Kolonialismus, Sklaverei - oder Integration?

25. Juli 2013, 10:33 Uhr

Asylbewerber tragen am Bahnhof in Schwäbisch Gmünd Passagieren die Koffer - für 1,05 Euro die Stunde. Nach Rassismusvorwürfen ist die Bahn nun aus dem Projekt ausgestiegen. Doch wem ist damit gedient? Von Carsten Heidböhmer

Schwäbisch Gmünd, Deutsche Bahn, Flüchtlinge, Asylbewerber, Kofferträger, Hungerlohn

Eine provisorische Überführung auf dem Schwäbisch Gmünder Bahnhof stellt für viele Fahrgäste ein Problem dar. Asylbewerber sollten für 1,05 Euro pro Stunde beim Gepäcktragen helfen.©

Dieser Anblick mag erst einmal schockieren und Erinnerungen an alte kolonialistische Klischees wecken: Seit Montag stehen am Bahnhof von Schwäbisch Gmünd neun überwiegend dunkelhäutige Männer in roten Service-Hemden und mit lustigen Sonnenhüten bereit, um der überwiegend weißen Kundschaft die Koffer zu tragen. Für 1,05 Euro die Stunde. Schwarze als Kofferkulis der Weißen - und das in unserem Land. Wie kann das sein?

Auf den zweiten Blick ist die Aktion schon nicht mehr so absurd, wie sie zunächst erscheint. Noch bis 2014 wird der Bahnhof in Schwäbisch Gmünd umgebaut, nur mittels einer Überführung können Reisende den Bahnsteig verlassen. Für ältere Fahrgäste oder Familien mit Kinderwagen ist die Treppe ein großes Hindernis. Gemeinsam planten Bahn, Stadt und Landkreis ein Projekt, bei dem Asylbewerber beim Koffertragen helfen sollten. Dass die Entlohnung beschämend niedrig ausfällt, liegt am deutschen Asylbewerberleistungsgesetz: 1,05 ist der gesetzliche Maximallohn. Den bekommen die Männer bezahlt, dazu können noch Trinkgelder kommen. Dazu wird die Busfahrt bezahlt. Alle Arbeitskräfte haben sich freiwillig gemeldet, niemand ist für den Dienst zwangsverpflichtet worden.

Oberbürgermeister Richard Arnold (CDU) möchte mit solchen Aktionen auch die Integration verbessern. Asylbewerber sollten nicht abgeschieden in ihrer Unterkunft hausen, sondern am Leben teilhaben und Kontakte mit Einheimischen knüpfen.

"Billige KofferträgerInnen für die 'weißen' Herren"

Die "Gmünder Tagespost" berichtete denn auch sehr wohlwollend über das Projekt: Lokalpolitiker, Fahrgäste und auch die Asylbewerber: Sie alle fänden das Projekt toll. Von kritischen Aspekten dieser Beschäftigungsform keine Rede.

Doch schon ein Blick auf die Kommentare auf der Website zeigt, dass die Begeisterung so ganz ungeteilt nicht ist: "Wie selbstzufriedene Kolonialherren stehen Landrat, Bürgermeister und DB Vertretung da, verteilen Strohhüte und halten sich für Wohltäter", schrieb eine Leserin. Eine andere kritisierte: "Das erinnert im 'besten Fall' an Kolonialismus, im schlimmsten an Sklaverei."

Auch in politisch einschlägigen Medien stieß die Maßnahme auf heftige Kritik. Das Portal "Scharf links" sprach von "Rassismus, Kolonialismus und Sklavenhalterei in Deutschland", zeigte sich entsetzt über das Bild der "billigen KofferträgerInnen für die 'weißen' Herren" und erinnerte daran, dass die Deutsche Bahn Rechtsnachfolgerin der Reichsbahn sei. Die links stehende "Junge Welt" sieht einen Tiefpunkt "in Sachen Rassismus und Lohndumping" erreicht.

Ein Triumph der Gutmenschen

Das ging der Bahn dann doch zu weit: Mit Rassismus und Sklaverei möchte man nicht in Verbindung gebracht werden. Das Unternehmen reagierte schnell - und stieg bereits nach drei Tagen wieder aus. "Die konkreten Beschäftigungsbedingungen sind der Deutschen Bahn erst jetzt bekanntgeworden", teilte der Konzern am Mittwoch mit. Arbeitsverhältnisse zu solchen Konditionen könne man nicht unterstützen. Von Donnerstag an will die Bahn in Schwäbisch Gmünd eigene, nach Tarif bezahlte Mitarbeiter einsetzen, die den Fahrgästen beim Gepäcktransport helfen sollen.

So wünschenswert tarifliche Beschäftigung ist - wem ist mit dem Ausstieg aus dem Projekt nun gedient? Ganz sicher den Moralisten, die hinter jeder Ecke einen Grund zur Empörung finden: Hier ist ein sexistischer Clip zum Frauen-Fußball anzuprangern, dort könnte eine Frau diskriminiert worden sein - und hat nicht irgendwer "Autobahn" gesagt? Diese Menschen können sich jetzt in dem Glauben wiegen, die Welt ein Stückchen besser gemacht zu haben.

Doch was ist mit den Asylbewerbern? An dem zunächst bis Ende August geplanten Projekt sollten Flüchtlinge aus Nigeria, Kamerun Pakistan und Afghanistan teilnehmen. Die lokale "Rems-Zeitung" berichtete aus Gesprächen mit den Flüchtlingen, wie wichtig ihnen das Gefühl ist, gebraucht zu werden. Alles sei besser, als in der Unterkunft zu sitzen und nichts zu tun. Doch genau das erwartet die Flüchtlinge nach dem Ausstieg der Bahn. Im Sinne der Asylbewerber war diese Entscheidung nicht. Auch nicht im Sinne der Integration. Dafür haben ein paar Menschen ein gutes Gewissen. Das Gutmenschentum hat wieder gesiegt.

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