So entspannt hat man sie lange nicht mehr gesehen: Bundeskanzlerin Angela Merkel genoss ihren Auftritt auf dem Kirchentag in Bremen sichtlich. Das kam auch bei den 10.000 Gläubigen gut an.

Bundeskanzlerin Angela Merkel nahm auf dem Kirchentag in Bremen ein Bad in der Menge© Kay Nietfeld/DPA
Für Bundeskanzlerin Angela Merkel ist der Auftritt auf dem Kirchentag in Bremen ein Heimspiel. Als Tochter eines ostdeutschen Pfarrers ist sie mit der evangelischen Kirche seit Jahren bestens vertraut. Entsprechend euphorisch wird die CDU-Politikerin bei einer Diskussion über Menschenwürde und Demokratie auf dem Kirchentag begrüßt: Rund 10.000 Menschen jubeln ihr begeistert zu. Merkels Diskussion mit dem britischen Historiker und Publizist Prof. Timothy Garton Ash ist Auftakt einer Diskussionsreihe mit Spitzenpolitikern wie Altbundespräsident Richard von Weizsäcker und Ex-Bundeskanzler Helmut Schmidt. Auch SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier spricht auf dem Kirchentag - ein Fernduell liefern Merkel und ihr Herausforderer sich aber nicht.
Vielmehr greift Merkel in ihren Antworten die Losung des Kirchentages, "Mensch wo bist Du?" auf, und stellt die Verantwortung jedes einzelnen in den Mittelpunkt. "Freiheit muss gelebt werden, das heißt, jeder einzelne muss sich auf die Freiheit einlassen", ermuntert die Kanzlerin. Auch in der Demokratie verlange es Mut, etwa wenn es gelte, eine von der Mehrheit abweichende Meinung zu vertreten. Ansonsten drohe Konformität. Als Wahlkampfbühne nutzt die Kanzlerin den Kirchentag nicht. Stattdessen ruft sie die Menschen zum Einsatz für die Demokratie auf, etwa indem sie ihr Wahlrecht nutzten, ihre Meinung sagten und Konflikten nicht aus dem Weg gingen.
Ein "intensives Wohnzimmergespräch" versprach der Moderator im Vorfeld der Diskussion. Dank Angela Merkel wird die zweistündige Unterhaltung auf der Bühne das auch. Sie meidet politische Parolen oder schwammige Floskeln. Stattdessen spricht sie ihr Publikum direkt an, antwortet mit klaren Worten auf dessen Fragen, macht Scherze, plaudert entspannt über Erinnerungen aus ihrer Jugend und lässt sich auch vom verärgerten Zwischenruf eines Milchbauern nicht ins Bockshorn jagen. "Es hat mich sehr gereizt, ihre Meinung zu den Themen Demokratie und Menschenwürde zu hören", sagt Kristina Deminatus aus Langen bei Bremerhaven. "Sie ist sehr erfrischend. Das kommt sonst nicht so rüber, dass sie so viel Witz hat."
Bei der Kirchentagseröffnung am Vorabend tut SPD-Kanzlerkandidat Steinmeier sich noch schwer, bei der Begrüßung der zehntausenden Gläubigen einen anderen Ton als bei Wahlkampfreden zu finden. Er spricht über die Krise, die Gier, die gezähmt werden muss und den Anstand, der nun auch überall in der Wirtschaft einziehen müsse. "Wir dürfen nicht zum Alten zurück. Sondern wir brauchen den Aufbruch zum Besseren. Wir brauchen einen Neustart der sozialen Marktwirtschaft." Am Donnerstag geht Steinmeier dann mit dem Kirchentag auf Tuchfühlung, besucht Stände und stellt sich der Diskussion zur "Menschenwürde in einer solidarischen Weltgemeinschaft."
Michael Evers und Christiane Gläser/DPA