15 Menschen hat der Amokläufer von Winnenden getötet. Hat die Polizei alles richtig gemacht? Oder hätte sie den Täter erschießen müssen? Nach der Veröffentlichung des Ermittlungsberichts spricht Rüdiger Seidenspinner, Chef der badenwürttembergischen Polizeigewerkschaft, im stern.de-Interview über den Einsatz und seine Folgen.

Mit Kreide ist die Stelle markiert, an der sich der Amokläufer Tim K. erschoss. Unbekannte haben dort Blumen niedergelegt und Kerzen abgestellt© DPA
Durch den Bericht wird deutlich, dass wir in Baden-Württemberg mit diesem Amoklauf unsere Jungfräulichkeit verloren haben. Es ist etwas passiert, womit hier niemand gerechnet hat.
Man muss sich vor Augen halten, wie schnell die ersten Beamten am Tatort, der Schule in Winnenden, waren. Laut Ermittlungsbericht dauerte es gerade einmal drei bis fünf Minuten, nachdem der erste Notruf eingegangen war, bis die erste Besatzung im Gebäude war. Da es Kritik am Polizeieinsatz gab, frage ich: Wie schnell soll es denn noch gehen? Natürlich sind wenige Minuten für die Betroffenen eine Ewigkeit. Aber Kritik an diesem Einsatz halte ich für verrückt.
Früher hätte man erst das Gebäude abgesperrt. Heute gehen wir so schnell wie möglich rein, um noch Menschenleben zu retten. Das hat man aus dem Amoklauf von Erfurt gelernt. Man muss eben immer entscheiden, was wichtig ist. In diesem Fall halte ich es für richtig, dass die Kollegen sofort die Schule betreten haben, auch wenn es noch so gefährlich war. Sie mussten den Täter von weiteren Morden abhalten. Und wenn ich mir die Anzahl der Patronen anschaue, die Tim K. dabei hatte, dann sieht man, was er noch hätte anrichten können.
Ich meine, wir müssen die beiden Varianten kombinieren, mit denen wir auf Amoklagen reagieren können. Zunächst ist der schnelle Zugriff wichtig. Die Verantwortlichen vor Ort müssen sich dann aber überlegen, ob sie nicht so schnell wie möglich eine Absperrung um das Gebäude veranlassen, um das Entkommen des Täters zu verhindern, was ja im Fall Winnenden geschehen ist. Aber natürlich geht das nur, wenn die nötigen Polizisten verfügbar sind. Und in Winnenden mussten die Polizisten zusätzlich die Rettungskräfte in das Gebäude eskortieren, weil man ja gar nicht wusste, ob der Täter noch da war oder ob er Komplizen hatte.
Wenn man gewusst hätte, wo er genau ist, dann ja. Aber seine Fahrtroute ist ja erst danach bekannt geworden. Und man muss bei einem Zugriff auch überlegen, ob er Aussicht auf Erfolg hat und ob nicht noch weitere Personen gefährdet werden. Das gilt übrigens auch für die unsägliche Diskussion über den Schusswechsel in Wendlingen...
Der Kollege hätte aus einer großen Entfernung von weit über 50 Metern einen finalen Rettungsschuss auf einen Unbewaffneten abgegeben.
Ich halte solche Aussagen für sehr zweifelhaft. Zunächst zu den äußeren Umständen: Um einen finalen Rettungsschuss anzubringen, muss ich ein ganz klares Schussbild haben und muss genau sehen, wohin ich treffe. Wir sind keine Scharfschützen. Und wer mir erzählt, dass man mit unseren Waffen auf mehr als 50 Meter 100-prozentig sicher treffen kann, der hat keine Ahnung. Außerdem sieht ein Mensch über Kimme und Korn immer anders aus. Und wenn man, wie es offensichtlich Herr Goll will, den finalen Rettungsschuss rechtlich früher möglich macht, ist es immer die Frage, ob die Gerichte dann auch im Sinne des betroffenen Polizeibeamten urteilen. Herr Goll wäre an dieser Stelle lieber still geblieben.
Wir können noch so viel trainieren, aber wenn ein Mensch durchknallt, haben wir ihn nicht im Griff. Uns Polizisten muss klar sein, dass es keine absolute Sicherheit gibt. Wir können alles versuchen, um einen Täter so schnell wie möglich unter Kontrolle zu bringen. Aber im Vorfeld kann man so etwas nicht verhindern.
Ich halte diese Diskussion über Computerspiele für nicht zielführend. Denn wenn die Politik zum Schluss kommt, dass sie solche Amoktaten auslösen, dann muss konsequent gehandelt und Verbote ausgesprochen werden. Aber es bringt nichts, sich nur in Fensterreden darüber aufzuregen.
Paintball kann ich persönlich nichts abgewinnen. Aber ob deswegen jemand zum Amokläufer wird, ist fraglich. Tim K. hat diesen Sport zumindest nicht ausgeübt. Und Paintball nur zu verbieten, um in der Öffentlichkeit gut dazustehen und Handlungsfähigkeit zu demonstrieren, davon halte ich gar nichts. Das Verbot scheint die Politik nur als oberflächliche Beruhigung der Bürger zu benutzen. Waffenkontrollen sind generell sinnvoll, denn ein Großteil der Straftaten wird mit legalen Waffen verübt. Aber die Frage ist, wer es machen soll? Dazu sagt die Politik nichts, und am Ende bleibt es an uns hängen. Gleichzeitig werden tausende Stellen gestrichen. Das funktioniert nicht.
Natürlich. In diesem Fall passierte die Tat in der Nähe eines Stadtzentrums. Wir hatten also Glück. Aber was, wenn dieser Amoklauf auf dem Land geschieht, wo kein Polizeiposten in der Nähe ist? Da sage ich den Politikern: Lügt die Bürger nicht an, indem ihr behauptet, wir können überall die Vorgabe einhalten, innerhalb von 15 Minuten an einem Tatort zu sein. Wenn die Polizei weiter aus der Fläche abgezogen wird, dann muss man sich darüber im Klaren sein, dass dies künftig in vielen Orten nicht möglich sein wird.
Einige werden von dem Kriseninterventionsteam betreut, einige versuchen es selber. Jeder tickt anders. Und es gibt einfach Erlebnisse, die man als Polizist nie wegsteckt. Und dieser Amoklauf gehört für einige Kollegen sicher dazu.
Zur Person Rüdiger Seidenspinner, geboren 1960 in Karlsruhe, ist seit April 2009 Landesvorsitzender der Gewerkschaft der Polizei in Baden-Württemberg.