Die Atomkatastrophe markiert auch für uns Deutsche eine tiefe Zäsur. Die Anschläge des 11. September 2001 waren ein Angriff auf die Freiheit, Fukushima zerstört unseren Glauben an die Technik. Von Florian Güßgen

Eines jener Bilder, die eine Zäsur markieren: In Fukushima wird die äußere Hülle des dritten Reaktors bei einer Wasserstoff-Explosion abgesprengt© AFP PHOTO/HO/NHK
Japans Armageddon", titelte eine deutsche Zeitung am Montag - und beschrieb die Atomkatastrophe von Fukushima mit einem Wort, das auf einen biblischen Endzeitkampf anspielte, auf eine entscheidende Schlacht zwischen Gut und Böse. Und es sind auch Endzeit-Bilder, die wir sehen: Bilder, die vom Tsunami zu Kleinholz geheckselte Küstenorte zeigen; Bilder, die uns die unzähligen Toten unter dem Schutt nur vermuten lassen; Bilder vom Leid der Angehörigen. Vor allem aber sind es die Bilder der explodierenden Reaktorgehäuse in Fukushima, die uns bis ins Mark erschüttern, eigentlich Bilder, auf denen keine Menschen zu sehen sind: Vor hellblauem Meereshintergrund zerbirst ein weißes Atomkraftwerk.
Die Berichte, die wir aus Japan und vor allem Tokio erhalten, erscheinen unwirklich, denn sie scheinen wie zynische Zitate aus den unterhaltsamsten Weltuntergangsfilmen Hollywoods: eine Millionenstadt, hoch technisiert, hoch zivilisiert, voller Leben, wird von heute auf morgen von einem möglicherweise tödlichen, unsichtbaren Feind bedroht: der nuklearen Strahlung. Die Supermärkte werden leer gekauft. Den Tankstellen geht der Sprit aus. Menschen fliehen in den Süden, zum Flughafen, Frauen und Kinder zuerst. Im deutschen Fernsehen sprechen Experten davon, dass eine Evakuierung von über 34 Millionen Menschen nicht möglich sein wird. Wie gefährlich der Gegner ist, wie groß die Gefahr, scheint selbst Regierungschef Naoto Kan lange nicht zu wissen. Niemand glaubt ihm mehr. Im Hintergrund zieht eine übermächtige, dunkle Atomlobby die Strippen - jene Lobby also, die für den Ausnahmezustand mitverantwortlich zeichnet. Die Betreiberfirma Tepco rückt mit der Wahrheit nur scheibchenweise heraus. In den Reaktoren von Fukushima kämpft gleichzeitig ein todgeweihtes Kommando von Helden für das Überleben der Menschheit. Armageddon.
In Japan ist ein katastrophaler Alptraum bereits Wirklichkeit geworden. Es geht nun vor allem darum zu hoffen, dass es nicht noch schlimmer wird, dass weitere Menschenleben verschont bleiben, dass die nukleare Verseuchung der Menschen verhindert wird. Nichts ist in diesen Tagen wichtiger. Und dennoch steht heute auch schon etwas anderes fest: Dieser japanische Alptraum markiert eine tief greifende Zäsur in unserem Selbstverständnis. War der Terroranschlag auf das World Trade Center vor fast zehn Jahren eine Attacke auf eines der zentralen Symbole unserer westlichen Freiheit, so ist die Katastrophe von Fukushima eine Art Anschlag auf unseren Fortschrittsglauben, von keinem gewollt, aber doch auch von uns verübt. Das Desaster widerlegt grausam und eindringlich unser Dogma, dass wir es sind, die die Technik beherrschen - und nicht die Technik uns. Für die Katastrophe von Fukushima ist, und das lässt sie noch monströser wirken, nicht irgendein Gegner verantwortlich, kein Al-Kaida-Terrorist, kein Außerirdischer. Sondern es sind wir und unser Glaube, dass wir Menschen mit Technik jede Gefahr einhegen, die Unberechenbarkeit der Natur ausschalten, Risiken erdrücken können.
Gerade uns Deutsche treffen die Explosionen von Fukushima dabei ins Mark. Zwar ist Japan weit weg. Wir analysieren hier bequem aus der sicheren Ferne. Auch waren die meisten von uns nie in Tokio oder Japan oder fühlen sich der japanischen Kultur auch nur besonders nahe. Und dennoch hat sich Japan - trotz aller gewaltigen Unterschiede - im kollektiven Bewusstsein Nachkriegsdeutschlands vor allem in einer Hinsicht zu einem Bruder im Geiste entwickelt: Mit den Japanern teilen wir eine Arbeitsethik, die vor allem mit technisch-industriellem Fortschritt und wirtschaftlichem Erfolg begründet wird. Lange Jahre vermeinten wir etwa, neben den Amerikanern die einzigen zu sein, die vernünftig Autos bauen konnten - bis die Japaner kamen. Und noch emsiger waren. Noch fleißiger. Mit ihren Toyotas. Mit ihren Mitsubishis. Zuerst hieß es, die Japaner hätten uns schnöde kopiert. Dann hieß es, sie hätten uns überflügelt. In Sachen Qualität. In Sachen Innovationskraft. Mit Hilfe unserer Tugenden! Mit unserem Credo: Fortschritt durch Technik. Dann kopierten wir sie. Die japanische Management-Philosophie des Kaizen war auch in deutschen Management- und Möchtegern-Management-Kreisen jahrelang der letzte Schrei. Sie sieht die schrittweise, unermüdlichen Verbesserung bestehender Produkte vor, bis in zu einer vermeintlichen Perfektion.
Und so ist es nicht erstaunlich, dass wir Deutschen so geschockt sind von der brutalen Einsicht, wie zerstörerisch die nur scheinbar beherrschbare Technik der Atomkraft nun wirken kann, sogar in Japan. Wenn es selbst bei denen knallen kann, dann kann uns das auch passieren! Ganz war diese Einsicht in die Köpfe der Bürger, Politiker und auch Journalisten noch nicht eingedrungen. Tschernobyl war 1986 zwar eine schreckliche Katastrophe gewesen, die uns Angst einjagte. Aber Tschernobyl hatte nicht diese fundamentale Wirkung. Zum einen gab es damals viel weniger Bilder, von "Live-Tickern" ganz zu schweigen, zum anderen aber war es eine Republik im finsteren Reich der Sowjetunion gewesen, die hier die Technik scheinbar nicht im Griff hatte. Ostblock-Dilletantismus. Das war in seinen Konsequenzen schlimm, stellte aber in weiten Teilen der deutschen Politik nicht die Macht und das Leitbild des perfekten, deutschen Technikers in Frage. Es bedurfte erst der Bilder aus Fukushima und Tokio, 25 Jahre später, um hier für ein plötzliches Erwachen zu sorgen. Fast schon panisch versucht sich die deutsche Regierung nun, sich vom Malus der Atomkraft zu befreien. Nur weg damit! Sie verleiht dadurch, jenseits aller politischen Kleinklein-Taktik, einer tief empfundenen Stimmung in der Bevölkerung Ausdruck. Wer könnte sich diesem unendlich brutalen Exempel versperren?
Dass die Regierung Merkel jetzt ihre verlogene Atompolitik schnell entsorgt, ist dabei richtig und wichtig. Es ist eine erste Konsequenz aus der tiefen Zäsur von Fukushima. Es werden weitere folgen, denn die japanische Katastrophe hat nicht nur viele Menschen das Leben gekostet, sondern auch unseren Glauben an den Götzen Technik endgültig zerstört. Ging es nach dem 11. September 2011 darum, zu überlegen, wie wir unsere Freiheit gegen ihre Gegner verteidigen können, ohne genau diese Freiheit zu zerstören, wird es künftig um die Frage gehen, wie wir von technischem Fortschritt weiter profitieren können, ohne unser Wohl und Wehe davon abhängig zu machen. Es wird darum gehen, uns selbst zu zügeln. Dieser Prozess wird auch uns in Deutschland verändern.