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12. Juli 2008, 10:14 Uhr

Zugpersonal im Visier der Ermittler

Schwere Vorwürfe gegen das Zugpersonal des verunglückten ICE-3: Nach neusten Ermittlungen steht zwar fest, dass die Notbremsung nicht die Ursache der Entgleisung war. Es erhärten sich aber Hinweise, dass Bahn-Mitarbeiter Beschwerden von Passagieren ingnoriert haben. Der technische Defekt könnte sogar bei Höchstgeschwindigkeit aufgetreten sein.

Kurz hinter dem Kölner Hauptbahnhof war am Mittwoch ein ICE entgleist© Henning Kaiser/DDP

Der ICE-Unfall am Kölner Bahnhof ist nach ersten Ermittlungsergebnissen nicht durch die Notbremsung des Zugpersonals ausgelöst worden. "Das war nicht die Ursache der Entgleisung", sagte der Kölner Oberstaatsanwalt Günther Feld dem Magazin "Der Spiegel". Die Notbremse sei nach Erkenntnissen der Ermittler gezogen worden, weil im Hauptbahnhof bereits Metallteile der kaputten Achse herausstanden und über Gleise und deren Verschraubungen schleiften.

Am Freitag war darüber spekuliert worden, ob die vom Zugpersonal eingeleitete Notbremsung womöglich erst die Ursache der Entgleisung war. Nach der Notbremsung kurz nach der Ausfahrt aus dem Hauptbahnhof war der Zug mit einem Achsbruch aus den Gleisen gesprungen. Die Staatsanwaltschaft prüft, ob der Zug seinen technischen Defekt schon auf der Hochgeschwindigkeitsstrecke zwischen Frankfurt am Main und Köln hatte, wo er mit Tempo 300 unterwegs war.

Passagiere erheben schwere Vorwürfe gegen Bahn

Zugreisende hätten sich nach ersten Vernehmungsergebnissen der Staatsanwaltschaft bereits kurz hinter Frankfurt beim Zugpersonal über verdächtige Geräusche beschwert, eine Fahrstunde von Köln entfernt, schreibt der "Spiegel". Ein Fahrgast soll sich sogar noch beim Aussteigen in Siegburg, gut 15 Fahrminuten vor Köln, beim Zugpersonal gemeldet haben, schreibt das Magazin. Professoren der Technischen Hochschule Aachen seien von der Justiz mit der Untersuchung der gebrochenen Achse beauftragt worden.

Ein Bahnsprecher sagte dazu auf Anfrage, die Vorgänge würden auch vonseiten der Bahn intensiv untersucht. Nähere Erkenntnisse lägen aber noch nicht vor. Dass Fahrgäste dem Zugpersonal verdächtige Geräusche meldeten, sei bekannt. Deshalb sei die Notbremsung eingeleitet worden, sagte der Sprecher. Die Bahn reagierte mit der größten Wartungsaktion seit dem Unglück von Eschede vor zehn Jahren und rief alle Züge der gleichen Bauart zur Überprüfung in die Werkstätten. Bahnkunden müssen sich deshalb auch am Samstag auf Verspätungen und Zugausfälle einstellen.

Zug knapp einer Katastrophe entgangen

Der Unfall hätte in einer Katastrophe enden können, sagte Markus Hecht, Professor für Schienenfahrzeuge an der Technischen Universität Berlin, dem "Tagesspiegel" (Samstagausgabe). "Ein solcher Defekt ist das Gefährlichste, was es gibt." Im schlimmsten Fall hätte die Achse in einer Kurve brechen können, dann wäre der Zug entgleist und womöglich von der Strecke abgekommen. Die Achse des ICE müsse schon länger geschädigt gewesen sein. "Stahl reißt nur langsam - der Schaden muss also schon länger vorhanden gewesen sein", sagte Hecht. Es gebe keine automatischen Systeme bei den ICEs, um solche Schäden frühzeitig zu erkennen.

Die Überprüfung der ICE-Züge sei eine reine Vorsichtsmaßnahme, hieß es bei der Bahn. Laut Bahn werden Fahrgäste im Norden und Osten kaum etwas von den Problemen bemerken. Betroffene Fahrgäste können ihre Fahrkarten kostenfrei umtauschen oder sich erstatten erlassen. Außerdem können Tickets mit Zugbindung für die nächstgelegene Reiseverbindung gültig geschrieben werden. Reisende mit ICE-Fahrkarten, die aufgrund des geänderten Fahrplans lediglich InterCity- oder EuroCity-Züge nutzen können, erhalten den Differenzbetrag erstattet.

1998 starben beim bisher schlimmsten Zugunglück in der deutschen Nachkriegsgeschichte 101 Menschen nahe dem niedersächsischen Eschede, als ein ICE wegen eines gebrochenen Radreifens entgleiste und gegen einen Brückenpfeiler prallte.

AP/DPA
 
 
KOMMENTARE (10 von 17)
 
starmax (13.07.2008, 13:26 Uhr)
Nicht zu fassen! Sicherheit von den Ohren abhängig?
Von den Ohren eines angelernten Zugbegleiters oder gar von nervösen Fahrgästen ? Gibt es keine Schallüberwachung pro Achse, wo per Mikrochip gespeicherte Geräuschprofile abgeglichen werden, um Auswanderungstendenzen frühzeitig zu erkennen und beim nächsten Halt zu überprüfen? Sicherheit ist wichtiger als Fahrplaneinhaltung bei diesen Geschwindigkeiten.
sternennebel (13.07.2008, 09:03 Uhr)
Hierarchien lösen Verantwortung auf.
Nur zur Erinnerung: Herr Mehdorn hat von der Bundeskanzlerin den Auftrag erhalten die DB an die Börse zu führen. Wer sich in Physiologie etwas auskennt weis, daß Herr Mehdorn dies rücksichtlos durchführen würde. Manager müssen so nicht handelt tun es aber zu 90%. Dieser Druck geht jetzt durch alle mittleren und unteren Managementebenen und jede Ebene schiebt die Verantwortung dafür auf die übergeordnete. Die Arschkarte ziehen jetzt, dies hört man aus den Kommentaren, die Bahnbetriebswerke. Es gab aber von der ARD einen sehr guten Film über die ICE-Wartung. Hier war nach wenigen Äußerungen zu erkennen, daß die Mitarbeiter so unter Zeitdruck gesetzt werden weil so gut wie keine Reservezüge und keine Hochtechnologie wie bei den Franzosen zur Verfügung haben. Nur nach Servieintervallen werden Radsätze getauscht und nicht nach Fehleranalysen. Man kann jetzt schon vorhersagen, daß in grösseren Abständen weitere Katastrophen folgen werden. So gibt es bis heute keinen Test der Vollbremsung bei Starkregen! Der Zug wird auf einem Wasserfilm ca. 10-20km weit gleiten.
Nochmal: Die Bundeskanzlerin hat Herrn Mehdorn beauftragt die DB an die Börse zu führen.
leboz (13.07.2008, 08:28 Uhr)
Was ist los mit den ICEs?
Radkränze bersten - hat man das jemals von anderren Bahnen gehört?. ICEs entgleisen,wenn 5 Schafe auf der Strecke sind - in Bensheim hat ein Regionalzug 52 Schafe überfahren und ist auf den Schienen geblieben. Und jetzt brechen beim ICE die Achsen???? Vielleicht sollte sich die DB doch einmal bei den französischen SNCF hinsichtlich der Sicherheit der Züge umsehen! Wir haben ja bald englische Zustände hier, was die Sicherheit der Bahn angeht!!!
johnniedeamonic (12.07.2008, 18:32 Uhr)
...
@ hannes schinder
genau das ist das Problem es wird nichtmehr gewartet (jedenfalls nichtmehr in dem Maßstab wie früher)
es wird einfach solage gefahren bis etwas kaputt geht und repariert weden muss...
johnniedeamonic (12.07.2008, 18:30 Uhr)
..
@ hannes schinder
simie (12.07.2008, 16:48 Uhr)
@ bumbinger
Sie schreiben:"Abgesehen davon gibt es doch keinerlei Sicherheitsvorkehrungen? Was ist wenn da mal ein Bewaffneter einsteigt und Geiseln nimmt? Oder ein Bombenattentäter?"
Ich hätte nie gedacht, dass ich die Bahn mal verteidige. Aber die Bahn in diesem Punkt zu kritisieren ist ein bißchen lächerlich. Sollen jetzt alle
Passagiere ähnlich wie bei Flugreisen kontrolliert werden? Wie soll das geschehen? Mit der Bahn fahren weitaus mehr Menschen, als mit dem Flugzeg fliegen.
namidh (12.07.2008, 16:33 Uhr)
Gut, dass nichts passiert ist
... denn sonst hätte die Bahn wieder Anweisungen verteilen müssen, sich nicht für den Unfall zu entschuldigen. So wie beim letzten mal. Offiziell hat die DB nie die Verantwortung für den Vorfall übernommen.
undueberhaupt (12.07.2008, 16:09 Uhr)
Achsenbruch
So, so, da bricht mal eben eine Achse am Zug, hört sich an als wäre man versehentlich auf eine Märklin-Puff-Puff getreten. Da kann so etwas mal passieren. Aber wo sind wir denn hier? Im Hobbykeller, im Kindergarten? Wer hat denn da so gepennt Herr Mähdorn? Das ist nicht so, als wenn gehobelt wird da fallen spähne. Sie haben moderne Bw`s wo Ihre Mitarbeiter diese Hochgeschwindigkeitszüge unter die Lupe nehmen können. Das hat alles Geld gekostet, würden Sie sagen, aber was ist mit dem schlampigen Personal, das Sie einsetzen? Diesmal werden Sie nicht drum rum kommen, diejenigen zu bestrafen, die das in Schuld sind. Ich hoffe die Staatsanwaltschaft spielt mit. Ihrem dreckigen Sauhaufen in den Bw`s muß endlich mal das Handwerk gelegt werden. Ich denke an die 101 Toten von Eschede. Wer mal dort war und die toten Baby`s auf der Tafel gelesen hat, der hat Tränen in den Augen. So etwas darf nie wieder passieren, auch nicht in etwa!!!
Gore (12.07.2008, 15:42 Uhr)
DB
Ja wir wollen an die Börse,das sind Negativ Meldungen fehl am Platz ,wir wollen Geld Geld Geld das ist das Ziel des Vorstandes was scheren uns Mitarbeiter, Fahrgäste oder der Schnee von gestern(Eschede)
Auf an die Börse es gibt Schnäppchen!
Scouti (12.07.2008, 14:25 Uhr)
Angst vor Repressalien
Was würde denn dem "Personal" geschehen, wenn dieses den Zug stoppt? Ein "Gut gemacht" usw. hat dieses bestimmt nicht zu erwarten, eher das Gegenteil ...
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