Kein Herz für Kinder

23. Juli 2013, 14:24 Uhr

In Berlin machen Anwohner mobil gegen Kinder aus einem Flüchtlingsheim, die auf ihrem privaten Spielplatz spielen. Eine peinliche Posse über deutsche Spießbürger – und Berührungsängste. Von Katharina Grimm

Flüchtlinge, Heime, Unterbringung, Berlin, Reinickendorf, Spielplatz, Kinder

Wer darf auf die Schaukel? In Berlin Reinickendorf spielen Kinder aus einem Asylbewerberheim auf einem Spielplatz einer Wohnanlage. Die Anwohner wollen dies verhindern.©

Eigentumswohnanlage. Hunde sind an der Leine zu führen." Die Ansage auf dem Schild vor den zart gelben Wohnblöcken ist unmissverständlich. Hier in Berlin Reinickendorf ist es gediegen, gepflegte Einfamilienhäuschen mit akkuraten Vorgärten und hübsche Anlagen mit Eigentumswohnungen. Und die haben natürlich einen privaten Parkplatz – und einen noch viel privateren Spielplatz. "Privatgrundstück. Betreten verboten."

Neben so viel deutscher Ordentlichkeit wirkte das einstige Altersheim nebenan irgendwie exzentrisch: Es gab früher Ziegen hinten auf der Wiese, damit die Senioren Tiere zum Füttern, Spielen und Angucken hatten. Aber im Vergleich zu der aktuellen Belästigung durchaus akzeptabel, mag manch Anwohner gedacht haben. Denn nachdem Anfang des Jahres alle Alten aus dem Heim raus waren, wurde aus dem Marie-Schlei-Haus ein Flüchtlingsheim – oh nein.

Nun haben die Anwohner einen Anwalt verpflichtet. Der soll für Ruhe und Ordnung sorgen. Denn der Spielplatz, der offiziell zu den Eigentumswohnungen gehört, wird seit Öffnung des Flüchtlingsheims von den dort wohnenden Kindern bespielt. Einfach so, ohne zu fragen, ohne dort zu wohnen, ohne Bausparvertrag oder Eigenheimzulage. Gut, der Spielplatz ist frei zugänglich. Es gibt keinen Zaun oder eine Mauer. Dass es sich um ein privates Grundstück handelt, weiß man nur, wenn man eines kann: Deutsch verstehen. Doch die Kinder der Flüchtlinge sprechen kein Deutsch. Sie kommen meist aus Russland, Tschetschenien oder Afghanistan.

Anwohner wehren sich juristisch

Und die Anwohner gehen noch weiter: Gegen die Baugenehmigung des Heims haben sie auch gleich Widerspruch eingelegt. Um als Heim für Asylsuchende vollständig anerkannt zu sein, müssten noch einige, kleine Umbauten durchgeführt werden. Die Genehmigung dazu liegt seit April vor, nun machen die Anwohner mobil.

"Meine Mandantschaft ist dagegen, dass rund 200 Menschen in einem Hochhaus auf engstem Raum zusammengepfercht werden. Dadurch besteht Seuchengefahr", sagt Rechtsanwalt Jens-Georg Morgenstern in einem Interview. So gab es kürzlich einige Windpocken-Erkrankungen in der Unterbringung. Außerdem habe es auch einen TBC-Fall dort gegeben. Der Betreiber, die Arbeiter Wohlfahrt (AWO), weist die Vorwürfe als "absoluten Unsinn" zurück. "Da entstehen keine Seuchen. Dort, wo viele Menschen zusammen sind – also auch in Kindertagesstätten, in der Schule oder im Altersheim – ist die Ansteckungsgefahr höher", sagt Franz Allert, Präsident des Landesamtes für Gesundheit und Soziales. Siehe dazu: Läuse in der Kita, Grippe im Büro, Magen-Darm-Erkrankung in der Familie. Wenn’s einer hat, haben’s alle.

"Bitte nicht bei uns"

"Das Problem bleibt: Das Spielen der Kinder", sagt Allert. Dabei geht es nicht um Lärmbelästigung. Oder um Vandalismus. Es geht ums Prinzip. Hinter vorgehaltener Hand wird die Anwohnerinitiative gerne als "Bürgerwehr" betitelt. Nein, politisch rechts seien sie nicht, sagt einer, der die Gruppe kennt. Die Initiative wisse, dass man Unterkünfte bieten müsse. "Aber bitte nicht bei uns", das höre er immer wieder. "Flüchtlingsheime gehören grundsätzlich außerhalb von Wohngebieten", sagt auch der Rechtsanwalt Morgenstern.

Berlin hat zu wenige Unterkünfte für Flüchtlinge. Bis Ende des Jahres werden bis zu 5000 Asylbewerber erwartet, knapp 2000 sind bereits im ersten Halbjahr untergebracht worden, so das Amt für Soziales in Berlin. Insgesamt bekommen rund 14.000 Menschen Asylleistungen in der Hauptstadt. Daher entstehen in Berlin Notunterkünfte und neue Flüchtlingsheime in stillgelegten Schulen und Seniorenheimen, um drohende Obdachlosigkeit abzuwenden. "Es gibt Berührungsängste, das haben auch die Bezirke unterschätzt", sagt Allert. "Aber eigentlich ist die Berliner Bevölkerung sehr hilfsbereit." Doch nicht überall: Zuletzt hetzte die NPD in Berlin-Hellersdorf gegen ein Flüchtlingsheim. "Drogenhandel, Zwangsprostitution und schwerste Gewaltausbrüche" würden bald herrschen, hieß es auf Flugblättern.

Das Heim soll weg

"Kann ich abends meinen Mercedes überhaupt noch draußen parken", sind Fragen, die bei Infoveranstaltungen in Reinickendorf gestellt wurden. Über die Hälfte der Bewohner im Stadtteil ist über 45 Jahre alt, über 25 Prozent sogar älter als 60 Jahre, auch das Einkommen liegt knapp über dem Durchschnitt von Berlin. "Es ist ein Armutszeugnis, dass es Menschen gibt, die vor nichts zurückschrecken, um das Heim weg zu kriegen", sagt Gilbert Collé, Vorsitzender der SPD-Fraktion in Berlin-Reinickendorf.

Der Spielplatz wird nun auch morgen Abend auf einer Bürgerveranstaltung thematisiert werden. "Der Spielplatz kann verdrecken. Wir fürchten, dass weitere Personen hinzukommen. Sie wissen selbst, dass Spielplätze beliebte Treffs von Jugendlichen sind", sagt der Jurist Morgenstern. Für Franz Allert ist das unbegreiflich: "Gemeinsames Spielen ist doch der Inbegriff von Integration. So entwickeln Kinder gar nicht erst Vorurteile." Allerdings: Die Flüchtlingskinder würden dort weiter allein spielen müssen. Der Spielplatz liegt meist unbenutzt brach.

Zum Thema
Schlagwörter powered by wefind WeFind
Afghanistan Berlin Flüchtlinge Hunde Privatgrundstück
Panorama
Spende sucht soziale Helden
Deutschlands Herzschlag: Diese Vereine haben wir gefördert Aktion Deutschlands Herzschlag Ohne diese Menschen wäre Deutschland sozial kälter
Noch Fragen?

Neue Fragen aus der Wissenscommunity

  von Amos: Ab 2019 wird dvb-t 2 eingeführt. Muß ich dann meinen Samsung-Fernseher wegwerfen? Irrsinn!

 

  von Amos: Gibt es eigentlich noch das Glückwunschtelegramm der Post? Kann ich das von Zuhause aufgeben?

 

  von Gast 109611: Hallo, mein Ein-und Ausschalter hat einen Fehler, der Strom wird zeitweise unterbrochen, der FS...

 

  von Gast 109605: darf man mit dem Fahrrad auf dem Gehweg fahren in die entgegengesetzte Richtung?

 

  von Gast 109590: Wo kann man einen "US" SLS AMG zur TÜV Annahme umrüsten lassen ?

 

  von Gast 109567: Um meinen Ausbildungsplatz zu erreichen, benötige ich ein Auto. Ich bin Waise, 18 Jahre alt , ohne...

 

  von Gast 109555: Kann ich bei Open Office die Schriftgröße größer als 96 einstellen?

 

  von Amos: Rauchmelder: müssen die Dinger rot blinken? Wenn nicht: was tue ich dann?

 

  von Gast 109530: Höhe des Krankenkassenbeitrags (gesetzliche KK) wenn man vom eigenen Erspartem lebt?

 

  von matty: Gewohnheitsrecht...

 

  von Gast 109510: niederschlagsmenge

 

  von Gast 109508: Kann man einen Mietvertrag machen, in dem keine Miete verlangt wird, aber nur die Nebenkosten...

 

  von Gast 109494: Wie viel Geld darf der 86 Jahre alte Vater seiner Tochter schenken ohne das das Sozialamt es zurück...

 

  von Gast 109484: Welchen Leptop sollte ich kaufen

 

  von Amos: Scheinbar - anscheinend. Wer erklärt mir den Unterschied?

 

  von bh_roth: Spam oder nicht?

 

  von Gast 109426: Zählt ein Anzug als Berufsbekleidung?

 

  von Gast 109325: suche den sänger oder gruppe der musik von der zdfserie broadchurch

 

  von Gast 109295: Assistenzsysteme im Auto, Reparaturen und Kosten in 10 Jahren?

 

  von Gast 109285: Musiktitel Sendung 13.05.2015