Die Aufgabe, vor der die Arbeiter in Fukushima stehen, hat Mikola Isajew vor 25 Jahren in Tschernobyl erledigt: Aufräumen nach dem Super-GAU. stern.de hat den Liquidator getroffen. Von Niels Kruse, Kiew

Isajews erster Gedanke nach dem Unfall: "So, jetzt ist es aus"© Robert Knoth/Greenpeace
Kurz nachdem Mikola Isajew wie jeden Tag mit dem Bus zur Arbeit gekommen war, erbrach sich sein Schichtleiter. Zuvor hatte Isajew gesehen, dass dem Reaktor 4 das Dach fehlte. Dass für einen Samstagmorgen ungewöhnlich viele Arbeiter unterwegs waren. Und verdammt viel Militär. Er hatte gehört, wie die Kollegen absurd hohe Radioaktivität gemessen haben wollen und dass er noch dachte, sie machen Scherze. Auch waren die sonst üblichen Geigerzähler von den Arbeitsoveralls verschwunden. Um 7.45 Uhr dann, am Morgen des 26. April 1986, wurde seinem Vorgesetzten schlecht - ein typisches Symptom der Strahlenkrankheit. Er habe wohl etwas Falsches gegessen, meinte der nur lapidar.
"Ich hatte kein gutes Gefühl", sagt Isajew heute, "doch man versicherte uns, dass nichts Schlimmes passiert sei, Dampfdruck habe ein paar Platten weggesprengt - und wir haben unseren Chefs natürlich geglaubt." Also versah er zusammen mit den anderen aus der 6-Uhr-Schicht wie üblich seinen Dienst - nur wenige Meter entfernt vom Zentrum des schlimmsten Atomunfalls aller Zeiten. Als der junge Ingenieur später nach Hause kam, waren Tausende von Soldaten in Strahlenschutzanzügen dabei, die Straßen mit Waschpulver zu säubern. "Und aus unserem Fenster sahen wir, wie der Reaktor qualmte." Erst einen Tag später wurde dem damals 30-Jährigen das ganze Ausmaß der Havarie klar.
Bis heute, 25 Jahre nach dem GAU, sind noch immer nicht alle Details des Unglücks geklärt. Sicher ist: Um 1.23 Uhr riss eine gewaltige Explosion den Block 4 des Lenin-Atomkraftwerks in der Nähe des Örtchens Tschernobyl auseinander. Vorausgegangen war ein auf die lange Bank geschobenes Experiment, bei dem die Atomphysiker simulieren wollten, wie lange die Turbinen nach einem Stromausfall noch Energie für die Kühlung lieferten. Die wegen Wochenende und dem anstehenden 1.Mai-Feiertag dezimierte Mannschaft im Kontrollraum leistete sich offenbar einige Bedienfehler, hinzu kam ein Konstruktionsfehler des Kraftwerks: Die Steuerungsstäbe hatten Graphitspitzen - die die Kettenreaktion eindämmen sollten. Doch stattdessen heizten sie sie für einen kurzen Augenblick so stark an, dass es zu einer sogenannten nuklearen Leistungsexkursion kam - in deren Folge die mehr als 1000 Tonnen schwere Decke des Blocks weggesprengt wurde.
Mikola Isajew erfuhr von all dem erst am Nachmittag des 27. April - der Werksbus hielt kurz am Unglücksreaktor. "Er sah aus wie ein aufgeplatzter Koffer, dessen Inhalt überall hin verstreut war." Ein 80 Tonnen schwerer Trommelseparator etwa sei einfach durch die Luft geschleudert worden. "Mein erster Gedanke war: So, jetzt ist es aus." Zurück in seiner Wohnung in Pripjat legte er für seine vierjährige Tochter Elena und den vier Monate alten Sohn Sergej ein Fotoalbum an. Ihm war klar, dass niemand anders außer ihm und seinen Kollegen in der Lage war, die Havarie zu beheben. Doch das bedeutete, sich extrem hoher Strahlung auszusetzen und damit sein Leben zu riskieren - seine Kinder aber sollten ihn in guter Erinnerung behalten.
"Fast eine Woche nach dem Unfall kannten wir immer noch nicht die genaue Strahlung, weil unsere Dosimeter für dieses Ausmaß an Radioaktivität nicht ausgelegt waren", sagt Isajew. Letztlich hatte er in diesen wenigen Tagen die damals pro Jahr zulässige Strahlungsdosis von 50 MilliSievert (siehe Kasten auf Seite 2) abbekommen. Sein Körper reagierte schnell auf die enorme Belastung: Am 1. Mai maß der Atomphysiker bei sich 35 Grad Temperatur, sie normalisierte sich erst ein halbes Jahr später - zu der Zeit, als er das erste Mal wieder seine Kinder in die Arme schließen konnte.
Mittlerweile ist Isajew 55 Jahre alt - noch immer ein Mann von stattlicher Figur und festem Gang. Doch auf seinem Gesicht zeichnen sich rötlich die Strapazen des jahrelangen Kampfs gegen die ungeheuren Naturkräfte ab. Bis 1988 war er mitverantwortlich für den Sarkophag. Das Betonmonstrum wurde unter schwierigsten Umständen in nur einem halben Jahr um die Atomruine herumgestülpt. 100.000 Mann täglich, vor allem Soldaten, wurden abkommandiert - wer sich weigerte, landete im Gefängnis. Die Arbeit war mühselig und lebensgefährlich.
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