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3. Mai 2008, 08:18 Uhr

"Wir gelten jetzt als Horror-Stadt"

Amstetten - der Name der Stadt steht seit einigen Tagen für das Grauen schlechthin. Bürgermeister Herbert Katzengruber sagte stern.de, wie er von dem Inzest-Fall erfuhr und wie er die Einwohner wieder aufrichten will. Eine animierte Grafik zeigt das Keller-Verlies. Von Katharina Schönwitz, Amstetten

Der Bürgermeister von Amstetten sorgt sich um das Image seiner Stadt© Getty

Als die SMS kam, saß Herbert Katzengruber gerade beim "Mostbaron" Bernhard Datzberger in dessen Bauernhof und trank ein Glas Birnenmost. Der Absender der SMS auf seinem Mobiltelefon war ein Freund, der gute Kontakte zur Polizei hat. "Er konnte mich deswegen informieren, was passiert ist," erzählt Katzengruber im Gespräch mit stern.de.

Es war Sonntag, der 27. April, um die Mittagszeit, als die Katastrophe über den Bürgermeister von Amstetten hereinbrach. Das ist noch nicht mal acht Tage her und man sieht Katzengruber an, dass er immer noch nicht angekommen ist in der neuen Zeitrechnung seiner Gemeinde. Amstetten ist nun weltberühmt, als Synonym für eine nie gekannte menschliche Grausamkeit und Perfidie.

"Mostviertel kennt heute jeder"

Seit zwanzig Jahren schon ist der 56-jährige Katzengruber Bürgermeister der Kleinstadt in Niederösterreich, etwa 120 Kilometer westlich von Wien. Wegen ihrer vielen Birnbäume wird die Gegend auch Mostviertel genannt. "Früher wurde in der österreichischen Wettervorhersage nur vom westlichen Teil Niederösterreichs gesprochen, heute kennt jeder den Namen Mostviertel", sagt Katzengruber stolz.

Katzengruber sitzt in seinem Dienstzimmer hinter seinem schweren Holzschreibtisch. Sein Büro ist etwas altmodisch eingerichtet. Er trägt einen dunklen Anzug, ein hoch gewachsener Mann Mitte fünfzig mit konzentriertem Gesichtsausdruck und resoluten Bewegungen. Doch einige Male ist ihm die Hilflosigkeit anzumerken. "Bei uns in Amstetten", seufzt er mit Blick aus dem Fenster, "da stimmte das Leben doch noch."

Dachte er jedenfalls. "Es war uns gelungen, ein nettes und liebenswürdiges Image auszubauen", sagt er wehmütig und macht eine kleine Pause beim Sprechen. "Wir haben so lange daran gearbeitet." Ein modernes Fernwärmekraftwerk wurde gebaut, das alle privaten Haushalte versorgt, eine Umgehungsstraße entlastet die Stadt vom Verkehr, die Radwege sind prämiert worden und ein rund um die Uhr beleuchteter Trimmdichpfad zieht Jogger aus der ganzen Umgebung an. Für die Stadtentwicklung bekam Amstetten vom österreichischen Bundespräsidenten 2006 den Titel "Innovativste Gemeinde Österreichs" verliehen. Doch von solchen Erfolgen wollen die Journalisten, die ihn anrufen, nichts wissen. "Wir gelten jetzt in der ganzen Welt als die Horror-Stadt", sagt Katzengruber verbittert.

Horrornachricht am Festtag

Der Tag, an dem das Leben nicht mehr "stimmte", war auch noch einer der wichtigsten Festtage der Gemeinde, der Tag des Mostes. Immer am letzten Wochenende des Aprils wird er gefeiert, wenn die Birnbäume am schönsten blühen. Die Familien radeln von Bauernhof zu Bauernhof, es wird reichlich Most getrunken und die Blaskapelle spielt. Herbert Katzengruber war an diesem sonnigen Sonntag mit seiner Frau unterwegs, um den Mostproduzenten eine Fahne mit Birne darauf als Präsent zu überreichen. "Alle haben sich darauf gefreut. Es war einfach unvorstellbar, dass so etwas hier bei uns passiert." Auf dem Hauptplatz der Stadt, direkt vor seinem Fenster, hätte am 1.Mai eigentlich der Maibaum aufgestellt werden sollen. Doch der Bürgermeister entschied, dass alle Vergnügungen in nächster Zeit abgesagt sind. "Ich glaube die Leute waren froh, dass ich diese Entscheidung für sie getroffen habe", sagt er selbstbewusst.

Der Mann, der ihm all dies eingebrockt hat, ist ein Phantom für ihn. "Ich kenne den Herrn Fritzl überhaupt nicht." Lediglich Fritzls Sohn Alexander, der mit seinem Vater und seiner Großmutter Rosemarie aufwuchs, kenne er, der 12-Jährige ist bei der freiwilligen Feuerwehr. Als dann die ersten Bilder in den Zeitungen erschienen, erinnerte sich auch der Bürgermeister auch an die Mädchen Monika und Lisa und an Fritzls Ehefrau Rosemarie. Die neue Zeitrechnung hat für Katzengruber und seine Gemeinde erst begonnen. "Ich hab mir selbst die quälende Frage gestellt, warum hab ich nichts gesehen." Die Zukunft seiner Stadt liegt ihm am Herzen. Eine Email mit dem Betreff "Blick nach vorne" an alle Amstettener hat er schon losgeschickt. Er schreibt über die Betroffenheit und über sein Mitgefühl für die Opfer. Doch er kämpft auch um das Ansehen seiner Stadt. "Wir bitten euch alle im Sinne der Stadt Amstetten und der gesamten Region, helft uns die Botschaft hinauszutragen, dass nicht die Amstettnerinnen und Amstettner, nicht die Menschen im Bezirk Amstetten schuld sind an dem Verbrechen und dass die Betroffenheit, die Sprachlosigkeit, die Wut, die Trauer und der Ärger bei uns groß sind. Unterstützt uns bitte, dass die Stadt, unsere Region und unser Land wieder dort anknüpfen können, wo wir vor dem 27. April waren."

Von Katharina Schönwitz, Amstetten
 
 
KOMMENTARE (10 von 28)
 
fr1951 (03.05.2008, 18:35 Uhr)
sachsenwini
Ich habe gelesen dass ELISABETH hat sich beklagt darüber dass her Father sie geschlagen und ihr "weh tat". Und niemandem is es eingefallen ihr zu helfen. Das war BEVOR ihr Gefangenschaft.
sachsenwini (03.05.2008, 18:20 Uhr)
@ fr1951 … die Kellerkinder haben keine Schule besucht,
und hatten auch keine Gelegenheit, sich jemanden anzuvertrauen.
.
Inwieweit andere Familienangehörige Hilfe benötigt hätten, oder etwas wussten und ob sie darüber schwiegen oder ob sie von Behörden nicht ernst genommen wurden, das wird hoffentlich noch gründlich untersucht werden.
Deswegen muss man nicht diesen Ort in Verruf bringen.
Johann58 (03.05.2008, 18:13 Uhr)
Mostviertel
Die Gemeinde Amstetten wird es ueberleben auch wenn es im Moment zum Synonym des Unvorstellbaren geworden ist. Ein anderes Ereignis in einem anderen Land, einer andren Stadt wird es irgendwann wieder ueberdecken und fuer den 'armen Buergermeister' von Amstetten wird wieder der normale Mostwahnsinn einkehren. Viel besser waere es wenn die Gemeinde und ihre Buerger offensiv mit der Tat umgehen und der Familie den ihr nun zustehenden Respekt und die noetige Hife angedeien lassen wuerden. Was mich stoert, sind all die Besserwisser, die dort gewohnt haben und auf einmal Klopfgeraeusche und Hilferufe vernommen haben wollen und aus Feigheit oder falsch verstandener Zurieckhaltung die Schnautze gehalten haben. Wenn es angeblich Menschen gab, die von der Vergewaltingung der 11 jaehrigen gewusst oder vermutet haben, warum habe die nicht damals den Mund aufgemacht, jetzt ist es zu spaet und zeigt nur von Feigheit. eine junge Frau, die verschwindet und angeblich in einer Sekte untergetaucht sein soll, Behoerden, die sich nicht darum kuemmern, wenn jemand verschwindet. Wenn ich die Bilder sehe wie der Keller ausgestattet war, mit Toilette, Dusche, Kueche usw. dann kann man das in einem Mehrfamilienhaus doch nicht ohne Aufsehen zu erregen machen. Hier gibt es glaube ich eine ganze Menge aufzuraeumen, bei der Familie, den nachbarn und den Miutbewohnern ohne dass jemand die Mitschuld daran traegt aber es kann helfen derartiges fuer die Zukunft entweder zu verhindern oder aehnliche Faelle aufzudecken. Schaerfere Gesetzt braucht im uebrigen keiner, wenn die bestehenden kosequent angewendet werden und jemand wie Josef Fritzl nie mehr die Gefaengnismauern von aussen sehen wird.
fr1951 (03.05.2008, 18:08 Uhr)
schlechter Ruf
Solange ein Madchen sich beklagen kann dass ihr Father ihr weh tut and niemand hilft ihr, Amstetten verdient den "schlechten Ruf"!
Hatten die Lehrer in der Schule über Missbrauch gesprochen und hatten sie den Schülern klar gemacht dass in einem solchen Fall sie sind da ihnen zu helfen, hatte das ganze Geschichte nicht passiert.
fr1951 (03.05.2008, 17:50 Uhr)
gesetze
"Härtere Gesetze wird man kaum brauchen, wenn man gründlich ermittelt und die bestehenden Gesetze voll ausschöpft, erlebt der Fritzl die Freiheit nicht mehr."
Der Fritzl wird die Freiheit nicht erleben, aber was passiert when ein 30-jahrige tut das selbe? Er wird mit 45 frei und wird "unbescholten" erklart.
sachsenwini (03.05.2008, 17:45 Uhr)
@ Schulse … Diesen Ort zu verurteilen wäre auch völlig unbegründet

und käme mir selbst überhaupt nicht in den Sinn.
Den Ort selbst kann man für die Tat des Fritzl genau so wenig verantwortlich machen wie für einen Blitzeinschlag.
@ fr1951 .. . Der Fritzl war ja wahrscheinlich der alleinige Täter.
.
Sollte es Hinweise geben, dass eventuell Anzeigen von Mitbürgern oder Familienangehörigen von den Behörden nicht ernst genommen wurden, dann muss dem nachgegangen werden. Ebenso ist zu untersuchen, ob staatliche Kontrollmaßnahmen unterlassen wurden. Inwieweit die außerhalb des Kellers lebenden Kinder betroffen waren und keine Hilfe fanden, muss auch gründlich untersucht werden.
Härtere Gesetze wird man kaum brauchen, wenn man gründlich ermittelt und die bestehenden Gesetze voll ausschöpft, erlebt der Fritzl die Freiheit nicht mehr.
fr1951 (03.05.2008, 17:37 Uhr)
reinwashen
Wir müssen auf die Vorbeugung solcher fallen in Zukunft konzentrieren. Welche Umstande, Gesetze und Öffentlicher Meinung hat Fritzl ausnutzen können? Diese müssen geandert werden.
1. Die Öffentliche Meinung soll geandert werden so dass Leute in Zukunft nicht schweigen.
2. Kinder müssen eine Zuflucht und Schutz haben in einem solchem Fall und jedes Kind soll darüber aufgeklart werden.
3. Wir brauchen strengere Gesetze.
Die Gesetze und die Mangel an Hilfe ist zu blamen und sollte gefixed werden. Nichts anderes will den namen Amstetten reinwaschen können.
sachsenwini (03.05.2008, 17:14 Uhr)
@ Pamela_1971 Noch schlimmer war Sebnitz

Dort wurde und wird noch ein ganzer Ort diffamiert, obwohl sich herausstellte, dass die ganze Straftat erfunden war.
.
Damit will ich aber keinesfalls dieses Verbrechen in Amstetten irgendwie relativieren. Ich wollte nur Beispiele anführen, wie die Medien einen solchen Fall spektakulär ausschlachten.
.
Für die Tat des sauberen Herrn Fritzl ist ja die Bezeichnung Inzest geradezu verharmlosend, denn es war ja weit mehr als nur eine Beziehung zwischen Vater und Tochter.
Hier gab es eine Freiheitsberaubung über 24 lange Jahre, hier musste eine Mutter in der Gefangenschaft sieben Kinder zur Welt bringen und sechs davon groß ziehen. 24 lange Jahre im eigenen Elternhaus hilflos gefangen, wobei der Kerkermeister zuweilen wochenlang in Urlaub fuhr, das übersteigt meine Vorstellungskraft, und ist wohl so in der Kriminalgeschichte einmalig. In der Zeit, wo er sich verwöhnen ließ, hätte ja alles Denkbare mit seinen hilflosen Opfern passieren können.
.
Die ganze Tat ist derart sadistisch und unvorstellbar, dass nicht genug über die Tat und den Täter berichtet werden kann. Die Opfer sollten aber geschont werden und einen neuen Namen erhalten, mit dem sie unerkannt irgendwo eine neue Heimat finden können.
fr1951 (03.05.2008, 16:57 Uhr)
Vorschlag
Ich schlage vor dass die Stadt Amstetten mit gutem Beispiel vorangeht und für die Anderung der Gesetze in Österreich und in Europe auftritt. Das würde den Namen Amstetten nicht nur rein waschen, sondern ihm sogar ein positives Image geben. Es ist offensichtlich dass die Strafen für Inzest und Vergewaltigung derzeit nicht genug sind und müssen geandert werden. Sexualstater sollten niemals rehabilitiert werden, und Sexualstrafen sollten niemals getilgt werden.
Ausserdem sollte ein Sicherheitsnetzwerk für Inzest- und Vergewaltigungopfern aufgebaut und weitgehend bekanntgemacht werden. Kinder müssen wissen dass sie einen Platz haben wo sie sich in einem solchem Fall wenden können.
Inzest sollte ernst genommen werden und Kinder sollen wissen dass der einzige der sich schamen soll ist der tater.
Auch die Polizei soll die Meldungen ernst nehmen so dass Leute keine Angst haben einen Grauentat anzeigen.
Schulse (03.05.2008, 16:44 Uhr)
naja.
also ich weiss ja net so recht, aber mir persönlich läge es fern eine Stadt als gesamtheit zu ächten nur weil ein Psycho sowas dort gemacht hat... jemand mit bissl grips sollte da schon differenzieren können... Das man den Namen dieser Stadt natürlich immer mit diesem Vorfall in Verbindung bringen wird, lässt sich nicht vermeiden... Aber das find ich halb so wild.
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