Warum nehmen die Japaner die Katastrophe so stoisch hin? Kenichiro Mogi, einer der einflussreichsten Gesellschaftskritiker das Landes, erkärt, was hinter der stillen Krise steckt. Und welche Lehre daraus gezogen werden kann. Ein Interview von Janis Vougioukas
Ich war in der U-Bahn auf dem Weg zu meinen Studenten. Ich habe gelesen und war ganz in meine Papiere vertieft, das eigentliche Beben habe ich gar nicht richtig gespürt. Plötzlich stoppte der Zug. Drei Frauen saßen mit mir im Abteil. Schauen Sie sich mein Handy an. Unsere Handys geben bei Erdbeben sofort Alarm. Wir starrten auf die Bildschirme und fuhren dann ganz langsam in die Station ein. Dort sprachen fremde Menschen miteinander und hielten sich in den Armen. An dem Nachmittag, um 14.46 Uhr, hat sich für Japan alles verändert. Und jetzt fürchten sich die Menschen vor der Atomkraft, auch wenn die westlichen Medien einen anderen Eindruck erwecken.
Es klingt sicher komisch, aber das Erdbeben war für uns ein normales Ereignis. Wir hatten in der Vergangenheit so viele Naturkatastrophen, vielleicht haben wir uns einfach zu sehr daran gewöhnt. Außerdem werden alle Kinder schon in der Schule darauf vorbereitet.
Es gehört nicht zu unserer Kultur, Emotionen in der Öffentlichkeit auszudrücken. Das bedeutet aber auch, dass wir innen sehr verletzlich sind. Es ist nicht leicht zu verstehen. Mein Vater hat die Bombardierungen Tokios während des Zweiten Weltkriegs erlebt. Das war wie in Dresden. Letztes Jahr hat er zum aller ersten Mal darüber gesprochen. Das ist wohl eine Art japanischer Fatalismus. Wir glauben, dass unvorhergesehene Ereignisse alles verändern und zerstören können - und das können wir nicht ändern.
Viele drücken ihre Gefühle im Internet aus, doch in der Öffentlichkeit halten sie sich zurück. Das ist auch eine Gefahr für die Psyche des Landes. Und manchmal kann sich das rächen. Nach dem Kanto-Erdbeben 1923 gab es das Gerücht, dass die Koreaner dafür verantwortlich seien. Später wurden Tausende von ihnen gelyncht. Ich hoffe, dass die Nuklear-Katastrophe jetzt nicht den Damm der Zurückhaltung durchbricht. Dann könnte es zu einer Massenhysterie kommen.
Im Moment wohl nicht. Aber die Radioaktivität ist ja noch relativ begrenzt.
Ja, die Stromausfälle scheinen die Menschen im Moment mehr zu beschäftigen. Ich bin promovierter Physiker und neige deshalb vielleicht eher dazu, die Atomenergie zu befürworten. Aber das Unglück lässt auch mich zweimal darüber nachdenken. Es ist wirklich ein großes Problem für Japan: Wir haben keine natürlichen Ressourcen und ohne Atomkraft können wir diese Art der Zivilisation nicht beibehalten. Die Energiepolitik wird nach der Krise zu unserem wichtigsten Thema werden.
Es gibt überhaupt keine Protestkultur und kaum Demonstrationen. In den letzten 20 Jahren gab es keinen ernsthaften Widerstand gegen irgendetwas, jedenfalls nicht in der breiten Bevölkerung.
Die Menschen tragen zwar Gesichtsmasken, aber das ist zum Schutz vor Pollen. Das muss auf Ausländer sehr rätselhaft wirken, wenn man die Berichterstattung der westlichen Medien verfolgt. Aber so sind wir.
Das ist eine Generationsfrage. Ältere Menschen haben keine andere Wahl. Unser Fernsehen ist extrem homogen. Und die Überschriften in den Tageszeitungen sind quasi identisch. Die jüngeren Leute suchen im Internet nach alternativen Ansichten. Natürlich gibt es Sprachhürde. Die meisten Menschen verstehen ja kein Englisch und können die Berichterstattung aus dem Ausland deshalb auch nicht verfolgen. Wir brauchen alternative Medien, deshalb werden im Moment viele Artikel aus westlichen Medien im Internet übersetzt und verbreitet. Die Menschen wissen, dass wir andere Meinungen brauchen.
Das stimmt, Premierminister Naoto Kan hat erst in den Fernsehnachrichten von der Explosion des Reaktors erfahren. Wenn alles vorbei ist, müssen wir uns auch daran machen, unser politisches System umzubauen. Zu viel funktioniert nicht richtig.
Von Anfang an sind Informationen verschwiegen worden. Die Regierung hat immer über die Atomkraft gesagt: Macht euch keine Sorgen. Wir passen auf, dass nichts passiert. Die Details braucht ihr gar nicht zu kennen, wir sind die Experten. Bis heute kennen die Menschen die Risiken der Atomkraft gar nicht. Und die Regierung folgt dieser Tradition.
Das glaube ich nicht. Aber sie wählen aus, welche Fakten sie wann kommuniziert. Japanische Fabriken sind bekannt für ihre Qualitätskontrolle und widmen selbst den kleinsten Details große Aufmerksamkeit. Nach diesem Ethos handelt auch die Regierung: die Bürokratie will alles kontrollieren. Die Japaner werden den Glauben an ihre Technologie behalten. Doch das Vertrauen in Regierung und Elektrizitätskonzerne ist langfristig beschädigt, und das ganz zu Recht!
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