Amokfahrer fährt nicht ein

3. Juli 2006, 18:39 Uhr

Der 33jährige, der mit seinem Auto mehrere Absperrgitter an der Berliner Fanmeile durchbrach, ist eventuell nicht schuldfähig. Trotz einer Anklage wegen versuchten Mordes kommt er vorerst nicht ins Gefängnis.

Die Amokfahrt auf der Berliner Fanmeile endete erst in einem dritten Absperrgitter©

Der Amokfahrer von der Berliner Fanmeile kommt in eine psychiatrische Klinik. Nach einer Untersuchung werde davon ausgegangen, dass der 33-Jährige vermindert oder gar nicht schuldfähig ist, teilte die Staatsanwaltschaft am Montag zu dem richterlichen Unterbringungsbefehl mit. Gegen den Fahrer wird wegen versuchten Mordes, gefährlicher Körperverletzung und Eingriffs in den Straßenverkehr ermittelt. Am Sicherheitskonzept für die Fanmeilen wollen die Behörden unterdessen nicht rütteln.

Die Staatsanwaltschaft geht weiterhin von einer vorsätzlichen Tat des 33-Jährigen aus. Verminderte Schuldfähigkeit schließe einen Tatvorsatz nicht aus, sagte Sprecher Michael Grundwald. Der bislang strafrechtlich nicht auffällig gewordene Mann habe keine Angaben zur Tat gemacht. Er habe geglaubt, an einem Vorfall in der U-Bahn beteiligt gewesen zu sein, sagte der Sprecher. Bei der Amokfahrt waren am Sonntagnachmittag laut Polizei 26 Menschen verletzt worden.

"Solche Taten können nie ausgeschlossen werden"

Das WM-Sicherheitskonzept soll laut Bundesinnenministerium nicht geändert werden. Der Vorfall gebe keinen Anlass für eine generelle Überprüfung, sagte ein Sprecher. Auch der Berliner Senat will an dem Sicherheitskonzept für die Fanmeile zwischen Brandenburger Tor und Siegessäule trotz der Amokfahrt festhalten. Das Konzept sei richtig, betonte Senatssprecher Michael Donnermeyer. Das Fanfest werde aber bis zum Ende mit "Vorsperren" abgesichert. Auch die Innenbehörde von Senator Ehrhart Körting (SPD) unterstrich, solche Taten Einzelner könnten nie hundertprozentig ausgeschlossen werden.

Beim Berliner Fanfest sollen vor den Einlasskontrollen zur Meile zusätzlich Polizisten, auch mit Fahrzeugen, eingesetzt werden. Sie sollen dafür sorgen, dass niemand hineinfahren kann. Bauliche Lösungen wie Betonpoller funktionierten nicht als Sperre, da diese auch Rettungsfahrzeuge behindern könnten, sagte Donnermeyer. "Wir lassen uns die Stimmung nicht von einem Durchgeknallten verderben", bekräftigte er.

Ein Elfjähriger wurde schwer verletzt

Die 55-jährige Beifahrerin und Mutter des Tatverdächtigen sei entlassen worden, weil sie nach den Ermittlungen nicht an der Tat beteiligt war. Bei dem Fahrer handelt es sich um einen in Deutschland geborenen Mann, dessen Eltern aus Indien stammen. Bei der Amokfahrt wurden 14 Männer, 9 Frauen sowie 3 Kinder im Alter von einem, acht und elf Jahren verletzt. Einziger Schwerverletzter ist der Elfjährige. Unter den Verletzten ist auch ein Polizeibeamter.

Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) sprach am Montag von einem tragischen Fall. Dies habe aber nichts mit der WM zu tun, sagte der GdP-Vorsitzende Konrad Freiberg der "Netzeitung". Poller oder Panzersperren seien nicht angebracht. Schodrowski betonte, es sei nur schwer zu verhindern, dass ein Autofahrer unvermittelt aus dem Verkehr ausschert. "Es gibt immer ein Restrisiko. Wenn sich jemand entscheidet, so zu handeln, dann tut er das." Der Fahrer und die Beifahrerin blieben unverletzt und wurden mit vorgehaltener Waffe festgenommen.

Vorfall war kein Attentat

Der Mann war mit seinem Kleinwagen mit Berliner Kennzeichen gegen 15.30 Uhr Richtung Brandenburger Tor gefahren. Er durchbrach das erste Absperrgitter zur Fanmeile. Ein Attentatsversuch wurde aber ausgeschlossen. Bei der Durchsuchung des Wagens wurde kein Sprengstoff entdeckt. Ein Klassikkonzert unter dem Motto "Orchestermusik rund um die Welt und den Fußball" fand am Sonntagabend wie geplant vor dem Brandenburger Tor statt - nur wenige Meter vom Unfallort entfernt.

Erst Ende Mai hatte ein Amokläufer am neuen Hauptbahnhof in Berlin Angst und Schrecken ausgelöst. Mit einem Messer hatte der Schüler im Regierungsviertel 33 Menschen verletzt. Der 16-Jährige sitzt in Untersuchungshaft. Nach diesem Vorfall war das WM-Sicherheitskonzept für die Fanmeilen in die Diskussion geraten.

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