Die unglaubliche Geschichte des falschen Piloten

25. September 2012, 16:23 Uhr

Der berühmte Hochstapler Frank Abagnale ist sein Vorbild. Tatsächlich muss sich der Italiener Andrea P. nicht hinter seinem Idol verstecken. Monatelang hielt er Passagiere und Flugpersonal zum Narren. Von Ina Linden

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Mehr Glamour geht nicht: Der 32-jährige Andrea P. wollte so sein wie Frank Abagnale, im Film dargestellt von Leonardo di Caprio©

Ein Pilot betritt den Flughafen von Miami, blond, blutjung, in jedem Arm eine Stewardess, flankiert von sechs weiteren. Die jungen Frauen kichern, plaudern und werfen dem schneidigen Flugkapitän verliebte Blicke zu. Während die quirlige Riege zu ihrem Gate eilt, ist ihr die Aufmerksamkeit der Passagiere gewiss.

Der Frauenheld heißt Frank Abagnale, im Film "Catch me if you can" gespielt von Hollywood-Star Leonardo di Caprio. Nur, dass er kein Pilot ist, sondern ein Hochstapler, ein meisterhafter Betrüger, der tausende von Meilen in der Luft verbrachte, bevor die Maskerade aufflog.

Der 32-Jährige wurde ein Pilot in allen Lebenslagen

Was wie eine einmalige Geschichte klingt, hat sich in Italien gerade wiederholt. "Ich wollte wie Frank Abagnale sein", sagt Andrea P. Tatsächlich ist es ihm gelungen, sein Idol nachzuahmen. Und das, obwohl das heutzutage wesentlich schwieriger ist, als es Ende der 60er und Anfang der 70er Jahre der Fall war, also in jener Zeit, in der Abagnale als falscher Pilot und Scheckbetrüger sein Unwesen trieb.

Der 32-jährige Italiener war im April im Cockpit einer Maschine der Air-Dolomiti, einer Tochter der Lufthansa, von München nach Turin gefolgen als "dritter Pilot" auf dem sogenannten Jump Seat hinter den richtigen Flugkapitänen. Es sei wahrscheinlich, dass sich der Mann erst an Bord als Kapitän ausgab und die Crew täuschte, sagte ein Münchner Flughafensprecher. "Gehen Sie davon aus, dass er sich ein Ticket gekauft hat".

Der Flughafen Turin-Caselle war seine Bühne

Erst am Freitag ging er am Flughafen Turin-Caselle den Ermittlern ins Netz. Allerdings gibt es nach Angaben der Lufthansa Hinweise, dass der Mann schon häufiger im Führerstand mitflog.

Dabei ist diese ergaunerte Reise nicht das wirklich Aufsehenerregende an dem Kriminalfall. Beachtlich ist, mit welch hoher krimineller Energie P. es schaffte, das Leben eines Piloten in all seinen Facetten zu leben. Nach Angaben der italienischen Tageszeitung "La Repubblica" fälschte er einen Pilotenausweis, ein Air-Dolomiti-Namensschild und besorgte sich eine Uniform. Dann machte er den Flughafen Turin-Caselle zu seiner Bühne, lief geschäftig vom Eingangsbereich bis zu den Check-In-Schaltern, ließ sich mit Touristen fotografieren, schäkerte mit jungen Frauen. Niemand fiel auf, dass der Ausweis gefälscht und die Abzeichen auf seiner Jacke nur angetackert waren.

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Frisch gestärktes Hemd, charmantes Lächeln: So präsentierte sich der Möchte-gern-Pilot Andrea P. auf seiner Facebook-Seite©

Auf Facebook erfand er eine virtuelle Stewardess

Der Arbeitslose brachte im Web eine getürkte Pressemitteilung in Umlauf, in der er sich als "einer der jüngsten Piloten der Lufthansa-City-Line" bezeichnete und als ein "optimales Investment in die Zukunft". Als ein Flugingenieur den Schwindel aufdeckte, gab sich P. flugs eine neue Idenität: Aus Andrea P. wurde Andrea Sirlo. Den Namen hatte der Hochstapler bei seinen Spaziergängen auf seinem "Heimatflughafen" entdeckt. Sirlo bezeichnet einen Korridor, der auf den Lageplänen des Airports vermerkt ist – für jeden sichtbar und den dort arbeitenden Menschen wohl bekannt.

Von nun an untermauerte "Sirlo" sein Pilotendasein akribisch mit Fakten. Auf seiner Facebook-Seite gab er Geschichten von seinen Reisen zum Besten und erfand die Stewardess Elena Tirrino, mit der er aus dem Nähkästchen chattete. "Hej Andrea, ab morgen fliege ich für vier Tage in Deiner Crew mit!!!! Schönen Sonntag noch", schreibt die virtuelle Dame in einem Post. Auf Facebook veröffentlichte "Sirlo" auch das Video, das er von seinem Flug als dritter Pilot auf der Strecke von München nach Turin von sich aufgenommen hatte. Breit grinsend. 450 "Freunde" verfolgten die Lügengeschichten.

Ist der Hochstapler öfters geflogen?

Von seinem "Job" verstand P. hingegen wenig. Er habe wohl mit einem Flugsimulator geübt, hieß es bei der Turiner Polizei. Ermittler fanden in seiner Wohnung ein kleines Handbuch für Piloten. Das war alles.

Wer weiß, wie lange "Andrea Sirlo" weiter gepostet, geflirtet und vielleicht sogar geflogen wäre, hätte ein Polizeibeamter es nicht geschafft, sich mit ihm auf Facebook anzufreunden. Nachdem er die Fotos gesehen hatte, schlug er Alarm. Doch ob der junge Hochstapler tatsächlich nur einmal als Pilot ein Cockpit unsicher gemacht hat, ist längst nicht geklärt: Außer dem Video findet sich auf Facebook auch ein Band, auf dem Andrea P.'s Stimme zu hören ist. "Kapitän" Sirlo begrüßt darin seine Passagiere – auf dem Flug von Malpensa nach Frankfurt.

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