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"Unser Sohn war zum Zeitpunkt des Absturzes nicht depressiv"

Der Vater von Andreas Lubitz mag nicht an die Schuld seines Sohnes am Absturz der Germanwings-Maschine vor zwei Jahren glauben. Auf einer Pressekonferenz begründet er seine Zweifel.

Andreas Lubitz steuerte die Germanwings-Maschine mit Absicht in den Abgrund

Andreas Lubitz steuerte die Germanwings-Maschine mit Absicht in den Abgrund - dieser Erkenntnis der Staatsanwaltschaft glaubt der Vater nicht.

Am 24. März 2015 steuerte Co-Pilot Andreas Lubitz einen Germanwings-Airbus von Barcelona nach Düsseldorf mit 150 Menschen an Bord in den Tod. Absichtlich, wie es im Befund der Ermittler heißt. Doch sein Vater Günter Lubitz mag an diese Version, die auf die gründliche Untersuchung von zwei Staatsanwaltschaften zurückgeht, noch nicht glauben.

In Berlin machte er auf einer Pressekonferenz seine Zweifel öffentlich. Er habe diesen Termin gewählt, "um Gehör zu finden", sagte Günter Lubitz auf einer Pressekonferenz in Berlin. Dabei bestritt Lubitz, dass sein Sohn zum Zeitpunkt des Absturzes an Depressionen gelitten habe.

Sein Sohn habe im Jahr 2008 Depressionen gehabt, die Krankheit aber sechs Jahre vor dem Absturz überwunden. In den Jahren 2014 und 2015 habe es häufige Arztbesuche gegeben, aber nur wegen Augenleiden. Andreas Lubitz sei in den sechs Jahren vor dem Absturz "ein lebensbejahender Mensch gewesen". "Auch wir suchen nach Antworten", sagte Lubitz. Er stehe "der Tragödie fassungslos gegenüber".

Nach Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft hatte der Copilot Andreas Lubitz am 24. März 2015 den Airbus absichtlich gegen einen Berg in Südfrankreich gesteuert. Zuvor habe er den Flugkapitän ausgesperrt. Dies ist nach Darstellung des Flugunfallexperten Tim van Beverens nicht zweifelsfrei erwiesen. Dieser behauptete auf der Pressekonferenz in Berlin, dass es schon vor dem letzten Flug der Germanwings-Maschine Probleme mit der Cockpit-Verriegelung gegeben habe. So habe er Informationen erhalten, dass sich eine Crew dieses Jets einmal selbst ausgesperrt habe.

Van Beveren verwies zudem auf Turbulenzen, die es am 24. März 2015 über dem Absturzgebiet gegeben habe. Solche Luftlöcher seien sehr gefährlich. Etliche andere Piloten hätten deswegen am Absturztag niedrigere Flughöhen gewählt.

Er kritisierte insgesamt, dass bei den Ermittlungen zur Unfallursache nur Ingenieure eingesetzt worden seien, aber keine "Human Factor"-Experten, die darauf spezialisiert seien, den Faktor Mensch zu analysieren. Diese könnten beispielsweise aus Stimmenrekorder- und Funk-Aufzeichnungen auf Stress schließen

So lief die Pressekonferenz in Berlin:

+++ 12.50 Uhr: Gutachten wird vorerst nicht der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt +++

van Beveren: "Dieses Gutachten ist erstellt worden mit dem Ziel, diejenigen, die Ermittlungen führen, ihre Arbeit machen können." Eine Veröffentlichung sei deshalb vorerst nicht geplant. Erst wenn keinerlei neue Untersuchungen in Angriff genommen würden, werde das Gutachten auf der Webseite der Familie veröffentlicht.

+++ 12.44 Uhr: Lubitz: "Wir haben nicht in der Wohnung unseres Sohnes auf ihn gewartet" +++

In den Ermittlungsakten gibt es den Vermerk, dass Lubitz, seine Frau und die Lebensgefährtin in Lubitz Wohnung auf ihn gewartet hätten. Auf Nachfrage erklärt Lubitz, dass diese Behauptung eindeutig falsch sei. Er selbst sei auf einem Termin in Holland gewesen und sei dort von seiner Frau über den Absturz informiert worden. Anschließend sei man zum Flughafen Düsseldorf gefahren und sei dort in einem separaten Bereich betreut worden.

+++ 12.39 Uhr: Lubitz: "Ich wusste nicht, dass er krankgeschrieben war" +++

Eine Reporterin fragt: "Wie können Sie sich erklären, dass er krank geschrieben war und trotzdem zur Arbeit gegangen ist?" Lubitz: "Wir waren nicht über seinen Tagesablauf informiert, ich wusste nicht, dass er krankgeschrieben war und kann dazu nichts sagen."

+++ 12.30 Uhr: War Lubitz tatsächlich im Cockpit? +++

van Beveren: "Ich gehe davon aus, das Lubitz im Cockpit gewesen ist. Aber die Aussage: Er hat bewusst das Flugzeug in den Berg gesteuert, ist meiner Meinung nach nicht zu halten."

Und weiter zur Frage, ob er an eine Manipulation glaubt: "Ich unterstelle keine Manipulation, ich sage nur: Wir haben Daten, die nicht konsistent sind - und das stellt die Gesamtheit der Daten in Frage. Es bedarf einer genaueren Analyse."

+++ 12.22 Uhr: van Beveren: Will keine Absicht unterstellen +++

Auf die Frage, ob die Behörden absichtlich falsch ermittelt haben, sagt van Beveren: "Absicht möchte ich nicht unterstellen. Nein, ich glaube, es ist eine Überschätzung. Hier überschätzen sich Leute, die Bereiche untersuchen, die nicht ihr Fachgebiet sind."

+++ 12.16 Uhr: "Glauben Sie an die Unschuld ihres Sohnes?" +++

Ein Vox-Reporterin stellt explizit die Frage: Glauben Sie, dass Ihr Sohn unschuldig ist? Lubitz weicht aus und antwortet lediglich: "Mit diesem "Gutachten sind wir auf der Suche nach der Wahrheit." Van Beveren: "Ein Gerichtsverfahren wäre nach zehn Minuten zu Ende - mit der Feststellung der Unschuld des Angeklagten."

+++ 12.06 Uhr: Fragerunde beginnt - keine Auskunft zur Höhe des Honorars +++

Die Frage nach der Höhe des Honorars für das Gutachten wollen sowohl Günter Lubitz als auch van Beveren nicht beantworten. Auch eine dezidierte Nachfrage, ob der gewählte Termin der PK möglicherweise ein Schlag ins Gesicht der Angehörigen der übrigen Opfer ist, wird von Lubitz nicht mehr explizit kommentiert.

+++ 12.05 Uhr: van Beveren: Es gibt keinen eindeutigen Beweis für die Schuld von Andreas Lubitz +++

Das Schlusswort von Tim van Beveren: "Es geht der Familie um den Beweis, dass der Sohn das schreckliche Ereignis absichtlich herbeigeführt hat. Gäbe es ein Gerichtsverfahren, so müsste Andreas Lubitz selbst Stellung nehmen. Diese Chance hat er nicht mehr. Egal, was ihm vorgeworfen wird: Andreas Lubitz hat das Recht, als Unschuldiger behandelt zu werden, solange es keine Beweise gibt. Es gibt keinen Beweis. Wenn er existiert, dann mögen diejenigen, die ihn haben, bitte offenlegen. Ich habe miterleben müssen, wie es durch zahlreiche Kollegen zu widerlichen Verletzungen der Familie Lubitz gekommen ist. Bitte unterscheiden Sie in der Berichterstattung zwischen Fakten und Fiktion und verzichten auf Unterstellungen. Vielen Dank.

+++ 11.56 Uhr: van Beveren: Suchverläufe auf Lubitz' iPad ergeben kein Motiv +++

Im Folgenden geht es um die Suchverläufe auf Andreas Lubitz' iPad. Dort waren laut Untersuchungsbericht Anfragen zum Thema Cockpit-Tür dokumentiert, die als Indiz für Lubitz Vorgehen gewertet worden sind. Das sei laut van Beveren nicht nachvollziehbar. "Mein Eindruck: Das lieferte den ermittelnden Beamten das, was sie bis heute nicht haben: ein Motiv."

+++ 11.41 Uhr: van Beveren zitiert aus dem Gesundheits-Gutachen von Andreas Lubitz +++

Van Beveren zitiert aus dem Gesundheitsgutachten von Andreas Lubitz, in dem ihm einer schwere psychische Erkrankung bescheinigt wird. Van Beveren behauptet, dass Lubitz sich nie in stationärer Behandlung wegen einer Depression befunden habe. Und weist erneut darauf hin, dass sich lediglich Ingenieure mit den Unfallermittlungen beschäftigt haben.

+++ 11.38 Uhr: van Beveren: Turbulenzen im Fluggebiet +++

Das Thema Wetter sei bei der Untersuchung sträflich vernachlässigt worden, sagt van Beveren. In dem fraglichen Gebiet habe es am Unglückstag heftige Turbulenzen gegeben, sogenannte "Clear Air Turbulences", die unsichtbar seien, nicht auf dem Wetterradar angezeigt würden.  Er habe mit mehreren Piloten gesprochen, die an diesem Tag diese Route geflogen seien. Diese hätten aufgrund dieser Turbulenzen niedrigere Flughöhen gewählt.

+++ 11.36 Uhr: van Beveren: Kein Beweis für Aussperren des Piloten aus dem Cockpit +++

Jetzt geht es um das Aussperren des Piloten aus dem Cockpit. "Dafür, dass Lubitz den Piloten absichtlich aus dem Cockpit ausgesperrt hat, gibt es zwei Jahre später keinen stichhaltigen Beweis." 

+++ 11.16 Uhr: Der Luftfahrtexperte Tim van Beveren ergreift das Wort +++

"Flugunfalluntersuchungen sind aufwendig und dauern oft mehrere Jahre. Umso größer war mein Erstaunen, als ich schon nach zwei Tagen die Pressekonferenz der französischen Staatsanwaltschaft verfolgen durfte. Mit der Schlussfolgerung: Es war der Copilot."

"Das Problem war, dass der Staatsanwalt schon 48 Stunden eine Schilderung abgegeben hat, was sich abgespielt hat im Cockpit. Zu dem Zeitpunkt war noch nicht klar, wer sich überhaupt im Cockpit befand."

"Die frühzeitige Festlegung auf Lubitz als Täter haben die Ermittlungen vergiftet."

"Bei Flugunfällen spielen zwei Systeme eine Rolle: das System Mensch und das System Maschine."

"Bei der Germanwings-Untersuchung waren fast ausschließlich Ingenieure als Ermittler tätig. Die Experten für das System Mensch haben nie den Voice-Recorder gehört."

Van Beveren argumentiert dass durch Atemgeräusche im Cockpit zwar klar gewesen sei, dass Andreas Lubitz lebte – aber nicht, ob er bei Bewusstsein war.

Es folgen detailliert technische Einlassungen zum Unfallbericht und zum mutmaßlich von Andreas Lubitz eingeleitetem Sinkflug, wo es nach Auffassung von van Beveren Ungereimtheiten gegeben hat. 

+++ 11.06 Uhr: Depression war laut Lubitz überwunden +++

"Unser Sohn war zum Zeitpunkt des Absturzes nicht depressiv. Alle Ermittlungen haben sich auf die Depression konzentriert und andere Aspekte vernachlässigt. Deshalb haben wir Herr van Beveren beauftragt, sich dieser Aspekte anzunehmen."

+++ 11.02 Uhr: Lubitz: Unsere Trauer ist eine spezielle ++++

"Meine Trauer, die Trauer meiner Frau und meines Sohnes ist eine andere, eine spezielle. Sie unterscheidet sich von der Trauer der anderen Angehörigen. Wir müssen damit leben, dass unser Sohn schon zwei Tage nach dem Absturz als Alleinverantwortlicher feststand. Wir müssen damit leben, dass unser Sohn in den Medien als dauerdepressiv dargestellt wird."

+++ 11.00 Uhr: Lubitz ergreift das Wort +++

Lubitz weist darauf hin, dass eine PK Neuland für ihn ist. Zu Beginn weist er auf die Besonderheit des Termins hin, den zweiten Jahrestag des Absturzes. Man wolle niemanden verletzen. Seit zwei Jahren gehe es Lubitz wie allen anderen Angehörigen. Er steht der Tragödie fassungslos gegenüber. Dafür gebe es keinen Trost.

+++10.57 Uhr: Das ist das Podium +++

Auf dem Podium sitzen neben Günter Lubitz und Tim van Beveren der Anwalt von Günter Lubitz und ein Fachmann zum Thema Medienberichterstattung.

+++ 10.53 Uhr: PK beginnt +++

Günter Lubitz und der holländische Luftverkehrsfachmann Tim van Beveren betreten das Podium. Im Blitzlichtgewitter der anwesenden Fotografen sind sie nicht zu erkennen. 

+++ 10.30 Uhr: PK beginnt mit Verspätung +++

Rund 100 Medienvertreter haben sich um 10.30 Uhr in den Konferenzraum des Maritim-Hotels in Berlin eingefunden, Zutritt gibt es nur mit Akkreditierung, Sicherheitskräfte kontrollieren den Einlass. Aufgrund des Andrangs beginnt die PK mit Verspätung.

kng/AFP/DPA

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