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17. April 2007, 15:07 Uhr

Er war nur der "Fragezeichen-Typ"

Warum ist der 23-jährige Student Cho Seung Hui an der Virginia Tech Amok gelaufen? Nachbarn und Mitstudenten bezeichnen ihn als Einzelgänger und im Literaturseminar sei Cho nur als "Fragezeichen-Typ" bekannt gewesen, der auffallend brutale Theaterstücke schrieb.

Der 23-jährige gebürtige Südkoreaner Cho Seung Hui tötete 32 Menschen, bevor er sich selbst richtete.© AP

Der Amokläufer von Virginia war der 23-jähriger Südkoreaner Cho Seung Hui, der seit 1992 in den USA lebte. Er besaß eine Green Card und lebte somit legal dauerhaft im Land. Als Heimatadresse gab er einen Vorort von Washington an, wo er auch aufwuchs. Der Englischstudent wurde laut den Einwanderungsunterlagen der Behörde für Heimatsicherheit am 18. Januar 1984 geboren. Nach Angaben der Universität lebte er in einem Studentenwohnheim auf dem Campus - einem anderen Wohnheim als dem von ihm überfallenen.

Die wenigen Kommilitonen, Lehrer und Dozenten, die Cho kannten, beschrieben ihn als zurückgezogen und eigenbrötlerisch: "Er war ein Einzelgänger, und wir haben Schwierigkeiten, Informationen über ihn zu bekommen", sagte Unisprecher Larry Hincker. Ähnlich Chos Nachbar Abdul Shash: "Er war sehr ruhig und immer allein." Ein anderer Nachbar berichtet, der Südkoreaner habe in seiner Freizeit zumeist Basketball gespielt. Anderen Menschen gegenüber habe er oft unbeteiligt gewirkt. Wenn ihn jemand gegrüßt habe, habe er nicht reagiert.

Mitstudenten berichteten, am ersten Tag eines Literaturseminars hätten sich alle Teilnehmer vorgestellt, nur Cho habe nichts gesagt. Der Professor habe daraufhin auf der Anwesenheitsliste nachgesehen, wo alle Studenten ihren Namen eingetragen hatten. Cho habe dort nur ein Fragezeichen gemacht. "Ist Ihr Name 'Fragezeichen'?", habe der Professor gefragt, erinnerte sich die Studentin Julie Poole. Cho habe darauf kaum reagiert. "Wir kannten ihn eigentlich nur als den Fragezeichen-Typen."

Warnsignale vor der Bluttat

Unterdessen mehren sich die Hinweise, dass es vor der Bluttat viele Warnsignale gab. Im vergangen Herbst schrieb der 23-jährige in einem Uni-Kurs Theaterstücke, deren gewaltsamer Inhalt Professoren und Studenten erschreckte. Seine Figuren griffen andere mit Kettensägen an und warfen Hämmer, wie ein Mitschüler berichtete. Chos Stücke wirkten mit ihrer "perversen, makabren Gewalt" bisweilen "wie aus einem Alptraum", schrieb der Ex-Student Ian MacFarlane in einem Blog. Cho habe den Einsatz von Waffen beschrieben, die er sich selbst nicht einmal hätte vorstellen können. AOL News hat zwei Stücke in Netz gestellt.

Die Leiterin der Fakultät für Englisch an der Technischen Hochschule in Blacksburg, Carolyn Rude, erklärte, die Direktorin der Fachschaft Kreatives Schreiben habe ihn als "mit Problemen belastet" beschrieben. Cho sei an den psychologischen Dienst verwiesen worden. Wann und mit welchem Ergebnis dies geschehen sei, wisse sie nicht. "Er hat Anlass zur Sorge gegeben", so Rude. "Beim kreativen Schreiben enthüllen Menschen manchmal Dinge, von denen man nicht weiß, ob sie sie sich ausdenken oder ob sie vielleicht wahr sein könnten. Aber wir achten alle darauf, solche Dinge nicht zu ignorieren."

Seine Englisch-Professorin, Lucinda Roy, sagte dem Sender CNN, sie sei besorgt wegen seines Zorns gewesen und habe ihn aus einer Klasse genommen und einzeln unterrichtet. Dies sei vor rund eineinhalb Jahren gewesen.

Feuer im Wohnheimzimmer gelegt

In letzter Zeit soll der Amokläufer zudem ein beunruhigendes Verhalten an den Tag gelegt. Beispielsweise habe er in einem Zimmer eines Wohnheims Feuer gelegt und Frauen nachgestellt. Die Ermittler glaubten, dass Cho zu einem gewissen Zeitpunkt Medikamente gegen Depressionen genommen habe, berichteten eine US-Zeitung.

Die Zeitung "The Chicago Tribune" schreibt auf ihrer Website, Cho habe in seinem Zimmer ein Schreiben hinterlassen, das unter anderem eine weitschweifige Liste von Klagen enthalten habe. Darin habe er sich unter anderem über "reiche Kids", Prasserei und "betrügerische Scharlatane" beschwert. Der Fernsehsender ABC berichtete unter Berufung auf Ermittler, in dem mehrseitigen Schreiben habe Cho seine Tat erklärt. "Ihr habt mich dazu gebracht, dies zu tun", heiße es darin. Die Polizei dementiert allerdings die Existenz eines Abschiedsbriefs, zumindest hat sie bislang keinen gefunden. Es gebe keine Beweise, dass der 23-jährige ein derartiges Schreiben hinterlassen habe, sagte Polizeipräsident Steve Flaherty. Jedoch müssten sich die Ermittler durch eine beträchtliche Anzahl von Schriftstücken arbeiten.

Über seine Motive wurde weiter gerätselt. Das wirklich ein Liebesdrama der Auslöser für die Tat war, wie berichtet wurde, erscheint angesichts der eigenbrötlerischen Art von Cho unwahrscheinlich. Die "Washington Post" berichtete unter Berufung auf Ermittler, dass der Todesschütze den Namen "Ismail Ax" mit roter Tinte auf einen seiner Arme geschrieben hatte. Die Bedeutung der Worte sei noch unklar.

Fingerabdrücke auf den Waffen gefunden

Sicher ist bislang: Chos Fingerabdrücke wurden auf zwei Schusswaffen gefunden, die bei dem Amoklauf benutzt wurden, hieß es aus Polizeikreisen. Ihre Seriennummer sei entfernt worden. Ballistische Untersuchungen ergaben, dass eine der beiden Waffen an beiden Tatorten - einem Studentenwohnheim und einem Vorlesungsgebäude - benutzt wurden. In einem Rucksack Chos seien Quittungen vom März für den Kauf einer 9-Millimeter-Pistole vom Typ Glock gefunden worden, hieß es aus Sicherheitskreisen. Mit seinem Status als legal dauerhaft in den USA wohnender Ausländer habe er das Recht gehabt, eine Pistole zu kaufen, sofern er keine Vorstrafe hatte, sagte ein Beamter der Einwanderungsbehörde.

AP/Reuters
 
 
KOMMENTARE (5 von 5)
 
DrZuckerbrot (18.04.2007, 14:40 Uhr)
Eine neue Chance?
Seine Theaterstücke sprechen eine so deutliche Sprache, da muss man kein Psychologe sein, um die Botschaften zu erkennen. Bin gespannt, ob man sich endlich einmal gründlich mit der Kindheit und der Erziehung dieses Menschen auseinandersetzt oder ob am Ende wieder Baller - Computerspiele als die Ursache herhalten müssen. Amok-Läufer haben immer eine Geschichte, das haben z.Bsp. Alice Miller und Arno Gruen immer wieder deutlich aufgezeigt. Wann haben wir den Mut, hinzuschauen?
bR4iNST0RM (18.04.2007, 14:13 Uhr)
Sein oder nicht...
Das nennt sich bei den Amis „natürlich“ Selektion. Wenn der Eine den Anderen „umpumpt“, ist es dem Bush scheinbar recht und billig. Wie die „Mopo“ in ihrer heutigen Ausgabe treffend das Kommentar des Bushs auf schwarzem Hintergrund druckt: „.. dass Menschen ein Recht haben, Waffen!! zu tragen.“ Waffen! Also auch gleich mehrere. Eine Waffe mit, im Schnitt, vierzehn durchschlagenden Argumenten reicht dem amerikanischen Durchschnittsbürger nicht. Ok. Gegen ein Sturmgewehr mit 25 Argumenten auch nicht gerade Fair! Und so weiter, und so weiter. Bis irgendwann die nette sechsläufige und ca. 6000 Schuss die Minute abgebende Gatling-Gun kommt, und alles, was bis Dato noch steht, um zu bürsten.
So kann es hoch geschaukelt werden. Muss aber natürlich nicht. Dem Bush ist das eh völlig Wurst.
Irgendwann, einerseits Hoffnung, andererseits Befürchtung, ballert jeder Ami seine eigenen Landleute, eigentlich egal wer, einfach deswegen um, weil der es gewagt hat den Fuß auf das Grundstück des umherballernden zu setzen. Ergo: Touristen bleiben aus, da fast komplett USA aus privatisiertem Eigentum besteht und somit jeder das Recht hat, den betretenden eine Kugel zwischen die Augen zu jagen.
Tolle Aussichten, die sich der Bush dann doch noch mal durch den Kopf gehen lassen sollte. Vielleicht auch noch den Punkt Algemeinbildung. Aber man will ihn ja auch nicht überlasten!
master_of_chaos (18.04.2007, 12:07 Uhr)
Warnsignale ?
Erst Killerspiele, dann Raserspiele, jetzt Theaterstücke..
Wie lächerlich und erbärmlich sich so etwas wieder liest.
Nun gut, fassen wir zusammen:
Tarantino, Peter Jackson, George Romero, Savini, Carpenter, Eli Rozh, Miike, Bram Stoker, Edgar Wallace, Wes Craven, Mary Shelly....
Alles potenzielle Amokläufer.. Seufz.
Countryjoe (18.04.2007, 11:46 Uhr)
Schlimme Sache
Sehr bedauerlich was da passiert ist. Möglicherweise hätte eine rechtzeitige Behandlung des schon auffällig gewordenen Studenten dieses Massaker schon im Vorfeld verhindert.
Absolut peinlich finde ich die deutschen Waffengegner, die diesen Vorfall mißbrauchen um billigste Polemik gegen die Legalwaffenbesitzer in Deutschland zu verbreiten.
Marty_D (18.04.2007, 10:34 Uhr)
Die Amis...
Ist es mal wieder soweit!
Warum auch Waffen verbieten, jedesmal nach einer solchen Tragödie wird darüber diskutiert, aber die Waffenlobby ist so mächtig... ja?
Geld ist halt wichtiger als Leben.
Wenn die amis wirklich keinen bock mehr auf waffen hätten dann würden sie sie einfach abgeben. mmmh?!
Noch geiler: das massaker hätte verhindert werden können wenn an der uni kein Waffenverbot gegolten hätte.
ja genau, dann hätten alle studenten amngefangen wild um ich zu schiessen und es wären mind. 100 Tote geworden.
Das wäre dann auch ein neuer rekord gewesen - naja schade! vielleicht beim nächsten mal.
marty_d
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