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7. Mai 2009, 15:07 Uhr

Aufstieg ohne Studium

Die Schule ist aus. Für immer. Viele haben auf diesen Augenblick sehnsüchtig gewartet. Denn jetzt beginnt das richtige Leben. Mit einem Ausbildungsberuf und dem ersten eigenen Geld. Übrigens: Azubis werden auch in Krisenzeiten gesucht. Für viele eine gute Alternative zur Uni. Von Silke Gronwald

Ausbildung, Karriere, Berfuswahl, Ausbildungsberuf, Azubi

In der Ausbildung zum Zimmermann hat Jens Gruber, 20, eine harte Lehrzeit, doch auch gute Chancen, rasch in Führungsaufgaben hineinzuwachsen© Mareike Foecking

Während der Ausbildung golfen, Tennis spielen und segeln? Zwei Monate mit dem Wohnwagen ins Ausland touren? Oder sich nebenher zum Feinschmecker mit Hochschulabschluss weiterbilden?

Geht nicht? Gibt's nicht? Doch, all das ist heute Berufsausbildung in Deutschland. Lehrlinge gehen nach Buenos Aires, Toronto oder Amsterdam. Sie entwickeln mit modernster Technik neue Produkte, arbeiten in Berufen, die es vor wenigen Jahren noch nicht gab. Und manchem bezahlt der Ausbildungsbetrieb sogar das Studium.

Bei Jugendlichen wird die Berufsausbildung immer beliebter: 68 Prozent der Schulabgänger in Deutschland entscheiden sich dafür. 616.000 Azubis begannen 2008 ihr erstes Lehrjahr. Darunter waren viele Abiturienten. Allein in den letzten fünf Jahren erhöhte sich die Zahl der Lehrlinge mit Abi um 38.000 (plus 50 Prozent).

Ausbildung mit Rundumversorgung

Eine von ihnen ist Bianca Schwarzenburg. Sport- und Fitnesskauffrau - seit 2001 ein staatlich anerkannter Ausbildungsberuf. Bianca lernt im A-Rosa-Resort Scharmützelsee in der Nähe von Berlin. In drei Jahren, wenn sie mit ihren Prüfungen durch ist, kann sie in Fitnessklubs und Sportvereinen arbeiten oder in Hotelketten das Wellnessprogramm organisieren.

An diesem sonnigen Aprilnachmittag übt sie aber erst mal auf der 63-Loch-Golfanlage den richtigen Abschlag. "Ich muss die Gäste schließlich gut beraten können." Und nach Feierabend spielt sie gratis auf einem der Tennisplätze oder verabredet sich mit den anderen Azubis zum Segeln. Sie genießt das Hotelessen - ohne einen Cent dafür zu zahlen - und wohnt in einem kleinen Mitarbeiterapartment. "Da ist bei meinen 350 Euro Azubi-Gehalt sogar noch ein kleines Auto drin", erzählt sie stolz.

Wie das A-Rosa-Resort kämpfen viele Unternehmen um gute Schulabgänger. Sie locken mit verkürzten Ausbildungszeiten, schnellen Aufstiegschancen, attraktiven Auslandsstationen und jeder Menge kleiner Annehmlichkeiten. Beim schwäbischen Maschinenbauer Festo etwa gibt es jedes Jahr die "Nacht der Bewerber". Und die Eltern werden regelmäßig über die Fortschritte ihrer Töchter und Söhne auf dem Laufenden gehalten.

Vom Hiwi-Job zur Mediengestalterin

Manchmal hilft auch der Zufall bei der Entscheidung für den Beruf des Lebens. Wie bei Pia Dohse. Die 21-Jährige stapelte Kartons im Lager des Hamburger Outdoorausrüsters Globetrotter. Ein Aushilfsjob für ein paar Wochen nur. "Ich wollte ein bisschen Geld verdienen, dachte über ein Kunststudium nach, konnte mich aber nicht durchringen", erinnert sie sich. Da schlenderte der Marketingleiter des Unternehmens vorbei, sie plauderten ein wenig, und er erzählte ihr von dem neuen Ausbildungsgang zur Mediengestalterin. "Ich hatte von dem Beruf noch nie was gehört, aber es klang interessant." Ein Vorstellungsgespräch später war aus dem Hiwi-Job ein festes Ausbildungsverhältnis mit 580 Euro im Monat geworden.

Nun entwirft Pia Logos, Anzeigen und Werbebanner. Vieles, was sie dazu braucht, bringt sie sich selbst bei. "Ich muss sehr eigenständig arbeiten. Mich alleine in neue Grafikprogramme einfuchsen", erzählt sie. "Dafür darf ich aber auch viel machen. Beispielsweise mal zu einer Fotoproduktion für den neuen Katalog nach Kanada fliegen."

Lehrlinge sind knapp. Wer hätte das noch vor wenigen Jahren vorausgesagt? Im Herbst 2008 gab es erstmals seit 2001 mehr Ausbildungsplätze als Bewerber - rein rechnerisch 5000 an der Zahl. Bis zum Jahr 2020 soll die Lücke der offenen Stellen auf eine Viertelmillion wachsen. Eine Folge des Geburtenrückgangs der vergangenen drei Jahrzehnte. Für die Bewerber ein komfortabler Zustand - eigentlich. Trotzdem quälen sich die Jugendlichen und oft auch ihre Eltern mit der Entscheidung für den richtigen Beruf. Viele Fragen tauchen auf: Wie sieht die Zukunft in meiner Traumbranche aus? Wird es den Job, den ich mir ausgesucht habe, in zehn Jahren überhaupt noch geben? Wie stark trifft die Krise den Lehrstellenmarkt?

Jobs mit Zukunft

Der stern hat in Zusammenarbeit mit dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) die Situation für die Jobeinsteiger analysiert.

Im Kommen sind Dienstleistungs- und Gesundheitsberufe. Auch in der Logistikbranche wird es bis zum Jahr 2025 positives Beschäftigungswachstum geben. "Kurzfristig sind hier allerdings viele Firmen von Auftragsrückgängen betroffen", sagt Joachim Gerd Ulrich vom Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB). "Nach ersten Umfragen werden im Krisenjahr 2009 aber nur kleinere Betriebe ihr Ausbildungsangebot zurückfahren. Große Unternehmen und das Handwerk halten ihr Angebot konstant."

So weit die guten Nachrichten. Zum ganzen Bild gehören aber auch diese Zahlen: 2008 suchten 14 479 Mädchen und Jungen vergebens einen Ausbildungsbetrieb, obwohl 19 507 Stellen offenstanden. Trotz der positiven Entwicklung finden noch immer nicht alle Bewerber einen Platz.

Hartnäckige Klischees

Mangelnde Ausbildungsfähigkeit und Flexibilität werfen die Chefs den Schulabgängern vor. Und ein krasses Missverhältnis zwischen den eigenen Ansprüchen und dem tatsächlichen Können. Die Berufsberaterin Uta Glaubitz bringt die Misere so auf den Punkt: "Alle wollen Bürokaufmann/-frau werden, auch wenn sie eine Fünf in Deutsch haben und kein Englisch können. Im Hotel, im Restaurant, im Handwerk sind hingegen Hunderte Lehrstellen unbesetzt."

Bei den Bewerbern halten sich jedoch hartnäckig viele Vorurteile gegen die "zupackenden" Berufe. Verstaubt und langweilig sei die Ausbildung dort, man werde nur zum Schuften missbraucht. Klischees, die Anita Urfell von der Handwerkskammer Münster nicht mehr hören kann: "Das ist doch Quatsch. Wir sind modern. Auch bei uns gibt es Auslandsprojekte und Zusatzqualifikationen."

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 19/2009

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KOMMENTARE (1 von 1)
 
Midnight_74 (10.05.2009, 05:51 Uhr)
Wieder mal Äpfel mit Birnen verglichen...
Also ich habe die angeführten Akademiker-Gehälter noch nie gesehen, wenigstens nicht in den Unternehmen wo ich war. Zudem sollte man auch in Betracht ziehen, dass man ja auch sich mit Lehre zum Techniker/Meister qualifizieren kann und dann sieht die Rechnung auch anders aus. Lehre zahlt sich schon aus, gerade jetzt, wo nur noch Kurzstudium angeboten werden und dioe Absolventen ohne wirkliches Wissen zu uns kommen (ausser in Power Point). Wir nehmen als Ingenieure nur noch Leute, die vorher eine technische Ausbildung gemacht haben - wir haben (leider) teures Lehrgeld zahlen müssen...
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