Seine Partnerin lernte er nach einem Bergunfall in einer Felsnische kennen. Sie wusste, welche Risiken er einging. Auf einer waghalsigen Route wollte Karl Unterkircher den Nanga Parbat bezwingen und kam dabei ums Leben. Der stern sprach mit seiner Familie und seinen Freunden in Südtirol. Von Martin Knobbe

Karl Unterkircher bei seiner Doppelbesteigung 2007 im Himalaya, hier mit voller Ausrüstung in einem Steilhang des Gasherbrum II© Everest-K2-CNR/AP
Die Galerie der Toten ist eine holzgetäfelte Wand im Gemeinschaftsraum der "Catores", der "Steinhühner", wie der größte Bergrettungsverein in den Dolomiten heißt. Franz Stuflesser, 46, von einem Steinbrocken getroffen. Carlo Großrubatscher, 29, im Himalaya abgestürzt. Vittorino Deluca, 18, beim Abstieg ausgerutscht. 20 Kameraden haben die "Catores" verloren, und in den nächsten Tagen, wenn wieder etwas Ruhe eingekehrt ist, werden sie Bild Nummer 21 an die Wand nageln. Karl Unterkircher, 37, abgestürzt in eine Gletscherspalte. "Immerhin", sagt Adam Holzknecht, sein bester Freund, "liegt er nun da, wo er am liebsten war: in unberührtem Gebiet."
Es ist nicht so, dass sie sich an den plötzlichen Tod gewöhnt hätten, im Grödnertal in Südtirol, 50 Kilometer von Bozen entfernt, wo jeder einen kennt, der irgendwann einen Freund oder Verwandten am Berg verloren hat. Es ist nur so, dass sie wissen, es könnte jederzeit wieder einen von ihnen treffen, so unberechenbar ist der Berg. Vielleicht haben sie sich deshalb eine pragmatische Art der Trauer angeeignet. Und vielleicht versucht Adam Holzknecht, 41 Jahre alt, Bergführer, Bergretter, Extremkletterer, fröhliche Augen und wirres Haar, deshalb der Tragödie irgendetwas Positives abzugewinnen. "Der Karl hat ein Leben lang das gemacht, was ihm gefallen hat, ganz ohne Kompromisse. Wer kann das schon von sich behaupten?"
Karl Unterkircher starb am 15. Juli, als er zusammen mit Simon Kehrer, 29, und Walter Nones, 36, die Rakhiot-Wand des Nanga Parbat im Himalaya erkletterte. Auf rund 6400 Meter Höhe ging er voran, setzte die Spuren in einem beschneiten Feld, als sich wahrscheinlich ein Schneebrett löste, ihn in die Tiefe riss und unter sich begrub. Man kann vermuten, dass er im Schnee erstickte und schnell starb.
Es hatte lange gedauert, bis sich Karl Unterkircher einen Namen gemacht hatte, den man auch außerhalb von Wolkenstein kannte, seinem Heimatort. Er war schon 20 Jahre alt, als er sich fürs Klettern begeisterte. Er hatte zuvor Fußball gespielt und den Schein fürs Segelfliegen gemacht. "Irgendwann ist ihm eingefallen: Fliegen kann ich auch, wenn ich 60 bin. Also sind wir trainieren gegangen", sagt Holzknecht. In Karl hatte er jemanden gefunden, der alle Eigenschaften für einen guten Kletterpartner mitbrachte: "Ehrgeizig, entscheidungsfroh, in sich ruhend, mutig." Sie bestiegen als Erstes die 2500 Meter hohe Brogles-Rotwand, später dann den Zahnkofel, ihre Route tauften sie "Karies", das war ihr Humor. Mehr als 40 Erstbesteigungen in den Dolomiten sollten es für jeden von beiden noch werden, die Zahl ist wie eine Währung unter den Extremkletterern, und wenn einer von ihnen wieder eine mehr hatte, feierten sie das bei Bier und Schnaps und Zigaretten in "La Stua", der Kneipe von Zico, ihrem ältesten Kumpel.
Sie reisten nach Patagonien und erklommen die Torres de Paine, sie arbeiteten zusammen als Bergführer und machten ehrenamtlich bei den "Catores" mit, wo sie beide für ihre "alpinistischen Leistungen" mit dem "Cator d'Or", dem "Steinhuhn in Gold", ausgezeichnet wurden, was nicht oft geschieht, dreimal nur bislang. Und als zum 50. Jubiläumsjahr der Erstbesteigung des K2, des zweithöchsten Berges der Welt, die Einladung kam, an einer Expedition teilzunehmen, "da war eigentlich klar, dass der Karl das macht", sagt Holzknecht. Er ahnte nicht, dass sein Freund mit einem Weltrekord zurückkehren würde.
Keiner aus dem Grödnertal hatte bis dahin einen Gipfel erklommen, der höher als 8000 Meter lag. Karl Unterkircher schaffte gleich zwei: den Mount Everest, 8848 Meter, im Mai 2004, und zwei Monate später den K2, 8611 Meter, beide Male ohne Sauerstoff aus der Flasche, den er als "gesetzlich erlaubtes Doping" schmähte. Er wurde ins Guinnessbuch der Rekorde aufgenommen und war nun ein Star weit über Wolkenstein hinaus. Die Gemeinde organisierte eine Feier, die Regierung der Provinz sicherte ihm für drei Jahre finanzielle Unterstützung zu, der Tourismusverein stellte ihm ein Büro zur Verfügung, und Herbert Mussner wurde sein Koordinator.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 31/2008