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15. September 2008, 13:36 Uhr

Fluggäste erzwingen Ersatzmaschine

Passagier-Aufstand auf dem Flughafen Nürnberg: Weil ihre Maschine zwei Mal den Start abbrechen musste, haben die Fluggäste eines Air-Berlin-Fluges nach Faro den Einsatz eines Ersatzjets erzwungen. Eine Sprecherin der Fluggesellschaft sprach von "Panik" nach den Flugzeugunglücken der vergangenen Wochen.

Die Passagiere einer Air-Berlin-Maschine erzwangen in Nürnberg nach zwei missglückten Startversuchen den Einsatz eines Ersatzjets© Martin Meissner/AP

Sie hatten Angst vor einem Flugzeugabsturz und probten den Aufstand: Nach zwei missglückten Startversuchen haben etwa 170 Passagiere auf dem Nürnberger Flughafen eine Ersatzmaschine erzwungen. Sie weigerten sich, ein drittes Mal das Flugzeug zu besteigen, und starteten eine Unterschriftenaktion. Nach 15 Stunden Wartezeit wurden sie am Sonntagabend schließlich mit einer anderen Maschine unbeschadet zu ihrem Zielflughafen im portugiesischen Faro gebracht. Zwei Reisende, die an Flugangst litten, waren schon beim zweiten Startversuch nicht mehr eingestiegen.

Ursache der Panne war eine fehlerhafte elektronische Anzeige in der nagelneuen Boeing 737-800, wie eine Sprecherin der Fluggesellschaft Air Berlin am Montag sagte. Eine Gefahr habe für die Passagiere nicht bestanden.

"Die Anzeige des Landeklappensystems hat nicht richtig funktioniert", sagte Air-Berlin-Sprecherin Alexandra Müller. Der Pilot habe den geplanten Start am frühen Sonntagmorgen deshalb bereits beim Anrollen zur Startbahn abgebrochen. Ein zweiter Versuch einige Stunden später verlief ebenfalls nicht erfolgreich. Daraufhin hätten einige Passagiere Unterschriften gesammelt und gefordert, nicht mehr mit dieser Maschine fliegen zu müssen.

"Wir waren zweimal im Flugzeug gesessen und sind auch zweimal auf die Startbahn gerollt, und jedes Mal musste der Start wegen eines Defekts abgebrochen werden", erzählte ein Fluggast in der "Nürnberger Zeitung". "Wir standen dann immer wieder auf dem Flugfeld und wurden mit dem Bus zurückgefahren."

"Die Passagiere waren sehr beunruhigt und reagierten panisch", sagte Air-Berlin-Sprecherin Müller. Vor allem vor dem Hintergrund des Madrider Unglücks sei "ein psychologisches Moment" im Spiel gewesen. Am 20. August war eine Maschine der spanischen Fluggesellschaft Spanair unmittelbar nach dem Start vom Madrider Flughafen abgestürzt und in Flammen aufgegangen. 154 Menschen starben, 18 wurden verletzt. Vor dem Absturz hatte der Pilot einen Startversuch abgebrochen. Passagieren war Berichten zufolge das Aussteigen verwehrt worden.

Wenige Tage nach dem Madrider Unglück waren beim Absturz einer Boeing 737 in Kirgistan mindestens 65 Menschen getötet worden. Am vergangenen Sonntag hat ein abstürzendes Aeroflot-Flugzeug vom Typ Boeing 737 in Russland alle 88 Insassen in den Tod gerissen.

Passagiere beklagen mangelhafte Information

In Nürnberg konnte erst nach vielen Stunden Wartezeit eine Ersatzmaschine bereitgestellt werden, mit der die Urlauber nach Faro flogen. Air Berlin habe den Gästen Verpflegungsgutscheine und Tageszimmer in Hotels zur Verfügung gestellt, sagte die Sprecherin. Passagiere beklagten in den örtlichen Medien aber, sie hätten stundenlang auf Informationen warten müssen.

An der Boeing 737-800, die erst vor wenigen Wochen ausgeliefert worden sei, habe man keinen Defekt festgestellt, sagte Air-Berlin- Sprecherin Müller. Fehlerhafte Anzeigen gebe es bei den mit Elektronik hochgerüsteten neuen Maschinen immer wieder. "Sicherheit steht an erster Stelle", betonte die Sprecherin. "Kein Pilot wird mit einer defekten Anzeige fliegen."

Bei einem weiteren Zwischenfall war bereits am Samstag eine Air-Berlin-Maschine auf dem Weg von Hamburg nach Faro in Düsseldorf zwischengelandet, nachdem ein Schwarm Vögel in das rechte Triebwerk geraten war. Dabei sei der Rumpf der Maschine beschädigt worden, sagte Müller. "Der Pilot musste auf Nummer sicher gehen und das überprüfen lassen." Die 136 Passagiere seien mit einem Flugzeug einer anderen Fluggesellschaft weitergeflogen. "Alles lief ohne größere Aufregung ab", erzählte ein Passagier. "An Bord war nichts von dem Zwischenfall zu spüren. Wir wurden rechtzeitig über die bevorstehende Zwischenlandung informiert."

DPA
 
 
KOMMENTARE (10 von 16)
 
Karl-Herman (15.09.2008, 23:16 Uhr)
dreiste Lüge
"... habe man keinen Defekt festgestellt, sagte Air-Berlin- Sprecherin Müller. Fehlerhafte Anzeigen gebe es bei den mit Elektronik hochgerüsteten neuen Maschinen immer wieder."
Zynischer gehts kaum. Als wenn die Pressechsprecherin erkennen könnte dass alles in Ordnung sei, aber leider nicht diese dumme kleine Anzeige. Kleiner Exkurs für Pressesprecher: eine Anzeige dient der Überwachung eines elektronischen Systems; sollte die Anzeige nichts eindeutiges Anzeigen, dann ist erstmal das gesamte System als defekt anzunehmen. Genau deswegen bleibt der Flieger am Boden. Nicht wegen einer kleinen dummen Anzeige.
Fazit: Traue nicht Air Berlin. Traue nicht einer neuen Boeing 737. Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht.
tripex (15.09.2008, 21:27 Uhr)
Wahrscheinlichkeitsrechungen
>Hab mir nur kurz gedacht, was gewesen wäre wenn die Ersatzmaschine beim Start explodiert wäre ;)
So lustig das auch klingt, aber nicht wäre würde das (früher oder später wird genau das mal passieren) ein ziemliches Umdenken der besonders panischen Menschen bedeuten. Evtl. braucht die Menschheit genau so einen "Denkanstoß", um sich mit Wahrscheinlichkeitsrechnung noch einmal zu befassen.
der-streuner (15.09.2008, 18:47 Uhr)
Naja
@dermanndernichtdasist
Hättest Du den Artikel richtig gelesen wäre Dir aufgefallen daß der Pilot WEGEN der kaputten Anzeige nicht gestartet ist, der zweite Start erfolgte nach einem Reperaturversuch. Also haben nicht die Passagiere den Start verhindert, sondern der Pilot.
Im Nachhinein könnte man sagen die Passagiere haben überreagiert, da die Maschine ja nie mit dem Defekt gestratet wäre. Aber je nach Informationslage ist auch klar daß manche Menschen in der Situation panisch werden. Hab mir nur kurz gedacht, was gewesen wäre wenn die Ersatzmaschine beim Start explodiert wäre ;)
tripex (15.09.2008, 18:32 Uhr)
@Texterin
Ich hab mich weniger über die Passagiere lustig gemacht, sondern mehr über die ganze Situation des Zeitgeschehens. Überall wird über Flugzeugunglücke berichtet, die besonders nach abgebrochenen Erststarts dann beim Zweitstart abstürzen u.s.w.
Ich kann die Reaktion der Passagiere erst Recht im Hinblick der letztlichen Ereignisse sehr gut verstehen, aber ich frage mich dabei ständig, ob die Reaktion exakt die gleiche wäre, ohne den tragischen Absturz der Maschine in Madrid.
alwo (15.09.2008, 18:28 Uhr)
gaga007
...ja sicher....sowie die überteuerte Concorde von welcher immerhin 6,6 % abstuerzten !
gaga007 (15.09.2008, 18:06 Uhr)
Auf die Qualität achten ...
Derartige ereignisse sind das Ergebnis einer falschen Sparmentalität beim Fluggast - lieber eine Airline mit einem besseren, technischen Qualitätsstandart benutzen. Auch wenn es etwas mehr kostet, so ist die Wahrscheinlichkeit auf mehr Sicherheit deutlich größer !
manndernichtdaist (15.09.2008, 17:05 Uhr)
Gute Reaktion.
Eine Anzeige war also im Niegelnagelneuen Flugzeug kaputt.
Wenn in meinem neuen Audi die Ölanzeige aufleuchtet, fahr ich sofort in die Werkstatt. Die Fluggesellschaften wollen bei der Warnanzeige "Landeklappensystem defekt" erstmal weiter nach Portugal fliegen.
Interessant. Dann zu sagen, "hey, das Ding ist neu, da gibts immer wieder Probleme mit der Anzeige, ganz normal" ist ein schlechter Witz.
Dann zu behaupten: "Kein Pilot startet mit einer defekten Anzeige" kann ich auch nicht so nachvollziehen, da es 2 mal versucht wurde und ein 3tes Mal wohl auch, wenn die Passagiere nichts gesagt hätten. Irgendwie widersprüchlich.
ZePaula (15.09.2008, 17:04 Uhr)
Flugangst
Ich leide ziemlich unter Flugangst und kann nur mit Beruhigungsmittelchen einen Flieger besteigen (..wenn man fliegen muss ist das schon eine schlimme Sache)
Ich wäre mit 100%iger Sicherheit schon nach dem ersten gescheiterten Versuch nicht wieder eingestiegen und kann die Passagiere sehr gut verstehen.
tricky_dude (15.09.2008, 16:36 Uhr)
@Texterin
Glück gehabt. Die einzige Maschine die das schaschafft hat und wo ich als Augenzeuge anwesend war ist anschließend ausgerannt. war ein Triebwerksschaden. Allerdings haben es alle Insassen zum Glück raus geschafft.
Ich kann die Passgiere verstehen wenn sie nach 2 abgebrochenen Starts aussteigen wollen.
Texterin (15.09.2008, 15:46 Uhr)
@STR_EDDS
Es hat sich auf jeden Fall so angefühlt als wäre die Maschine schon in der Luft. Andere Pasagiere meinten das nur das Vorderrad schon vom Boden abgehoben hatte. Ich kann hier nur mein Empfinden wiedergeben. Da wir in der Mitte saßen haben wir auch nicht aus dem Fenster sehen können. Was wir gemerkt haben war zu erst ein hartes Aufsetzten und dann ein sehr starken Abbremsen.
Wie dem auch sei. Ich habe keine Flugangst und verstehe, dass sie genervt sind von Menschen die es, na sagen wir mal etwas übertreiben.
Aber die Panik der Leute damals in unserer Maschine war echt!
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