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Weltenbummler siegt gegen Zeitarbeitsgiganten

Turner Barr bereiste die Welt und finanzierte sich über zahllose Nebenjobs - bis Adecco seinen Blog kopierte. Doch Barr wehrte sich erfolgreich gegen den Markenklau: dank seiner Unterstützer im Netz.

Von Alexander Sturm

Weltenbummler Barr: Erfolgreicher Widerstand gegen Blog-Klau

Weltenbummler Barr: Erfolgreicher Widerstand gegen Blog-Klau

Turner Barr war schon so ziemlich alles in seinem Leben: Weihnachtsbaumverkäufer in den USA, Glühweinausschenker in Heidelberg, Elefantenpfleger in Thailand, Erntehelfer für die Tequilla-Produktion in Mexiko, Pizza-Bäcker in Italien und Klo-Mann auf einem Festival in Holland. "Ich habe meinen Abschluss nach der Lebensvorstellung meiner Eltern gemacht", schreibt Barr in seinem Blog. "Geh' zur besten Schule, besorge dir einen Job, verdiene viel Geld und lebe den amerikanischen Traum. Aber was für ein Traum ist das? Wie kann man wissen, was man will, ohne die Erfahrung gemacht zu haben, was das Leben wirklich ausfüllt?"

Das perfekte Leben - bis die Kampagne auftauchte

Mit diesen Fragen und einem Abschluss in Politikwissenschaft verließ der heute 29-Jährige im Jahr 2007 die Universität von Berkeley, Kalifornien - und brach erst einmal zu einer Reise nach Südamerika auf. Ohne Ziel, ohne Hintergedanken. Als ein Jahr später die Finanzkrise über Amerika hereinbrach, beschloss Barr den Versuch zu wagen, eine Weile im Ausland zu leben. Und kam auf die Idee, eine Weltreise über Nebenjobs zu finanzieren - das Projekt "Mit 80 Jobs um die Welt" war geboren. Barr gründete den gleichnamigen Blog und setzte sich vier Ziele: in Träumereien schwelgen, die Welt sehen, mit Nebenjobs das Geld dafür auftreiben und seine Erlebnisse für andere festhalten. Das erste Ziel erreichte er ziemlich schnell.

Nach und nach funktionierte auch der Rest: Barr schlug sich mit den wildesten Jobs durch, lebte das Leben, das er wollte, mehr und mehr Leute folgten ihm im Internet. Bis ihm im Mai dieses Jahres ein Freund von dieser Werbe-Kampagne von Adecco erzählte. Die Schweizer Zeitarbeitsfirma wirbt mit einem Gewinnspiel, das sich an junge Leute wie Barr richtet und acht Bewerbern eine Weltreise verspricht - zu Jobs in ihren Traumländern rund um dem Globus. Die Zielgruppe ähnelt Barr - junge Leute, die die Welt sehen wollen und mitten in der Wirtschaftskrise einen erfüllenden Job suchen. Bis zum 27. Mai gab Adecco ihnen die Möglichkeit, sich über ein Spiel und mit einem selbst gedrehtem Video bewerben. Titel der Kampagne: "Mit 80 Jobs um die Welt."

Der Druck der Massen steigt

Barr war entsetzt und wandte sich in einem offenen Brief an die Firma. Woher die Idee stamme? Er forderte eine Entschuldigung und eine Entschädigung dafür, dass man ihm offenbar seine Idee geklaut hatte. Doch Adecco schwieg. Ein Fehler: Die Schweizer unterschätzten die Macht von Turners Unterstützern im Netz - auf Twitter etwa zählt er 3500 Follower.

Werbekampagne von Adecco: Verdächtige Ähnlichkeit

Werbekampagne von Adecco: Verdächtige Ähnlichkeit

Barr richtete sich mit einem Online-Aufruf an sie und bat sie um Hilfe, seinen Blog im Wettstreit mit der Kampagne am Leben zu halten. Die überschütteten prompt die Facebook-Seite der Adecco-Kampagne mit Negativkommentaren: "Schande über euch", posteten sie auf der Webseite, auf denen Adecco verschiedene Länder zum Jobben bewarb, störten die Kampagne, indem sie sie als "gestohlene Idee" brandmarkten und forderten die Firma auf, Turner zu entschädigen. "Adecco, geben Sie zurück, was Sie vom rechtmäßigen Besitzer gestohlen haben."

Nach einer Weile entschloss sich Adecco, eine Entschuldigung zu posten und die Seite in "The Adecco way to work" umzubenennen. Man habe in den vergangenen Wochen eine Menge gelernt, schrieb die Firma, man arbeite daran, die Sache zu klären, weil "wir ein Unternehmen mit herausragenden Menschen sind, die manchmal Fehler machen, aber daraus lernen und es das nächste Mal besser machen."

David siegt gegen Goliath - ganz ohne Anwälte

Noch vier weitere Wochen mit digitalem Kleinkrieg vergingen, bis Adecco schließlich in allen Punkten nachgab. Vor allem aber kam das Unternehmen Barrs Wunsch nach, 50.000 US-Dollar für eine Stiftung zu spenden, die sich um die Pflege von gefangenen und verletzten Elefanten in Südostasien kümmert.

Den Sieg im Kampf zwischen Blogger und Milliarden-Konzern um Copyright und Markenrechte - Barr erlangte ihn ohne juristische Mittel, allein mit der Macht seiner Unterstützer. Nur die Frage, wie genau die Idee zu Adecco gelangte, bleibt wohl für immer unbeantwortet.

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