Unternehmen und Universitäten nehmen Bewerber so intensiv unter die Lupe wie nie zuvor. Aufwendige Tests ergründen Intelligenz, Allgemeinwissen und Persönlichkeit, im Internet werden Bewerbungsspiele veranstaltet. Der stern zeigt, wie man sich gut vorbereitet, was Testknacker taugen und warum man sich nicht verrückt machen sollte. Von Nikola Sellmair

Nur rund die Hälfte aller Jobs werden noch über die klassische Anzeige angeboten. Weitere Fundstellen: die Internetseiten von Unternehmen und Arbeitsagenturen. Auf Jobmessen kann man Firmenvertreter direkt ansprechen© Marek Vogel
Je länger der Test, desto röter der Kopf. Die Münchner Abiturientin Alexandra Faltenbacher hat schon einen Intelligenztest und eine Gruppendiskussion hinter sich gebracht und ist beim Sporttest über eine Bank gesprungen. ",Mei, wie die hupft", hat der Prüfer gerufen. Jetzt, bei den Sit-ups, macht sie schlapp. Alexandras Gesicht ist rot, sie ringt nach Luft. Uff und Ende. Nur 15 Sit-ups hat sie geschafft. Das gibt eine Vier, gerade so bestanden.
Alexandra will unbedingt Polizistin werden, so wie ihr Vater. Beim Polizeitest in München wird nicht nur geprüft, ob sie einen Unfallverlauf korrekt schildern kann. Sie soll später auch einem Verdächtigen hinterherrennen können oder bei einer Wirtshausschlägerei eingreifen. Deshalb muss sie springen, sprinten und Gewichte stemmen. Danach bleibt kaum Zeit zum Ausruhen. In der Schule steht die nächste Abi-Klausur an. Auch ein Test.
Es wird nicht ihr letzter gewesen sein. Das ganze Leben ist ein Test. Das Schulzeugnis ist nicht genug. Schon angehende Azubis müssen ins Assessment-Center. In vielen Firmen steht dann vor jeder neuen Karrierestufe ein mehrtägiges Auswahlverfahren. Bei der Unternehmensberatung Boston Consulting Group müssen sogar Bewerber um ein Praktikum Interview und Tests absolvieren. Und Universitäten und Fachhochschulen dürfen jetzt 60 Prozent ihrer Studenten selbst auswählen. Wo früher allein Abiturnote und Wartezeit entschieden, steht inzwischen vor knapp jedem zweiten Studiengang ein Auswahlverfahren. Mal sind es Tests über Intelligenz und Allgemeinwissen, mal Aufnahmegespräche, auch den 1997 abgeschafften Medizinertest gibt es an vielen Fakultäten wieder - jede Uni kocht ihr eigenes Süppchen, das Chaos ist perfekt.
Mittendrin die Schulabgänger. Was ihre Lehrer von ihnen wollten, wussten sie. Aber auf die Prüfungen danach sind sie nicht vorbereitet. Was erwarten Personalchefs und Professoren? Wie erklärt man völlig Unbekannten aus dem Stegreif, warum man perfekt auf genau diesen Ausbildungsoder Studienplatz passt? Jeden Tag neue Meldungen von Firmen, die sparen, streichen und entlassen - warum sollten die jetzt gerade mich einstellen? Vor Andreas Schneider, Ausbildungsleiter beim schwäbischen Technologie-Unternehmen Trumpf, sitzen manchmal junge Bewerber, die vor lauter Aufregung kein Wort herausbringen und ihn nur stumm und verzweifelt anstarren. "Ich frage sie dann nach ihren Hobbys, um die Stimmung aufzulockern", sagt Schneider.
In den Schulklausuren ging es um Fachwissen, bei einer Bewerbung geht es vor allem um die eigene Person. Es ist ein bisschen wie beim Flirten, wie beim Werben um eine Frau oder einen Mann: Bitte, sieh mich an, ich bin etwas Besonderes. Man will sich von seiner besten Seite präsentieren - und dann stottert man und hat Schwitzehände. Es lauern tausend Fettnäpfchen. Ein paar Komplimente wären vielleicht nicht verkehrt - aber bloß nicht zu dick auftragen, denn Schleimer mag keiner. Und was ist der feine Unterschied zwischen Sich-Darstellen und Sich-Aufplustern? Auf keinen Fall will man eine Abfuhr kassieren. Aber was, wenn man nie der Aufreißertyp war?
Martin Rüter (Name geändert) fährt sich durch die gegelten Haare und streicht über seine Krawatte, er räuspert sich. Dann schaltet er zu Hause in Dortmund die Webkamera an seinem Laptop ein. Wenige Sekunden später ploppt auf seinem Bildschirm ein weiteres Fenster auf: Zu sehen sind wackelige Videobilder von einer Frau mit blonden kurzen Haaren. Sie heißt Frauke Baumgarten und ist Personalreferentin beim Handelskonzern Otto in Hamburg. Der 21-jährige Martin Rüter hat sich dort um eine Stelle als Bürokaufmann beworben. Er und Frauke Baumgarten sind zum Videotelefonat verabredet. Sie nutzen dabei die Technologie des Speed-Dating-Portals "Kissnofrog". Baumgarten will wissen: Frosch oder Prinz?
Das Bewerbungsgespräch via Internet ist neu bei Otto. "Wenn man Gestik und Mimik der Bewerber sieht, kann man den Menschen besser einschätzen", sagt Baumgarten. Wer keine Webcam hat, bekommt sie zugeschickt. "Besonders junge Bewerber finden die Internettelefonate cool." Sie sollen nach und nach das Telefoninterview und das erste persönliche Treffen ersetzen, die bei Otto am Anfang des Bewerbungsverfahrens stehen.
Noch erinnert das Gespräch zwischen Martin Rüter und Frauke Baumgarten an einen ruckeligen Internetchat: Die Gesichter zerfallen in einzelne Teile, der Ton kommt mit Verzögerung an. Ist tatsächlich nur die schlechte Verbindung schuld an den langen Pausen zwischen den Fragen der Personalerin und den Antworten des Bewerbers - oder hat Martin Rüter einfach eine lange Leitung? Nach 20 Minuten fällt der Ton komplett aus.
Technisch ausgereift ist bei Otto der erste Teil der Bewerbung: Man füllt ein Internetformular aus - Noten, Praktika, Hobbys, Sprach- und EDV-Kenntnisse. Die gute alte Bewerbungsmappe ist bei vielen Firmen nicht mehr gefragt. Das elektronische Verfahren ist schneller und billiger. Beim Siemens-Konzern bewerben sich deutschlandweit jedes Jahr rund 40.000 Berufseinsteiger, seit 2005 ist das nur noch online möglich. Neben den Eckdaten des Lebenslaufs kann man zusätzliche Angaben in freie Felder schreiben. Hans-Georg Kny, Fachreferent Ausbildung bei Siemens, sagt: "Viele lassen diese Felder offen und vergeben ihre Chance, sich zu präsentieren: Welche Kenntnisse und Fähigkeiten bringe ich mit? Welche Ämter hatte ich inne, welche zum Berufswunsch passenden Hobbys habe ich? Warum will ich diesen Beruf, diese Firma? Wie in einem Bewerbungsbrief - nur das Medium ist ein anderes."
Schlicht, knapp, präzise sollte der Text sein. Auf Phrasen wie "dynamisch", "hochmotiviert", "internationaler Einsatz", "Teamarbeit" reagieren Personaler allergisch. Niemand will einen Bewerber, der sich selbst inszeniert wie ein Theaterstück. Lieber in einfachen, ehrlichen Sätzen aufschreiben, was genau man warum gemacht hat. Und auf den E-Mail-Absender achten. "Adressen wie ‚sexyqueen‘ oder ‚kleiner.feigling‘ sind unpassend", sagt Kny. Minuspunkte gibt es auch für peinliche Fotos im Internet: Immer mehr Personaler googeln die Bewerber, ausländische Unis wie Oxford oder Harvard recherchieren im Internet, bevor sie Studienplätze vergeben.
Die Bewerbung an Hochschulen wird der bei Unternehmen immer ähnlicher. Viele Fakultäten fordern Motivationsschreiben und Angaben zu Jobs und Praktika. Im Fach Anglistik an der Uni Mannheim etwa werden Praktika und Auslandsaufenthalte mit Bonuspunkten belohnt. Professorin Rosemarie Tracy findet die Bewertung von Lebensläufen nicht einfach: "Was ist toller - ein Jahr als Au-pair in England oder ein Schuljahr in Australien?" Der Druck auf Abiturienten nimmt zu, sagt Tracy: "Sie sollen nicht nur gute Noten haben, sondern neben der Schule noch Praktika machen, ins Ausland gehen, sich sozial engagieren und brillante Essays für ihre Wunsch-Uni schreiben."
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 20/2009