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16. Juli 2008, 12:09 Uhr

Schwimmdrama vor Fehmarn

Tragischer Unfall vor der Ostseeinsel Fehmarn: Ein siebenjähriger Junge ist vermutlich ertrunken. Haben seine Eltern ihre Fürsorgepflicht grob missachtet? Polizei und Rettungsschwimmer üben im Gespräch mit stern.de harsche Kritik.

Rettungskräfte suchen bei Puttgarden nach dem vermutlich ertrunkenen siebenjährigen Jungen aus Peine© Thomas Nyfeler/DPA

Vor der Ostseeinsel Fehmarn ist vermutlich ein siebenjähriger Junge aus Niedersachsen beim Baden ertrunken. Rettungskräfte suchen zwei Tage nach dem Unglück weiter nach dem nahe Puttgarden verschwundenen Kind. Bereits einen Tag nach dem Verschwinden des Jungen ging die Polizei jedoch von einem tödlichen Badeunfall aus. Inzwischen suchen Taucher, ein Suchboot und ein Rettungshubschrauber nach der Leiche des Jungen. Denn die Polizei hat kaum noch Hoffnung, ihn lebend zu finden. "Wenn er im Wasser ist, hat er keine Überlebenschance", sagte der Sprecher Wasserschutzpolizei Roland Liedke zu stern.de. Nun kritisieren sowohl die Polizei als auch die Deutsche Lebensrettungsgesellschaft (DLRG), dass sie erst 50 Minuten nach dem Verschwinden des Jungen von den Eltern über den Vorfall informiert wurden.

Am Rettungsschwimmer vorbeigegangen

Die genauen Umstände, unter denen das Kind verschwand, sind bislang unklar. Eventuell ist der Junge am Ende einer rund 300 Meter breiten Flachwasserzone ins tiefe Wasser geraten. Der Meeresboden falle dort sehr steil ab, sagte der Polizeisprecher. Die Eltern des Kindes gaben an, das Verschwinden ihres Sohnes am Nachmittag gegen 16.30 Uhr bemerkt zu haben. Sie hätten gedacht, ihr Kind spiele mit seinen zwei älteren Geschwistern. Diese wiederum hätten ihren kleinen Bruder in der Obhut der Eltern gewähnt. Als die Familie das Fehlen ihres Jüngsten bemerkte, begann sie am Strand zu suchen und sprach auch andere Badeurlauber an. Ein DLRG-Mitarbeiter äußerte jedoch Unverständnis dafür, dass die Familie nicht den Rettungsschwimmer am Strand informierte, obwohl die Familie direkt neben dem DLRG-Rettungsstand nach dem Jungen suchte. "Die sind an der Strandwache vorbeigegangen und haben dem Rettungsschwimmer nicht Bescheid gegeben", sagte der DLRG-Mann stern.de

Auch der Sprecher der Wasserschutzpolizei Roland Liedke kritisierte im Gespräch, dass der Notruf bei der Polizei erst um 17.20 Uhr einging, obwohl die Eltern den Jungen zu diesem Zeitpunkt bereits seit 50 Minuten vermissten. Es sei zudem verständlich, dass die Eltern zunächst nicht vom Schlimmsten ausgegangen seien und erst einmal den Strand abgesucht hatten. Dass die Eltern zu spät die Rettungskräfte riefen, auch nachdem klar war, dass der Junge nicht am Strand ist, erklärt sich Roland Liedke mit einer Panikreaktion. Den Eltern gehe es seit dem Unfall sehr schlecht. Die ganze Familie werde seelsorgerisch betreut.

"Die Ostsee ist kein Schwimmbad"

Während sich die Polizei bislang eher zurückhaltend zu dem Vorfall äußerte, übte ein Verantwortlicher der örtlichen DLRG-Einsatzkräfte harsche Kritik an den Eltern. Es sei ihm unverständlich, dass die Eltern ihren siebenjährigen Jungen im 16 Grad kalten Wasser spielen ließen, ohne einen Blick auf ihn zu haben. Er habe erfahren, dass die Eltern ihren Strandkorb vom Wasser abgewandt positioniert hatten, um sich vor dem kalten Wind zu schützen. Dass der Junge ein guter Schwimmer war sei kein Grund, ein kleines Kind aus den Augen zu lassen. Kinder in diesem Alter könnten sich höchstens 15 Minuten über Wasser halten, "und das auch nur mit größter Mühe", sagte der DLRG-Mitarbeiter.

Dass der Strand bei Puttgarden bislang als ungefährlich und kinderfreundlich ausgeschildert war, lassen die Rettungskräfte nicht als Entschuldigung gelten. "Auch Eltern haben eine Sorgepflicht", sagt der DLRG-Mitarbeiter. Polizeisprecher Liedke appelliert an die Urlauber, "die Ostsee ist kein Schwimmbad. Auch Kinder, die schon relativ gut schwimmen können, sollten von ihren Eltern wie Nichtschwimmer behandelt werden."

Anmerkung der Red.: Die Eltern des Jungen haben der Version des DLRG und der Polizei nachträglich widersprochen. Er habe sofort nach dem Verschwinden seines Sohnes die DLRG benachrichtigt, sagte der Vater. Der Strandkorb sei zudem erst nach dem Verschwinden des Kindes während der Suche von den Einsatzkäften vom Wasser abgewendet worden.

Sebastian Huld mit DPA
 
 
KOMMENTARE (10 von 11)
 
Stivi30 (17.07.2008, 15:03 Uhr)
Aufmerksamkeit ist von jedem zu Leisten
Hallo zusammen,
auch ich spreche mein Beileid den Eltern aus.
Wer jetzt Schuld hat, auf diese Frage kann es viele Antworten geben.
Ich selbst fahre schon mehrere Jahre auf Wachdienst an die Küste und muss auch sagen, dass wir Rettungsschwimmer nicht jeden Badegast im Auge bahlten können. Wir tun uns möglichst bestes um solche Tragödien nicht passieren zu lassen. Aber Jeder, ob Rettungsschwimmer, Badeaufsicht oder Urlauber sollte stets Wachsam sein.
Da wir alle durch das Grundgesetz verpflichtet sind Hilfe zu leisten, solte es immer möglich sein auch fremde Menschen um Hilfe zu bitten, wenn die badeaufsicht nicht zu gegen sein sollte oder nicht erreichbar ist.
Das die Urlauber mehr über die Gefahren aufgeklärt werden müssen steht außer Frage. Aber ich bitte auch den Urlauber erkundigt Euch bei der Badeaufsicht auf die gegenwärtigen Gefahren am und im Wasser.
Und lasst Euren Kindern das Schwimmen beibringen.
Gruß
Stivi
tripex (16.07.2008, 20:36 Uhr)
300m flach
Also auch wenn ich der Meinung bin, daß vorrangig die Eltern selbst Schuld sind, verstehe ich nicht so ganz, wie ein Kind unbemerkt 300m in die Ostsee gelangen konnte um dann zu ertrinken? Ich glaube eher, da ist was anderes passiert.
SoftPlaner (16.07.2008, 18:27 Uhr)
Arme Eltern
Alle Eltern, die Jungen in dem Alter haben wissen, dass man seine Kinder nicht ständig im Auge haben kann. Was wird aus denen, wenn sie keinen unbeobachteten Moment haben?
Mal ehrlich, denkt man nicht zunächst, der Kurze hat sich mal verdrückt und sucht ihn am Eisstand oder am Strand?
Tragische Unfälle kommen immer wieder vor. Einen Rundumschutz gibt es nicht.
Der Familie gilt mein Mitgefühl.
Palatine (16.07.2008, 18:11 Uhr)
Leichtsinn
Sicher waren die Eltern bodenlos leichtsinnig. Aber ist eine Rettungswacht nicht dafür da, um den Strand zu beobachten.? Wieso ist denen nicht aufgefallen, dass ein kleines Kind da ganz allein im Meer war?
Dudu (16.07.2008, 14:43 Uhr)
@Alex64
Ihre Aussage
"Aber schon klar in unserem Lande: Kaum passiert eine Tragödie, MUSS ein (anderer) Schuldiger her.
Eigene Verantwortung tragen? Fehlanzeige ...."
unterschreibe ich.
Clamaria (16.07.2008, 14:30 Uhr)
Kein Hallenbad
Jetzt erschließt sich mir die Aussage, die Ostsee sei kein Hallenbad: Man kennt es ja von Kindern, dass die ewig im Wasser bleiben und nicht rauszubekommen sind. Nun ist die Ostsee aber kalt und gefährlich. Das vergisst man dann über dem Badespaß.
Alex64 (16.07.2008, 14:27 Uhr)
Bitte ....
Jetzt nicht wieder die gleiche Diskussin wie beim "Zugspitz"-Lauf....
"Ich persönlich sehe die Fremdenverkehrsämter und Hotels ebenfalls in der Pflicht. Man hat die Gefahr absichtlich verharmlost."
Wie lebensfremd muss man sein, sowas zu schreiben?
Aber schon klar in unserem Lande: Kaum passiert eine Tragödie, MUSS ein (anderer) Schuldiger her.
Eigene Verantwortung tragen? Fehlanzeige ....
Topsy50 (16.07.2008, 14:20 Uhr)
Nie aus den Augen gelassen
Wir haben drei Söhne und wenn wir mit ihnen an der Nord- oder Ostsee waren, haben wir sie in diesem Alter nie aus den Augen gelassen. Auch unsere Söhne waren relativ gute Schwimmer (der älteste ist Rettungsschwimmer), aber wir können doch nicht den älteren Geschwistern unsere Verantwortung aufbürden. Tut mit leid, so tragisch wie das ganze ist, aber ich kann die Eltern absolut nicht verstehen.
eric111 (16.07.2008, 14:14 Uhr)
prospekt
Also die DLRG macht es sich auch leicht. Wenn der Strand, wie beschrieben, ausdrücklich als ungefährlich angepriesen wird und er die ersten 300 Meter ganz flach ist, nimmt man an, dass er das eben auch wirklich ist.
Es wird damit geworben, dass der Strand ungefährlich und kinderfreundlich sei. Dass dieser nach den 300 flachen Metern dann stark abfällt lässt sich dadurch natürlich nicht entnehmen.
Ich persönlich sehe die Fremdenverkehrsämter und Hotels ebenfalls in der Pflicht. Man hat die Gefahr absichtlich verharmlost.
Clamaria (16.07.2008, 13:57 Uhr)
Arglosigkeit
Wie schon geschrieben, haben die Eltern nicht mit dem Schlimmsten gerechnet. Natürlich würden sie jetzt alles anders machen, wenn sie nur könnten. Es ist wie mit den Bergen - Touristen unterschätzen oft die potentiellen Gefahren. Arme Eltern, es tut mir sehr leid.
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