Sie waren kurz davor, ihren Traum zu verwirklichen: schuldenfrei im warmen Süden zu leben. Er verschwand mit einem Kanu, sie kassierte die Lebensversicherung. Doch jetzt flog das britische Paar auf. Von Cornelia Fuchs

Das entlarvende Foto: John und Anne Darwin mit Mario Vilar, einem Makler, der dem Paar im Juli 2006 eine erste Mietwohnung in Panama City vermittelte© www.splashnews.com
Der Tag, an dem John Darwin entschied, dass er nicht mehr tot sein wollte, war kein guter Tag für seine Ehefrau Anne. Wenn es nach den Plänen von John Darwin gegangen wäre, hätte die Geschichte an diesem 1. Dezember geendet. Da ging der 57-Jährige in eine Polizeistation im Londoner West End und behauptete, er könne sich an die vergangenen Jahre nicht erinnern, aber er sei wohl eine vermisste Person. Die Polizeibeamten sahen einen gebräunten und wohlgenährten Mann vor sich stehen, der seit dem 21. März 2002 als tot galt. An diesem Tag hatte John Darwin frühmorgens sein Kanu genommen, war zum Strand vor seinem Haus im nordenglischen Hartlepool gelaufen und nie wieder aufgetaucht - bis zu diesem 1. Dezember. Die beiden erwachsenen Söhne reagierten euphorisch auf die Wiederauferstehung ihres Vaters. Sofort riefen sie ihre Mutter an, die erst sechs Wochen zuvor nach Panama ausgewandert war, nachdem sie die beiden Häuser der Familie verkauft und alles Geld nach Mittelamerika transferiert hatte. "Mutter, halt dich fest - ich sitze hier mit unserem Vater. Er ist wieder da!", rief der jüngere Sohn Anthony in den Hörer.
"Oh, wie schön!", sagte Anne Darwin, 55, die Witwe, die keine war. Dann erklärte sie ihren überraschten Söhnen, dass sie jetzt nicht nach England kommen könne. Es gäbe da noch das Visum und die Möbel, um die sie sich kümmern müsse, das gehe alles nicht so schnell. Kurz darauf tauchte dieses Foto auf, es stand auf der Webseite eines panamesischen Immobilienmaklers und zeigte Anne Darwin in Panama City. An ihrer Seite ein lächelnder Mann mit Halbglatze im dunkelroten Hemd, der ihrem vermissten Ehemann erstaunlich ähnlich sah - aufgenommen am 14. Juli 2006. Aus dem Drama um einen verunglückten Ehemann wurde eine selten hirnrissige Gaunerposse. John Darwin war immer schon besessen gewesen von der Idee, reich zu sein. Leider besaß er dazu kein besonderes Talent, weder in der Auswahl seiner Tätigkeiten noch bei seinen Nebenbeschäftigungen. Er habe dauernd über Aktien und Immobilien geredet, sagen seine Kollegen im Holme House Gefängnis, die ihn wahrscheinlich bald wieder an seiner alten Arbeitsstelle begrüßen können - diesmal als Häftling.
Darwin hatte dort jahrelang als Gefängniswärter gearbeitet und damit 35.000 Euro im Jahr verdient. Vorher war er als Bankangestellter gescheitert, nachdem er seinen Job als Lehrer an den Nagel gehängt hatte. Darwin witterte überall Möglichkeiten, ein bisschen was vom großen Geld zu erhaschen. In den 90er Jahren ließ er in seinem Haus in Durham 17 Telefonleitungen verlegen, um an der Börse zu spekulieren. Er verkaufte auf dem Markt Gartenzwerge, sein Speicher quoll über von Porzellanfröschen, die keiner haben wollte. Darwin versuchte sich im Immobiliengeschäft, beantragte eine Kreditkarte nach der anderen, kaufte unter anderem ein Sportwagen- Cabrio, das er dann aber offen im Regen stehen ließ und durch Löcher im Unterboden wieder fahrtüchtig machte. Die Schulden wuchsen ihm und seiner Frau Anne über den Kopf, was die beiden nicht davon abhielt, im Dezember 2000 zwei nebeneinanderliegende Häuser am Strand von Seaton Carew, einem Vorort von Hartlepool im Nordosten Englands, zu kaufen. Die Darwins zahlten 235.000 Euro für die beiden viktorianischen Giebelbauten. Eines bauten sie zu einem Mietshaus mit 15 Ein-Zimmer-Apartments um, in das Haus mit der Nummer 3 zogen sie selbst ein.
Anne Darwin arbeitete damals halbtags in einer Arztpraxis und verdiente knapp 25.000 Euro im Jahr, das reichte nicht mal für die Hypotheken. Es muss wohl in dieser Zeit gewesen sein, als John das erste Mal davon sprach, es würde alles einfacher, wenn er tot sei. Nicht wirklich tot natürlich. Aber wenn er verschwände, würden die Lebensversicherungen genug Geld auszahlen, um Hypotheken und Kreditkartenrechnungen zu begleichen. Anne Darwin behauptet heute, sie habe versucht, ihm diese Idee auszureden. Doch an jenem Morgen im März 2002 nahm John Darwin sein rotes Kanu und ward nicht mehr gesehen. Zumindest offiziell nicht. Anne Darwin alarmierte um halb elf Uhr abends die Polizei. Die Mündung des Tees bei Hartlepool ist eine der am meisten befahrenen Schiffsrouten an der gesamten englischen Küste. An diesem Tag war das Meer glatt wie ein Spiegel, und Darwin war ein erfahrener Kanufahrer. Um ein Uhr nachts wurde ein Paddel gesichtet, dann eine Rettungsweste. Drei Tage suchte die Küstenwache mit sechs Booten und einem Hubschrauber nach Darwin. Sechs Wochen später wurde das rote Kanu zerschmettert an einen Strand bei der Mündung des Flusses Tees gespült. Die Leiche von John Darwin tauchte nie auf.
Darwins Vater, damals 85 Jahre alt, ging jeden Tag an den Stränden bei Hartlepool auf und ab, um seinen toten Sohn zu suchen. Anne Darwin erzählte der Lokalzeitung von der Schwierigkeit, Abschied zu nehmen, wenn es keine Leiche gibt. Die Leute wurden argwöhnisch, weil sie außergewöhnlich schnell darauf drängte, ihren Mann für tot zu erklären. Doch Anne Darwin trauerte für alle sichtbar. Ein Nachbar erzählt, wie sie in den Tagen nach Johns Verschwinden von seiner Frau getröstet werden musste: "Wenn sie das inszeniert hat, ist sie eine exzellente Schauspielerin." Das war sie wohl auch. Das Theater endete erst jetzt, als britische Journalisten sie mit dem Foto aus dem Jahr 2006 konfrontierten. Glaubt man Anne Darwin, hat sie zwar von den Plänen ihres Mannes gewusst, seinen eigenen Tod vorzutäuschen. Doch als er im März 2002 verschwand, sei sie wirklich überzeugt gewesen, dass er ertrunken sei. Ein Jahr später, im Februar 2003, sei ein völlig heruntergekommener und schlecht riechender Mann an ihrer Haustür aufgetaucht. Es war John Darwin. Er sei dann drei Monate lang immer bei ihr ein und aus gegangen, habe aber nicht verraten wollen, wo er ein Jahr lang gewesen war. Er drohte ihr, sie bei der Polizei als Mitwisserin anzuschwärzen, sagt Anne Darwin. Außerdem bestand er darauf, den Söhnen nichts zu erzählen.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 51/2007