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15. Januar 2008, 09:02 Uhr

Nachts angekettet in einem Hundekäfig

Der Ruf nach Erziehungscamps für gewalttätige Jugendliche wird auch in Deutschland lauter. Die Bootcamp-Expertin Maia Szalavitz erklärt im stern.de-Interview, warum das Konzept in den USA kläglich gescheitert ist.

Ein Ausbilder schreit Teilnehmer in einem amerikanischen Erziehungscamp an© Charlotte Observer, Diedra Laird/AP

Frau Szalavitz, in Deutschland wird nach einigen Fällen von gewalttätigen Angriffen durch Jugendliche über eine Verschärfung der Gesetze nachgedacht. Die Logik dahinter: Gewaltbereite Jugendliche verstehen nur die "harte Gangart". Nur so lernen sie wieder Disziplin und Respekt. Sie sagen, das sei falsch, warum?

Oft sind diese Jungendlichen doch gewalttätig, weil sie mit vielen Problemen belastet sind. Der Weg kann natürlich nicht sein, ihnen alles zu erlauben oder sie zu ignorieren. Aber um herauszufinden, was in ihnen vorgeht, muss man sie mit Würde und Respekt behandeln. Denn das ist der richtige Ansatz: Ihnen das Verhalten vorzuleben, das man auch von ihnen verlangt. Man kann nicht jemandem beibringen, nicht gewalttätig zu sein, wenn man ihm gegenüber nur Härte zeigt. Diesen Jugendlichen will man doch helfen, und sie nicht verletzten.

Erziehungslager gibt es in den USA bereits: Sogenannte "Boot-Camps". Dort werden Jugendliche militärisch gedrillt, um sie wieder auf den "richtigen Weg" zu bringen.

Ende der Achtziger Jahre haben die Jugendgerichte dieses Konzept für sich entdeckt und die ersten "Boot-Camps" wurden eröffnet. Auf dem Höhepunkt gab es rund 200 solcher Einrichtungen in den USA. Jetzt gibt es nur noch rund 50 offizielle Boot-Camps, die von staatlicher Seite geführt werden. Der Grund für den Rückgang ist, dass es in mindestens vier Bundesstaaten zu schockierenden Missbrauchsfällen kam.

In ihrem Buch " Help At Any Cost" beschreiben sie viele solcher Fälle. Was ist passiert?

Es sind leider viele herzzerreißende Geschichten. Zum Beispiel dieses 14-jährige Mädchen, das in einem Geschäft mehrere Stofftiere gestohlen hat. Sie wurde in ein Boot-Camp geschickt. Obwohl sie übergewichtig war, musste sie bei extrem hohen Temperaturen stundenlang in der Sonne herumlaufen. Sie sagte ihren Wärtern, dass sie am Ende sei, und nicht mehr weiter gehen könne. Doch die packten sie und schleiften sie weiter. Sie wurde bewusstlos, die Wärter haben sie einfach in der Sonne liegengelassen. Und sich über sie lustig gemacht. Als der Krankenwagen kam, hatte sie eine solch hohe Körpertemperatur, das sie in einem lebensgefährlichen Zustand war. Ein anderer Fall: Ein Kind, schlecht in der Schule, die Eltern kamen mit ihm nicht mehr zurecht. Und schickten es in ein amerikanisches Boot-Camp nach Mexiko. Wenn man dort gegen die Regeln verstieß, dann bedeutete das: Die Nacht verbringt man angekettet in einem Hundekäfig. Wie kann man Jugendliche in Hundekäfig sperren? Was soll das bewirken?

Viele dieser Boot-Camps präsentieren sich professionell und geben sich seriös. Trotzdem scheinen viele ein Hort von Gewalt zu sein. Wie kommt es dazu?

Der Grund ist, weil es an einer Überwachung der Wärter fehlt, zudem gibt es keine klaren rechtlichen Vorschriften für solche Lager. Die Wärter nutzen oft ihre Machtposition aus, um andere zu misshandeln. Das erinnert mich an das berühmte Experiment an der Universität von Stanford von 1971, bei dem Studenten Wärter und Gefangene spielen sollten. In nur wenigen Tagen lief das ganze aus dem Ruder: Die Wärter fingen an, ihre Gefangenen zu quälen und zu erniedrigen. Dazu kommt dieses Denken, dass es jemandem helfen kann, wenn man ihm Leiden zufügt.

Was sind das für Menschen, die in solchen Einrichtungen arbeiten?

Diese Wärter haben keinen Universitätsabschluss, und oft sogar noch nicht einmal irgendeinen Schulabschluss. Sie bekommen einen zwei - oder dreiwöchigen Einführungskurs, und mehr nicht. Ihnen fehlt aber das Wissen, wie man mit Kindern und Jugendlichen umgehen muss - die psychologischen Grundlagen sind nicht vorhanden. Und dann werden sie mit Kindern konfrontiert, die ihnen vielleicht auf die Nerven gehen, die sie an ihr eigenes Limit bringen. Man muss wirklich wissen, wie man sich in solchen Situationen verhält. Ohne die richtige Ausbildung wird das sehr schwierig.

Sie selber sprechen von Folter. Ein schwerer Vorwurf.

Viele denken, dass sei keine Folter, aber man muss sich nur mal die Fakten anschauen: Einige dieser Kinder sind in diesen Boot-Camps gestorben. Ich denke, dass reicht aus, um von Folter zu sprechen. Die Jugendlichen sollen dort gebrochen werden. Weit weg von zu Hause. Getrennt von ihren Eltern, von ihren Freunden, isoliert von ihrer Umwelt. Sie bekommen wenig zu Essen, leiden unter Schlafentzug. Das ist definitiv ein menschenverachtender Umgang. Und die Jugendlichen haben auch nach ihrer Entlassung noch Angst, wieder zurückgeschickt zu werden. Da schweigen viele lieber.

Kritiker sagen, Boot-Camps seien zudem nur wenig effektiv. Stimmen sie dem zu?

Untersuchungen zeigen, dass rund 75 Prozent der Kinder den Aufenthalt genau so schlimm empfanden wie eine Jugendstrafanstalt. Für die meisten Jugendlichen, die ich befragt habe, war das die schlimmste Zeit ihres Lebens. Viele leiden unter den psychischen Folgen noch heute, und manche rutschen danach noch mehr auf die falsche Bahn. Ein Beispiel: Eine Familie mit drei Jugendlichen, zwei davon wurden in solche Boot-Camps geschickt. Der eine ist psychisch am Ende, der andere ist heute heroinabhängig. Die einzige, die ein normales Leben führt, war die, die nicht auf ein solches Boot-Camp geschickt worden ist. Sie ist heute verheiratet, hat Kinder und ist beruflich erfolgreich.

In den USA scheint sich die Stimmung gegen "Boot Camps" zu wenden: Einige der Einrichtungen-wurden geschlossen, im Kongress wird über schärfere Auflagen für solche Einrichtungen diskutiert. Wie sehen sie das?

Es wird endlich gesetzliche Regelungen geben. Ich hoffe, dass am Ende ein Gesetz verabschiedet wird, dass Prügelstrafen in solchen Lagern verbietet und besser ausgebildetes Personal garantiert. Leider wird es aber diese Lager weiterhin geben.

Vielleicht kann Deutschland diese Fehler vermeiden. Was raten sie im Umgang mit gewalttätigen Jugendlichen?

Man muss an die wirklichen Probleme dieser Jugendlichen herangehen. Ansonsten zwingt man sie nur mit Gewalt, gefügig zu sein - das geht aber nach hinten los. Am Wichtigsten: Die Familie muss einbezogen werden. Ohne die Hilfe von außen können solche künstlich geschaffenen Institutionen wie Erziehungslager nichts bewirken. Zudem spielt Bildung eine große Rolle, den Jugendlichen zu helfen. Denn eines zeigen die Untersuchungen auch: Je gebildeter die Jugendlichen sind, desto weniger gewalttätig sind sie.

Zur Person

Zur Person Maia Szalavitz ist eine preisgekrönte amerikanische Journalistin und Autorin, die seit Jahren zu dem Thema "Boot-Camps" und Erziehung von Jugendlichen recherchiert und schreibt. Sie arbeitet zudem für die Organisation "stats.org", die sich für eine kritische Berichterstattung in den Medien einsetzt. In ihrem Buch "Help at any Cost. How the Troubled-Teen Industry Cons Parents and Hurts Kids" schildert sie Fälle von Missbrauch in "Boot-Camps". Ihr neues Buch "Der Junge, der wie ein Hund gehalten wurde" erscheint im März 2008 in Deutschland. Maia Szalavitz lebt in New York.

Interview: Tobias Betz
 
 
KOMMENTARE (10 von 22)
 
Hannes73 (16.01.2008, 10:37 Uhr)
@Surpise: Guter Komentar!
Dein Kommentar "Erziehungslager" trifft genau die Wahrheit und auch den Kern unseres heutigen Problems, doch leider ist die Wahrheit heute nicht sehr gefragt.
Es will auch niemand seine Fehler eingestehen, denn das könnte Machtverlust bedeuten, und so gilt weiterhin: Früher war prinzipiell alles falsch!
Alex64 (16.01.2008, 08:15 Uhr)
Selten ...
..etwas weltfremderes, vor Gutmenschentum strotzendes gelesen.
„..muss man sie mit Würde und Respekt behandeln…“ – in etwas so, wie sie ihre Opfer mit Würde und Respekt behandeln? Muß man?? Im Rahmen ihrer Ehrbegriffe? Ja dann ist allerdings ein Bootcamp falsch. Steinbruch wäre oft besser.
Und die „traurigen“ Beispiele…. – oh weh, da fällt mir selbst eines ein, Anfang der achtziger auf dem „Schleißheimer Feld“ bei München hat uns unser Zugführer doch glatt solange marschieren lassen, bis der Kamerad direkt vor mir vor lauter „Überhitzung“ umgekippt ist – und das war „nur“ die Bundeswehr. Und das Beispiel - „Eine Familie mit drei Jugendlichen, zwei davon wurden in solche Boot-Camps geschickt. Der eine ist psychisch am Ende, der andere ist heute heroinabhängig. Die einzige, die ein normales Leben führt, war die …“ – ist auch gut. 2 Jungs mit einem inzwischen gut verheirateten Mädel vergleichen – super Sozialauswahl.
Apropos Sozialauswahl – die trifft die gute Frau anscheinend nach strengen Regeln. Denn „ Diese Wärter haben keinen Universitätsabschluss …“
Ja so was. Für Erziehung und pädagogische Maßnahmen taugt man also nur nach Besuch einer Uni?
Wir scheinen tatsächlich ein „Bildungsproblem“ zu haben …
Der nächste Uffz ohne abgeschlossenes Psychologiestudium, der es wagt, beim Bund unseren Nachwuchs zu erziehen, kann aber was erleben ...
Allerdings hat sie eine „schöne“ Aussage im Text, nämlich:
„Und die Jugendlichen haben auch nach ihrer Entlassung noch Angst, wieder zurückgeschickt zu werden.“
Vielleicht hilft DAS ja, weitere Straftaten zu vermeiden??????
Known (16.01.2008, 05:22 Uhr)
Was wollt Ihr eigentlich?
Wenn Ehepartner sich streiten, trennen Sie sich. Wenn zwei Kulturen nicht miteinander können, sollten sie sich ebenfalls trennen. Also, jeder dem es hier nicht passt geht wieder dahin wo er hergekommen ist.
Surprise (16.01.2008, 05:02 Uhr)
@waelder
Der Kommentar, dass die meisten Zuhälter in Köln oder anderswo Fürsorgezöglinge ist mir nicht bekannt. Ich bin zwar kurz nach dem Kriege geboren worden und in Köln aufgewachsen, habe mich aber in diesem Milieu nicht aufgehalten, bin also kein Experte auf diesem Gebiet.
Was ich aus eigener Erfahrung weiß ist, das viele der Jungen und Mädchen die ich kannte, ihre Väter im Krieg verloren hatten und dass die Politiker in dieser Zeit mehr daran interessiert waren die Deutsche Wirtschaft wieder auf die Beine zu stellen und das Kinder nicht oben auf der Tagesordnung standen.
Die Bemerkung über die Russland Deutschen finde ich gehässig und ungerecht.
Was den Artikel 1des Grundgesetzes angeht muss man sich fragen, was Würde und unantastbar eigentlich meint.
Schließt dies auch Kinderarmut oder die zukünftige Armut der alten Menschen (Rentner) mit ein? Ist die Würde des Kindes nicht verletzt, wenn es nicht vernünftig ernährt wird? Ist die Würde eines alten Menschen nicht verletzt, der 45 Jahre hart gearbeitet hat, Beiträge in die gesetzliche Rentenversicherung zahlte und nun nicht genug Geld hat um im Winter vernünftig heizen zu können?
Surprise (16.01.2008, 04:37 Uhr)
Erziehungslager
Die Probleme der heutigen Jugend haben ihre Wurzeln doch wohl in der Vergangenheit. Menschen wie die Expertin Maia Szalavitz haben doch die Familie kaputt geredet. Menschen die keine Kinder hatten aber eine Universitätsausbildung steckten ihre Nasen in die Familien und sagten denen wie Kinder erzogen werden sollten.
Eine Million Jahre ging es ohne diese Psychologen und heute wird einem vorgeschrieben, wie man die Windeln zu wechseln hat. Gesetze in den meisten Ländern Europas wurden verabschiedet, die es den Lehrern verbot Schüler körperlich zu züchtigen. Heute haben wir den Punkt erreicht wo die Schüler die Lehrer verprügeln und die gleichen Psychologen, die uns den Quatsch erzählten, dass unsere Eltern und Großeltern alles verkehrt mit uns und deren Kindern gemacht hatten, erzählen uns nun, dass dies gesellschaftliche Probleme sind.
Das Problem ist, das die Politiker zu lange auf diese Experten gehört haben und die Ohren verschlossen, wenn die Eltern mal etwas sagten. Anstatt eine Politik zu betreiben, welche die Familien unterstützte, wurde doch eine Politik gemacht, welche die Theorien dieser Pseudowissenschaftler für alle Familien anordnete und in die Schulen als Instrument der Erziehung ausschaltete.
waelder (16.01.2008, 04:21 Uhr)
Bootcamps / Erziehungslager
In den 50er und 60er Jahren gab es solche Einrichtungen auch in Deutschland. Das Personal rekrutierte sich aus ehemaligen Soldaten, die zumeist Kriegsversehrte waren und nach der Kriegsgefangenschaft in einem 3-Monatskurs zu "Erziehern" ausgebildet wurden.
Mich wunderte es nicht, dass in den 70er die Zuhälterszene in Köln (und anderswo) von ehemaligen Fürsorgezöglingen dominiert wurde und der Drogenhandel ebenfalls. Inzwischen sind diese Bereiche von anderen (u.a. RusslandDEUTSCHE) übernommen worden, die ebenfals nie lernen mussten, dass jeder Mensch ein Recht auf körperliche und geistige Unversehrtheit hat und das der Geist des Grundgesetzes in Artikel 1 festgelegt ist: "Die Würde des Menschen ist unantastbar." Das gilt, so schwer es manchmal fallen mag, auch für die, die sich selbst nicht daran halten.
waelder (16.01.2008, 04:07 Uhr)
Bootcamps
@chrgue (15.1.2008, 21:41 Uhr) kleine Korrektur: wer aus Ostanatolien kommt, hat ganz sicher keinen alkoholkranken Vater, der einem auch noch die Schnapsflasche reicht.
Merke: nicht alles was hinkt, ist ein Vergleich!
Ragism (16.01.2008, 02:49 Uhr)
@CeeTo:
Ich meine damit nicht die BILD-Zeitung. Von offensichtlicher Plattheit habe ich nicht gesprochen.
Für mich sah es nur so aus, als würden sie diesen Artikel in die Diskussion bringen, weil er für Sie eine Relevanz zum Thema hat. Das Thema darf aber keine Relevanz haben in der Diskussion. Ausländer dürfen uns Deutsche hassen wie wir uns selber auch. Mit Bootcamps oder anderen rechten Prügelmethoden hat das nichts zu tun.
TschiTschi (16.01.2008, 00:28 Uhr)
@ Hannes73
Disziplin ist okay. Aber Disziplin ist etwas anderes, als Wegsperren.
Disziplin hat etwas zu tun mit Achtung - und zwar Achtung vor sich selbst und vor anderen. Wenn man beides verloren hat, kann das nicht durch Wegsperren wieder hergestellt werden. Sondern dann muss beides erarbeitet werden. Nur in einem solchen Umfeld ist es möglich, denn Sinn von Regeln zu erkennen und selbst zu leben!
Nostradamus (15.01.2008, 23:14 Uhr)
Endlich mal was vernünftiges zum Thema..
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