Das erlebe ich täglich in der Schule. Es ist offenbar legitim, andere Menschen zu beleidigen. Wenn das nicht mehr als Gewalt definiert wird - wo soll ich denn dann ansetzen?

Ganze Fernsehsender leben davon. Die Helden heißen Dieter Bohlen, Heidi Klum und Stefan Raab.

Diese Leute gelten sogar als Vorbilder. Können Sie sich vorstellen, wie so etwas Schule macht? Es gibt keinen Respekt mehr. Meine jüngere Tochter macht gerade diese Erfahrung. Selbst jetzt, da ihre Schwester auf diese Weise umgebracht worden ist, zeigen manche kein Verständnis für ihre Trauer. Wenn sie sich dem Jugendjargon, cool drauf zu sein, entzieht, heißt es nur: Stell dich nicht so an. Genau das meine ich mit Mangel an Empathie.

Aber Empathie ist doch in jedem Menschen angelegt.

Das ist nicht der Fall. Genauso wenig, wie wir von Geburt an die Sprache beherrschen. Auch die müssen wir erlernen. Und deshalb müssen wir Sozialverhalten erlernen und so beherrschen wie unsere Muttersprache. Empathie ist eine Frage der Haltung, und die wird im Elternhaus vorgelebt. Unser größtes gesellschaftliches Problem ist die Gleichgültigkeit.

Werfen Sie das Tim Kretschmers Eltern vor: Gleichgültigkeit?

Ja, ganz, ganz sicher. Gleichgültigkeit und die Unfähigkeit, Gefühle zu empfinden. Es ist das alte Übel: Man schenkt seinen Kindern unendlich viele Dinge, man eröffnet ihnen alle Möglichkeiten, die es gibt, in sämtliche Vereine zu gehen und was auch immer zu tun. Das Einzige, was sie nicht bekommen, ist Zuwendung, wirkliches Interesse. Ein Amoklauf steht immer am Ende, er kommt nicht aus heiterem Himmel. Ich muss doch merken, dass ich mit einem verzweifelten Menschen an einem Tisch sitze. Dass da einer ist, der eigene Sohn, der mit dem Gedanken spielt, sich und andere zu töten. Das merke ich nicht? Das geht nicht, das merkt eine Mutter, das merkt ein Vater! An Äußerungen, an Körperhaltungen, an vielen verschiedenen Dingen. Nicht alles ist immer einfach nur schlechte Laune und Pubertät. Das sind wunderbare Ausreden. Deswegen gehe ich von Gleichgültigkeit aus.

Vielleicht hatten die Kretschmers längst resigniert?

Die Frage ist dann, wie viel Mühe muss ich mir machen, bevor ich resignieren darf als Mutter. Ich denke, da arbeiten wir mit viel zu niedrigen Schwellen: Wenn es beim dritten Mal nicht klappt, wird aufgegeben. Es heißt, Tim K. hat eine psychiatrische Behandlung abgebrochen. Ja, darf ich das dulden, bevor mir nicht der Psychiater wirklich erklärt, dass dafür kein Bedarf mehr besteht? Kann ich als Eltern sagen, "na, wird schon gut"? Da sehe ich die Schuld bei den Eltern. Dass Kinder und Jugendliche ihre Eltern jahrelang nicht in ihr Zimmer lassen, das kann es nicht geben. Wir müssen uns wieder einmischen in das Leben unserer Kinder. Auch wenn es mühevoll ist …

... weil die Kinder vorm Fernseher oder Computer sitzen?

Ja, aber gewaltverherrlichende PC-Spiele sind ja nur die eine Seite. Der Ulmer Neurologe Manfred Spitzer hat einen klugen, weiterführenden Gedanken: Er sagt, dass die digitale Welt sich zwischen die Generationen schiebe. Viele Eltern verstehen nichts vom PC, Kinder sind in ihrer, der virtuellen Welt. Diese Sprachlosigkeit müssen wir überwinden. Das Wort "Einmischung" muss eine andere Bedeutung bekommen. Unsere Gesellschaft hat den Begriff der Verantwortung ausgehöhlt, vor vielen Jahren schon, indem wir ihn überdehnt haben. Das begann in einem völlig anderen Zusammenhang zu Zeiten der RAF. Da gab es die berühmten Bekennerbriefe. Na toll, das stand dann auf einem Blatt Papier. Zur Verantwortung der Terroristen hätte gehört, sich zu stellen: Ich übernehme die Schuld, ich übernehme auch die Konsequenzen.

Übernommen aus ... Stern Ausgabe 22/2009

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KOMMENTARE (8 von 8)
 
vaben (30.05.2009, 22:33 Uhr)
@traldors
In Ihrem sarkastischen Kommentar gehen Sie davon aus, dass Ihre Thesen etwas mit der Realität zu tun haben. Das ist nicht der Fall. Die Prohibition hat gar nichts mit dem Thema zu tun und auch der Fall Liverpool lässt sich nicht verallgemeinern. Er lässt sich noch nicht einmal auf andere englische Städte übertragen.
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Sollte es, wie Sie behaupten, bei einem Totalverbot (wofür ich mich ja nicht ausspreche) zu einer deutlichen Zunahme des Schwarzmarktes kommen, dann wäre der Beweis endgültig erbracht, dass der Schießsport nur ein Vorwand ist um an eine Waffe zu kommen. Dann wären die Maßnahmen erst recht richtig.
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Nochmal, Schusswaffen ob legal oder illegal haben in privaten Haushalten nichts verloren. Der Staat muss dafür sorgen, dass das auch durchgesetzt wird. Mit der aktuellen Regelung wird der Bock zum Gärtner gemacht. Das kann und wird nie funktionieren. Gegen illegale Waffen muss natürlich auch mehr unternommen werden, das ist klar. Denn, wenn ich mich recht entsinne, sind laut Schätzung 2/3 der Waffen in Deutschland illegal.
traldors (30.05.2009, 19:24 Uhr)
@vaben
"Weg mit den Schusswaffen!!
Selbstverständlich nützt ein strengeres Waffenrecht etwas. Schusswaffen haben in Privathaushalten nichts verloren."
Ja, genau, ich unterrsstütze das als illegaler Waffenverkäufer dem der allzu liberale Waffenbesitz in Deutschland ein "Dorn im Auge" ist. Meine Geschäfte gehen in Deutschland nämlich im Gegensatz zu England echt "bescheiden". Daher: SOFORTIGES WAFFENVERBOT IN DEUTSCHLAND, DAMIR WIR UMGEHEND LIVERPOOLER VERHÄLTNISSE HABEN.
Respekt Mr. Vaben für soviel "Durchblick".
vaben (30.05.2009, 17:42 Uhr)
Weg mit den Schusswaffen!!
Selbstverständlich nützt ein strengeres Waffenrecht etwas. Schusswaffen haben in Privathaushalten nichts verloren. Wer seinen Sport betreiben will kann seine Waffe auch im Vereinshaus in den Tresor schließen, die Munition von einer Aufsichtsperson erhalten und die Hülsen wieder abgeben. Das ist das Mindeste was man verlangen kann. Diese biometrischen Laufsicherungen wurden ja bereits als blödsinnige Geldmacherei enttarnt. Sie gehören zu einem Bündel von sinnlosen Maßnahmen, die entschlossenes Handeln vortäuschen sollen, aber in Wirklichkeit nur bestimmten Inustriezweigen dienen. Dass gerade der Innenminister Baden-Württembergs, Heribert Rech, dann noch persönlich profitiert ist ein Treppenwitz, der aber zeigt, solange verantwortungslose Politiker nicht das Rückgrat haben sich gegen die Waffenlobby durchzusetzen wird sich in der Sache auch nichts bewegen und den pathetischen Worten des Bundespräsidenten folgen wieder keine Taten. Ich habe mir die Drückeberger gemerkt, die damals sofort von den Waffen abgelenkt haben. Interessanterweise gehört der sonst so aktive Bundesminister Schäuble dazu. Gut, dass bald Wahlen sind, denn ich habe mir auch diejenigen gemerkt die sich deutlich gegen die Lobbyisten positioniert haben.
Viper2024 (30.05.2009, 17:23 Uhr)
Niemand braucht in Deutschland Waffen
aber da Waffenfetischten (der Vater des Täters hatte 17 Schußwaffen!) nun auch mal CDU Wähler sind, wird sich daran auch nichts ändern. Stattdessen hetzt man dann lieber gegen Paintball, Computerspiele und Co.
Juris1 (30.05.2009, 15:40 Uhr)
Die Menschen wundern sicht
Die Menschen wundern sich- dass es zu solchen schlimmen Taten kommt. - Ich wundere mich, dass es nicht zu mehr solchen Taten kommt. -
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Nicht Waffen tragen Schuld, sondern Menschen die diese benutzen.
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Bei allem Respekt für das Leid dieser Frau - den Eltern des Schützen Vorwürfe zu machen - ist nicht gerecht. Auch diese Eltern sind Opfer. Ich kann es mir kaum vorstellen, wie es ist mit dem Wissen zu leben, dass der Eigene Sohn solche Taten begangen hat.
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Jede Gesellschaft trägt die Früchte ihrer Erziehung. - und muss damit Leben lernen. - Oder erkennen und vieles besser machen. - Aber das kostet Zeit, nerven und Einsatz. Da ist es doch einfacher, dem Kinde mal ein wenig mehr Geld in die Hand zu drücken.
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Auch zu meiner Zeit gab es sicherlich Jugendliche, die kurz davor standen unsinn zu machen. Der Gedanke an die Familie und die Werte die uns damals vermittelt wurden, hielten und oftmals von Dummheiten ab.
Und heute? -
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Ein schärferes Waffenrecht nützt niemandem. - Dies ist eindeutig der falsche Weg !!
Oberamtsrat (30.05.2009, 15:30 Uhr)
Waffengesetze
mit Verlaub, wir haben schon die schärfsten Waffengesetze der Welt. Was soll man noch machen? Ganz kann man solche schlimmen Verbrechen nicht verhindern. S. den letzten Fall, wo eine Schule niedergebrannt werden sollte von einer 16 jährigen.
traldors (30.05.2009, 15:29 Uhr)
Frau Mayer (...)
sollte sich auf die Positionen beschränken, bei allem Respekt, die Sie kraft Ihres "Bollwerks" auch beherrscht.
Das Verbot von Waffen führt zu noch mehr Waffen. Das ist unausweichlich. Ich empfehle ein Studium von Liverpool, England. Einer Stadt in einem Land, in dem der private Waffenbesitz verboten ist. Das Leid das dort auszuhalten ist, ist um einiges grösser als das was durch Winnenden verursacht wurde.
Dazu gibt es erschreckende Dokumentationen.
Abschliessend ist festzutstellen, das auch die Prohibition zu keinem Ergebnis geführt hat. Die Ursachen und die Auslöser von Amoktaten befinden sich weitgehend in einem "Graufeld" mit einer sehr unterschiedlichen Symptomatik.
Wiebitte20081 (30.05.2009, 14:48 Uhr)
???
Ein sehr guter Artikel
Es muss etwas in der Gesllschaft verändert werden.In der eigenen Familie.Gleichgültigkeit,Desinteresse,Respektlosigkeit und Gefühlskälte werden nicht angeboren.Man darf Kinder u. Jugendlichen einfach nicht mehr alle Freiräume unkontrolliert lassen die diese dann mit Konsum,Daddelei und Phantasien,keiner Phantasie ausfüllen.Die Familien die Erziehung,Verantwortung und Wertevermittlung den Schulen,Medien und der Strasse überlassen müssen sich nicht wundern wenn sie eines Tages Emotionslose Zombies und Internetjunkies arbeitslos zu Hause hocken haben.Ich selbst,ein Kind der 70er habe viele Bewegungen kommen und gehen sehen.Aber was da heute an den Bushaltestellen zur Mittagszeit hockt...wenn man denen nur mal versucht 10 Minuten zu zu hören.Die gesammte kommunikation nur ein einziges Eywa,Rotzen und absingen von Stereotypen Gesprächstexten die allesammt von irgendwelchen CD,s zu stammen scheinen.Die hören sich untereinander offensichtlich gar nicht zu sondern sind in immer gleichen Geräusch un Bewegungsmustern in einer Gruppe versammelt.Wenn mir ein 16 jähriger in stakkatoartigem Singsang versucht seine Meinung zu sagen und dabei 3 x die Rotze hochzieht da kann es einem schon mal in der Faust jucken.Wenn weiterhin die Lebenserfahrung nur noch gechattet oder Getwittert wird kann man denen auf Dauer nur noch mit der Strahlenkanonen beikommen.Ein Volk dessen Jugend nicht mehr fähig ist sich mitzuteilen ist zwangsläufig am Ende wenn diese Jugendlichen erwachsen werden.
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