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Wie Angela Merkel mit dem Papst keine Pizza aß

Die Kanzlerin zur Privataudienz bei Papst Franziskus im Vatikan. Es gab Bach-CDs, eine Spende und politischen Meinungsaustausch. Ein ganz weltlicher Reisebericht in zwölf Fragen und Antworten.

Von Jens König, Rom

  Angela Merkel und Papst Franziskus haben ein gutes Verhältnis

Angela Merkel und Papst Franziskus haben ein gutes Verhältnis

Sie überreichen sich Geschenke, lachen zusammen und verstehen sich offenbar gut. Doch bei der Privataudienz in Rom haben Papst Franziskus und Bundeskanzlerin Angela Merkel vor allem ernste Dinge besprochen.

Die Frage aller Reisefragen: Wie war's?

Lassen wir es Angela Merkel mit ihren eigenen Worten sagen: "Es war eine große Freude, den Papst zu treffen. Es war, wie nicht anders zu erwarten, ein sehr bereicherndes Gespräch." Als sie das sagt, steht sie im katholischen Kloster Sant'Egidio in Rom. Schwarzes Jackett, schwarze Hose, türkisfarbene Bluse. Ihre Mundwinkel zieht sie einmal kurz nach oben. Aha, das signalisiert also ihre Freude.

Aber das hier ist, knapp eine halbe Stunde nach der Audienz, ein offizielles Statement, kein Kindergeburtstag. Gefühlsausbrüche verbieten sich von selbst. Die mächtigste Frau der Welt, Protestantin, zu Besuch bei einem der bekanntesten und mächtigsten Männer der Welt, Katholik - das ist große Politik, also auch großer Ernst.

Worüber haben die beiden geredet?

Angela Merkel war nicht als Privatperson und nicht als CDU-Chefin in den Vatikan gekommen, sondern als Bundeskanzlerin, die in diesem Jahr die G 7-Präsidentschaft inne hat. Und so hat Merkel Papst Franziskus offiziell über die Schwerpunktthemen dieser Präsidentschaft informiert. Es ging um Armutsbekämpfung, den Klimawandel, die Rolle der Frauen für den wirtschaftlichen Fortschritt in Entwicklungsländern sowie den Krieg in der Ukraine. Franziskus versteht sein Amt durchaus politisch. Also nutzt die Kanzlerin die moralische Autorität des Papstes, um die politischen Themen voranzubringen, die ihr wichtig sind.

Wieso eigentlich Privataudienz?

Weil das der Weg ist, um mit dem Papst persönlich ins Gespräch zu kommen - theoretisch für jeden möglich. Aber meisten wird diese Ehre nur Politikern, Wissenschaftlern, Diplomaten und den Erfolgreichen dieser Welt, wie den Spielern des FC Bayern München, gewährt. Der Papst gibt im Jahr zwischen 450 und 500 solcher Privataudienzen.

War es Merkels erster Besuch bei Papst Franziskus?

Nein, bereits ihr dritter. Und ihre zweite Privataudienz. Die erste hatte sie im Mai 2013, kurz nach der Wahl des Argentiniers zum neuen Papst. Diese Häufigkeit ist bemerkenswert und ein Privileg - Merkel versteht das auch so. Die Diplomatie des Vatikans ist ein Business, in der jede Besuchsminute penibel mitgezählt und jedes Wort einzeln auf die Goldwaage gelegt wird. Für die heutige Privataudienz der Kanzlerin vermeldeten die Auguren: fast 50 Minuten. 20 Minuten sind üblich, 30 Minuten gelten als Ausdruck von Wichtigkeit. Angela Merkel also: very, very important person. Doppel-VIP-Status.

Verstehen sich die Kanzlerin und der Papst gut?

Es sieht so aus. Merkel schätzt Papst Franziskus' herzliche Art und dessen revolutionären Geist. Und Seiner Heiligkeit gefällt die Frau Kanzlerin offenbar auch. Er redet mit ihr sogar in ihrer Muttersprache, er kann ein bisschen Deutsch. Der neue Wind, der im Vatikan weht, kommt Merkel ganz recht. Sie nutzt ihn, um ihre Beziehungen mit Rom zu verbessern. Ihr Verhältnis zu Franziskus' Vorgänger, Papst Benedikt XVI., obwohl der erste deutsche Papst seit Jahrhunderten, war alles andere als einfach. Als Benedikt 2011 Berlin besuchte, weigerte er sich, Merkel im Kanzleramt einen Besuch abzustatten.

Und als die Kanzlerin den Papst im innerkirchlichen Streit um den britischen Holocaust-Leugner Richard Williamson scharf kritisierte, sorgte das in der katholischen Kirche und der CDU für Aufruhr. Eine protestantische Pastorentochter aus Templin attackiert den Stellvertreter Gottes auf Erden - das ging für viele Papstfreunde gar nicht. Mit Franziskus hingegen - läuft bisher alles bene. Es läuft sogar so gut, dass sie ihn heute zu einem Besuch nach Deutschland eingeladen haben soll. Eine offizielle Bestätigung dafür gibt es allerdings nicht.

Hat Merkel dem Papst ein Geschenk mitgebracht?

Ja, nicht nur eins. Der Austausch von Geschenken ist ein Ritual, das zu jeder Privataudienz dazu gehört. Merkel brachte dem Papst eine CD-Gesamtausgabe der Musik von Johann Sebastian Bach mit, ein Buch über die Gavi-Impfallianz der Bill & Melinda Gates-Stiftung sowie einen Scheck in unbekannter Höhe. Die Spende kommt dem Päpstlichen Hilfswerk Cor Unum zu gute. Sie ist für ein Projekt gedacht, das sich um syrische Flüchtlingskinder in Jordanien kümmert.

Hatte Papst Franziskus auch ein Geschenk für die Kanzlerin?

Aber ja doch. Eine Medaille, die den Heiligen Martin zeigt, der mit seinem Mantel einen Armen bekleidet. Er verschenke die Medaille gern an Politiker, sagte der Papst, "weil auf eine gewisse Weise auch sie das Volk mit ihrem Mantel bedecken". Nun ja. Merkel gab höflich zurück: "Wir geben uns Mühe."

Wo fand die Privataudienz statt?

In der Bibliothek des Appartamento, der einstigen Privatwohnung des Papstes. Obwohl Franziskus, der bescheiden lebt, ins Gästehaus des Vatikans gezogen ist.

Wer war bei der Privataudienz eigentlich dabei?

Nur Papst Franziskus, Angela Merkel sowie Monsignore Winfried König, Leiter der deutschsprachigen Abteilung im Staatssekretariat des Vatikans, als Dolmetscher. Bei der Begrüßung waren noch Merkels engste Mitarbeiter sowie sechs deutsche Journalisten dabei. Der stern-Reporter war nicht unter ihnen. Zu seinem Bedauern.

Bedeutet Angela Merkel diese Privataudienz auch persönlich etwas?

Merkel würde sich eher die Zunge abbeißen, als öffentlich darüber zu reden. Aber es spricht einiges dafür. Vor zwei Jahren erfuhr sie überraschend, dass sie katholische Wurzeln hat. Ihr Großvater väterlicherseits stammte aus Posen und war katholisch getauft. Ohnehin schätzt Merkel die katholische Kirche und den Vatikan, deren jahrhundertealte, wechselvolle Geschichte sowie die globale Wirkung dieser altehrwürdigen Institutionen. Und sie hat als Kanzlerin gelernt, dass ohne den Dialog der Religionen kein Frieden auf dieser Welt herzustellen ist.

Szene des Tages?

Nach der Privataudienz fuhr Papst Franziskus in seinem blauen gebrauchten Ford Focus davon, während Merkel vor ihrer Autokolonne mit acht Mercedes wartete. Der Papst hat den besseren PR-Berater. Dieser weiß, wie man Bescheidenheit gekonnt in Szene setzt.

Satz des Tages?

Sorry, ist wegen päpstlicher Vertraulichkeit nicht überliefert. So müssen wir mit Angela Merkels flapsiger Bemerkung von ihrer letzten Privataudienz bei Franziskus vorlieb nehmen: "Das nächste Mal gehen wir auf die Piazza und essen eine Pizza." Mit diesen Worten hatte sich die Kanzlerin vom Papst verabschiedet. Daraus wurde diesmal natürlich nichts. Obwohl man natürlich gern wüsste, wo in Rom der Heilige Vater seine irdische Pizza Diavolo isst.

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