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Der Schatten ihres Vaters

Mit 81 Jahren spricht die Tochter des Auschwitz-Kommandanten Rudolf Höß über eine Kindheit, den Fluch des Familiennamens und ihre Liebe zum Vater, dem Massenmörder.

Von Malte Herwig

  Rudolf Höß (Mitte) lebte als Kommandant ab 1940 mit seiner Familie direkt neben dem KZ Auschwitz

Rudolf Höß (Mitte) lebte als Kommandant ab 1940 mit seiner Familie direkt neben dem KZ Auschwitz

Dieser Text erschien zuerst in unserer gedruckten Ausgabe des stern Nr. 19 am 30. April 2015

Eine Kindheitserinnerung, ein Dreivierteljahrhundert ist das her: das türkisfarbene Wasser der Sola, eines Nebenflusses der Weichsel. Am Ufer spielt das Mädchen mit den Geschwistern und beobachtet die Frösche. Der Fluss liegt nur wenige Meter vom Elternhaus entfernt. Am Wochenende, wenn Vati freihat, darf die Zehnjährige mit ihm am Wasser entlangreiten bis in die Stadt.

Plötzlich stockt die Erinnerung. Das Bild kippt, sobald der Name der Stadt auftaucht. Wie ein Verbotsschild steht er vor der Kindheit: #link;2168711;Auschwitz#.

Dann färbt sich das Wasser der Sola schwarz von der Asche der Ermordeten, die Vatis Untergebene in den Fluss schaufelten, und Ingebrigitt Höß (Anm.: Die Redaktion verwendet die Geburtsnamen der fünf Kinder von Rudolf Höß), die Tochter #link;http://www.zeit.de/1977/49/eine-karriere;des Auschwitz-Kommandanten Rudolf Höß#, bekommt wieder Kopfschmerzen.

In Arlington weiß niemand, wo sie herkommt

Es ist ein kühler Frühjahrstag in Arlington, im US-Bundesstaat Virginia. Die alte Dame trägt ein schwarzes Kleid, goldene Ohrringe und einen Schal mit Leopardenmuster. Sie ist 81 Jahre alt und lebt seit einem halben Jahrhundert in dem Haus mit Garten und Swimmingpool. Früher, als sie noch zu den Partys in der Nachbarschaft ging, traf sie dort Bill Clinton und #link;http://www.stern.de/politik/ausland/bill-clinton-portrait-kuenstler-enthuellt-anspielung-auf-monica-lewinsky-2177419.html;Al Gore#, der ein paar Häuser weiter wohnte. Es ist eine gute Gegend, weit von Deutschland und erst recht weit von Auschwitz entfernt. Hier weiß niemand, aus welcher Familie sie kommt.

Nur die Frösche sind immer noch da, mit denen sie in Auschwitz am Ufer der Sola gespielt hat. Frösche aus Ton, Holz oder Stoff, die sie überall in ihrem Schlafzimmer verteilt hat, als sollten die Tiere sie vor den Gedanken an die andere Seite ihrer Kindheit beschützen, an die Welt hinter dem Stacheldraht.

Die alte Dame holt ein zerfleddertes Fotoalbum hervor. Es sind Bilder einer unschuldigen, glücklichen Kindheit, durch die sie jetzt blättert. Ingebrigitt, genannt Püppi, in einem weißen kniefreien Kleidchen zwischen Blumen. Ingebrigitt mit Schlaufenzöpfen am Planschbecken. Mit ihrem kleinen Bruder Hans-Jürgen und den beiden Schildkröten Jumbo und Dilla. Im Hintergrund sieht man die hohe Gartenmauer, die das Kindheitsidyll von der Außenwelt hermetisch abriegelt.

Aufgewachsen neben dem Konzentrationslager

Anders als die Kinder der meisten Nazi-Bonzen wuchsen Ingebrigitt Höß und ihre vier Geschwister nicht in einer Stadtvilla oder einem Schloss auf, sondern am Rande jenes Konzentrationslagers, das später zum #link;http://www.stern.de/digital/computer/der-auschwitz-prozess-die-toetungsmaschinerie-des-dritten-reichs-534452.html;Inbegriff der Grausamkeit# wurde. Ingebrigitt Höß war sechs Jahre alt, als ihr Vater 1940 zum Kommandanten von Auschwitz ernannt wurde und die Familie dorthinzog. Drei Jahre lebte sie in einem Haus gleich vor dem Stacheldraht, während ihr Vater nebenan die #link;http://www.stern.de/politik/deutschland/joachim-gauck-im-bundestag-zu-70-jahre-befreiung-von-auschwitz-schlag-12-der-mittagskommentar-aus-berlin-2169079.html;"größte Menschenvernichtungsanlage aller Zeiten"# aufbaute, wie er später selbst zu Protokoll gab.

"I don't verdräng it anymore!"

Rudolf Höß machte Auschwitz zum Herzen der Finsternis, zum gut organisierten Zentrum des Holocaust. Anders als viele Nazi-Kinder ist Ingebrigitt Höß alt genug, um sich gut an ihren Vater erinnern zu können. Das ist das Problem. Denn die Erinnerung will nicht zusammenpassen mit dem Wissen darüber, was dieser Vater getan hat.

Ingebrigitt Höß besitzt seit Jahrzehnten einen amerikanischen Pass und spricht in einer seltsamen Mischung aus Deutsch und Englisch mit starkem Akzent.

"I don’t verdräng it anymore", sagt Ingebrigitt Höß. Sie hat beschlossen, ihr Schweigen zu brechen, auch wenn es ihr nicht leichtfällt. Zu groß ist der Gegensatz zwischen ihren Erinnerungen an eine schöne Kindheit in Auschwitz und dem, was sie später erfahren hat #link;http://www.stern.de/politik/das-ns-vernichtungslager-auschwitz-2188609.html;über den millionenfachen Massenmord#, den Abgrund, der sich hinter der Gartenmauer des Elternhauses auftat.

Kopfschmerzen seit den letzten Kriegstagen

Mit dem Verdrängen ist es so eine Sache. #link;http://www.stern.de/kultur/umstrittener-star-der-wissenschaft-sigmund-freuds-ueberholte-psychoanalyse-2140209.html;Sigmund Freud# glaubte, dass das Verdrängte sich in Form seelischer oder körperlicher Störungen wieder bemerkbar machen kann. Seit Jahrzehnten plagen Ingebrigitt Höß Kopfschmerzen, wenn sie an Auschwitz denkt. "Das ging in den letzten Kriegstagen los", sagt sie. Während der Vater sich auf einem Bauernhof in Schleswig-Holstein versteckte, kamen Mutter Höß und die Kinder in einer Zuckerfabrik in St. Michaelisdonn unter. "Das war die schlimmste Zeit", sagt Ingebrigitt Höß. Täglich befragten sie britische Soldaten. "Sie schrien uns Kinder an, wo der Vati sei", sagt Ingebrigitt Höß. "Da haben die Kopfschmerzen angefangen, ich setzte mich unter einen Baum und heulte nur noch."

Die Musik ihres Sohnes beruhigt sie

Im Hintergrund dröhnt Jazz aus den Lautsprechern. Ihr Sohn Ben ist Musiker. Wenn er verreist und seine Mutter allein im Haus ist, schaltet er vorher die Stereoanlage an. Die Musik beruhigt Ingebrigitt Höß, sie läuft tagelang, bis ihr Sohn zurückkommt.

In der Familie haben sie nach dem Krieg nie mehr über Auschwitz gesprochen – und selten über den Vater. Im Gegensatz zu den Nachkommen von Nazi-Größen wie Hermann Göring, Heinrich Himmler oder Hans Frank meiden die Höß-Kinder die Öffentlichkeit ebenso wie den Blick zurück in die eigene Vergangenheit. Am schwersten hatte es die jüngste Tochter Annegret, die 1943 geboren wurde. Ein Blick in ihren Pass sagte alles: Höß, Geburtsort Auschwitz.

In den ersten Jahren nach dem Krieg wussten die Kinder nicht, wo der Vater war. "Er war weg", sagt Ingebrigitt Höß. "Ich habe immer allen Leuten gesagt, dass mein Vater im Krieg gestorben ist." Die Briefe, die Höß an seine Familie schrieb, wurden ihnen erst nach seiner Hinrichtung 1947 zugeschickt.

Ein Bruder tot, der andere unauffindbar

Ingebrigitt lernte Hutmacherin. Klaus, der Erstgeborene, ging nach Stuttgart und holte die Familie später nach. "Aber er hat da keine Arbeit bekommen, weil er der Sohn war", sagt Ingebrigitt Höß. Klaus wanderte nach Australien aus und starb jung, weil er zu viel trank. Ihre ältere Schwester Heidetraut sei sterbenskrank und werde von ihrem Mann gepflegt. Wo Hans-Jürgen ist, der jüngste Bruder, weiß keiner. Er hat jeden Kontakt zur Familie abgebrochen und ist zu den Zeugen Jehovas gegangen – jener Glaubensgemeinschaft, deren Anhänger von den Nationalsozialisten als "Bibelforscher" bezeichnet und brutal ermordet wurden, auch unter dem Kommando seines Vaters Rudolf Höß.

Die fröhliche Schwester ist schwer krank

Ingebrigitt, die immer die fröhliche, ausgleichende unter den Geschwistern war, ist schwer krank. Sie hat Krebs, die Bestrahlungen haben ihre Darmwand zerfressen. Sie leidet unter Depressionen. Die Erinnerung kann man verdrängen, aber sie kommt immer zurück.

Heute ist wieder kein guter Tag. Die Kopfschmerzen sind wieder da. Aber es muss jetzt sein. Sie will jetzt reden. "Sie sind der Einzige, mit dem ich darüber sprechen kann." Weder ihr Sohn noch die Enkelkinder können Deutsch, und sie haben wenig Interesse daran, sich mit den Taten des Großvaters zu beschäftigen.

Das Hochzeitsbild der Eltern über dem Bett

Sie aber kann nicht vergessen. Über ihrem Bett hängt das Hochzeitsbild der Eltern von 1929: Hedwig in weißem Kleid und Rudolf in schwarzer Bauernuniform. Es ist ihr Lieblingsbild, sie hat den Rahmen mit getrockneten Wiesenblumen geschmückt. Ihre Eltern lernten sich bei den Artamanen kennen, einem völkischen Siedlungsbund, der sich der gleichen Blut-und-Boden-Ideologie verschrieben hatte wie die Nazis. Damals träumten die frisch Verheirateten von einer Zukunft als Bauern. Am 18. August 1933 wurde Ingebrigitt auf Gut Sallentin in Pommern geboren, wo ihr Vater der Reiter-SS beigetreten war – aus Pflichtbewusstsein und Ehrgeiz, wie er später in seinen Erinnerungen schreibt.

Im Wohnzimmerregal steht ein Foto. Darauf sieht man Rudolf Höß entspannt im Sessel sitzen. Er trägt zivil, ein Hemd und Fliege. Das ist nicht der Mann in der schwarzen SS-Uniform, der mit kühler Sachlichkeit und zupackendem Fleiß den Massenmord vor der Haustür verwaltete. Das ist der Vati im weißen Hemd, der sich sonntags zur Familie zurückzog, mit der Zigarre durchs Haus lief, Musik hörte, mit den Kindern spielte.

Der Vater küsste und drückte die Kinder

Das bezeugten auch die KZ-Häftlinge, die im Hause Höß als Gärtner, Köchin oder Kinderfrau arbeiteten. "Er liebte die Kinder", erinnerte sich Danuta Rzempiel. "Er legte sich gerne mit ihnen auf das Sofa. Er küsste sie, drückte sie an sich und sprach schön zu ihnen."

Ingebrigitt Höß ringt noch immer mit der Frage, wer ihr Vater wirklich war. "Wie kann man so gut sein und gleichzeitig das andere machen?" Der Widerspruch quält sie.

"Vati war zwei Personen", glaubt seine Tochter. Vielleicht ist die Wahrheit leichter zu ertragen, wenn man sie aufteilt in Gut und Böse. Beim dritten Besuch hat sie den Abschiedsbrief in der Hand, den ihr Vater kurz vor seiner Hinrichtung im April 1947 an die Familie schrieb. Lange hatte sie ihn gut versteckt, "auch vor mir selbst".

Erstaunt über die eigenen Verbrechen

Darin zeigt sich der ehemalige Kommandant selbst erstaunt über seine Verbrechen und klagt seiner Frau, der "lieben guten Mutz", die Tragik seines Lebens: "Ich, der ich von Natur aus weich, gutmütig und stets hilfsbereit war, wurde zum größten Menschenvernichter, der kalt und bis zur letzten Consequenz jeden Vernichtungsbefehl ausführte."

"Durchschnittlich geartet, keineswegs bösartig"

Wie soll ein Kind sich die Taten des geliebten Vaters erklären, wenn er sie selbst nicht versteht? "Man muss es akzeptieren", sagt Ingebrigitt Höß. "Es ist in unserer Familie passiert. Ich bin traurig, wenn ich daran denke."

Rudolf Höß räumt in seinen Erinnerungen und den Briefen, die er in der Haft schrieb, selbst mit der Illusion auf, dass eine sadistische Veranlagung Voraussetzung für Massenmord sei. Seine Aufzeichnungen, #link;http://wallstein-verlag.de/9783835301849-martin-broszat-der-staat-hitlers-und-die-historisierung-des-nationalsozialismus.html;schrieb der Historiker Martin Broszat#, zeigten Höß als einen Menschen, "der alles in allem recht durchschnittlich geartet, keineswegs bösartig, sondern im Gegenteil ordnungsliebend, pflichtbewusst, tierliebend und naturverbunden, ja auf seine Weise 'innerlich' veranlagt und sogar ausgesprochen 'moralisch' ist".

"Wenn irgendwo ein Bild schief hing, musste er aufstehen und es zurechtrücken. So korrekt bin ich auch", sagt Ingebrigitt Höß und wirft einen verzweifelten Blick auf den Fußboden ihres Wohnzimmers, auf dem ihr Enkel ein Chaos hinterlassen hat. "Ich bekomme davon high blood pressure", seufzt die alte Dame, "aber dann sagt mir mein Enkel: 'Don’t worry, Omi'."Anders als ihr Vater hat sie gelernt, anderen Menschen nicht den eigenen Ordnungssinn aufzuzwingen.

Von nebenan wussten sie nichts

"Vati war streng, wenn es um Etikette ging", sagt Ingebrigitt Höß. Am Esstisch durften die Kinder nur sprechen, wenn sie gefragt wurden. "Aber er war nie böse. Er hat am Tisch auch erzählt, so Familiensachen und was wir am Wochenende für Ausflüge unternehmen. Aber nie etwas von nebenan, da haben wir nie etwas gewusst. Never."

Und doch spürte man in der Familie, dass etwas nicht stimmte mit dem Vater. "Er hat sich oft zurückgezogen", erinnert sich seine Tochter. "'Der Vati hat wieder seine Kopfschmerzen', hat Mutti dann gesagt, und wir durften ihn nicht stören."

In seinen Erinnerungen schreibt Höß, er bereue es, sich nicht mehr Zeit für die Familie genommen zu haben: "Ich glaubte ja immer, ich müsse ständig im Dienst sein. Meine Frau hat mich oft und oft gemahnt: Denk nicht immer an den Dienst, denk auch an deine Familie. Doch was wusste meine Frau von den Dingen, die mich bedrückten – sie hat es nie erfahren."

Der Gestank durchdrang die ganze Gegend

Dem Gerichtspsychologen Gustave Gilbert erzählte Höß in Nürnberg, seine Frau habe sehr wohl geahnt, was er tat. Danach hätte das Ehepaar nur noch selten Verlangen nach Geschlechtsverkehr gehabt. Ohnehin hätte es Hedwig Höß große Mühe kosten müssen, nichts von den Vorgängen im Konzentrationslager mitzubekommen. Ihr Mann erklärte 1946 bei den Nürnberger Prozessen, "der faule und Übelkeit erregende Gestank", der von der ununterbrochenen Körperverbrennung ausging, habe die ganze Gegend durchdrungen.

Kann einem zehnjährigen Kind, das gleich nebenan aufwächst, verborgen bleiben, was dort vor sich ging? Hat sie sich nie gefragt, was hinter dem Lagerzaun geschah? "Ich wusste nicht, dass nebenan diese Grausamkeiten stattfinden", sagt Ingebrigitt Höß. "Ich habe nie danach gefragt, warum da Zäune stehen und Wachtürme. Mit neun oder zehn Jahren hat man andere Gedanken." Und hätte es wirklich einen Unterschied gemacht? "Sagen hätte ich eh nichts können, so klein, wie ich war."

Die Schneiderin Janina Szczurek berichtete nach dem Krieg, wie die Höß-Kinder sie einmal baten, ihnen bunte Dreiecke zu nähen, wie sie die Häftlinge trugen. Dann spielten sie Gefangene, und Klaus, der älteste Höß-Sohn, gab den Kapo. "Die Kinder waren sehr zufrieden, tobten im Garten und stießen dort auf ihren Vater, der ihnen die Abzeichen abriss und die Kinder ins Haus brachte."

"Vati wurde sehr böse"

Die Kleinen hatten sich nichts dabei gedacht, ein Cowboy-und-Indianer-Spiel. Aber sie drohten, mit ihrem Spiel die Trennmauer einzureißen, die Rudolf Höß zwischen privater Idylle und brutalem Dienst eingerichtet hatte. "Vati wurde sehr böse, weil wir was falsch gemacht hatten", erinnert sich Ingebrigitt Höß. "Er schimpfte mit uns und sagte, wir dürften nie böse zu anderen Menschen sein."

Das Haus am Rand von Auschwitz I

Kinder wissen oft mehr, als man ihnen zutraut. Auch die zehnjährige Ingebrigitt Höß muss tief in ihrem Inneren gespürt haben, dass direkt nebenan Grauenvolles im Gange ist. "Ich bin mondsüchtig geworden und nachts im Schlaf auf den Balkon gegangen."

Vom Balkon im ersten Stock aus konnte das Mädchen den Rauch des Krematoriums I sehen, das nur etwa 100 Meter entfernt steht. Es konnte den Stacheldraht sehen, die Scheinwerfer und den Wachturm. Dann kehrte die Schlafwandlerin wieder in ihr Kinderbett zurück und vergaß das Gesehene wie einen flüchtigen Albtraum.

"Meine Mutter war so besorgt, dass sie mir ein nasses Handtuch vor das Bett gelegt hat", sagt Ingebrigitt Höß, "damit ich beim Aufstehen aufwache." Das Haus des Kommandanten liegt direkt am Rand des Stammlagers Auschwitz I zwischen der Kommandantur und der Sola und drei Kilometer #link;http://www.stern.de/panorama/gedenkstaette-auschwitz-birkenau-drohnen-bilder-zeigen-enorme-ausmasse-des-todeslagers-2169784.html;vom Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau entfernt#. Es sieht noch immer genauso aus wie auf dem alten Foto, das Ingebrigitt Höß in ihrem Album hat. Nur die Satellitenschüsseln auf dem grauen Verputz sind neu, der Rest hat sich kaum verändert. Pawel Jurczak öffnet die Tür. Der 32-jährige Pole lebt hier mit seiner Frau und dem Kater Dante. Er arbeitet in der Zoohandlung von Oświęcim, wie der Ort seit Kriegsende wieder heißt. Im Treppenhaus ist die Jahreszahl 1937 in den Boden gemeißelt.

Wie fühlt sich das an, in einem Haus mit so einer Geschichte zu leben? Pawel Jurczak zuckt mit den Schultern. "Das ist Geschichte. Mir macht es nichts aus." Bereitwillig führt er durch das Haus.

Von den oberen Fenstern kann man hinter einer Reihe von Birken das etwa 100 Meter entfernte Krematorium I und die dazugehörige Gaskammer sehen. Weiter links reiht sich ein Häftlingsblock an den anderen, der gewaltige Stacheldrahtzaun reicht bis an den Rand des Gartens. Dazwischen steht der Galgen, an dem Rudolf Höß am 16. April 1947 hingerichtet wurde. Dann geht Jurczak in den Keller hinunter und zeigt auf ein Loch in der Wand, von dem aus ein Tunnel direkt in Richtung des Lagers führt. Es ist dunkel, feucht und schimmelig dort unten. Auf dem Boden liegen rostige Eisentüren, die aus den Scharnieren gerissen wurden. Nach zehn Metern ist Schluss: Der Weg ist zugeschüttet, wir müssen umkehren. Der Tunnel wirkt wie eine Sicherheitsschleuse zwischen den beiden Rollen des Rudolf Höß, als hätte der liebe Sonntagsvati im weißen Hemd sich einen Geheimgang bauen lassen, um sich davonstehlen zu können und von der Familie unbemerkt in den dienstbeflissenen KZ-Kommandanten mit der schwarzen Totenkopfuniform zu verwandeln.

Der ummauerte Garten als verbotenes Paradies

Der große ummauerte Garten aber, in dem Ingebrigitt Höß und ihre Geschwister ahnungslos spielten, bleibt verschlossen wie ein verbotenes Paradies, in das es keine Rückkehr gibt. Er untersteht der Verwaltung der Gedenkstätte, die dort keine Besucher wünscht. Nach dem Krieg taten die meisten Deutschen so, als hätten sie nie etwas von Auschwitz gewusst. Es war, als hätte ganz Deutschland in einem Garten mit hoher Mauer gelebt und von dem, was die Väter draußen taten, nichts mitbekommen.

"Am Anfang habe ich auch gedacht: Das kann doch nicht sein!", sagt Ingebrigitt Höß. Aber je mehr über die ungeheuerlichen Verbrechen bekannt wurde, desto schwieriger wurde es, sie zu ignorieren.

Eine Modelkarriere in Spanien

Nach dem Krieg hielt sie es nicht lange in Deutschland aus. Sie lernte Hutmacherin und wanderte bald nach Spanien aus. Dort entdeckte #link;http://www.stern.de/lifestyle/mode/modetrends-auferstehung-des-altmeisters-568525.html;der legendäre Modeschöpfer Cristóbal Balenciaga# die attraktive junge Frau bei einem Besuch in seiner Boutique und engagierte sie als Model. Auf seinen großen Modeschauen, bei denen auch die Frau des spanischen Diktators Franco anwesend war, marschierte Ingebrigitt Höß so selbstbewusst und gradlinig über den Laufsteg, dass sie der Spanier "meine kleine deutsche Soldatin" nannte. Es war eine unbeschwerte Zeit. Ingebrigitt Höß lächelt, während sie durch das Album mit den Bildern ihrer Modelkarriere blättert.

"Brigitte, du kannst nichts dafür"

In Spanien lernt sie ihren amerikanischen Mann kennen, einen Ingenieur, mit dem sie die Welt bereist. Schließlich werden die beiden in den USA sesshaft und bekommen zwei Kinder. 35 Jahre lang arbeitet Ingebrigitt Höß in einer Modeboutique in Washington. Die Besitzer des Geschäfts sind amerikanische Juden.

Eines Tages vertraut Ingebrigitt Höß dem Geschäftsführer an, dass sie die Tochter von Rudolf Höß ist. Der Manager leitet die Information an die Eigentümer der Boutique weiter. Aber Sally und Ernest Marx geben der jungen Deutschen keine Schuld an den Verbrechen ihres Vaters. Erst als in Washington in den 90er Jahren das United States Holocaust Memorial Museum eröffnet wird, spricht Sally Marx mit ihrer Angestellten über den Holocaust und die Rolle des Vaters. "Sie hat zu mir gesagt: Brigitte, du kannst nichts dafür, was er getan hat, du warst nur ein Kind", sagt sie. "Aber du musst akzeptieren, dass es geschehen ist. Das war der Moment, an dem ich aufgehört habe, Auschwitz zu leugnen."

Dem Schatten des Vaters ist sie trotzdem nie entkommen. Sie will ihr Gesicht nicht der Öffentlichkeit zeigen, weil sie noch immer Angst vor Anfeindungen hat. "Es hört nie auf." Als ihre Mutter Hedwig 1989 während eines Besuchs in ihrem Haus in Arlington stirbt, begräbt Ingebrigitt Höß sie unter einem Grabstein ohne Namen. "Mutti" ist das Einzige, was darauf steht. Nicht jeder ist so großmütig wie das Ehepaar Marx oder der jüdische Lebensgefährte, mit dem Ingebrigitt nach ihrer Scheidung eine Beziehung hatte.

Im Internet steht Böses über die Familie

Auch ihr Sohn Ben will nicht, dass sein Name in der Presse auftaucht. Er fürchtet, dass sein elfjähriger Sohn in der Schule Schwierigkeiten bekommen könnte, wenn herauskommt, dass sein Urgroßvater der Kommandant von Auschwitz war. Im Internet steht viel Böses über die Familie.

Wie steht er, der Amerikaner durch und durch ist, zu den Taten seines Großvaters? "Was dort geschehen ist, war furchtbar", sagt er. "Er hat getan, was ihm befohlen wurde, und wenn er sich geweigert hätte, dann hätte man wahrscheinlich die ganze Familie getötet." Diesmal wird diese sehr deutsche Begründung, der Befehlsnotstand, in breitem Amerikanisch vorgetragen. Es ist ein Mythos, der noch heute in vielen deutschen Familien gepflegt wird. Für Ingebrigitt Höß ist es die letzte Möglichkeit, die Erinnerung an den Vati vor seinen Taten zu retten: Er musste ja. "Er hatte doch Leute über sich."

Die autobiografischen Aufzeichnungen, die Rudolf Höß in der Haft schrieb, hat sie nie gelesen. Nun hört sie zum ersten Mal, was ihr Vater über seine Vorgesetzten und den angeblichen Befehlsnotstand schrieb: Er hätte zu Himmler gehen und ihm erklären müssen, schreibt Rudolf Höß, "dass ich für den Dienst an einem KL nicht geeignet wäre, weil ich zu viel Mitleid mit den Häftlingen hätte. Ich brachte den Mut dazu nicht auf: weil ich mich nicht bloßstellen wollte, weil ich meine Weichheit nicht eingestehen wollte."

Der Vater spielte seine Rolle perfekt

Ingebrigitt Höß schweigt. So gewissenlos und dienstfertig der Vater den Massenmord organisierte, so unnachgiebig zwang er sich, zu Hause heile Welt zu spielen. Der bestürzte Blick seiner Tochter zeigt noch heute, wie perfekt er diese Rolle gespielt haben muss.

Hat er es nur getan, um seine Familie zu schützen? In seinen Erinnerungen schreibt Höß: "Selbst die nächsten Angehörigen muss ein SS-Mann vernichten können, wenn sie sich gegen den Staat oder die Idee Adolf Hitlers vergingen." Welche perverse Ideologie verlangt so etwas von einem Vater?

Die Tochter kann es noch immer nicht glauben. Vielleicht wusste Vati gar nichts von den schrecklichen Dingen, die in seinem Lager geschahen? Vielleicht saß er den ganzen Tag in seinem Büro auf der Kommandantur, unterschrieb Befehle und telefonierte mit Berlin? Vati ein Bürokrat des Todes wie Eichmann, der sich hinter Zahlenkolonnen verstecken konnte?

Nein. Man kann der alten Dame die Wahrheit jetzt nicht ersparen. Rudolf Höß war als KZ-Kommandant ebenso engagiert wie als Vater. Er beobachtete persönlich Vergasungen und inspizierte Krematorien. Vor Massenerschießungen graute ihm. Das Vergasen befand er als besser, da so nicht nur die Empfindsamkeit seiner SS-Leute, sondern "auch die Opfer bis zum letzten Moment geschont werden konnten". Er sah aus nächster Nähe, wie Frauen und Kinder in die Gaskammern geschickt wurden. Er schreibt in seinen Erinnerungen: "Eine Frau trat einmal im Vorbeigehen ganz nahe an mich heran und flüsterte mir zu, indem sie auf ihre vier Kinder zeigte, die sich brav angefasst hatten, um die Kleinsten über die Unebenheiten des Geländes zu führen: 'Wie bringt ihr das bloß fertig, diese schönen lieben Kinder umzubringen? Habt ihr denn kein Herz im Leibe?'."

Ingebrigitt Höß ist ganz still geworden. "Das reicht. Ich habe alles gehört, was ich wissen muss. Er wusste also, was er tat." Dann erhebt sich die 81-Jährige mühsam, geht mit unsicheren Schritten ins Nebenzimmer und schaltet den Fernseher ein. Sie will jetzt Prince sehen. Sie liebt die Songs des amerikanischen Pop-Musikers. "Er hilft mir gegen meine Traurigkeit."

Der Widerspruch ist kaum auszuhalten

Die Wahrheit tut weh, weil der Widerspruch kaum auszuhalten ist. "Was geschehen ist, ist furchtbar, und es hätte nie sein dürfen", sagt Ingebrigitt Höß. "Aber deswegen liebe ich meinen Vater nicht weniger."

Noch einmal holt sie seinen Abschiedsbrief hervor. "Mein Name ist nun einmal in aller Welt geächtet, und Ihr, meine Armen, habt unter meinem Namen immer wieder unnötige Schwierigkeiten, besonders die Kinder in ihrem weiteren Fortkommen", schreibt Rudolf Höß kurz vor der Hinrichtung an seine Familie. "Es ist das Beste, wenn mit mir auch mein Name verschwindet."

Es klingelt an der Tür, und Tom, der jüngste Enkel von Ingebrigitt Höß, schlendert lässig in die Wohnung. "Hi, Omi!" – es ist das einzige deutsche Wort, das er kennt. Der Elfjährige trägt eine breitschultrige Uniform und Helm. Er spielt als Quarterback im Football-Team der Schule. Der Nazi-Albtraum von Kriegertum und Blut und Boden, den Rudolf Höß bis zuletzt geträumt hatte – auf einem amerikanischen Football-Feld ist er unendlich weit weg.

Im Hintergrund singt Prince ihr Lied

Zum ersten Mal huscht ein Lächeln über das Gesicht der Großmutter. "Er ist ein wunderbarer Junge." Für einen Moment verschwinden die Kopfschmerzen der Ingebrigitt Höß, und im Hintergrund singt Prince #link;https://www.youtube.com/watch?v=F8BMm6Jn6oU;ihr Lieblingslied "Purple Rain"#; Verse über den Schmerz und das Lachen: "I never meant to cause you any pain ... I only wanted to see you laughing in the purple rain." Die Musik ist die letzte Zuflucht der Ingebrigitt Höß. Sie weiß, dass die Kopfschmerzen zurückkommen werden und die Trauer und die Angst. Aus der Erinnerung gibt es kein Entkommen, nur Erlösung. "Schreiben Sie, dass meine Mutter bald stirbt", sagt der Sohn zum Schluss. "Dann ist Ruhe."

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