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26. November 2007, 07:07 Uhr

Lebenswichtige Fragen

Ist Sterbehilfe ein Gnadenakt - oder zynische Geschäftemacherei? Diese Frage versuchte Anne Will am Sonntag in ihrer Talkshow zu beantworten. Mit dabei: der umstrittene Dignitas-Chef Ludwig A. Minelli. Für bewegende Momente sorgten jedoch andere. Eine TV-Kritik von Malte Arnsperger.

Diskutierte mit ihren Gästen über ein sehr schwieriges, ein äußerst sensibles Thema: Anne Will© Marcus Brandt/DDP

Sie will entscheiden. Über ihr Leben und auch über ihren Tod. Sie hat Brustkrebs, doch sie lehnt eine Behandlung ab. Die Frau genießt lieber die letzten Jahre ihres Lebens in vollen Zügen. Währenddessen breitet sich die Krankheit in ihrem ganzen Körper aus, überall bilden sich Metastasen. Nun will sie sterben. Würdevoll. Selbstbestimmt. Doch in Deutschland geht das nicht. Deshalb fährt sie mit ihrer Freundin in die Schweiz und lässt sich dort ein tödliches Mittel verschreiben. Begleitet von einem Arzt und ihrer Freundin nimmt sie das Mittel in einem Schweizer Hotelzimmer ein - sie begeht assistierten Suizid.

Diese bewegende Geschichte erzählte Barbara Wolf zu Beginn der gestrigen Anne-Will-Talkshow in der ARD. Wolf war die Freundin der krebskranken Frau. Sie hat erlebt, wie sich ein Mensch für den Freitod entscheidet. Und sie hat erlebt, wie froh dieser Mensch war, dies nicht durch den Sprung vor einen Zug tun zu müssen. Über den Tod ihrer Freundin sagte sie: "Es war ein würdevolles Sterben. Sie hat sich danach gesehnt." Barbara Wolf versicherte mit brüchiger Stimme, sichtlich bewegt, dass sie genau so handeln würde wir ihre Freundin.

Dignitas will Präzedenzfall schaffen

Sterben. Wie soll es geschehen? Wo? Und wann? Diese Fragen standen am Sonntagabend im Mittelpunkt von Anne Wills Sendung, Thema: "Der organisierte Tod? Geschäft oder Gnadenakt?" Das Thema war sehr gut gewählt, die Diskussion über Sterbehilfe war in den vergangenen Wochen durch zwei Vorfälle wieder in den Fokus der Öffentlichkeit geraten. Zum einen hatten zwei Deutsche auf einem Parkplatz in der Schweiz Suizid begangen. Geholfen hat ihnen dabei der Schweizer Sterbehilfe-Verein Dignitas. Zum anderen hat Dignitas' deutscher Ableger Dignitate kurz darauf ankündigt, im kommenden Jahr erstmals auch in Deutschland Menschen beim Suizid unterstützen zu wollen. Man wolle damit einen Präzedenzfall schaffen, hieß es. Rechtlicher Hintergrund: Mit Sterbehilfe bewegt man sich in Deutschland in einer juristischen Grauzone. Nach Ansicht vieler Rechtsexperten ist es zwar erlaubt, einem Sterbewilligen ein todbringendes Mittel zu reichen. Der Mediziner, oder ein anderer Helfer, riskiert jedoch strafrechtliche Konsequenzen wegen unterlassener Hilfeleistung, wenn er dem Suizid beiwohnt und sich nicht zuvor entfernt.

Eine äußerst gefährliche und vor allem unübersichtliche Situation. Das sieht auch Henning Scherf so. Der ehemalige Bremer Bürgermeister forderte in Wills Sendung eine rechtliche Klarstellung, sprach sich aber gegen den assistieren Suizid aus. Wirklich schlagende Argumente brachte Scherf für seine Haltung jedoch nicht vor. Er verglich den unterstützen Freitod mit Euthanasie und Nazi-Methoden, gab jedoch zu, er sei "noch nicht durch mit dem Thema".

Dignitas sei auch Lebenshilfe-Verein

Etwas durchdachter argumentierte der wohl umstrittenste Gast, der Gründer und Chef von Dignitas, Ludwig A. Minelli. Anfangs sehr überzeugend setzte sich der wortgewandte Schweizer für seine Arbeit ein. Auch Minelli, selber Anwalt, sprach die rechtlich unklare Situation in Deutschland an und forderte die Gerichte auf, eine eindeutige Entscheidung über den assistierten Suizid zu treffen. Er wies darauf hin, dass Dignitas nicht nur ein Sterbehilfe- sondern auch ein Lebenshilfeverein sei. Denn rund 70 Prozent der Mitglieder die eigentlich schon grünes Licht für ihren unterstützten Freitod bekommen hätten, hätten sich nie wieder bei Dignitas gemeldet.

Eine Fürsprecherin fand Minelli am Sonntagabend in der Schauspielerin und Grünen-Politiker Barbara Rütting. Die 79-Jährige, selber Mitglied bei Dignitate, sagte: "Die Möglichkeit, das Leben selber zu beenden, ist die einzige Freiheit, die der Mensch überhaupt hat." Den Verdacht, der assistierte Suizid durch Dignitas sei Geschäftemacherei, wies Rütting zurück. Ihr monatlicher Mitgliedsbeitrag von nur 16 Euro bei Dignitas sei nicht vergleichbar mit dem Geld, dass die Pharmaindustrie mit schwer kranken Menschen verdiene.

Hitzige Wortgefechte in einer nachdenklichen Sendung

Geschäftemacherei mit dem Tod hatte Dignitas zuvor der CDU-Politiker Wolfgang Bosbach vorgeworfen. Bosbach, ein vehementer Gegner des unterstützen Selbstmordes, lieferte sich in einer ansonsten sehr nachdenklichen und dem Thema angemessen ruhigen Sendung einige hitzige Wortgefechte mit Dignitas-Chef Minelli. Anfangs schien Minelli, flankiert von den zwei Frauen Wolf und Rütting, die besseren Argumente auf seiner Seite zu haben. Bosbach konnte nur, seinerseits argumentativ assistiert durch die Gründerin einer Palliativstation, auf die schon bestehenden Möglichkeiten der Schmerzmedizin und von Hospizen hinweisen.

Doch zwei Film-Einspielungen ließen Zweifel am assistierten Suizid und an dem Sterbehilfeverein Dignitas selber aufkommen. Zum einen berichtete die Krebspatientin Sibylle M., dass sie sich vor einiger Zeit schon über einen Selbstmord nachgedacht hatte, jedoch durch die gute Betreuung in einer Palliativstation den Lebensmut wiedergewonnen habe. Noch verstörender dann die Schilderung einer ehemaligen Mitarbeiterin von Dignitas. Früher, so erzählte Soraya Wernli, habe Minelli noch Gutes im Sinn gehabt. Mittlerweile jedoch verstehe er die Sterbehilfe als Geschäft. Dignitas fertige die Sterbewilligen zu schnell ab und kümmere sich viel zu wenig um alternative Möglichkeiten. Doch damit nicht genug: Wernli berichtete von zwei Fällen, bei denen Dignitas aktive Sterbehilfe geleistet habe soll - sowohl in Deutschland wie in der Schweiz ist das ein Straftatbestand.

Minelli fehlen überzeugende Antworten

Minelli, von Will mit diesen Aussagen konfrontiert, hatte auf die massiven Vorwürfe keine überzeugenden Antworten parat. Zwar bezichtigte er Soraya Wernli der Lüge und versuchte, die angeblich laufenden Ermittlungen gegen seinen Verein herunterzuspielen. Jedoch hinterließ dies sicher bei vielen Zuschauern ein ungutes Gefühl. Und da die Sendezeit gerade an diesem spannenden Punkt zu Ende war, muss man festhalten: Eine wirkliche überzeugende Antwort auf die Frage, ob der organisierte Tod ein Geschäft oder ein Gnadenakt ist, konnte Anne Will mit ihrer Sendung nicht geben. Aber das hat wohl auch niemand erwartet. Es ging schließlich um nicht weniger als um Leben und Tod.

Korrektur: Liebe Leser, in dem ursprünglichen Text haben wir einen Sachverhalt unpräzise dargestellt. Die Krebspatientin Sibylle M. hatte sich nicht für einen Suizid entschieden. Sie hatte, wie in der Sendung angegeben, über einen Suizid nachgedacht. Diese Ungenauigkeit wurde von uns nachträglich korrigiert. Ihre stern.de-Redaktion

 
 
KOMMENTARE (10 von 13)
 
mona.lisa (26.11.2007, 17:23 Uhr)
manndernichtdaist
Diese Unterstützung bei der freien Willesentscheidung ist eine Dienstleistung wie jede andere auch. Daß die Leute damit ihr Geld verdienen, ist nichts Verwerfliches. Schließlich arbeitet niemand umsonst.
Und jeder Mensch hat das Recht, darüber frei zu entscheiden, ob er diese Dienstleistung in Anspruch nehmen möchte oder nicht. Ich habe gerade in der Familie einen aktuellen Fall, der mir deutlich vor Augen führt, daß ich für mich nicht akzeptieren könnte, gefüttert zu werden, mangels Körperkontrolle in die Windeln zu machen und zeitweise meine Familienangehörigen nicht wiederzuerkennen.
Mir ist es das bißchen Geld wert, selbstbestimmt den Zeitpunkt meines eigenen Todes zu wählen. Sollte Ihre Motivation "Geiz-ist-geil" sein (es macht jedenfalls den Eindruck), dann tun Sie mir leid.
Punito (26.11.2007, 14:02 Uhr)
Aktive Sterbehilfe

einer pallativmedizinischen
Sterbebegleitung gegenüber zu stellen ,
wird den Disput zu diesem Thema nicht
beenden .
1. Aus theologischer Sichtweise ist
der gewollte Suicid ein Vergehen gegen das Gebot Gottes .
2.Agnostiker treffen ihre Entscheidung aus dem Betehen eines freien Willen .
Diese Betrachtungen können und werden nicht zueinander passen , solange sich nicht jede Partei die Mühe macht , der anderen Partei eine eigene Entscheidung für das Umgehen mit der Endlichkeit zu zubilligen .
Sterbehilfe , wenn gewünscht , kann auch
nicht der Politik überlassen werden , weil wie
in Deutschland bereits geschehen,
der Politik Türe und Tore geöffnet werden , gegen den Willen des Menschen den Tötungsakt zu vollziehen Wer gegen die Todesstrafe ist , kann auch nicht für die aktive Sterbehilfe
stimmen .
Also , ist der Ausbau des Hospitzwesen ob stationärer oder ambulanter Art eine , wie ich finde
brauchbare Lösung den professionellen
Tötungsunternehmen das Handwerk zu legen .
manndernichtdaist (26.11.2007, 13:03 Uhr)
nein ich bin nicht sehr jung
aber der Tod ist unvermeidlich. Ob auf der Autobahn relativ ekelerregend blutig oder vollgepisst/gekackt (Die Blase entleert sich immer nach dem Tod) im Krankenhaus abläuft ist relativ egal. Die Konsequenz ist, dass der Körper den Geist aufgibt. Was danach kommt ist Spekulation (somit auch die Religion), denn keiner kann erzählen wie's "auf der anderen Seite" ist. Dein Beispiel deines Großvaters ist eine absolute Ausnahme und ist in der Tat ein angenehmer Abschied. Mein Großvater starb abgemagert in seinem Krankenbett daheim und ziemlich... naja.. über Nacht. Allein. Und allein sterben eben die meisten. Um von Fremden die mir Geld abzwacken einen Giftcocktail zu bekommen, dass ich in "Würde" abtreten kann? Da spiel ich im letzten Atemzug lieber für 16 Euro Lotto und gewinne (Ironie des Schicksals) zu guter Letzt noch. Aber vorher nochmal richtig aufs Klo. Man will ja wenigstens gut aussehen.
Maxi456 (26.11.2007, 10:35 Uhr)
@manndernichtdaist
Du musst noch recht jung sein das du sowas hier reinstellst. Geh doch mal in ein Krankenhaus und schau dir die Leute da an. Also SO will ich nicht sterben
Als es mit meinem Grossvater zu ende ging sind wir alle zu ihm gefahren und er hat sich nochmal von seinen Kindern, Enkeln etc verabschiedet.
Ja, man kann wuerdevoll sterben und auch schmerzlos
aber wo kaemen wir hin wenn Menschen keine Angst mehr vor dem Tod haetten sondern ihn nur als etwas unvermeidliches ansehen das zum leben dazugehoert?
wieviel Geld kriegt eigentlich ein Krankenhaus pro Tag dafuer einen Menschen unter Schmerzen am leben zu halten?
Klaus_Vogt (26.11.2007, 09:31 Uhr)
Tote haben keine Lobby
Sehr geehrte Frau Arnsperger.
Erlauben Sie mir bitte, Ihrem sehr guten und ausgewogenen Artikel einige Bemerkungen hinzuzufügen.
Das Recht des Menschen in Würde und eigenbestimmt zu sterben, wurde wohl von keine(r)m Teilnehmer(in) in der Gesprächsrunde in Abrede gestellt.
Das Unheimliche dieser Sendung war mehr die im Raum stehende Frage, ob mit der Sterbehilfe ein Geschäft gemacht werden darf.
Wenn man die Frage über entstehende Kosten bei Sterbehilfsorganisationen so stellt, muss man die Frage verneinen.
Würden wir aber die Fragestellung dahingehend verändern, ob denn Sterbehilfsorganisationen berechtigt wären eine Kostenerstattung in Rechnung zu stellen, kann man diese Frage durchaus bejahen. Stationäre Hospize wie auch Palliativ-Stationen tun dies ja auch, wenngleich diese sich in ihrer ethischen Zielrichtung von Sterbehilfsorganisationen unterscheiden. Dennoch, so liegt zum Beispiel der Eigenanteil des Patienten in stationären Hospizen, je nach Tagessatz des Hospizes, bei bis zu 50 Euro pro Tag und kann sich, wenn keine Pflegestufe vorliegt um zirka 40 Euro erhöhen. Und das alles, obgleich der größte Teil der Kosten von der zuständigen Krankenkasse und, bei Vorliegen einer Pflegestufe, von der Pflegekasse zu tragen sind.
Nun, Kostenausgleich ist eine Sache, aber wir sind viel tiefer verstrickt in die Frage, welchen Lebensabend unsere Gesellschaft unseren Alten und Kranken wirklich bietet.
Leider war in dieser Diskussion keine Zeit um nur einen kurzen Blick auf die teils menschenverachtenden Zustände in sogenannten Pflegeheimen zu werfen.
Es war auch keine Zeit einen Blick auf den Umstand zu werfen, dass sich jährlich rund Zehntausend von Menschen in der Bundesrepublik Deutschland das Leben nehmen, vornehmlich aufgrund finanzieller Ausweglosigkeit.
Dass wir Bürger der Bundesrepublik Deutschland jene Suizide, sozusagen billigend in Kauf nehmen – Tote haben keine Lobby –, ist noch unheimlicher. Ich würde mich glücklich schätzen, wenn Ihr Magazin sich vielleicht einmal dieses Themas annehmen würde. Es geht schließlich auch hier um nicht weniger, als um Leben oder Tod.
Mit freundlichen Grüßen
Klaus Vogt
tagora-sagittara (26.11.2007, 09:22 Uhr)
Wann, wie und wo,...
ich sterbe, entscheide grundsätzlich ICH selbst. Da hat mir keiner etwas vorzuschreiben.
Ich habe vorgesorgt Weder ich noch ein Mitglied meiner Familie wird in einer Sterbeetage eines Krankenhauses dahin vegetieren,...das werden wir frühzeitig zu beenden wissen.
wischmob (26.11.2007, 09:19 Uhr)
Freie Entscheidung:JA!
Ich bin gerade mal 25 und musste jetzt schon erleben wie meine Eltern innerhalb von 4 Jahren beide jeweils an Krebs starben. Beide hatten in dieser Hinsicht Glück, dass wir, meine Geschwister, Familie, Freunde und ich da waren und sie pflegen konnten. Doch ich frage mich öfters, was wäre, wenn nur ich alleine da gewesen wäre und nicht die Kraft dafür hätte. Ich denke meine Eltern hääten sich auf jeden Fall für die Sterbehilfe entschieden. Jeder Mensch sollte dieses recht haben und dann auch nicht deswegen in ein anderes Land fahren müssen dafür. Ich hoffe, unser Staat wird irgendwann mal so vernünftig sein und auch das Leiden und die WÜRDE der Menschen verstehen können!
hei_zen (26.11.2007, 09:18 Uhr)
Würde!
Jeder der weiß wie schmerzhaft und qualvoll der sinnlose Kampf der Kampf mit dem Tod sein, wenn nichts mehr hilft weiß dass es auch jedem Menschen frei steht den Tod selbst zu wählen.
Wenn ein Verein es ermöglicht, dies einigermaßen in Würde zu tun, umso besser.
Leseratte79 (26.11.2007, 09:05 Uhr)
Jeder
sollte selbst entscheiden können wann und wie er geht. Jeder der schon mal jemanden hat langsam und qualvoll sterben sehen würde das genauso sehen. Ich selbst hab es 2 mal erlebt. Und Hilfe? Die bekommt wirklich oft erst zu spät. Das mus ja ales erst eingeriecht, begutachtet und genehmigt werden.Als meine Grossmutter schließlich ein Krankenbett bekam (ein gebrauchtes, kein neues) hatte sie 1 Woche was davon (nach Monaten der Krankheit), aber so schnell wie das Bett wieder abgeholt wurde konnten wir gar nicht gucken. Betreeung oder Ähnliches? Dafür muss man schon ein bischen länger leiden. Aber naja soist das halt.
Was_noch (26.11.2007, 08:46 Uhr)
Würde?
Einem Tier gesteht man einen Tod in Würde zu; das wird eingeschläfert, damit es nicht lange leiden muß. Meine Mutter ist im Juni an metastasiertem Brustkrebs verstorben. Ihr Kampf dauerte glücklicherweise nur 3 Wochen und sie hat durch den Befall des Hirns nicht zu viel damit mitbekommen. Vernünftige Schmerztherapie und Palliativmedizin? Fehlanzeige. Betreeung der Angehörigen? Fehlanzeige. Man mich mit der Situation schlichtweg allein gelassen und die Schmerzen meiner Mutter ignoriert. Ich will über meinen Tod rechtzeitig und selbst entscheiden können. Oder bin ich weniger Wert als ein Tier?
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