Täter wollte wohl mehr Menschen töten

11. März 2009, 21:45 Uhr

Er wollte vermutlich noch viel mehr Menschen auf brutale Art und Weise töten: Der 17 Jahre alte Amokläufer in Winnenden hatte noch reichlich Munition in petto. Warum er 15 Menschen durch Kopfschüsse das Leben nahm und sich dann selbst mit der Waffe richtete ist bislang unklar.

Amok, Schule, Winnenden, Amoklauf, Stuttgart, Baden-Württemberg

Blumen für die Opfer: der Schock bei den Menschen in Winnenden sitzt tief©

Sieben Jahre nach dem Amoklauf in Erfurt hat ein weiteres Schulmassaker mit 16 Toten in Deutschland Trauer und großes Entsetzen ausgelöst. Ein 17-jähriger ehemaliger Schüler erschoss am Mittwoch in einer Realschule in Winnenden bei Stuttgart und auf seiner anschließenden Flucht 15 Menschen. Nach einem Feuergefecht mit der Polizei nahm sich der Jugendliche schließlich das Leben. Für Donnerstag wurde angesichts eines der blutigsten Amokläufe in der Geschichte der Bundesrepublik Trauerbeflaggung angeordnet. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sprach von einem "Tag der Trauer für ganz Deutschland".

In der Realschule tötete der Jugendliche neun Schüler - die meisten mit einem gezieltem Kopfschuss, sagte Baden-Württembergs Innenminister Heribert Rech (CDU). Zudem starben drei Lehrerinnen durch die Waffe des Schülers, die er seinem Vater entwendet hatte. Auf seiner zweieinhalbstündigen Flucht erschoss der 17-Jährige mit seiner Pistole drei Passanten und verletzte sieben Schülerinnen schwer. Im 40 Kilometer entfernten Wendlingen konnte die Polizei das Blutbad beenden: Tim K. lieferte sich dort einen Schusswechsel mit Einsatzkräften, wurde verletzt und nahm sich selbst das Leben.

Der schwarz gekleidete Tim K. stürmte nach Angaben der Polizei gegen 9.30 Uhr in die Albertville-Realschule in Winnenden und schoss in drei Klassenzimmern vor allem auf die Schüler direkt hinter der Tür. Er tötete acht Schülerinnen und einen Schüler im Alter von 14 bis 15 Jahren und drei Lehrkräfte.

Über das Motiv wird noch gerätselt. Der Amoklauf sei in keiner Weise angekündigt worden, sagte Minister Rech. Jürgen Kiesl, Bürgermeister des Heimatortes Leutenbach (Rems-Murr-Kreis), sagte, der junge Mann sei wie sein Vater Sportschütze gewesen.

Der Amokläufer wollte aber möglicherweise noch viel mehr Menschen töten. "Die Menge der nicht abgefeuerten Munition deutet darauf hin, dass er weitaus mehr vorhatte", sagte der leitende Kriminaldirektor Ralf Michelfelder. Die Pistole vom Typ Beretta und "Munition im dreistelligen Bereich" habe der 17-Jährige seinem Vater entwendet.

Rech sagte, den Interventionsteams der Polizei habe sich Augenblicke nach dem Notruf ein "grauenvolles Bild" in der Schule geboten. "Die Toten hatten zum Teil noch ihre Schreibstifte in der Hand." Tim K. war kurz zuvor geflüchtet und hatte einen Beschäftigten des nahegelegenen Krankenhauses für psychisch Kranke erschossen.

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Nach dieser Tat zwang der Amokläufer einen Mann, gemeinsam mit dessen Auto zu flüchten. Auf der Autobahn bei Wendlingen (Kreis Esslingen) verließ er um kurz vor 12.00 Uhr den Wagen und flüchtete vor einer Polizeisperre in ein nahegelegenes Industriegebiet. Tim K. drang in ein VW-Autohaus ein, um ein Fahrzeug in seine Gewalt zu bringen und erschoss dort einen Angestellten und einen Kunden. Als er das Gebäude verließ, eröffnete er das Feuer auf Polizisten und verletzte zwei Beamte schwer. Er wurde am Bein verletzt und schoss sich nach letzten Erkenntnissen der Polizei selbst in den Kopf.

Tim K. sei völlig unauffällig gewesen und habe einen Abschluss an der Schule gemacht. Er sei "lernschwach" gewesen und auf einer weiterführenden Schule mit kaufmännischem Zweig gewesen, sagte Innenminister Rech. Ein Großaufgebot von knapp 1000 Polizisten war im Einsatz und sperrte Schule und Teile der Stadt Winnenden ab. "Es herrscht blankes Entsetzen", berichtete ein Augenzeuge.

Eine Lehrerin hat möglicherweise noch Schlimmeres verhindert: Tim K. sei in ihre Klasse gekommen und habe drei oder vier Kinder erschossen. Als er den Raum dann verließ, um seine Pistole nachzuladen, habe die Lehrerin geistesgegenwärtig die Tür verschlossen, berichtet das Online-portal "Tagesspiegel.de" unter Berufung auf Sicherheitsexperten.

Zudem hatte der Konrektor der Albertville-Realschule mit einer verschlüsselten Lautsprecherdurchsage vor dem Amokläufer gewarnt, während der 17-jährige Tim K. mordend durch Klassenzimmer zog: "Frau Koma kommt", habe der Konrektor durchgesagt, berichtete eine Schülerin der Realschule im ZDF. Sie fügte hinzu: "Das heißt ja Amok rückwärts. Dann hat die Lehrerin die Tür abgeschlossen." Ob der Täter von einem Amoklauf in den USA wenige Stunden zuvor beeinflusst worden war, stand zunächst nicht fest. Bei dem Amoklauf im US- Bundesstaat Alabama kamen am Dienstagnachmittag (Ortszeit) elf Menschen ums Leben.

Die Eltern des Täters besitzen laut Polizei legal Waffen. Eine der Waffen fehlte, als die Polizei das Haus in Leutenbach in der Nähe von Winnenden durchsuchte. Im Tresor des Hauses hatte der Vater - Mitglied in einem Schützenverein - 14 Waffen deponiert, eine weitere im Schlafzimmer. "Der Täter muss also die Waffe im Schlafzimmer an sich genommen haben", sagte Rech. Michelfelder fügte hinzu: "Ein großer Teil der Munition war im Haus nicht verschlossen, sodass der junge Mann Zugriff darauf hatte."

Kanzlerin Merkel zeigte sich "tief erschüttert und entsetzt". Man stehe fassungslos vor den Ereignissen in Baden-Württemberg, sagte Merkel am Mittwoch in Berlin. "Es ist unfassbar, dass binnen Sekunden Schüler, Lehrer in den Tod gerissen wurden, durch ein entsetzliches Verbrechen." Bundespräsident Horst Köhler sagte: "Unsere Gedanken sind bei den Opfern und ihren Familien und Freunden. Wir fühlen uns mit ihnen in diesen schweren Stunden tief verbunden." Baden- Württembergs Ministerpräsident Günther Oettinger (CDU) sprach von einer "grauenvollen und in keiner Form erklärbaren Tat".

Die Bluttat ruft Erinnerungen an den Amoklauf von Erfurt wach: Am 26. April 2002 hatte ein ehemaliger Schüler des Gutenberg-Gymnasiums innerhalb weniger Minuten 16 Menschen und dann sich selbst erschossen. Die Stadt Erfurt und das Land Thüringen boten Baden- Württemberg Hilfe bei der Betreuung von Schülern oder der Angehörigen von Opfern an.

Winnenden bei Stuttgart Winnenden liegt circa 20 Kilometer nordöstlich von Stuttgart und hat rund 27.600 Einwohner. Reinigungsgerätehersteller Kärcher und der Elektrowerkzeughersteller AEG haben Niederlassungen in der Großen Kreisstadt. Seit 1969 unterhält Winnenden eine Partnerschaft mit der Kleinstadt Albertville in den französischen Alpen. Sie ist Namensgeber der Realschule. Die Stadt verfügt über je zwei Gymnasien (Lessing- und Georg-Büchner-Gymnasium), zwei Realschulen (Albertville- und Geschwister-Scholl-Realschule), eine Förderschule, zwei Hauptschulen in der Kernstadt, sowie eine acht Grundschulen und eine Hauptschule in anderen Stadtteilen.

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