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Wie ein Griesheimer ins Visier der NSA geriet

Daniel Bangert wollte nur mit Freunden den Dagger-Komplex in Griesheim besuchen, den möglichen Prism-Stützpunkt der USA in Deutschland. Doch wegen des Facebook-Eintrags besuchte ihn der Staatsschutz.

Von Christoph Fröhlich

  Überwachungskamera am Dagger-Komplex

Überwachungskamera am Dagger-Komplex

Es ging alles ziemlich schnell an jenem Mittwochmorgen. Daniel Bangert, 28 Jahre alt, von Beruf Haustechniker, liegt noch im Bett, als sein Telefon um 7.17 Uhr klingelt. Die Nummer ist ihm unbekannt, dennoch geht er ran - und hat die Polizei am Hörer. Die kommt schnell zur Sache: "Herr Bangert, sind Sie das mit der Facebook-Veranstaltung?" Bangert, vom Anruf aus dem Schlaf gerissen, will sich erst einmal sammeln, als es schon an der Wohnungstür läutet. Dort warten bereits zwei Polizisten in voller Montur. "Der Beamte am Telefon sagte, ich sollte mit den Kollegen an der Tür reden", erzählt der 28-Jährige dem "Griesheimer Anzeiger". Was war passiert?

Bei Mausklick Polizeibesuch

Bangert ist seit Bekanntwerden des NSA-Skandals genervt von der allumfassenden Überwachungsaktion der US-Geheimdienste in Deutschland. Deshalb erstellte er ein Facebook-Event mit dem Titel: "NSA-Spion-Schutzbund e.V. lädt zum Entdecken und Beobachten ein." Er lud zum gemeinsamen Spaziergang zum Dagger-Komplex in Griesheim ein. Hier, in einem streng von der Öffentlichkeit abgeriegelten Bereich des beschaulichen Städtchens im Süden von Hessen, wird einer der Hauptstützpunkte der NSA in Deutschland vermutet.

Bangert wollte dort gemeinsam mit anderen Freiwilligen in Ruhe "NSA-Spione beobachten", wie er in der Veranstaltung schreibt. Mitzubringen seien jede Menge Kameras und Verpflegung, heißt es in der Beschreibung, da "der Lebensraum der NSA-Spione sehr karg" sei und es keine Einkaufsmöglichkeit in der Nähe gebe. Zudem bat er jeden Teilnehmer, Blumen mitzubringen, "um den Lebensraum der NSA-Spione etwas aufzupeppen." Eigentlich war das ironisch gemeinte Event nur für Freunde gedacht, doch offenbar bekam auch die Polizei schnell Wind von dem Ausflug.

  Warnschild am Absperrzaun

Warnschild am Absperrzaun

Anruf vom Staatsschutz

Die Polizeibeamten an der Tür löcherten Bangert laut "Griesheimer Anzeiger" mit jeder Menge Fragen. Sie wollten seinen Namen und die Telefonnummer für Rückfragen haben, zudem fragten sie nach der erwarteten Teilnehmerzahl der Demonstration. Bangert erklärte den beiden Beamten, dass es sich bei der Veranstaltung um gar keine Demonstration handelt, sondern eher um ein "heiteres Beisammensein". Auf die Frage, woher die Polizei denn überhaupt von der Veranstaltung wisse, bekam er die schwammige Antwort: "… der Hinweis kam aus dem Internet."

Es sollte nicht das letzte Gespräch mit der Polizei bleiben. Noch zwei weitere Male hatte Bangert Kontakt mit den Ordnungshütern, zuletzt mit einem Beamten des ZK10 Staatsschutz. Der bat den 28-jährigen Techniker um ein persönliches Gespräch, in dem der Techniker erfuhr, dass US-Behörden hinter dem Polizeibesuch und den Telefonaten stecken.

Ein Beamter des Staatsschutzes erkundigte sich zudem nach seiner politischen Gesinnung und seinem möglichen Bezug zu "gewaltbereiten Personen". Warum sich der Staatsschutz mit solch einer Lappalie beschäftigt, fragte Bangert. Die Antwort: "Das ist gängige Praxis." Abschließend wurde der 28-Jährige darauf hingewiesen, niemanden etwas von den Gesprächen zu erzählen. Die Polizei dementiert, dass man mit dieser Bemerkung Daniel Bangert einschüchtern wollte

  Obwohl es keine NSA-Spione zu sehen gab, wurde gefeiert

Obwohl es keine NSA-Spione zu sehen gab, wurde gefeiert

Warten auf die NSA-Spione

Am nächsten Tag ging Bangert zum Ordnungsamt und meldete die Veranstaltung als Demonstration an, wie ihm die Polizei empfohlen hatte. "Wenn ich jetzt schon so viel Aufmerksamkeit errege, dann ziehe ich das jetzt auch durch", sagte er dem Journalisten Richard Gutjahr.

Rund 60 bis 70 Leute folgen seinem Aufruf, um 15.30 Uhr beginnt am Samstag die Wanderung zum Dagger-Komplex. Drei Kilometer lang ist der Marsch, er führt vorbei an Erdbeer- und Spargelfeldern. Mit Fahrrädern und aus Schuhkartons gebauten Pappkameras mit "NSA TV"-Schriftzug zogen die meist jungen Leute zu dem umzäunten Gelände, schreibt "Echo Online". Einige tragen Edward-Snowden-Shirts, auch Aktivisten der Blockupy-Bewegung sind dabei.

Am umzäunten Gelände angekommen, wird fleißig fotografiert, einer der Teilnehmer dreht seine Musikbox auf. "Hey Jude" von den Beatles dröhnt in voller Lautstärke über das Areal. Auf der anderen Seite des Zauns bleibt es still. Eine Runde läuft die Gruppe um den Komplex, dann geht es wieder nach Hause. NSA-Spione gab es nicht zu sehen, Spaß gemacht hat's den meisten trotzdem. Was die Polizei nicht freuen dürfte: Viele Teilnehmer wollen den Spaziergang wiederholen.

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